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Den Osten der Mitte Europas neu in den Blick nehmen: Zur Vorgeschichte des GWZO (1990-1995)

Frank Hadler schreibt als Historiker und Zeitzeuge über die Entstehung und Vorgeschichte des GWZO.

Das GWZO ist eine wissenschaftspolitische Innovation, mit der Leipzig seit 1996 zum internationalen Zentrum geisteswissenschaftlichen Forschens über, mit und im östlichen Europa wurde. Als Historiker und Zeitzeuge zugleich behandele ich, wie eng die institutionelle Vorgeschichte des GWZO und die deutsche Vereinigungsgeschichte ab 1990 zusammenhingen.

The GWZO is a groundbreaking initiative in the field of science policy, which has established Leipzig as an international centre for humanities research on, with and within Eastern Europe since 1996. As both a historian and a contemporary witness, I examine the close links between the institutional history of the GWZO and the history of German reunification from 1990 onwards.


Einladung zur Jubiläumstagung des GWZO, Archiv GWZO.

Im vergangenen Jahr hatte das Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) nach Leipzig geladen, um bei einer Jubiläumstagung „30 Jahre Forschungen zum östlichen Europa“ Revue passieren zu lassen. Startpunkt dieser Zeitrechnung ist Oktober 1995, als das Geisteswissenschaftliche Zentrum für Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas gegründet worden war, dessen Kürzel GWZO rasch auch international zu (s)einem bis heute genutzten Markenzeichen wurde. Zur Eröffnung Anfang Juni 1996 begann der damalige Sächsische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Hans Joachim Meyer, seine Ansprache mit dem Satz: „In einer Zeit, in der die Wissenschaft weithin als das zu zertrümmernde Sparschwein der Nation gilt, hat ein Ereignis wie das heute Seltenheitswert.“ Er schloss mit dem Gedanken, ohne die Gründung von Forschungszentren wie dem GWZO „wäre eine der wenigen wissenschaftspolitischen Neuerungen, die uns die Einheit brachte, am Ende doch noch den Bach heruntergegangen“.

Aus: Mitropa. Jahresheft des Leibniz-Instituts für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO), 2025/26, S. 13.

Beide Aussagen verweisen auf eine turbulente Vorgeschichte, die ich hier mit dem zeitlichen Abstand dreier Dekaden (1995 bis 2025) in den Blick nehmen möchte. Als Wissenschaftshistoriker, der in die institutionelle Vergangenheit seines eigenen geschichtsforschenden Tuns blickt, habe ich mich dabei an das gehalten, was der Wissenschaftspolitiker Prof. Meyer mit dem Abstand dreier Quartale (Oktober 1995 bis Juni 1996) getan hat: „nicht in den Fehler verfallen, die Vorgeschichte des heutigen (also damaligen – F.H.) Tages unangemessen zu dramatisieren.“

Genau genommen begann die Vorgeschichte des GWZO Leipzig am 3. Juli 1990 in Bonn. Hier trafen sich Spitzenvertreter von Bund, Wissenschaftsorganisationen und Ländern zu einem „Kamingespräch“. Zugegen war auch der letzte DDR-Minister für Bildung und Wissenschaft – Hans Joachim Meyer. Allgemein ging es um die Zukunft der außeruniversitären Forschung in der Bundesrepublik nach dem Beitritt der neuen Länder, konkret um das Schicksal der Akademie der Wissenschaften der DDR (AdW), deren Institute nach Einigungsvertrag § 38 als Einrichtungen der neuen Länder und mit einer Übergangsfinanzierung durch den Bund bis Ende 1991 fortgeführt, dann aber geschlossen werden sollten.

Ich war damals Historiker am Institut für Allgemeine Geschichte (IAG) in Berlin tätig. Noch vor Ende 1989 wurde ich, eben erst am 14. September promoviert, von der Belegschaft in den „Wissenschaftlichen Rat“ gewählt, der das Institut nach Absetzung des Direktors leitete. Als zeitweiliger Sprecher dieses Gremiums kam mir die im Sommer 1990 verkündete Schließungsentscheidung eigentlich undramatisch vor. War doch gleichzeitig eine Begutachtung durch den Wissenschaftsrat (WR) beschlossen worden. Hierbei, so meine feste Erwartung, würde man schon zeigen können, was man wissenschaftlich kann. Ich konnte es mit Erfolg tun. Die allermeisten der ca. 30.000 AdW-Beschäftigten in den 130 wissenschaftlichen Einrichtungen, die zwischen September 1990 und Ende Juni 1991 vom Wissenschaftsrat „begangen“ und evaluiert worden waren, haben dies nicht vermocht.

Aus meinen Recherchen für diesen Beitrag weiß ich, dass in der WR-Geschäftsstelle seinerzeit diskutiert worden ist, „mit dem wissenschaftlichen Potential der ehemaligen DDR Neues zu gestalten“. Die forschungspraktische Umsetzung der als Innovation in den bundesdeutschen Geisteswissenschaften konzipierten Gründung von Forschungsschwerpunkten (FSP)1 war schließlich der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) angetragen worden. Sie schuf zum 1.1.1992 in München die Förderungsgesellschaft wissenschaftliche Neuvorhaben mbH, von der – neben sechs anderen – auch der Berliner FSP Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas betreut wurde. MPG-Vizepräsident Franz E. Weinert ließ wenig Zweifel an der Dramatik „im Spätherbst 1991“, als in Berlin, Potsdam und Halle (Saale) Räume beschafft und „aus einer großen Zahl von Bewerbungen in einem aufwändigen Verfahren etwa 100 Wissenschaftler und eine größere Zahl nichtwissenschaftlicher Mitarbeiter ausgewählt“ werden mussten.

Mit Blick darauf, dass die FSP auf drei Jahre angelegt waren, hatte sich eine „Präsidentenkommission Geisteswissenschaften“ der MPG bereits im Sommer 1993 mit Empfehlungen an den Wissenschaftsrat gewandt. Die dortige Arbeitsgruppe arbeitete jedoch sehr langsam, was man seitens der MPG als „eine Zumutung“ (Mitchell G. Ash) ansah, weil die Arbeitsverträge der Belegschaften in den FSP zum Ende des Jahres 1994 auslaufen sollten. Es entstand so eine „Zitterpartie“, während der die Vorsitzenden der einzelnen FSP-Betriebsräte (für den Ostmitteleuropa-Schwerpunkt war das ich) eng und regelmäßig mit dem Geschäftsführer der Förderungsgesellschaft Wieland Keinath in vertrauensvollen Beratungen standen.

Aus den Akten wissen wir, dass der MPG-Verwaltungsrat im März 1994 eine Verlängerung der Betreuung der FSP um ein Jahr in Aussicht gestellt hatte. Schon im Folgemonat wurde dieser Vorschlag von der Bund-Länder-Kommission angenommen. Am 11.11.1994 schließlich veröffentlichte der Wissenschaftsrat seine „Empfehlungen zur Förderung Geisteswissenschaftlicher Zentren“. Im Interesse „interdisziplinärer, kooperativer und projektorientierter sowie kulturwissenschaftlich und international ausgerichteter Forschung in den Geisteswissenschaften“ sollten diese zu Anfang 1996 gegründet werden.

Erste Leipziger Adresse nach dem Umzug aus Berlin, Archiv GWZO.

Leipzig als Standort für ein Ostmitteleuropa-Zentrum war auf Wunsch des Freistaates Sachsen und der Universität Leipzig empfohlen worden. Nach erfolgreicher Standortsuche im Leipziger Stadtteil Lindenau zog die Belegschaft des FSP Ostmitteleuropa zu Jahresbeginn 1996 von der Leipziger Straße in Berlin nach Leipzig in die Luppenstraße um. Auf institutionell gesicherterer Grundlage konnten Geschichte und Kultur im Osten der Mitte Europas nun von hieraus neu in den Blick genommen werden. Vertreter*innen von Geschichtswissenschaften, Literaturgeschichte, Kunstgeschichte, Archäologie und Namenkunde arbeiteten weiterhin erfolgreich interdisziplinär und in vergleichender Absicht zusammen.

Bereits in seiner Vorgeschichte hat das GWZO aus dem Osten in den Westen gewirkt, was dort sowohl Mitnahme- als auch Nachahmungseffekte bewirkte. Unmittelbar nachdem Ostmitteleuropa 1992 in den Namen des Forschungsschwerpunktes gekommen war, wurde die Marburger „Zeitschrift für Ostforschung“ mit einem neuen Konzept ausgestattet und erscheint seit 1993 als „Zeitschrift für Ostmitteleuropaforschung“2. Herausgebereinrichtung ist das Herder-Institut, das sich selbst vor circa zehn Jahren in „Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung“ umbenannte. Das geschah, als sich nach erfolgreichem Antrag des Freistaates Sachsen auf dauerhafte Bund-Länder-Finanzierung für das GWZO jene institutionell gesicherte Zukunft in der Leibniz-Gemeinschaft abzuzeichnen begann, die im Ergebnis einer erneuten Evaluierung durch den Wissenschaftsrat 2017 zur außeruniversitären Instituts-Wirklichkeit wurde.

Beim Jubiläumsrückblick auf die Instituts-Vergangenheit des GWZO Leipzig wurde der Erinnerung an die Berliner Jahre nur wenig Raum gegeben. Ich habe mich diesem Zeitraum zugewandt, weil er sowohl zur Vor- und Erfolgsgeschichte des Leibniz-Instituts für Geschichte und Kultur des östlichen Europa, als auch zur Nachwendegeschichte der außeruniversitären geisteswissenschaftlichen Forschung in der Bundesrepublik Deutschland gehört.


  1. Siehe hierzu auch den Beitrag von Krijn Thijs in dieser Blogserie über die Entstehungsgeschichte des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF), welches in den 1990er Jahren ebenfalls zunächst als Forschungsschwerpunkt der Max-Planck-Gesellschaft entstanden ist. ↩︎
  2. Siehe Heidi Hein-Kircher und Antje Coburger, die in ihrem Blogbeitrag “Kontinuitäten der Ostforschung am Herder-Institut” den (langen) Weg dorthin darlegen. ↩︎

Titelbild: Archiv GWZO.

Zeitgeschichte als deutsch-deutsches Unterfangen. Zur Gründung des ZZF

Krijn Thijs blickt auf die Anfangsjahre des ZZF Potsdam und beleuchtet die besonderen Herausforderungen wie Chancen, die sich in den frühen 1990ern für die zeitgeschichtliche Forschung boten.

Das Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) ist heute eine prägende Institution auf dem Gebiet der deutschen Zeitgeschichte. Seine Wurzeln liegen im Vereinigungsprozess nach 1990, womit es ein seltenes Beispiel für eine deutsch-deutsche Institutionalisierung im Fach darstellt. Rückblickend mag es überraschen, wie umstritten dieses Vorhaben damals war.

Today, the Leibniz Centre for Contemporary History Potsdam (ZZF) is a leading institution in the field of German contemporary history. Its roots lie in the reunification process following 1990, representing a rare example of cross-German institutionalisation in the field. Looking back, it may come as a surprise just how controversial the endeavor was at the time.


Der „Forschungsschwerpunkt zeithistorische Studien“ ging aus der Auflösung der Akademie der Wissenschaften (AdW) hervor, die Ende 1991 abgewickelt wurde. Seine ersten Mitarbeiter bauten also auf DDR-Karrieren auf. Dieser Umstand war in der Zeitgeschichtsforschung damals schwer vermittelbar und führte 1993-1994 zu heftigen Kontroversen, bis ein prominenter Mitarbeiter als ehemaliger MfS-Informant enttarnt und gekündigt wurde. Erst danach wurde die Personaldiversität als potenzielle Wissenschaftsressource erkennbar, die dem Forschungsschwerpunkt (FSP) auf Dauer Glaubwürdigkeit verliehen hat.

Dieser Blogbeitrag wirft einige Schlaglichter auf diese frühesten Jahre, als die ostwestliche Kluft alltagsprägend war, DDR-Personalien als Last gehandelt wurden und die Zentren-Gründer etwaige Kontinuitätslinien unsichtbar machen wollten.

Das ehemalige Gebäude der geisteswissenschaftlichen Institute der Akademie der Wissenschaften der DDR in Berlin-Weißensee (Prenzlauer Promenade 149-152), das Ende 1991 abgewickelt wurde. Hier fand die erste FSP-Sitzung statt. Seit 2001 werden darin Räume an Künstler:innen vermietet (Atelierhaus). Momentan wird das Gebäude saniert (Stand 2026). Fotos: Krijn Thijs, Sommer 2023.


Institutionalisierung einer Innovation

Ein erstes Beispiel für diese Hürden der Frühzeit bietet die schwierige Institutionalisierung, die im Westen der Bundesrepublik kaum durchsetzbar war. Zwar gab es die allgemeine Idee, dass aus dem Umbruch ein neues Forschungsinstitut zur DDR-Geschichte hervorgehen sollte. Aber wer es gründen, leiten und die Stellen besetzten sollte, war völlig offen. Viele hielten die ostdeutschen Geisteswissenschaften flächendeckend für diktaturgeschädigt. Das Münchener Institut für Zeitgeschichte wollte deshalb eine eigene Zweigstelle in Ost-Deutschland eröffnen. Bürgerrechtler plädierten für ein Forschungszentrum bei den MfS-Archiven. Und westdeutsche Reformer im Wissenschaftsrat, die 1990 die AdW evaluiert hatten, strebten eine „durchmischte“ Neugründung an. Evaluierungsleiter Jürgen Kocka entwarf dafür selbst die ersten Skizzen. Er schlug vor, die Geschichte der DDR sozialgeschichtlich und diktaturvergleichend zu erforschen. So empfahl es dann auch 1991 der Wissenschaftsrat, trotz Widerstand aus Bayern und CDU-geführten Bundesministerien, mit Ortsvorschlag Potsdam.

Es musste hart um diese „Innovation“ gerungen werden, bis sieben solcher geisteswissenschaftlichen „Zentren“ im Osten in die Verantwortung der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) kamen. Diese baute dann reihenweise Vorbehalte ein: man nannte sie nicht Zentren, sondern „Forschungsschwerpunkte“; sie wurden nicht fest, sondern als dreijährige Übergangslösungen eingerichtet; ihre Mitarbeiter wurden nicht von der MPG, sondern bei einer zwischengelagerten Tochtergesellschaft angestellt. In dieser Pufferzone kamen 100 befristete Stellen für „positiv evaluierte“ Projektgruppen im Osten zustande. Erst später sollten westliche Kollegen dazukommen. Diese wissenschaftspolitischen Kämpfe liefen im Westen der vereinten Republik ab, und der Abstand zur Abwicklungsrealität im Osten war groß.

