2026 fand das jährliche Pfingstreffen der Sudetendeutschen Landsmannschaft erstmals in Tschechien statt – als Teil des Kulturfestivals „Meeting Brno“. Beobachtungen am Rande einer kontrovers diskutierten Premiere.
In 2026, the Sudeten German Association’s annual gathering took place in the Czech Republic for the first time—as part of the “Meeting Brno” festival. Observations on the fringes of a controversial premiere.
Der mährische Platz (Moravské náměstí) in Brno ist am Freitag vor Pfingsten voller Tische. Eine der Biertischgarnituren läuft quer durch die überlangen Beine des modernen, acht Meter hohen Pferdestandbilds „Tapferkeit“ des Künstlers Jaroslav Róna. Die Sonne knallt erbarmungslos vom Himmel. Die besten Plätze sind die im Schatten des Pferdebauches. Auf den Bänken sitzen Deutsche und Tschech:innen, die zur Aktion „Brno u jednoho stolu“ (Brünn an einem Tisch), Teil des Festivals „Meeting Brno“, gekommen sind. Zwischen den Gästen stehen einzelne Demonstrant:innen mit tschechischen Flaggen und Transparenten herum, die von gegenseitiger Verständigung nichts hören wollen. Auf einem Schild ist der Bundesvorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL) Bernd Posselt, der selbst an einem der Tische sitzt, als Nazi dargestellt. Andere fordern: „Geht heim ins Reich!“ Angesichts der vielen, teils zweisprachigen Besucher:innen, die sich mit solchen Parolen nicht abfinden wollen, sind die Demonstrierenden permanent in Streitgespräche verwickelt. Sicherheitskräfte sorgen dafür, dass diese nirgends eskalieren.

Eine Einladung an Revisionisten?
Unter denen, die ein Schild mitgebracht haben, ist eine sympathisch aussehende Frau Mitte 50, lange Haare, langer Rock. Die Aufschrift auf ihrer Pappe ist zwar auf Deutsch formuliert, aber nicht einfach zu entschlüsseln – jedenfalls nicht ohne kulturgeschichtliche Detailkenntnisse über die Tschechoslowakei in den 1960er Jahren. „Geh nach Hause Hans, Natascha wartet auf Dich!“, steht da. Wie die Demonstrantin auf Nachfrage verrät, spielt der Spruch auf ein Lied des Komponisten Jaromír Vomáčka an, mit dem dieser gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings protestierte. Darin ruft er dem Sowjetsoldaten Ivan zu, er möge nach Hause gehen, wo seine Natascha auf ihn warte. Die Analogie ist schief, aber die Bedeutung ist klar: Okkupanten will auch die Brünnerin im Jahr 2026 nicht akzeptieren. Sie richtet sich damit gegen die Mitglieder der Landsmannschaft, die ab dem nächsten Tag in Brno ihr jährliches Pfingsttreffen abhalten – zum ersten Mal in Tschechien.
Dass der Sudetendeutsche Tag in diesem Jahr nicht in Bayern, sondern in der „alten Heimat“ der Vertriebenen stattfindet, hatte bereits im Vorfeld zu hitzigen Debatten in Tschechien geführt. Die Regierungskoalition aus Babišs ANO, der rechtsradikalen SPD (Svoboda a přímá demokracie, dt.: Freiheit und direkte Demokratie) und den rechtspopulistischen Motoristen initiierte eine Protest-Resolution; im Brünner Stadtrat war es zu Tumulten gekommen. Der Vorwurf lautet, dass trotz der Versöhnungsrhetorik in der Landsmannschaft noch immer revisionistischen Haltungen bestünden. Zugleich richtet sich der Zorn gegen Meeting Brno. Der tschechische Verein setzt sich seit Jahren für eine kritische Auseinandersetzung mit der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung nach dem Kollektivschuldprinzip und eine Verständigung beider Seiten ein. Dieser Einsatz gipfelte nun in der Einladung der Landsmannschaft nach Brno.
Auch wenn es kaum einer ihrer Adressaten verstehen dürfte, spielt die Demonstrantin mit ihrem Vomáčka-Zitat somit auf ein weiteres tschechisches Trauma an – den Einladungsbrief, den einige Widersacher Alexander Dubčeks im Prager Frühling nach Moskau sandten, um Hilfe im Kampf gegen die heimische „Konterrevolution“ zu erbitten. Das Schreiben gilt als formale Legitimation für die Invasion der Warschauer-Pakt-Truppen im August 1968. Dieser Analogie zufolge sind die Akteure von Meeting Brno die neuen Verräter:innen der Nation: Ihr Einsatz für europäische Verständigung marginalisiere die Verbrechen der Deutschen und gefährde die nationale Souveränität.

Deutsch-Tschechische Versöhnung
Es mag überraschen, dass nationalistische