Ostdeutsche Mitarbeiter als Risiko

Schwierig war zweitens die Personalbesetzung, und sie ist aufgrund der bereits erwähnten Nachgeschichte kontrovers. Nahm die MPG bei der Übernahme der ostdeutschen Wissenschaftler:innen unnötige Risiken in Kauf, wie manchmal suggeriert wurde?1 Es ging um befürchtete und aus westlicher Sicht schwer durchschaubare „Belastungen“ aus Diktaturzeiten. Aber der Einheitsvertrag ließ kaum Zeit, um diesen auf den Grund zu gehen, und es fehlten auch Wissen und Neugierde. Der Aufbau hatte ab Sommer 1991 in einem extremen Tempo zu geschehen, weil die AdW zum Jahresende abgewickelt wurde. Dabei waren die Personaltransfers hochkomplex, und die „positiv Evaluierten“, die zur „Übernahme“ empfohlen worden waren, nur schwer identifizierbar. Namen waren unbekannt und Listen inkomplett. Die MPG schirmte die Aufbauprozedur nach außen ab: Informationsrunden wurden abgesagt, Anfragen der Betroffenen nicht beantwortet.

Ende 1991 gingen Hunderte Bewerbungen für die sieben FSP ein. Für den zeithistorischen FSP wählte eine MPG-Kommission aus 82 Kandidaten fünfzehn Forscher aus. Qualifikation und Profil waren leitend, nicht politische Gesichtspunkte. Auffällig war, dass darunter sieben Frauen waren, sowie einige renommierte DDR-Historiker. Bewerbungsgespräche gab es nicht. Statt straffer Verfahren überwogen nun Augenmaß und Improvisation.

Einige renommierte DDR-Historiker wurden an den FSP “übergeleitet”, wie Joachim Petzold, Jörg Roesler, und, hier im Einsatz beim Umzug von Ost-Berlin nach Potsdam, Anfang 1993: Peter Hübner (l.) und Olaf Groehler (r.), Foto: Joachim Petzold/ZZF ©

Explosiv wurde jetzt das Problem der „politischen Integrität“. Diesen Gesichtspunkt hatte der Wissenschaftsrat bei seiner AdW-Evaluierung übersprungen und künftigen Arbeitgebern überlassen. Die MPG und ihre zwischengelagerte Tochtergesellschaft hatten deshalb bei den Bewerbungsformularen eine extra „Erklärung“ zur „politischen Betätigung“ verteilt, die als vertrauliche Dokumente mit eingegangen waren. Darin stand auch die Frage, ob Bewerber „als Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit“ tätig gewesen waren. Das war tatsächlich das einzig harte Exklusionskriterium. Aber wie mit diesen geschlossenen Umschlägen nun verfahren? Ein BStU-Gesetz war noch nicht verabschiedet. Nach geltender Rechtslage konnte man 1991 nur leitende Mitarbeiter von der „Gauck-Behörde“ überprüfen lassen. Die MPG entschied nach mühevoller Diskussion, dass die Umschläge nur für erfolgreiche Bewerber geöffnet werden sollten, und dass danach, wenn „aufgrund der Fragebogen Integritätsbedenken bestehen, ein mündliches Gespräch“ folge.

Dieses Verfahren war theoretisch nobel, aber praktisch hilflos. Natürlich hatten sich alle Bewerber ihre eigene Integrität bescheinigt – anders ging es gar nicht. Zudem: Viele reformorientierte westliche Professoren glaubten nicht an derart Gesinnungsschnüffelei. Nach Sichtung der Fragebögen ging die MPG-Kommission einen wichtigen Schritt und nahm sämtliche Personalvorbehalte zurück:

„Uns ist klar, dass bei der von uns gewählten Vorgehensweise keine Gewähr gegeben ist, daß nicht im einen oder anderen Fall später Informationen über rechtlich oder moralisch völlig unakzeptables Verhalten in der Vergangenheit auftauchen werden, deren Kenntnis uns von einem Einstellungsvorschlag abgehalten hätte. Wenn sich in einem solchen Fall die Antwort auf die Stasi-Frage nachträglich als falsch herausstellen sollte, hätte man hier eine arbeitsrechtliche Handhabe. Wo das nicht der Fall ist, muß möglicherweise die dreijährige Einstellungszeit ertragen werden.“

So stellte die MPG die Unschuldsvermutung ihrer ostdeutschen Mitarbeiter voran und münzte mögliche Integritätsprobleme auf die Frage der Falschaussage im Formular um. Das „Risiko“ von Personaldiskussionen war in der Praxis der Vereinigung die Bedingung für fachliche Ostwest-Zusammenarbeit geworden – vorneweg ausschließen konnte man sie nicht. Manche fanden diesen Preis zu hoch, für andere galt es, diese Unsicherheit gelassen zu „ertragen“.

Zu den letzteren zählte Jürgen Kocka, der das zeithistorische Zentrum entworfen hatte und nun kommissarisch aufbaute. Neben seinen persönlichen und fachpolitischen Ambitionen lag in seinem Einsatz auch ein bewusster Beitrag zur Vereinigung der Deutschen und ihrer Historiker, bzw. eine Möglichkeit, diese Einheit nach seinen Vorstellungen – und Sorgen – zu prägen. Es ging darum, „neue Sonderwege“ (Kocka) zu verhindern und bundesdeutsche Demokratie und Wissenschaftsstandards im Osten zu etablieren, samt sozialhistorischer Ideale von „Geschichte als Aufklärung“. Dazu wollten Kocka und seine Mitstreiter den Jüngeren und Aufgeschlossenen der akademischen DDR-Eliten neue Chancen bieten, ganz im Sinne der Reeducation-Idee. Kocka kam also nicht im Geiste der Euphorie oder der Siegesgewissheit daher, wie etwa sein Kollege Heinrich August Winkler, der zur gleichen Zeit seine Durchsetzungskämpfe an der Humboldt-Universität austrug, sondern er verkörperte einen Habitus von notwendiger Anstrengung und zäher Ausdauer. Weniger patriarchalisch war sein Ansatz deswegen nicht.

Jürgen Kocka beim Umzug nach Potsdam, Anfang 1993, mit Mitarbeiterinnen Waltraud Peters (l.) und Anke Wappler (r.). Als kommissarischer Gründungsdirektor hielt Kocka die Fäden des neuen Zentrums straff in der Hand: Die wissenschaftlichen Leitbilder von Rationalität, Leistung und Argumentationsführung waren alle westlich verbürgt. Dennoch waren ihm seine ostdeutschen Mitarbeiter bald sehr zugetan – ihr fachliches „Überleben“ hing nun von Kockas Führungskünsten ab. Foto: Joachim Petzold/ZZF ©

Streit um die Biographien

Drittens waren die deutsch-deutschen Differenzen auch aus Sicht der ostdeutschen „Ausgewählten“ allgegenwärtig. Auch sie fingen ein unsicheres Abenteuer an, denn Anfang 1992 war der spätere Erfolg des FSP überhaupt nicht abzusehen. Man begegnete sich erstmals auf einer Einführungsveranstaltung Mitte Januar, noch im alten Plattenbau der Akademie. Hier trafen sich ein gutes Dutzend künftiger Kollegen, die man alle aus DDR-Zeiten kannte. Es sprachen zwei MPG-Vertreter aus München, neben Kocka, den man wenigstens von den Evaluierungen her kannte. Für die meisten im Raum war das eine unverhoffte Chance aus der Abwicklungskrise.

Die neue Institution startete also ohne Feier und ohne Presse, sondern mit einer internen, unscheinbaren Arbeitsbesprechung im Osten Berlins. Die personelle Zusammensetzung galt als Risiko, das nur unter dem Signum der Vorläufigkeit und der engen Betreuung tragbar war. Kocka lud nach und nach westdeutsche Kollegen und amerikanische Gastwissenschaftler zu den Projektberatungen ein. Erst nach einem Jahr, Anfang 1993, gelang der Umzug nach Potsdam. Dort begann die „Durchmischung“ mit einigen westdeutschen Kollegen. So startete eine bislang ungeübte Fachdiskussion, die im Abwicklungsfuror selten geworden war, und sich immer überzeugender als Weg zur deutsch-deutschen Verständigung präsentieren ließ.

Anderthalb Jahre nach Arbeitsbeginn, im Juni 1993, fand die Eröffnungskonferenz statt, die endlich den Blick der fachlichen und breiteren Öffentlichkeit auf diesen FSP lenkte. Das Ergebnis war ein großer Streit um die ostdeutschen Forscherbiographien, wobei sich westdeutsche Konservative mit ostdeutschen Bürgerrechtlern zusammentaten, um im Feuilleton der F.A.Z. die Glaubwürdigkeit „belasteter“ DDR-Historiker und damit Kockas Institut zu demontieren. Dieser stellte sich öffentlich vor seine Mitarbeiter und motivierte sie – manchmal vergebens – zu öffentlichen Stellungnahmen, beispielsweise an einem heißen Diskussionsabend mit Kritikern im Dezember 1993 am FSP. Viele Ostkollegen wurden in diesen Monaten mit ihren DDR-Veröffentlichungen konfrontiert, alle waren irgendwie angreifbar – übrigens nicht nur von alten Gegnern und Dissidenten, sondern auch von alten Genossen, die in Potsdam „schon erstaunliche Anpassungsleistungen“ beobachteten.2 Als Journalisten bei Kocka anfragten, ob und mit welchem Ergebnis die Belegschaft denn von Gauck überprüft worden wäre, belastete das die Stimmung in Potsdam sehr. Die Frage fand ein Jahr später, im Juni 1994, ihre Antwort, als FSP-Mitarbeiter Olaf Groehler von seinen alten Kritikern öffentlich als ehemaliger Stasispitzel enttarnt wurde. Die Affäre wurde am FSP als tiefe Niederlage empfunden – auch wegen Groehlers Unaufrichtigkeit.

FSP-Mitarbeiter Jürgen Danyel äußert sich in der Diskussionsveranstaltung am 8. Dezember 1993. Mit der Hand auf dem Herzen verteidigt er sich und seine älteren Kollegen gegen die Kritik am Umgang mit ihren wissenschaftlichen Biographien aus DDR-Zeiten. Foto: Joachim Petzold/ZZF ©

Das Institut überlebte diese letzte Krise nur knapp, und ging doch gestärkt aus ihr hervor. Dass es sich langfristig stabilisieren konnte, lag auch an einer schleichenden Um- bzw. Neubewertung nach den ersten Einheitsjahren: nämlich die Anerkennung, dass aus Ost und West auch in wissenschaftlicher Hinsicht „etwas neues“ entstehen könnte, wo „innere Spannungen nicht nur belasten, sondern auch anregen“, wie Kocka betonte.3 Eine Idylle wurde das nicht, angesichts der vielen Exklusionen und abgebrochenen Neuanfänge unter ostdeutschen Geschichtswissenschaftlern in den Jahren der Transformation. Über die Anstrengungen einer deutsch-deutschen Fachdebatte, das hatte die Etablierung des FSP Zeithistorische Studien gezeigt, konnte die Wissenschaft aber wenigstens an Glaubwürdigkeit gewinnen, und damit einen Weg in die Zukunft weisen.


1 Dazu: Hermann Wentker, „Die Gründung der Außenstelle Potsdam des Instituts für Zeitgeschichte in einer Forschungslandschaft im Umbruch“, Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 72 (2024), S. 733-755.

2 Jochen Černý, Rezension zu Kocka „Historische DDR-Forschung. Aufsätze und Studien (1993)“, Utopie Kreativ 49 (1994), S. 77-80, hier 80.

3 Jürgen Kocka, „Produktive Mischung aus Osttradition und westlich geprägter Erneuerung”, Das Parlament, 11.9.1992, S. 16.


Titelbild: Podiumsveranstaltung “Die SED und die Historiker”, am 8. Dezember 1993 in Potsdam. Von links: Gründungsdirektor Jürgen Kocka (Berlin), Hermann Weber (Mannheim), Peter Steinbach (Berlin), und Stefan Wolle (Berlin) [nicht sichtbar: Mitchell Ash (Iowa)]. Foto: Joachim Petzold/ZZF ©

Kontinuitäten der Ostforschung am Herder-Institut

Heidi Hein-Kircher und Antje Coburger über die ideologischen und personellen Kontinuitäten der Ostforschung am Herder-Institut von der Gründung 1950 bis in die frühen 1990er Jahre.

Zentrum der Ostforschung wurde 1950 des Herder-Institut in Marburg. Der Beitrag verweist auf ideologische und personelle Kontinuitäten eines Forschungsparadigmas der Weimarer und NS-Zeit. Das Herder-Institut sollte an die Volks- und Kulturbodenforschung anknüpfen und die deutschen zivilisatorischen Leistungen in Ostmitteleuropa erforschen.

In 1950, the Herder Institute in Marburg became the center of research on East Central Europe. This article highlights the ideological and personnel continuities of a research paradigm dating back to the Weimar and Nazi times. It was intended to build on the research into “Volksboden” and “Kulturboden” and to investigate Germany’s civilizational achievements there.


Die Anfänge und Entwicklung des Herder-Instituts (HI) bis in die frühen 1990er Jahre waren von ideologischen und zunächst auch von personellen Kontinuitäten aus der Weimarer Republik und des NS gekennzeichnet. Die Akteure standen auf dem Boden des gesellschaftlichen und politischen Grundkonsenses, der in Bezug auf die Grenzen von 1937 rechtlich sanktioniert war. Sie waren bestrebt, die Ostforschung im Sinne der früheren Forschungen zum Deutschtum im Osten voranzubringen, jedoch nicht danach, die nicht-deutsche Geschichte der Region zu analysieren.

Das Herder-Institut als „neue Puste“

Bereits direkt nach Kriegsende sollte die Ostforschung so fortgeführt werden, wie sie sich seit der Weimarer Zeit begonnen hatte herauszubilden, nämlich als fächerübergreifende Forschung zum „deutschen Osten“. Es entwickelte sich ein Wettlauf um ihre Wiederbelebung. Die (neu)gegründeten regionalgeschichtlichen Kommissionen und der Göttinger Arbeitskreis mit dem Schwerpunkt auf der deutschbaltischen und russlanddeutschen Geschichte hatten eigene Ideen entwickelt, wie die Ostforschung weiterzuführen sei. Den Wettlauf gewannen jedoch die Initiatoren des Herder-Forschungsrates (HFR), indem sie im April 1950 das Herder-Institut gründeten. Nach dem Münchener Historikertag kam es noch 1949 zu einer Tagung, um die Wissenschaftler zu sammeln und anzuspornen, die Publikationsstelle („Puste“), wie sie seit 1931 beim Preußischen Staatsarchiv bestanden hatte, zu erneuern. Der Bund solle eine verantwortungsvolle Ostforschung sichern. Ein solches Institut sei umso wichtiger, so Johannes Papritz, Historiker und Direktor der Marburger Archivschule (1954-1963), im Jahr 1950, weil eine Verankerung der Ostforschung als Forschung zum „deutschen Osten“ an den Universitäten nicht zu erwarten sei. In diesem Geiste wurden der HFR als Trägerverein und das HI gegründet: Es ging um den Anspruch, die Ostforschung der Weimarer und NS-Forschungseinrichtungen, insbesondere die Publikationsstelle Berlin-Dahlem (Puste), fortzuführen.

Das erste Institutsgebäude, die sog. Burse (erbaut um 1876), Am Rotenberg 21, Marburg. Foto: C. Junghänel, HI Bildarchiv.

Der Herder-Forschungsrat als „Akademie“ der Ostforschung

Ambitioniertes Ziel der HFR-Gründer war es, dass das HI den Mittelpunkt der künftigen Ostmitteleuropaforschung bilden sollte. Der HFR wurde wie eine Akademie der Wissenschaften konzipiert: Maximal 40 Mitglieder sollten berufen werden. Erste Mitglieder des Forschungsrates waren Geistes- und Sozialwissenschaftler, deren biografische Wurzeln und akademische Karrierestationen in Gebieten östlich der Oder-Neiße-Grenze lagen, die vom deutschen Volkstumsgedanken und allgemein völkischen Vorstellungen geprägt waren. Ziel der HFR-Arbeit war es, den Status der Ostforschung als einer in Kategorien des „Volkstums“ denkenden fächerübergreifenden Disziplin, die auf die Erforschung deutscher Bevölkerung und Kulturleistungen in Ostmitteleuropa gerichtet war, im deutschen Fächerkanon als „Ganzheitsforschung“ mit einem Fokus auf das östliche Mitteleuropa zu erhalten.

Die „zusammengeschmolzene Schar der Ungebrochenen“, wie das Editorial im ersten Heft der Zeitschrift für Ostforschung diese Ostforscher mit einem gewissen Respekt charakterisiert, bestand somit auch aus Wissenschaftlern, die an den ehemaligen Ostuniversitäten Posen, Breslau und Königsberg wissenschaftlich sozialisiert worden waren. Ein großer Teil der Mitarbeiter des Instituts und des Forschungsrats hatte vor 1945 auch dem Wissenschafts- und Behördenapparat des „Dritten Reiches“ angehört und war in unterschiedlichem Ausmaß in die Bearbeitung politisch-ideologischer Fragestellungen und die nationalsozialistische Politik hinsichtlich der Deutschen im europäischen Osten eingebunden.

Personelle Kontinuitäten

Die Gründergeneration stand also personell wie inhaltlich stark in der Tradition der deutschen Ostforschung der Zwischenkriegszeit und des Nationalsozialismus. Die ersten Forschungsrats-Präsidenten Hermann Aubin, Eugen Lemberg, Günther Grundmann und Kurt Dülfer, sowie die Institutsdirektoren der Anfangsjahre, Werner Essen, Erich Keyser und Hellmuth Weiss, stehen für diese Kontinuitäten. Die Gründungsväter des HFR waren jedoch mehr als nur vertriebene oder geflohene Wissenschaftler, bzw. Wissenschaftler, die Aufgrund des Zusammenbruchs des Deutschen Reiches ihre Stellung verloren hatten: Sie bezeichneten sich als ein „alter Freundeskreis“, der sich zusammengefunden habe, um „die verstreuten Kräfte zu sammeln und neue Forschungsstätten aufzubauen.“ Hierbei beschreibt „alter Freundeskreis“ euphemistisch einen engen Kern von scheinbar weniger belasteten Ostforschern, weil beispielsweise der stark NS-belastete Peter Heinz Seraphim nicht eingeladen war.

Im Gebäude der Deutschen Burse war das Herder-Institut 1950-52 untergebracht. Foto: Dokumentesammlung Herder-Institut, ohne Signatur.

Keine programmatische „Stunde Null“

Die Gründerväter standen insgesamt in ideologischer Tradition der Volks- und Kulturbodenforschung und der Forschungen zum Grenz- und Auslandsdeutschtum, ohne dass sie eine inhaltliche Selbstkritik übten. Die Akteure grenzten die Ostforschung von der Osteuropaforschung, verstanden als Russlandforschung, und von der Südosteuropaforschung ab. Es ging ihnen um die Beforschung der Regionen, die mit deutschsprachiger Bevölkerung durchdrungen waren. Papritz folgerte etwa 1950, dass verhindert werden müsse, dass nach dem „Verlust der deutschen Ostgebiete“ auch die Erinnerung an die historische Leistung des dortigen Deutschtums verloren ginge. Bei der Gründungsversammlung des HFR und des HI betonte Hermann Aubin im April 1950: „Wir brauchen uns nicht umzustellen. Natürlich geht es weiter, wie stets, um die reine Wahrheit.“ Diese Worte verweisen klar auf einen fehlenden Willen zu einem programmatischen Neuanfang.

Kontinuitäten völkischen Gedankenguts

Die Gründungsrede Aubins knüpft an die Volks- und Kulturbodenforschung und das Narrativ des an den Rändern bedrohten Auslands- und Grenzdeutschtums der Zwischenkriegszeit an. Er postulierte zwar einen „neuen Anfang der Ostforschung“, seine Gründungsrede verweist jedoch schon auf sprachlicher Ebene auf eine geringe Distanzierung vom Osteuropa-Bild der althergebrachten Ostforschung, zu dessen Repräsentanten er vor 1945 auch gehört hatte. Dies wird etwa in seinem Urteil über die Vertreibung der Deutschen deutlich: Es habe sich die „völkische Zusammensetzung“ der „Osthälfte unseres Erdteiles“ verändert, da früher die „räumliche Durchdringung der Völker ein Kennzeichen dieses Raumes war“. „Zwei Kulturkreise ausgeprägten Charakters“ würden in Ostmitteleuropa als unversöhnliche Lager aufeinanderprallen. Es sei eine „Entmischung versucht worden, die ihn von [deutschen] Elementen entleert hat, die zum Teil seit Jahrhunderten seine Gesittung bestimmt oder mitbestimmt haben.“ Er stellte eine „Ostausbreitung der abendländischen Kultur“ fest, die durch deutsche Vermittlung weit über die Ostgrenze des deutschen Volksbodens hinausgedrungen“ sei. Diese Haltung repräsentiert das Abendland-Denken als Teil eines kulturellen Überlegenheitsgefühls, das mit der Vorstellung einer Zivilisierungsmission einherging.

Bauzeichnung der Hensel-Villa (erbaut 1906), die heute das Institut beherbergt. Foto: Dokumentesammlung Herder-Institut, Signatur: DSHI_200_HFR_HI_958_6.

Entwicklung des HI seit 1950

Die zuständigen Ministerien, das Bundesministerium des Inneren und das Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen, sahen das Herder-Institut als Einrichtung wissenschaftlicher Grundlagenforschung. Insgesamt zeigen die Förderrichtlinien, dass die Arbeit des HI letztlich bis 1994 mit den ostpolitischen Zielsetzungen der Bundesregierung verbunden war. Zugleich sollte seine Arbeit nicht zu innen- oder außenpolitischen Belastungen führen.

Insgesamt wuchs das HI jedoch seit Mitte der 1950er Jahre trotz dieser politischen Prämissen zu einer Kontaktstelle des Austausches mit osteuropäischen Kollegen heran, obwohl die Deutschtumszentrierung hierfür ein Problem blieb. Das HI folgte bis Ende der 1980er Jahre dem Paradigma der Ostforschung, sodass die großen Zäsuren und Veränderungen in der Ostpolitik und in Osteuropa nur verspätet und schrittweise zu einem veränderten Arbeitsprofil führten. Erst Mitte der 1990er Jahre wurde nominell und institutionell der Wandel des Selbstverständnisses von deutschtumszentrierter Ost- zu einer komplexen, integrativen und auf die Entwicklung der jeweiligen Nationen ausgerichteten Ostmitteleuropaforschung vollendet. Ergebnis dieses Prozesses waren die Umbenennung der Zeitschrift für Ostforschung in Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung und die Aufnahme des HI in die Leibniz-Gemeinschaft.


Literatur

Aubin, Hermann: An einem neuen Anfang der Ostforschung, in: Zeitschrift für Ostforschung 1 (1952), S. 3-16. DOI: 10.25627/1952118

Hackmann, Jörg: „An einem neuen Anfang der Ostforschung“. Bruch und Kontinuität in der ostdeutschen Landeshistorie nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Westfälische Forschungen 46 (1996), S. 232-258.

Hein-Kircher, Heidi / Schutte, Christoph: Von der Zeitschrift für Ostforschung zur Zeitschrift zur Ostmitteleuropa-Forschung / Journal of East Central European Studies – eine programmatische Titeldebatte, in: Matthias Chichon et al. (Hrsg.): Den Slawen auf der Spur. Festschrift für Eduard Mühle zum 65. Geburtstag, Marburg 2022, S. 249-268.

Kleindienst, Thekla: Die Entwicklung der bundesdeutschen Osteuropaforschung im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Politik, Marburg 2009.


Titelbild: Zeichnung Villa des Prof. Dr. Kurt Hensel (erbaut 1905), dem heutigen Direktionsgebäude am Gisonenweg, HI, Album 3_014a.


Der Gegenwartssprache auf der Spur: Die zentrale Gründungsformel des Instituts für Deutsche Sprache

Stefan Scholl geht der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bei der Gründung des IDS auf den Grund.

Welche wissenschaftlichen und wissenschaftsstrategischen Zielsetzungen prägten die Anfangszeit des 1964 gegründeten Instituts für Deutsche Sprache? Und welche Rolle spielte die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bei der Gründung dieser zentralen Einrichtung der germanistischen Linguistik?

What were the scientific and strategic formula that characterized the foundation of the Institute for the German Language in 1964? And what role did the reflection of the past play within this foundation of one of the main institutions in German linguistics?


Nach einigen Vorüberlegungen und Abstimmungsprozessen hinter den Kulissen wurde im April 1964 die Gründung des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) verkündet. Im Gegensatz zu den historisch ausgerichteten Einrichtungen außeruniversitärer Forschung, die naturgemäß den Stellenwert der Vergangenheit für ein besseres Verständnis gegenwärtiger Entwicklungen betonten, spielte die Beschäftigung mit der Vergangenheit als Untersuchungsgegenstand bei der Gründung des IDS keine große Rolle.1 Mehr noch: Der Gründerkreis grenzte sich bewusst von einer traditionell weiter zurückliegende Sprachperioden untersuchenden Germanistik ab und legte den Fokus explizit auf die Analyse der Gegenwartssprache. Erforschung und Dokumentation der deutschen Gegenwartssprache war mithin die zentrale, in der Satzung festgeschriebene Legitimationsformel des neu gegründeten linguistischen Instituts, wobei nicht klar definiert wurde, welche zeitliche Dimension die Gegenwartssprache umfasste. So bestand in den ersten Jahren beispielsweise eine „Kommission zur Sprache des Nationalsozialismus“, in der u.a. Cornelia Berning tätig war, die 1964 ihre Arbeit zum „Vokabular des Nationalsozialismus“ veröffentlicht hatte. Auch wurden beim Aufbau eines Textkorpus der deutschen Sprache mitunter literarische Texte aus der ersten Jahrhunderthälfte sowie zurückliegende Jahresquerschnitte von Zeitungen berücksichtigt, etwa des „Neuen Deutschland“ und der „Welt“ von 1954.

Der Gründungskontext des IDS

Die Initiative ging maßgeblich von zwei Personen aus: von Hugo Moser, damals Inhaber eines Lehrstuhls am Germanistischen Seminar der Universität Bonn, sowie Leo Weisgerber, dem Begründer der sog. Sprachinhaltsforschung, der ebenfalls an der Universität Bonn lehrte. Zum Gründerkreis des IDS gehörten außerdem die Professoren Rudolf Hotzenköcherle aus Zürich, Karl Kurt Klein aus Innsbruck, Friedrich Maurer aus Freiburg und Jost Trier aus Münster sowie der Leiter der in Mannheim ansässigen Duden-Redaktion, Paul Grebe, und schließlich Walter Hensen, Vorsitzender der seit 1947 bestehenden Gesellschaft für deutsche Sprache.

Genehmigungsurkunde zur Gründung des IDS vom 10. Juni 1964, Quelle: ÖA, IDS Mannheim

Von Beginn an wurde das IDS, lange Zeit auf verschiedene Standorte in Westdeutschland und Österreich verteilt, als wissenschaftliche Einrichtung konzipiert, die sich auf die Dokumentation und Erforschung der deutschen Gegenwartssprache konzentrieren sollte. Um diese Akzentuierung zu verstehen, muss man sich die Ausrichtung germanistisch-linguistischer Forschung im 19. und frühen 20. Jahrhundert vor Augen halten. Denn diese war zu großen Teilen historisch orientiert und interessierte sich primär für die Herkunft und geschichtlichen Entwicklungsstufen der „germanischen“ Sprachen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spiegelte sich dieser Umstand auch in der universitären Lehrpraxis wider. Im Studienplan des Fachs dominierten „neben literaturwissenschaftlichen Veranstaltungen in erster Linie Vorlesungen, Seminare und Übungen zum Alt- und Mittelhochdeutschen. Gotisch und Altisländisch konnten hinzukommen. Die Gegenwartssprache kam allenfalls in der Dialektologie vor“.2 Auch die meisten der „Gründungsväter“ des IDS selbst waren fachlich gesehen Altgermanisten oder Dialektologen.

Erhöhtes Sprachbewusstsein nach 1945

Zugleich wuchs aber speziell nach 1945 das Bewusstsein dafür, dass sich Sprache auch in der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart wandelte und gesellschaftliche Wirkung entfaltete. Insbesondere sprachkritische Arbeiten erschienen in der Nachkriegszeit vermehrt: Victor Klemperers „LTI“ (1947), das „Wörterbuch des Unmenschen“ von Dolf Sternberger u.a. (1957), aber auch Betrachtungen zur „Sprache in der verwalteten Welt“, wie ein Essay des Publizisten Karl Korn 1958 betitelt war. Daneben gab es – teils kulturkritisch geprägte – Beobachtungen zur Ausbreitung von Fremdwörtern, vor allem Anglizismen, aber beispielsweise auch zu umgangssprachlichen Veränderungen des Konjunktivs oder des Gebrauchs der Fälle.

Die Gegenwartssprache im Fokus

Obwohl das IDS selbst nicht sprachkritisch oder -normierend tätig sein wollte, bildeten derartige zeitgenössische Sprachbeobachtungen doch den Hintergrund, vor dem das zentrale Anliegen des Instituts plausibilisiert werden konnte, nicht zuletzt gegenüber potenziellen staatlichen und privaten Geldgebern.3 Es hinge, so verkündete Jost Trier die Gründung des Instituts am 19. April 1964, „mit der Geschichte der Germanistik als Wissenschaft zusammen, daß die Probleme des gegenwärtigen Sprachzustandes lange Zeit hinter den Fragen der Genese zurücktraten und noch immer spürbar zurückliegen.“ Man lebe jedoch in einer Zeit, „in der jedem Zeitgenossen eindringlicher als jemals früher täglich klar gemacht wird, daß unaufhörlich Veränderungen in unserer Sprache vor sich gehen. Diese Veränderungen in status nascendi zu beobachten, sie auf den Grad ihres Eingreifens in das Gefüge der Muttersprache, die Richtungen ins Auge zu fassen, in denen sie verlaufen und voraussichtlich verlaufen werden, kurz ihre allgemeine Trift zu erkennen, wäre Hauptaufgabe eines solchen Instituts.“4

In diesem Sinne betätigten sich die Mitarbeitenden in der Anfangszeit des Instituts vor allem in Projekten des Korpusaufbaus, der maschinellen Sprachverarbeitung, der Dokumentation und Beschreibung aktueller grammatischer Strukturen des Deutschen, des kontrastierenden Sprachvergleichs sowie in der Untersuchung möglicher divergierender Sprachentwicklungen in Ost- und Westdeutschland.

Titelbild des IDS-Jahrbuchs von 1968, Quelle: eigenes Foto

Der explizite Fokus manifestierte sich auch in der Betitelung der ersten Publikationsreihen: „Sprache der Gegenwart“ ab 1967 und „Heutiges Deutsch“ ab 1971. Allerdings wurde im ersten Band von „Sprache der Gegenwart“ zugleich betont, dass eine „diachronische [d.h. historische, S. Sch.] Betrachtungsweise“ im Institut keinesfalls kategorisch ausgeschlossen werde. Als Beweis wurde die Gründung einer „Kommission für älteres Neuhochdeutsch“ angeführt.5 Auch einige Themensetzungen früher Jahrestagungen machen deutlich, dass sprachgeschichtliche Fragestellungen durchaus ihren Platz am IDS fanden: 1968 „Diachronische und synchronische Betrachtung des heutigen Deutsch“, 1976 „Sprachwandel und Sprachgeschichtsschreibung“. Der Schwerpunkt des Instituts blieb allerdings gewahrt. Als im Kuratorium des IDS im September 1966 darüber berichtet wurde, dass verschiedentlich „Wünsche nach Ausweitung der Tätigkeit des Instituts ins Historische“ an den Institutspräsidenten Hugo Moser herangetragen würden, vermerkte das Protokoll entschiedenen Widerspruch. Eine solche Ausweitung sei „abschreckend“ und „keineswegs werbewirksam“, vom Institut werde „anderes erwartet“.6

In die Satzung des Instituts aufgenommen wurde eine explizit „historische“ Dimension erst im Juni 1992. Dazu kam es, als infolge der Auflösung des Zentralinstituts für Sprachwissenschaft der DDR 22 Mitarbeitende mit u.a. sprachhistorischer Expertise ans IDS kamen. Im Jahresbericht heißt es hierzu erläuternd, die Konzentration auf die Gegenwartssprache erfahre „eine sachlich notwendige Abrundung und Vertiefung durch Forschungen, die die Entwicklung der deutschen Sprache in ihrer neueren Geschichte etwa bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen und ihren laufenden Veränderungen in der Gegenwart nachgehen.“7 Seitdem lautet der Zweck des IDS, „die deutsche Sprache in ihrem gegenwärtigen Gebrauch und in ihrer neueren Geschichte wissenschaftlich zu erforschen und zu dokumentieren“,8 was eine Beschäftigung mit der gesellschaftlichen und politischen Wirkkraft von Sprache im 20. Jahrhundert ausdrücklich einschließt.

In den Anfangsjahren hatte das IDS seinen Sitz in der Friedrich-Karl-Straße. 1992 erfolgte der Umzug in die neuen Räume im Quadrat R5, 6-13 in der Mannheimer Innenstadt. Foto: Immanuel Giel, Creative Commons.

1 An dieser Stelle sei lediglich angemerkt, dass auch die persönliche Vergangenheit der Gründungsprotagonisten in der Frühzeit des Instituts keine Rolle spielte. Einige von ihnen waren Mitglieder der NSDAP (Jost Trier, Friedrich Maurer) bzw. verschiedener angegliederter Parteiorganisationen (Hugo Moser, Friedrich Maurer) gewesen, hatten sich zum Teil im Sinne der NS-Volkstumspolitik betätigt (Leo Weisgerber, Friedrich Maurer) oder mit ihren sprachwissenschaftlichen Forschungen und Konzepten an völkisch-nationalistischen Diskursen der 1930er und 1940er Jahre partizipiert. Vgl. hierzu Scholl/Waßmer/Dang-Anh/Müller-Spitzer, Die Frühzeit des Instituts für Deutsche Sprache (im Erscheinen).

2 Stickel, Gerhard: Die Gründerjahre des IDS, in: Kämper, Heidrun/Eichinger, Ludwig M. (Hg.): Sprach-Perspektiven. Germanistische Linguistik und das Institut für Deutsche Sprache, Tübingen 2007, S. 23-41, hier S. 27.

3 Die Dokumente des Vorstandsarchivs aus der Frühzeit des IDS werden im Rahmen eines Projekts, das vom Leibniz-Forschungsverbund „Wert der Vergangenheit“ gefördert wurde, systematisch erfasst, digitalisiert und größtenteils öffentlich zugänglich gemacht.

4 Trier, Jost: Ansprache zur Gründung des Instituts für deutsche Sprache in Mannheim, gehalten am 19. April 1964, Mannheim 1964.

5 Geleitwort, in: IDS (Hg.): Satz und Wort im heutigen Deutsch. Probleme und Ergebnisse neuerer Forschung. Jahrbuch 1965/66, Düsseldorf 1967, S. 7.

6 Zitiert nach: Haß, Ulrike: Das Institut für deutsche Sprache Mannheim 1964 bis 1971. Forschungsplanung und Paradigmendiskussion in den Anfangsjahren, in: Geschichte der Germanistik. Mitteilungen, Heft 31/32 (2007), S. 87-104, hier S. 100.

7 IDS (Hg.), Das Institut für Deutsche Sprache im Jahre 1992. Jahresbericht, Mannheim 1993, S. 5.

8 So auch in der erneuerten Fassung der Satzung vom 26.11.2021, einsehbar unter: https://www.ids-mannheim.de/fileadmin/org/pdf/Satzung_IDS_2021-11-26_.pdf (18.03.2026).


Weiterführende Literatur

Berens, Franz Josef: Zur Frühgeschichte des IDS, in: IDS (Hg.): Ansichten und Einsichten. 50 Jahre Institut für Deutsche Sprache, Mannheim 2014, S. 52-63.

Haß, Ulrike: Das Institut für deutsche Sprache Mannheim 1964 bis 1971. Forschungsplanung und Paradigmendiskussion in den Anfangsjahren, in: Geschichte der Germanistik. Mitteilungen, Heft 31/32 (2007), S. 87-104.

Scholl, Stefan/Waßmer, Lea/Dang-Anh, Mark/Müller-Spitzer, Carolin: Die Frühzeit des Instituts für Deutsche Sprache – Einblicke aus der Erschließung des Vorstandsarchivs, in: Sprachreport. Informationen und Meinungen zur deutschen Sprache 32/2 (im Erscheinen).

Stickel, Gerhard: Die Gründerjahre des IDS, in: Kämper, Heidrun/Eichinger, Ludwig M. (Hg.): Sprach-Perspektiven. Germanistische Linguistik und das Institut für Deutsche Sprache, Tübingen 2007, S. 23-41.


Titelbild: Eingang des Gebäudes, in dem das IDS anfangs beheimatet war, Quelle: ÖA, IDS Mannheim

Deutsche Geschichte als Problem und Ressource. Zum gesellschaftlichen Orientierungswert historischer Forschung außerhalb der Universitäten

Der Beitrag von Joachim Berger und Gregor Feindt diskutiert Fragen, welche bei der Tagung “Deutsche Geschichte, europäische Zukunft?” aufgeworfen wurden und leitet eine Blogserie zur Gründung und Neuorientierung außeruniversitärer Forschungsinstitute in der BRD nach 1945 und 1989 ein.

Wie sollten die historischen Wissenschaften nach 1945 in der Bundesrepublik und nach 1989 im vereinten Deutschland neu ausgerichtet werden, und welche Bedeutung wurde dabei der außeruniversitären Forschung zugesprochen? Der Blogbeitrag diskutiert übergreifende Fragen, die eine Tagung im Leibniz-Forschungsverbund “Wert der Vergangenheit” aufwarf.

How were historical sciences supposed to be realigned after 1945 in the Federal Republic of Germany and after 1989 in reunified Germany, and what significance was attached to non-university research in this context? This blog post discusses overarching questions raised at a conference held by the Leibniz Research Alliance Value of the Past.


Wenn Forschung außerhalb der Universitäten staatlich finanziert werden soll, reichen wissenschaftliche Argumente nicht aus; vielmehr muss sie mit einem gesellschaftspolitischen Bedarf begründet werden. Einen solchen Bedarf konnten die im Nationalsozialismus besonders vereinnahmten Geisteswissenschaften nach 1945 glaubhaft machen. Die Geschichtswissenschaft nahm die – von der Bildungspolitik und den Besatzungsmächten gestellte – Aufgabe an, sich auf einer erneuerten Wertebasis neu auszurichten. Das Ziel, ein von nationalistischen Verzerrungen “gereinigtes” Geschichtsbild zu schaffen und gesellschaftlich zu verankern, sollte in der jungen Bundesrepublik die Gründung verschiedener historischer Forschungseinrichtungen außerhalb der Universitäten legitimieren. Auch nach 1990 bedurfte es unter ganz anderen Vorzeichen einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen und geteilten Geschichte.

Vor diesem Hintergrund wollte die Tagung “Deutsche Geschichte, europäische Zukunft? Vom Wert einer umstrittenen Vergangenheit für die außeruniversitäre Forschung nach 1949 und 1989” (2. bis 4. April 2025, Mainz) des Leibniz-Forschungsverbunds “Wert der Vergangenheit” herausarbeiten, wie die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit zu einer Ressource für die außeruniversitäre historische Forschung in der frühen Bundesrepublik und im vereinigten Deutschland wurde. Besondere Beachtung sollte dabei dem Referenzrahmen gelten, der für die “Aufarbeitung” dieser Vergangenheit jeweils gewählt wurde – blieb er national oder wurde er in internationaler oder “europäischer” Perspektive geweitet? Für diese engere Fragestellung gingen die Veranstaltenden1 von Beobachtungen aus ihren eigenen Einrichtungen aus, dem Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) und dem Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut (GEI). Denn sowohl das “Internationale Institut für Schulbuchverbesserung” in Braunschweig, die Vorläuferorganisation des GEI, als auch das Institut für Europäische Geschichte in Mainz hatten zum Ziel, die Geschichtsbücher von, wie es hieß, nationalistischen “Vorurteilen” zu “entgiften”, um künftige Generationen in einem “europäischen Geschichtsbewusstsein” zu erziehen. “Europa” als Mobilisierungs- und Abgrenzungsbegriff diente um 1950 zur wissenschaftspolitischen Legitimation beider Gründungen. Und für beide Einrichtungen schien, unter völlig anderen Vorzeichen, nach dem Ende des Staatssozialismus im östlichen Europa eine Hinwendung zu “Europa” erneut zur Lebensversicherung zu werden. Diesen Beobachtungen wollte die Tagung in vergleichender Perspektive nachgehen und eine Hypothese überprüfen: dass die außeruniversitäre “Inwertsetzung” von Vergangenheit vielfach zwischen der “Aufarbeitung” der jüngeren deutschen Vergangenheit und einer Neuausrichtung nationaler Geschichtsbilder in einer europäischen Perspektive oszillierte.

Aus der Sammlung des Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut.

Die Tagung führte Referate zu Forschungseinrichtungen, die in der formativen Phase der “alten” Bundesrepublik gegründet wurden, mit Vorträgen zu Neugründungen historisch-geisteswissenschaftlicher Forschungszentren nach 1989/1990, vor allem in den neuen Bundesländern, zusammen. Dabei sollte keinesfalls die totalitäre, eliminatorische NS-Diktatur mit dem “real existierenden” Staatssozialismus der DDR gleichgesetzt werden, sondern jeweilige Spezifika der wissenschaftspolitischen “Bewältigung” von Systembrüchen und der Gestaltung von politischen Transformationen vergleichend herausgearbeitet werden.

Die Vorträge der Tagung hat Manfred Sing (IEG) in einem Bericht bei H-Soz-Kult zusammengefasst.2 Darin weist er auf eine Spannung hin, der außeruniversitäre historische Forschung unterworfen war und ist: “Einerseits soll sie unabhängig sein und andererseits legitimatorisch für den demokratischen Staat wirken, sich aber doch der politischen Vereinnahmung wie in den zwei deutschen Diktaturen entziehen.” Dieser Spannung wollen wir im Anschluss an die Diskussionen auf der Tagung in diesem Blogbeitrag weiter nachgehen. Er konzentriert sich auf zwei legitimierende Denkfiguren, welche den gesellschaftlichen Orientierungswert historischer Forschung außerhalb der Universitäten bestimmen sollten: (1.) die Verheißung einer “Neuausrichtung” der historischen Wissenschaften nach ihrer ideologischen Kontaminierung in nicht demokratischen Systemen, und (2.) die Rede von der “Unabhängigkeit” außeruniversitärer Forschung.

Das später als Institut für Zeitgeschichte (IfZ) bekannte Forschungsinstitut nahm am 1. Mai 1949 seine Arbeit auf. Die Bayerische Staatskanzlei hatte dafür Räume in der Münchner Reitmorstraße 29 (Bild) zur Verfügung gestellt. Foto: IfZ, Bildsammlung.

(1.) Bei der “Neuausrichtung” der historischen Wissenschaften waren bei den auf der Tagung behandelten Einrichtungen erstens bestimmte Ausweich- und Umwegkonstruktionen zu greifen. So befasste sich das Institut für Zeitgeschichte in München (IfZ, gegründet 1949 als Deutsches Institut für Geschichte der nationalsozialistischen Zeit) zunächst vorrangig mit der Weimarer Republik, um Kernfragen zum NS nicht direkt angehen zu müssen. Am 1950 in Mainz gegründeten Institut für Europäische Geschichte war die Überwindung nationalistischer und konfessionalistischer “Vorurteile” und “Spaltungen” in einer europäischen Perspektive ein Modus, um über die deutsche “Katastrophe” sprechen, ohne dabei Fragen kollektiver Verantwortung und individueller Schuld (auch der leitenden Wissenschaftler) diskutieren zu müssen. Die deutschen Verbrechen und die totale Niederlage des Deutschen Reichs wurden in einer allgemeinen “Krise der abendländischen Kultur” aufgelöst. Am Herder-Institut in Marburg, ebenfalls 1950 gegründet, wurde über Jahrzehnte kein Zusammenhang zwischen Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den “Ostgebieten”– einem Phänomen, das die Geschichtspolitik in der frühen Bundesrepublik prägte – und ihren Ursachen, dem deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieg, hergestellt.

Diese Ausweich- und Umwegkonstrukte hängen, zweitens, mit einem bestimmten Selbstverständnis außeruniversitärer Forschung zusammen. Das IfZ erstellte in seinen frühen Jahren auf Anfragen tausende von Gutachten, blieb also weitgehend reaktiv, so dass die eigene Forschungsagenda zurücktrat. Das Deutsche Historische Institut in Paris (gegründet 1958 als Deutsche Historische Forschungsstelle) verstand sich zunächst als Mittlerinstitution zwischen der deutschen und der französischen Geschichtswissenschaft; erst in den 1970er-Jahren begann es im größeren Stil eigene Forschung zu betreiben. Ähnlich war die Entwicklung am IEG Mainz: Ursprünglich als Forschungszentrum konzipiert, das in internationaler Zusammenarbeit eine ökumenische Menschheitsgeschichte realisieren sollte, entwickelte es sich seit den 1950er-Jahren zu einem Institut, das vorrangig die Forschung anderer förderte – indem es Stipendien an junge Wissenschaftler:innen vergab und deren Arbeiten in einer eigenen Schriftenreihe veröffentlichte. Das Herder-Institut, das umfangreiche Sammlungen zu Ostmitteleuropa aufbaute und erschloss, konzentrierte sich bis Mitte der 1990er-Jahre auf wissenschaftliche Serviceleistungen und Forschungsinfrastrukturen und fokussierte erst dann stärker auf eigene, programmgebundene Forschung. Das verdeutlicht, wie sehr diese außeruniversitäre historische Forschung in ihren Anfängen vor allem zielgerichtet konkrete (Dienst-) Leistungen für die Gesellschaft und die Forschung im Allgemeinen erbringen wollte.

Institutionelle Transformationen konnten, drittens, mit einer Emanzipation von normativen Gründungsaufträgen verbunden sein. Beispielsweise befasste sich das IEG, als Ende der 1950er-Jahre ein tragfähiges Finanzierungsmodell gefunden worden war, nicht mehr programmatisch mit “Europa” als “Erbe und Aufgabe” (so war noch 1955 ein großer Kongress überschrieben worden). Mitte der 1990er-Jahre kehrte im Zuge der Ost-Erweiterungen der EU eine normative Orientierung auf Europa zurück, die dann seit den 2010er-Jahren in globaler Perspektive relativiert wurde. Für das Herder-Institut forderte seit den 1990er-Jahren eine neue Ostmitteleuropa-Forschung, die auch das Baltikum einschloss, eine gesamteuropäische Perspektive ein, in der die frühere Orientierung an der überkommenen “deutschen Ostforschung” und der Konzentration auf den “deutschen Osten” überwunden wurde.

1952 fand das Herder-Institut zunächst in der so genannten Hensel-Villa (links), dem ehemaligen Wohnhaus des 1941 verstorbenen Mathematikers Kurt Hensel, sein neues Domizil. Wenig später weitete sich das Institut auf die benachbarte Behring-Villa (rechts) aus, frühes Arbeits- und Wohnhaus des Mediziners und ersten Nobelpreisträgers für Physiologie/Medizin Emil von Behring (mehr dazu siehe hier). Fotos: Claudia Junghänel.

Beim Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow, 1995 in Leipzig maßgeblich aus Initiativen aus dem Sächsischen Landtag heraus gegründet, zeigt sich in der Forschungspraxis ebenfalls eine gewisse “Entnormativierung” des Gründungsimpulses. Sofern sich außeruniversitäre Forschungspraxis über Jahrzehnte innerwissenschaftlich bewährt, scheint der ideologisch-normative Überschuss der Gründungsphase verzichtbar zu werden, um die Weiterförderung zu sichern. Gegebenenfalls werden die älteren Aufträge sogar durch neue normative Prämissen (Globalisierung, Pluralisierung etc.) ersetzt, welche die weitere Existenz zu garantieren versprechen. Für die Einrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft sind hierfür auch die externen Evaluierungen mitzudenken. Sie sind zunehmend mit internationalen Sachverständigen besetzt und zwingen so zu wissenschaftlichen Plausibilisierungen, die nicht ausschließlich innerdeutschen wissenschafts- und geschichtspolitischen Logiken folgen.

(2.) Das Postulat einer spezifischen “Unabhängigkeit” historischer Forschung außerhalb der Universitäten wurde an der Tagung ebenfalls kritisch hinterfragt. Krijn Thijs (Amsterdam), der die Transformation der (ost-)deutschen Geschichtswissenschaft erforscht, wies darauf hin, dass jede institutionelle Gründung ein politischer Akt ist. Im historischen Längsschnitt zeichne sich das Bild eines grundsätzlichen Einvernehmens zwischen Politik und Wissenschaft ab. Martin Sabrow (Potsdam) schlug vor, die verschiedenen Formen von Unabhängigkeit als Abstufungen zwischen Autonomie und Fremdbestimmtheit zu fassen, die von der jeweiligen Rechtsform und Verfasstheit der Einrichtungen abhängen. Zu fragen sei, ob die Institute an direkte Weisungen gebunden seien (wie in den Ressortforschungseinrichtungen des Bundes), wie frei sie über Forschungsprogramm und Personalauswahl entscheiden könnten, ob sie von Forschungsaufträgen abhängig seien oder Forschungsgegenstände frei wählen könnten, und wie sich das Verhältnis von äußerer bzw. formaler und innerer Unabhängigkeit gestalte.

Bei den institutionellen Faktoren sei erstens, so Thijs, zwischen einer primär deutschen und einer internationalen Einbettung zu unterscheiden – handelt es sich um Institute mit einer Gründungsmission im europäischen Raum oder um Einrichtungen ohne eine inter- oder bilaterale Ausrichtung, die primär auf die deutsche Vergangenheit blickten? Die Frage, inwieweit die später in der bundesunmittelbaren Max Weber Stiftung zusammengeführten Deutschen Historischen Institute im Ausland als Instrumente einer auswärtigen Kulturpolitik gefördert wurden, und ob sich die Institutsleitungen selbst in dieser Rolle sahen, wurde auf der Tagung durchaus kontrovers diskutiert. “Cultural diplomacy” beschränkte sich indes nicht auf die aus Bundesmitteln geförderten Auslandsinstitute: Am Institut für Europäische Geschichte, seit 1977 überwiegend vom Land Rheinland-Pfalz finanziert, wurden die “ausländischen” Stipendiat:innen bis zur Aufnahme des Instituts in die Leibniz-Gemeinschaft (2012) aus einem Sondertopf des Auswärtigen Amtes gefördert, dessen Mittel über den Deutschen Akademischen Austauschdienst zugewiesen wurden. Dass außeruniversitäre historische Forschung als “soft power” veranschlagt werden kann, zeigt sich am Georg-Eckert-Institut in Braunschweig, dessen Arbeit zu den Inhalten der Schulbildung sich zwischen Wissenschaft, Schulbuchverlagen und staatlichen Stellen bewegt.

Als zweiten institutionellen Faktor, der die postulierte “Unabhängigkeit” bestimmt, beleuchtete die Tagung somit die Förderkonstellationen und die Kooperationszusammenhänge der Institute. Diese sind nicht spezifisch für die historische Forschung. Alle außeruniversitären Einrichtungen sind fundamental auf Universitäten angewiesen, die ihrem Leitungspersonal Professorentitel gewähren, den Mitarbeitenden die weitere Qualifikation ermöglichen, Gebäude bereitstellen und vielfach administrative Unterstützung leisten. Bei den außeruniversitären historischen Instituten ist zu beobachten, dass gemeinsame Berufungen mit Universitäten relativ spät beiderseits gewünscht waren und möglich wurden – am IEG seit 1994, am IfZ seit 2011. Dies wirkte sich unmittelbar auf Renommée und Kooperationspotenzial aus. Entscheidend ist ferner, ob die Einrichtungen lediglich durch ein Bundesland oder durch die Gemeinschaft der Länder (seit 1949) und dann von Bund und Ländern (seit 1977, “Blaue Liste”) finanziert werden – im letzteren Fall müssen sie nachweisen, dass ihre Förderung von “überregionaler Bedeutung” und in “gesamtstaatlichem wissenschaftspolitischem Interesse” ist. Diese Anforderung kann Institute und die für sie zuständigen Wissenschaftsministerien der “Sitzländer” dazu motivieren, die wissenschaftlichen Zielsetzungen erneut mit einem normativen gesellschaftspolitischen Überschuss anzureichern.

Noch offen ist, wie die Zugehörigkeit zur “Blauen Liste” die Legitimationsformeln sowie die wissenschaftsstrategische und forschungsgeschichtliche Selbstverortung und Außenwahrnehmung der Institute verändert hat – insbesondere seit sich die Einrichtungen der “Blauen Liste” seit den 1990er-Jahren zur Leibniz-Gemeinschaft zusammengeschlossen haben, die seit den 2010er-Jahren mit gemeinsamen Leitlinien, Kooperationserwartungen und einem vereinheitlichten externen Evaluierungsverfahren zunehmend als “Gemeinschaft” agiert. Der Zusammenschluss spiegelt die Umgestaltung der ostdeutschen Forschungslandschaft wieder und lief parallel zur Auflösung des “Ostblocks” mit den Erweiterungen von NATO und EU, welche die Förderstrukturen und Kooperations(an)gebote der Wissenschaftspolitik transformierten und diversifizierten.

Podiumsdiskussion am 3.4.2025 im IEG Mainz im Rahmen der Tagung “Deutsche Vergangenheit, europäische Zukunft?”. V.l.n.r.: Martin Sabrow (Potsdam), Jasper Heinzen (York), Gregor Feindt (Mainz/Kiel), Nicole Reinhardt (Mainz), Krijn Thijs (Amsterdam). Foto: Stefanie Mainz (IEG).

All diese Fragen konnten auf der Tagung allenfalls angerissen werden. Ohnehin gibt es noch viel Raum für die wissenschaftshistorische bzw. historiographiegeschichtliche Forschung, die angestoßenen synchronen und diachronen Vergleiche weiterzuführen. Dies gilt insbesondere für diachron vergleichende Perspektiven auf die Neugründungen nach 1945/1949 und nach 1989/1990. Damit glitten die Vorträge an der Tagung vielfach an der Ausgangshypothese eines möglichen Spannungsfelds zwischen der “Aufarbeitung” der jüngeren deutschen Vergangenheit und einer Neuausrichtung nationaler Geschichtsbilder in einer europäischenPerspektive vorbei. Diese “insulare” Betrachtungsweise wurde wohl auch dadurch begünstigt, dass die Veranstaltenden – sich selbst eingeschlossen – als Referent:innen vor allem solche Personen rekrutierten, die an den Einrichtungen, die sie behandelten, beschäftigt sind oder waren. Bei aller gebotenen Distanz zum eigenen Gegenstand: In der Schlussdiskussion zeigte sich, dass die Analyse der Legitimationsformeln und -strategien der historischen Akteure, welche sich die Tagung vorgenommen hatte, tendenziell doch in die Selbstlegitimierung der außeruniversitären historischen Forschung und ihrer Einrichtungen mündet. Martin Sabrow mahnte deshalb zurecht an, dass die Untersuchung der außeruniversitären (historischen) Forschung – in- und außerhalb des Forschungsverbunds “Wert der Vergangenheit” – nicht bei der Frage nach dem Selbstverständnis einzelner Einrichtungen stehenbleiben dürfe. Vielmehr gelte es den Anspruch des Verbunds, eine Metareflexion über den Geltungs- und Orientierungswert von Vergangenheit sowie den Wertehaushalt vergangener und gegenwärtiger Gesellschaften anzustellen, konsequent auf das “eigene” Tun anzuwenden.


1 Joachim Berger, Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz, und Germanisches Nationalmuseum. Leibniz-Forschungsmuseum für Kulturgeschichte (GNM), Nürnberg; Gregor Feindt, IEG Mainz und Christian-Albrechts-Universität zu Kiel; Marcus Otto; Steffen Sammler, beide Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg Eckert-Institut (GEI), Braunschweig.

2 Manfred Sing, Tagungsbericht: Deutsche Geschichte, europäische Zukunft? Vom Wert einer umstrittenen Vergangenheit für die außeruniversitäre Forschung nach 1949 und 1989, in: H-Soz-Kult, 02.09.2025, https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/fdkn-156853.


Titelbild: Das Gebäude der “Alten Universität” in der Mainzer Innenstadt (erbaut 1615 bis 1618) wurde 1942/1945 bei Luftangriffen weitgehend zerstört. Der Wiederaufbau wurde von der US-amerikanischen Besatzungsbehörde finanziert, um dort das 1950 gegründete Institut für Europäische Geschichte unterzubringen. Unbekannter Fotograf, o. D. [vor 1952], Universitätsarchiv Mainz S03-473.

The fascination of old collections: Histology in the Museum of Zoology

In her contribution, Lucie Helfmann takes us to the histological collection of the Museum of Zoology, University of Cambridge, and shows us what more can be found there, beyond dusty slides.

For over a century, researchers at the University of Cambridge have used histology to reveal patterns of internal and soft-tissue anatomy, which would otherwise remain invisible. Over time, an extraordinary array of many thousands of histology slides has accumulated in Cambridge.

Seit über einem Jahrhundert nutzen Forscher:innen an der Universität Cambridge Histologie, um anatomische Eigenschaften von inneren Organen und Weichteilen zu untersuchen, die sonst verborgen blieben. Im Laufe der Zeit hat sich in Cambridge eine außergewöhnliche Sammlung von vielen Tausenden histologischen Präparaten angesammelt.


What is histology?

Histological examinations study the microscopic anatomy of tissue mounted on small glass slides, revealing properties that cannot be seen with the naked eye. The origins of histology date back to the 19th century, when CT and MRI scans did not yet exist.

Cross-section through the head of a ray (size about 1.5 cm). Photo: Lucie Helfmann, 2024.
How to create a histological slide. Lucie Helfmann, 2024.

To create a histological slide, a specimen is embedded in a supporting material, such as paraffin wax, and then cut into very thin slices (usually 5–15 µm). Bones and teeth have to be softened using a variety of acids and other reagents in order to be sliced. These slices are then transferred to glass slides in sequence and dyed using various chemicals, or “stains”, that differentially bind to soft tissues such as decalcified bone, teeth, muscles, and nerves. Which dye is used depends on the type of tissue you want to highlight. After staining, a cover slip is placed over the tissue on the slide to protect it. Now the slide is ready to be investigated under the microscope. In this way, the interior of specimen can be examined and even the finest tissue structures can be identified.

When I arrived in Cambridge, I found a room full of boxes, which were in turn filled with histological slides. In many cases, the origins of a given box was uncertain. The boxes had been moved several times over the decades, and some were quite old and worn.

Old box containing histological slides of sharks and rays. Scyllium canicula (today Scyliorhinus canicula ) is the small spotted catshark; Torpedo ocellata (today Torpedo torpedo ) is the common torpedo or eyed electric ray. ‘Trans’, ‘sagittal’ and ‘coronal’ refer to the directions in which the specimen was cut. Photo: Lucie Helfmann, 2024.

I examined each box, sorted its contents, and digitized all the available information about the slides. This work is crucial in order to make the collection more accessible for scientists all over the world. In the end, our goal is to construct a database where everyone can see what kind of specimens are housed in the Cambridge Museum of Zoology, and be able to determine if a given specimen might be useful for their research. Essential information might include the species, sample size, direction of cutting (e.g., horizontal or vertical), which stain was used, number of slices, anatomical region sampled, etc.

But during my work I found more than just slides. I found history dating to the foundation of the department itself. The oldest slides I found belonged to Francis Maitland Balfour, the first holder of the Chair of Animal Morphology in Cambridge in 1882 and regarded as Darwin’s successor. Tragically, Balfour died that very same year, just 30 years old, during a mountaineering accident in the Alps.

Francis Maitland Balfour, founder of the Department of Zoology in Cambridge (From: The Works of Francis Maitland Balfour).

His main research focused on elasmobranch fishes (sharks and rays) and their development. Despite his short life he left quite a legacy, consisting of thousands of slides. Some of them I could directly connect to Balfour’s work. Hence, the oldest slides are over 150 years old, and many remain in pristine condition! It’s impressive what was already possible at that time, to create such fine objects. Remember, the typewriter and the common light bulb had yet to be invented.

Balfour’s successor was Adam Sedgwick, a relative of the man after whom the museum is named. He took over Balfour’s instruction in animal morphology. Sedgwick also continued Balfour’s work on elasmobranchs and embryology. Because of their attention to detail and careful technical work, e.g. including precise places and dates of collection on many histological slides, it is easy to trace their work. For example, most of Sedgwick’s material is from the summer of 1890.

Example for a series of a shark’s head (Scyllium canicula). Each slide contains two slices of the specimen, Photo: Lucie Helfmann, 2024.

From the 1950s, Hans W. Lissmann was in charge of the histological collection. His main research topic were electric organs in fish like Gymnarchus niloticus (or the “aba”, a predatory fish from Central Africa). Together with Lissmann’s material, I found some notes and letters which, among other things, describe the story of a Mr. M. Omarkhan, who was also working on Gymnarchus. In one letter, Lissmann asked for the material of Omarkhan, which also turned out to be in one of the boxes I had organized. Further notes hinted that these might even be the slides R. Assheton wrote about in 1903. Again, there are publications that could be connected to these slides and these letters. With this material, we could open a window into how science worked at that time, without email, online databases, or Google Scholar.

A treasure box full of histological slides. You never know what you might find in there! Photo: Lucie Helfmann, 2024.

Today the method of creating histological slides remains widespread in hospitals and research universities, and it is still one of the best means to visualize internal and cellular anatomy. Although many aspects of the technique have changed, old material can still be used. Nowadays it is even possible to digitize histological slides and put them virtually back together to rebuild the old specimen and reconstruct parts thereof in three dimensions. Given that an animal must always be ‘sacrificed’ in order to create a histological series, it is desirable to reuse as much of the existing material as possible.

All of this shows how “old” material is often priceless, and how important it is to preserve the legacy of “old” collections, not only to save the material itself, but to reduce pressures on the animals and plants in living environments, and to preserve the remarkable history of the scientists on whose shoulders we stand today.


Literature

Alexander, R. M. (1996). Hans Werner Lissmann, 30 April 1909-21 April 1995. Biographical Memoirs of Fellows of the Royal Society, 42, 235-245.

Assheton, R. (1907). The development of Gymnarchus niloticus. Cambridge University Press.

Balfour, F. M. (1885). The Works of Francis Maitland Balfour. (Vol. 1 – 4). Macmillan and Company.

Hall, B. K. (2003). Francis Maitland Balfour (1851–1882): a founder of evolutionary embryology. Journal of Experimental Zoology Part B: Molecular and Developmental Evolution299(1), 3-8.

Lissmann, H. W. (1958). On the function and evolution of electric organs in fish. Journal of experimental biology35(1), 156-191.

Omarkhan, M. (1949). The morphology of the chondrocranium of Gymnarchus niloticus. Zoological Journal of the Linnean Society, 41(281), 452-481.


Title image: Four boxes containing histological slides of lizard tails. Photo: Lucie Helfmann, 2024.

Preserving geodiversity of ore deposits for future research: a call for action

Stefan Peters looks at geodiversity and explains its importance for science – a comparatively neglected topic, considering e.g. ongoing discussions on biodiversity.


Commercial mining permanently removes vast volumes of rock from Earth’s crust. How can we strategically collect and document these geological materials to safeguard their scientific value for future generations? A retrospective look at samples gathered in the past.

Kommerzieller Bergbau entfernt dauerhaft große Gesteinsmengen aus der Erdkruste. Wie können wir diese geologischen Materialien strategisch sammeln und dokumentieren, um ihren wissenschaftlichen Wert für zukünftige Generationen zu bewahren? Eine Rückschau auf in der Vergangenheit gesammelte Proben.


One mid-sized mountain per year

Whether you will be reading this blog on your phone, a tablet, or a desktop computer screen, there will be several tenths of grams of rare earth elements, copper, and other heavy metals involved in the background technology enabling you to read it. Many of these elements are in high demand in industry – not only because they enable your phone to function, but also because they are crucial for infrastructure development of modern cities and for transitioning from a fossil fuel-based economy towards more sustainable alternatives [1]. The high demand for these metals in industry has led to a situation in which more minerals are being mined than ever before. In 2024, mining industry analysts estimated that there were around 20,000 active commercial mine sites worldwide, collectively responsible for the extraction of several tens of billions of metric tons of rock in a single year [2,3]. That is roughly equivalent to the volume of a mid-sized mountain such as the Zugspitze, Germany’s highest peak.

Commercial mine sites offer geologists exciting opportunities to study outcrops and collect rock samples that would otherwise remain inaccessible, as these rocks would not naturally be exposed at the Earth’s surface. However, the time window for collecting such samples is limited. By definition, commercial mining involves the excavation and processing of rocks for metal extraction. As a result, many geologically interesting rocks have already been permanently removed from the Earth’s crust (e.g., Fig. 1). While the loss of biodiversity from Earth’s surface environments has become a widely discussed topic in science and politics in 2025, the loss of geodiversity has received comparatively little attention.

Fig. 1 Gold-bearing conglomerate from the South Reef in the West Rand area, Witwatersrand Basin, South Africa, sampled from a gold mine in 1931 (collection: Museum of Nature Hamburg). The Witwatersrand Basin holds the world’s largest known gold reserves today, yet the geological origin of gold enrichment remains poorly understood. This particular sample originates from a geologically unique section of the Witwatersrand basin, from which all ore-bearing rocks have now been excavated and processed for metal extraction [1]. The sample thus offers geoscientists a rare opportunity to investigate this particular section of the Witwatersrand Basin today, despite not being able to sample it in the field anymore.

Past, present, and future of ore deposits in institute collections

As a curator at the Museum of Nature Hamburg, it is my job to safeguard a collection of 90,000 rocks and mineral samples and make them available for geoscientific research and education. But I am also passionate about preserving geodiversity for future generations of geoscientists. Given the current boom in the mining industry, I am particularly interested in collecting samples from ore deposits that are at risk of being lost to science forever. But how can we collect these samples in a way that allows future generations of scientists to make full use of them? Can we establish or improve a collection strategy by studying how ore deposits were sampled in the past, and by reflecting on how these samples were used for scientific research since?

With these questions in mind, I have studied the inventories of ore collections based at the Sedgwick Museum of Earth Sciences (University of Cambridge) and at the Museum of Nature Hamburg (Leibniz Institute for the Analysis of Biodiversity Change). Perhaps not surprisingly, I found that samples and their corresponding documentation frequently reflect the scientific Zeitgeist of the time when they were collected. For example, historic ore specimens collected in the 19th century often exhibit mineralogical peculiarities and are accompanied by descriptions of crystal forms and habitus types, but lack any geospatial information about where the samples were taken (e.g., Fig. 2a). Ore specimens collected later, in contrast, especially those gathered in the context of ore prospecting activities, tend to be more representative of local geology and are typically accompanied by geospatial information and genetic interpretations of the ore deposits (e.g., Fig. 2b). These different approaches to sampling at distinct points in history illustrate how geosciences evolved from a primarily descriptive science focused on cataloguing rocks and minerals 150 years ago, to a spectrum of hypothesis-driven geoscientific disciplines as we know them today.

Fig. 2 Typical examples of documentation associated with ore samples collected at different points in history. a) Entry for a historic lead (Pb) ore sample collected by J. Carne in the early to mid-1800s, recorded in an 1899 inventory by W.J. Lewis, who had acquired the specimen for the Sedgwick Museum of Earth Sciences. The description is detailed and strictly focused on mineralogical aspects of the sample, offering only a vague indication of regional origin (Cumberland or Cornwall?). b) Label accompanying the gold conglomerate sample shown in Fig. 1, collected in 1931 by the company operating the gold mine (West Rand Consolidated Mines Ltd). The label provides geospatial context of the mining area within the Witwatersrand basin from which the sample was taken (South Reef), including its orientation within the mine (East shaft, 6th level East).

Ore samples such as the specimen from the historic Carne collection in Fig. 2a still hold value for contemporary geoscientific research, particularly in the field of mineralogy. However, many other subdisciplines of geoscience increasingly rely on geological context and geospatial data. More recent samples with a higher degree of contextual documentation, such as the gold conglomerate sample shown in Fig. 2b, consequently tend to offer greater utility for addressing contemporary questions in geoscientific research, such as how the formation of ore minerals can be linked to tectonic or volcanic activity in a particular geological setting, and how tectonic and magmatic processes evolved over time. Placing ourselves in the shoes of a 19th century geoscience curator, this realisation reminds us that we cannot foresee the full range of scientific objectives future researchers may pursue. So how can we ensure that we do not miss out on crucial sample information and miss key sampling strategies for future research, when we incorporate new samples from ore deposits into our collection?

The Apollo samples as a precedent

Inspiration for answering these questions might come from an unexpected corner of the Solar System. During the era of the Apollo programme (1961–1972), NASA astronauts sampled approximately 380 kg of rocks and soils on the Moon. These samples were collected with few specific scientific objectives at the time, but with the clear intention that they should serve future generations of geoscientists – much like the purpose for which I argue ore deposits should be sampled today. During the Apollo programme, samples were therefore taken from a diverse suite of geological settings on the Moon, and each sample was photographed in situ before collection, labelled with precise geospatial coordinates, and was meticulously documented with notes on orientation and surrounding features (Fig. 3). Some samples were even sealed, frozen, or stored in vacuum or helium in vials that were first opened 50 years later [5]. Today, more than half a century since the Apollo missions, we know that this sampling approach has paid off: Geoscientists have made extensive use of the Apollo sample suite and continue to do so, often using analytical techniques that did not yet exist during the era of the Apollo programme. For example, the Moon was long considered bone-dry until, in the late 2000s, advanced analytical techniques revealed traces of water in Apollo samples that had previously remained undetectable. This finding fundamentally reshaped our understanding of the Moon’s formation, several decades after the samples were collected.

Fig. 3 Astronaut and geoscientist Harrison Schmitt collecting a soil sample on the Moon in 1972, equipped with a photo camera and sampling scoop (Apollo 17; Image courtesy of NASA and the Project Apollo Archive).

Collecting data beyond the object

In practice, curators of academic collections do not have the resources to implement an Apollo-style strategy for curating rock samples, particularly when aiming to sample many of the active mining sites around the world. But the success of the Apollo missions can serve as a reminder to collect and curate as much contextual information as possible alongside new ore samples. The most challenging aspect of this approach would be to record field information that seems scientifically irrelevant at present, but which might become important for research in the (far) future. This could include seemingly mundane details such as weather conditions, background mineral assemblages, or even logistical constraints during sampling.

As a concluding reflection, it is somewhat ironic to look to the Apollo programme’s lunar sampling practices as inspiration for preserving Earth’s geodiversity. New sample return missions to the Moon will likely take place in the upcoming decades, theoretically allowing robotic landers and astronauts to revisit and resample rocks from the original Apollo landing sites. By contrast, rocks from ore deposits on Earth, once excavated and processed for metal extraction, can never be sampled again. If these materials are not systematically incorporated into academic ore collections at present, together with the appropriate contextual information, they risk being lost to science and education forever.


Bibliography

[1] Gielen, D. (2021). Critical minerals for the energy transition. International Renewable Energy Agency, Abu Dhabi.

[2] Jasansky, S., Lieber, M., Giljum, S., & Maus, V. (2023). An open database on global coal and metal mine production. Scientific data, 10(1), 52.

[3] Reichl, C., & Schatz, M. (2024). World Mining Data 2024. Federal Ministry of Finance, Austria.

[4] Pegg, C. W. (1950). A contribution to the geology of the West Rand area. South African Journal of Geology, 53(1), 209-224.

[5] Shearer, C. K. et al. & ANGSA science team. (2024). Apollo Next Generation Sample Analysis (ANGSA): An Apollo participating scientist program to prepare the lunar sample community for Artemis. Space Science Reviews, 220(6), 62.


Title picture: A copper mine in Sweden, LOP Project.

Are we heading towards an “Anthropocene 2.0”?

In diesem Beitrag geht Mark Lawrence der Frage nach, ob wir uns bereits in einem neuen Zeitalter befinden, in dem die Menschheit ein neues Verhältnis zum aktiven Umgang mit dem Planeten Erde entwickelt (hat).

The Anthropocene concept challenges us to rethink humanity’s role in the Earth system. Is it time to start thinking about the implications of the ongoing shift from uncoordinated and largely unintended global environmental impacts towards coordinated, intentional stewardship of the planet?

Das Konzept des Anthropozäns erfordert ein neues Verständnis der Rolle der Menschheit im Erdsystem. Ist es an der Zeit, über die Bedeutung des gegenwärtigen Übergangs von unkoordinierten und weitgehend unbeabsichtigten globalen Umweltauswirkungen zu einer koordinierten und bewussten Verantwortung für unseren Planeten nachzudenken?


“Stop talking about the Holocene! We’re not living in the Holocene anymore; we’re living in the… uh… the Anthropocene!”

When Paul Crutzen blurted out that exclamation at a meeting of the International Geosphere-Biosphere Programme (IGBP) nearly 25 years ago, he probably had no idea of the storm he was about to unleash. Then again, Crutzen was no stranger to groundbreaking ideas that had major influences on the world – his capacity to shake up science won him the Nobel Prize in Chemistry in 1995. This moment, however, was less a casual outburst than a spark that set off a paradigm shift in how we understand Earth’s history.

At the time, Earth System indicators – such as atmospheric CO₂ levels and unprecedented global temperatures – painted a picture of rapid, human-driven change. Crutzen believed that the new reality, in which humanity had become the dominant force shaping the planet, was no longer reflected in the Holocene, the stable geological epoch spanning the past 12,000 years which we had used to define our place in time. In his viewpoint – and mine as well – we have entered the Anthropocene.

Paul Crutzen with his close colleagues Klaus Töpfer, Susan Solomon and Jos Lelieveld at the Anthropocene Symposium, 12. December 2013. Copyright: Carsten Costard

While Crutzen popularized the term, the Anthropocene wasn’t entirely new. It had surfaced before: Russian geologist Alexei Petrovich Pavlov used it in 1922, and biologist Eugene Stoermer had been using it informally since the 1980s. Others had floated related terms such as “Anthroposphere” or “Noösphere”. But when Crutzen revived the term in the late 1990s, it struck a chord. At the heart of his argument was a simple but profound observation: the changes in Earth’s System over the past century have been greater than the fluctuations during the entire rest of the Holocene.  The impact of humanity – deforestation, mass extinctions, and greenhouse gas emissions – had reached a scale that could no longer be ignored. Crutzen’s credibility as a scientist lent weight to the concept of the Anthropocene, while his persistence kept the term in the spotlight.

Crutzen and Stoermer joined forces in 2000 and published a seminal article in the IGBP Newsletter introducing the Anthropocene. Crutzen’s follow-up article in Nature in 2002, boldly titled “Geology of Mankind,” propelled the Anthropocene into both public consciousness and scientific discourse. Central to Crutzen’s vision was a call for formal recognition of the Anthropocene as a new geological epoch. He argued that humanity’s impact, captured in markers such as the CO₂ concentration, plastics, and radioactive isotopes, was so profound that it warranted its own distinct place in Earth’s timeline.

Layers of rock, known as strata, preserve a record of millions of years of Earth’s history, capturing changes in environmental conditions over time, as shown in this photo of the Painted Desert in Arizona, USA.

I had the privilege of continuing to work with Crutzen after he retired to what he humorously called his “post-postdoc” phase, freeing him from administrative leadership responsibilities so that he could better pursue his scientific interests. His office was just across the hall from mine, and I often had the privilege of witnessing his boundless curiosity firsthand as he frequently popped in and radiated enthusiasm as he discussed his latest ideas. On the day that he returned from the now famous IGBP meeting where he declared the Holocene Epoch obsolete, he excitedly told me about his experience. For him, the term Anthropocene better captured the unprecedented human-driven changes transforming the Earth system. This spontaneous moment of frustration became a rallying cry and a catalyst for discussion with colleagues around the world. And as it turned out, the Anthropocene resonated not only with Earth scientists but also with philosophers, artists, policy makers, journalists and others.

The Anthropocene quickly became a lightning rod for interdisciplinary exploration. At the Research Institute for Sustainability (RIFS, formerly IASS), we explored its cultural, political, and ethical implications. Klaus Töpfer, the institute’s founding director, often referred to Crutzen’s work, using it to underscore humanity’s collective responsibility for the planet. Töpfer and I invited prominent thinkers to RIFS to deepen the conversation. Collaborations with organizations such as the House of World Cultures (HKW) and the Max Planck Institute for the History of Science enriched these discussions and underscored the power of the Anthropocene to bridge science and society.

In 2009, the International Committee on Stratigraphy (ICS) established the Anthropocene Working Group (AWG) to investigate whether the Anthropocene could be formally recognized as a geological epoch. Paul Crutzen, a member of the group until his passing in 2021, contributed to its efforts to identify stratigraphic markers-evidence preserved in the Earth’s layers-that could define the beginning of the epoch. They found compelling evidence in many different markers, including the very prominent signal of radioactive fallout from mid-20th century nuclear weapons tests, and submitted a proposal to formalize the Anthropocene as an epoch starting in the 1950s. Despite the quality of the evidence they had gathered, the proposal was rejected by the ICS in early 2024. But the decision has reignited debate about the future of the term. The ICS noted several criticisms, including that an Anthropocene starting in the 1950s would neglect the millennia of human development leading up to the present state, and suggested that the Anthropocene could remain an informal concept, for instance repurposing the term as a geological “event” or episode, outside the formal Geological Time Scale (GTS) framework. However, this repurposing would be a relativization and a significant change from what Crutzen and the AWG proposed that the Anthropocene should stand for, and I would strongly support that the proposal for the Anthropocene as a geological epoch starting in the mid-1900’s should be resubmitted in the near future, with further accumulated evidence, as well as clear counterarguments to the concerns expressed in the IUGS statement, and, perhaps, a new term for an informal geological episode leading up to the formal Anthropocene.

Worldwide light pollution showcasing the growth and expansion of human presence. (Data courtesy of Marc Imhoff of NASA GSFC and Christopher Elvidge of NOAA NGDC. Image by Craig Mayhew and Robert Simmon, NASA GSFC)

As we consider what to do with the term Anthropocene, it might also be time to start considering what might happen beyond the Anthropocene.  In this sense, might there one day be significant shifts in the character of the Anthropocene, like the sub-epochs of the Holocene? And if so, what would be different? 

In the early days of RIFS (while it was still the IASS), these questions led Klaus Töpfer and me to consider the idea of an “Anthropocene 2.0”. Nearly a decade ago, we began exploring what a shift might look like as humanity moves from the Anthropocene as we know it – characterized by mostly unintended environmental impacts that result from our activities to provide food, shelter, energy, transportation and entertainment to an exponentially growing global population – to a possible new, intentional, conscious and coordinated form of global impact, which we thought could be characterized as an Anthropocene 2.0. Töpfer and I had slightly different perspectives on what the “Anthropocene 2.0” might look like. Töpfer saw it through the lens of global governance, imagining a world where international climate negotiations and coordinated environmental policies revolved around collective human responsibility and cooperation to stabilize the Earth’s systems. My own interpretation was influenced by my critical observation and assessment of the growing number and seriousness of proposals for immense, globally coordinated technological intervention in the earth system, known under the umbrella term of “climate geoengineering” – the deliberate manipulation of the Earth’s climate to attempt to counteract the effects of global warming. These hypothetical approaches, ranging from solar radiation management to large-scale carbon capture, raise profound questions about humanity’s role in the Earth system. Would such interventions represent an incremental evolution in our relationship with the planet, or a radical, qualitative shift to an altogether new form of the Anthropocene (at least as significant as the differences between the sub-epochs in the Holocene and other recent epochs)? While I favor the latter interpretation, an extensive, community-wide discussion would be needed to come to any form of consensus around these and other possible interpretations.

While the idea of an “Anthropocene 2.0” is provocative, it is not intended to be interpreted as automatically optimistic or desirable. Both Töpfer and I shared concerns about the risks of such a future – technological hubris with its associated ethical dilemmas and unintended environmental and societal consequences could all pose serious challenges. But exploring this possibility helps us imagine how humanity’s relationship with the global environment might evolve. What would it mean for humanity to act as a conscious and coordinated geological force? Could such a transformation ever be consistent with principles of equity and sustainability? But perhaps before we address these questions about an “Anthropocene 2.0” further, we should first reconsider how to reach an international agreement on the meaning and use of the term “Anthropocene” itself. Over the last quarter century, the concept of the Anthropocene has already reshaped how we view our relationship with the planet. Whether or not the Anthropocene becomes an official geological epoch, it has been and will likely continue forcing us to confront uncomfortable truths about our impact on the Earth system, as well as challenging us to imagine a future in which that impact is equitable and sustainable, regardless of the degree to which it becomes intentional and coordinated. The Anthropocene has its roots in geology and Earth system science – but as the global debate over its use and interpretation continues, one thing has become clear: the meaning of the Anthropocene goes far beyond geology. It’s really about humanity’s collective history – and future.


Mark Lawrence is scientific director at the RIFS in Potsdam and an integrative scientist who addresses key challenges of the Anthropocene by bringing together and applying a wide range of academic expertise in his team as well as involving societal actors in a transdisciplinary approach.


Title picture: Will humanity end up attempting to engineer the planet as a whole, and would that constitute an Anthropocene 2.0? Copyright: Research Institute for Sustainability (RIFS)

Scientific Instruments in the Greek Enlightenment

In diesem Beitrag skizziert Artemis Yagou die Verwendung wissenschaftlicher Instrumente und die damit verbundenen neuen Praktiken und Mentalitäten in Griechenland um die Wende zum 19. Jahrhundert.

Welche Arten von wissenschaftlichen Instrumenten wurden um die Wende zum 19. Jahrhundert in Griechenland, damals eine Provinz des Osmanischen Reiches, verwendet? Artemis Yagou skizziert die Verwendung wissenschaftlicher Instrumente und die damit verbundenen neuen Praktiken und Mentalitäten in Griechenland.

What kinds of scientific instruments were used around the turn of the nineteenth century in Greece, then a province of the Ottoman Empire? Artemis Yagou outlines the uses of scientific instruments and the associated emerging practices and mentalities in Greece.


The bearded, long-haired man shown on a copperplate portrait of the late eighteenth century appears intelligent and confident (title picture). He wears the attire of an Orthodox Christian priest, holds a small book, and is surrounded by objects underpinning his activities as an educated man: numerous leather-bound volumes, a pair of compasses, and a globe. He is the Greek scholar Anthimos Gazis (1758–1828), from the village of Milies (Pilio mountain, Thessaly). The portrait is printed on the frontispiece of his book Γραμματική των Φιλοσοφικών Επιστημών, a translation of The Philosophical Grammar, originally published in 1735 by Benjamin Martin (1705–1782), the English lexicographer and maker of scientific instruments. This translation was one of several publishing initiatives meant to introduce the Greek-speaking public to the latest scientific developments.

In 1813, Gazis also founded a school at Milies, in collaboration with other Greek scholars. He equipped the school with scientific instruments that he brought from Vienna, some of which still survive at the Public Library of Milies; one of them is a standard electrostatic machine. This object is very similar to the machine with Accession number 2231 kept in the Whipple Museum of the History of Science in Cambridge, dated c. 1775–1800 and typically used for demonstration purposes (Fig. 2). The electrostatic machine at the Milies School was likewise used to conduct electrical demonstrations and familiarise students and other locals with electricity and its properties; the experiments conducted there greatly impressed those who attended them. Such scientific experimental performances ushered in a new, critical outlook. The teachers of that school aimed to make students – and anyone else interested – aware that natural phenomena had logical and scientific interpretations. Through their pioneering activities, these men aimed to fight superstition and prejudice by popularising scientific findings and applying them to the daily lives of people.

Fig. 2: Electrostatic machine, British, c. 1775–1800, Whipple Museum of the History of Science, Cambridge, Accession No 2231.

Clearly, Gazis and other Greek scholars had realised the seminal significance of experiments. Nevertheless, they could only perform relatively simple experiments, serving primarily purposes of demonstration and proof and only rarely of research. In other words, experiments were not used for measurements that could lead to the formulation of physical laws. Making experiments in Ottoman Greece was not easy at all; one of the major obstacles was the lack of appropriate equipment and materials. In their publications, Greek intellectuals discussed numerous physical and chemical experiments, as well as the instruments and materials required for their realisation, among others: electrostatic machines, Leyden jars, precision scales, precision timers, air pumps, Magdeburg hemispheres, armillary spheres, magnets, lenses, sufficient quantities of mercury, chemical reagents, etc. (Fig. 3). Alas, most of these were difficult or impossible to find locally, therefore many experiments were not feasible. Despite the limitations of their experimental practices, Greek scholars of the time managed to develop their way of thinking, assimilate new scientific ideas, and become more confident in their teaching activities. They realised the significance of direct, hands-on practice for acquiring new knowledge and felt empowered.

Fig. 3: Copperplate illustration of an air pump included as ‘Table a’ in Anthimos Gazis, Γραμματικὴ τῶν Φιλοσοφικῶν Επιστημῶν [Grammar of Philosophical Sciences], Vienna: Schraembl, 1799.

The actions of these highly educated individuals were embedded within a broader sociocultural transformation that was taking place during the last decades of the eighteenth century and the first of the nineteenth. An emerging Greek middle class was enjoying financial prosperity and intellectual growth, and had internalised the significance of education. That period, later termed Greek (or Neohellenic, or Balkan) Enlightenment, was directly influenced by the wider philosophical and intellectual movement in eighteenth-century Western Europe, and is considered a local manifestation of the overall European Enlightenment. The major characteristic of the Greek Enlightenment was a shift in consciousness, a fundamental change in the way people had begun to think about themselves. The Greek Enlightenment encompassed the belief in rational thinking, self-improvement, and the pursuit of happiness; the usage of scientific instruments contributed to these themes.

Historians often also describe the decades of the Greek Enlightenment as ‘pre-revolutionary’, since they prepared the ground for the Greek Revolution (Greek War of Independence) (1821–c.1830), a protracted and extremely violent struggle for self-determination and liberty by Greek populations of the Ottoman Empire. As soon as the Greek Revolution erupted, scientific instruments for education inevitably became sidelined, lost, and destroyed during the chaotic and harrowing times that followed. During the revolutionary years, the scientific instruments that became more visible and critical were telescopes, marine compasses, and other nautical instruments. Such portable items were already familiar and available to Greek sailors of the pre-revolutionary merchant marine; they were subsequently used by for war-related purposes. Originating primarily from England, France, Russia, and the Habsburg Empire, these instruments were acquired through various channels. Typically, Greeks ordered them from the countries of origin or purchased them locally in Europe; Philhellenes also sponsored and donated them. Diasporic Greeks and various foreigners brought such instruments with them when they came to Greece to join the liberation struggle. But that is another story.

Fig. 4: Ramsden Electrostatic Machine, late eighteenth century, National Historical Museum, Athens.

My personal involvement with the topic of scientific instruments is a spin-off from my work on late eighteenth to early nineteenth century pocket watches and, more generally, on the material culture of early modern Greece. Small numbers of the scientific instruments under discussion survive today in various collections, predominantly in Athenian museums: the National Historical Museum, the Benaki Museum, the War Museum, the Athens University History Museum, the National Observatory of Athens, and the Philhellenism Museum (Fig. 4). Early scientific instruments may also be found in the Historical Archive–Museum of Hydra island, in the Municipal Library of Milies, in the Kairios Library (Andros Island), as well as in various private collections. Systematic, object-based investigation of these artefacts remains to be conducted; further research and hands-on examination of the artefacts are needed in order to acquire a deeper understanding of the provenance and circulation practices of scientific instruments, the mentalities of individual actors, and the appropriation processes involved.


Recommendations for further reading

Roderick Beaton, Greece: Biography of a Modern Nation, London: Allen Lane, 2019.

Costantine Skordoulis, Gianna Katsiampoura and Efthymios Nikolaidis, ‘The Scientific Culture in Eighteenth to Nineteenth Century Greek-speaking Communities: Experiments and Textbooks’, in Peter Heering and Roland Wittje (eds), Learning by Doing: Experiments and Instruments in the History of Science Teaching.

Artemis Yagou, Products, Users, and Popular Luxury in Early Modern Greece, New York and London: Routledge, 2024.


Artemis Yagou, PhD, is a historian of design and technology, Research Associate at the Deutsches Museum in Munich.


Title picture: Portrait of Anthimos Gazis used as a frontispiece in his book Γραμματικὴ τῶν Φιλοσοφικῶν Επιστημῶν [Grammar of Philosophical Sciences], Vienna: Schraembl, 1799.

Die Komposition von Mustern in der Leinenweberei im Süddeutschland der frühen Neuzeit

Ellen Harlizius-Klück untersucht in diesem Beitrag frühneuzeitliche Weberbücher und Stoffe, die Arbeit der Weber:innen und deren Einfluss auf bekannte Wissenschaftler wie Jungius und Leibniz.

Haben Weber:innen für die Wissenschaft in der frühen Neuzeit eine Rolle gespielt? Auf welchem Aspekt des Handwerks könnte ein solcher Einfluss beruhen? Ellen Harlizius-Klück untersucht die Notationen der frühneuzeitlichen Weberbücher, um aufzuzeigen, wie Weber:innen ihre Muster komponieren, kombinieren, und transformieren.

Did weavers play a role for science in the early modern? What aspect of the craft might have had an impact? Ellen Harlizius-Klück examines the notations of early modern weavers’ books to show how weavers composed, combined and transformed patterns.


Betritt man das Obergeschoss des Markgrafenmuseums zu Ansbach, fällt der Blick auf ein Doppelporträt des Markgrafen Alexander (1736-1806) und seiner Gattin Friederike Charlotte (1735-1791). Es sind typische höfische Porträts des 18. Jahrhunderts, die kunsthistorisch von eher geringem Interesse und in keinem Katalog oder Werkverzeichnis abgebildet sind. Dennoch bin ich von München über Nürnberg nach Ansbach gereist, um das Porträt der Friederike Charlotte mit eigenen Augen zu sehen. Was macht für mich als Wissenschafts- und Technikhistorikerin den Wert dieses Gemäldes aus, auf dem es nichts Besonderes zu sehen gibt?

Seit ich 2006 in der Bibliothek des Deutschen Museums ein ungewöhnliches Buch-Manuskript zur Weberei entdeckte, bin ich auf der Suche nach den Stoffen, deren Herstellung in diesem Buch beschrieben ist. Es handelt sich um eines der ersten Musterbücher für Weber:innen: das Weber Kunst und Bild Buch des Nathanael Lumscher (1708), durchschossen mit vielen ursprünglich leeren Seiten auf denen mehrere Generationen von Webern seit 1748 ihre eigenen Entwürfe, aber auch historische Ereignisse, Geburten und Todesfälle dokumentiert haben. Es ist das früheste Werkstattjournal dieser Art im fränkischen Raum, geführt von den Webern Georg Thaller, Michael Schoder und Lorenz und Georg Klug in Oberschwarzach.

Beispiele für die in solchen Büchern behandelten Stoffe zu finden, ist nicht leicht. Von den Weber:innen werden sie als Kölsch, Golsch, Schachwitz, gesteinte Zwilch, Ligetuhr, oder Bauren Damasck bezeichnet. Der Name Bauerndamast hat dazu geführt, dass man diese Stoffe als minderwertig im Vergleich zu den Damaststoffen der großen Zugwebstühle angesehen und sie der Volkskunst zugerechnet hat. Sie wurden und werden von Museen kaum gesammelt. Das Porträt der Markgräfin von Ansbach belegt, dass diese Stoffe durchaus im höfischen Kontext beliebt waren, und zwar nicht nur als Tischwäsche, sondern auch als Bekleidungsstoff. Das Kleid der Friederike Caroline zeigt ein Muster aus Streifen und stilisierten Bäumen. Es wurde möglicherweise vom Ansbacher Hofweber Johann Michael Frickinger gewebt, der das wohl berühmteste deutsche Weberbuch verfasst und 1740 publiziert hat.

Detail des Hausgewandes auf dem Bildnis der Markgräfin Friederike Charlotte von Brandenburg-Ansbach mit einem der grafisch-geometrischen Mustern, deren Herstellung in den frühesten Weberbüchern aus Süddeutschland beschrieben wird. Es zeigt Streifen und stilisierte Bäume. Detailfoto: Ellen Harlizius-Klück.

Das neue Interesse von Wissenschafts- und Technikhistoriker:innen an dem Einfluss des Handwerks auf die Geschichte der Wissenschaftsentwicklung verändert derzeit auch den Blick auf das Wissen der Weber:innen. Pamela H. Smith von der Columbia University in New York sowie ihre Kolleg:innen argumentieren, dass die praktischen Handwerke zur Entwicklung neuer naturwissenschaftlicher Ideen zwischen etwa 1400 und 1800 mehr beigetragen hätten, als bislang anerkannt worden sei. Obwohl in den Darstellungen solcher fähigen Handwerker auch Weber erwähnt werden, nehmen sie doch in den Untersuchungen kaum Raum ein.

Ein neues Buch des Wissenschaftshistorikers Michael Friedman scheint diese Lücke zu füllen. Er hat umfangreiche bisher wenig bekannte Notizen des deutschen Philosophen und Mathematikers Joachim Jungius (1587-1657) publiziert und kommentiert, die Untersuchungen und Betrachtungen zur Weberei enthalten und auf eine mathematische Beschreibung von Stoffstrukturen abzielen. Die Notizen sind mit dem Titel Texturae Contemplatio, also: Meditationen über die Textur/die Gewebe versehen. Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), der schon 1675 eine geometria sartorum einforderte, also eine Geometrie der Schneiderei, hat auf der Basis von Jungius Notizen weitergearbeitet und sich um eine Publikation des Konvoluts bemüht, ist aber damit gescheitert. Friedman versucht, herauszufinden, inwiefern hier eine Mathematisierung der Weberei vorliegt, die evtl. die mathematischen Arbeiten von Leibniz beeinflusst hat. Er nimmt an, dass die Notationen in den Büchern Gesten der Weber:innen codieren und Gedächtnisstützen für solche Gesten sind. Friedman resümiert, Jungius habe aber diese manuellen Operationen nicht ganz verstanden und deshalb sei der Rückgriff auf die Weberei eher ein metaphorisches als ein mathematisches Projekt.

Friedman zieht auch die Manuskripte und frühen Drucke süddeutscher Weber zu Rate, hält ihre Wirkung aber für lokal begrenzt. Doch die süddeutschen Bücher zur Weberei, die über einen Zeitraum von 1677 bis etwa 1850 erschienen sind, haben eine globale Wirkung erzielt, die nicht zu unterschätzen ist. Maler wie Velazquez, El Greco oder Tizian haben die komplexen Stoffe, deren Entwurfstechnik in diesen Büchern beschrieben wird, als Leinwände für ihre Meisterwerke verwendet. Designhochschulen auf der ganzen Welt haben diese Bücher, die oft von immigrierenden Webern mitgebracht wurden, für ihre Bibliotheken gesammelt. Die teilweise extrem seltenen Exemplare existieren dennoch nicht nur in Europa, sondern auch in den Vereinigten Staaten, in Kanada, Vietnam, den Philippinen und Japan.

Einen Hinweis auf das Porträt der Friederike Charlotte von Ansbach fand ich in der Fußnote eines Beitrags von Patricia Hilts über Blockdamaste in der deutschen Tradition der Leinenweberei. Hilts ist Weberin und eine ausgewiesene Expertin, was die technischen Bedingungen dieser Webereien angeht, die für Nicht-Weber kaum verständlich und selbst für Weber nur in der Praxis nachvollziehbar sind. Das Muster auf dem Kleid der Markgräfin folgt demnach dem Prinzip der kombinierten Block-Muster, die erst ab 1720 in den Musterbüchern auftauchen und an deren Weiterentwicklung der Ansbacher Hofweber Frickinger den größten Anteil hat. Die Erzherzogin Anna von Österreich, Herzogin von Bayern, trägt ein Kleid aus einem solchen Stoff auf einem ganzfigurigen Gemälde von Hans Mielich.

Erzherzogin Anna von Österreich, Herzogin von Bayern (1528-1590), Bildnis in ganzer Figur (1556). Gemälde von Hans Mielich (1516-1573), Öl auf Leinwand, 212 × 115,5 × 2,8 cm. Zurzeit ausgestellt in Schloss Ambras, Innsbruck, im Besitz des Kunsthistorischen Museums, Wien. Permalink: www.khm.at/de/object/2330

Detail des Porträts der Anna von Österreich mit dem typischen sogenannten Rosenmuster.

Leinen mit solchen sich diagonal kreuzenden Linien und diagonal angeordneten Rechtecken, sogenannten ‚Rosen‘, findet sich häufig als Malerleinwand der großen Meister des 16. bis 18 Jahrhunderts. Die Weberin Helena Loermans hat zahlreiche dieser Leinwände identifiziert, rekonstruiert und nachgewebt. Zum Beispiel findet man das Muster des Kleides der Anna von Österreich ähnlich als Leinwand von Alonzo Sánchez Coellos Porträt der Infantin Isabel (siehe Abb. 5), sowie als Leinwand des Bildes vom Begräbnis des Grafen von Orgaz, gemalt von El Greco. Beide Bilder werden auf 1585 bis 1588 datiert. Auch Tizian hat solche Leinwände benutzt, etwa für das Mahl in Emmaus und das Porträt der Isabella d’Este.

Alonzo Sánchez Coello, Infantin Isabel Clara Eugenia mit Magdalena Ruiz, Prado. Foto: Public domain.

Leinwand des Porträts der Infantin Isabel Clara Eugenia von Alonzo Sánchez Coello, rekonstruiert und nachgewebt von Helena Loermans. Foto: Helena Loermans. Vgl. Lab O.

Die Leinwände zeigen, dass diese Muster in der frühen Neuzeit weit verbreitet und nicht auf den süddeutschen Raum beschränkt waren. Um zu verstehen, wie die Konstruktion dieser Muster funktioniert und inwiefern hier mathematische Prinzipien am Werk sind, die das Interesse von Jungius und Leibniz geweckt haben könnten, untersuche ich zurzeit die Weberbücher und die zugehörigen Entwurfsstrategien im Rahmen des Leibniz-Fellowships „Wert der Vergangenheit“. Dabei kann ich die Bestände der beiden Leibniz Institute Deutsches Museum München und Germanisches Nationalmuseum Nürnberg ideal verbinden, indem ich das Weberbuch und Werkstattjournal von Lumscher/Thaller mit anderen Büchern und Manuskripten in Nürnberg vergleiche.

Ziel ist es, den Wert der Bücher sowie der komplexen Arbeit der Weber:innen für zentrale Ideen der Wissenschaft der frühen Neuzeit zu verstehen. Dabei kann es nicht darum gehen, die Weber:innen als Vorläufer der experimentellen Naturbetrachtung anzusehen. Eher geht es um Vorformen einer symbolischen Algebra (an der bereits Leibniz arbeitete), Grundideen der Matrizenrechnung (auch hier hat Leibniz wichtige Beiträge geleistet) oder um die Entwicklung einer binären Arithmetik für die Konstruktion von Rechenmaschinen (für die Leibniz berühmt geworden ist). Weber:innen verwendeten schon früh die Prinzipien der Substitution, der Transformation, oder der Kombination und nahmen damit vorweg, was Charles Babbage und Ada Lovelace im Zusammenhang mit dem Jacquardwebstuhl und dem Entwurf eines ersten Universalcomputers als „algebraische Muster“ bezeichnen.

Breite und Zusammenhang der mathematischen Felder, die das Weben abdeckt, können aber nicht erfasst werden, wenn man die im Herstellungsprozess entscheidende Einheit von Weber:in-Webstuhl-Gewebe in ihre Bestandteile zerlegt und separat formalisiert. An der Weberei lässt sich zeigen, dass die Bedeutung der Materialität für die Wissenschaftsgeschichte darin besteht, dass sie nicht nur komplexe Wissensbestände einschließen, sondern diese auch über lange Zeiträume hinweg vermitteln kann — selbst wenn Texte oder andere Beschreibungen fehlen.


Leseempfehlungen

Smiths, Pamela H., From Lived Experience to the Written Word: Reconstructing Practical Knowledge in the Early Modern World, Chicago & London: The University of Chicago Press, 2022.

Loermans, Helena, “Historical Canvasses Deciphered”, in: Conserving Canvas, hg. V. Cynthia Schwartz, Ian McClure und Jim Coddington, Los Angeles: Getty Conservation Institute, 2023, Kapitel 46.

Friedman, Michael, On Joachim Jungius’ Texturæ Contemplatio: Texture, Weaving and Natural Pholosophy in the 17th Century, Cham: Springer Nature, 2024.

Harlizius-Klück, Ellen, “Weaving as Binary Art and the Algebra of Patterns”, in TEXTILE Cloth and Culture 15, 2017(2), 176–197.

Hilts, Patricia, “Roses and Snowballs: The Development of Block Patterns in the German Linen-Weaving Tradition”, ARS TEXTRINA 5 (1986), 167-248.


Ellen Harlizius-Klück ist Senior Researcher im Forschungsinstitut für Technik- und Wissenschaftsgeschichte des Deutschen Museums und war kürzlich Leibniz-Fellow des Forschungsverbundes “Wert der Vergangenheit” am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg.


Titelbild: Doppelporträt des Markgrafen Alexander von Ansbach und seiner Frau Friederike Caroline im Hausgewand. Johann Michael Schwabeda und Johann Leonhard Schneider, um 1760, Öl auf Leinwand, je 210 x 100 cm, ehemals Schlafzimmer des Jagdschlosses Deberndorf, heute im Markgrafenmuseum Ansbach. Foto: Ellen Harlizius-Klück.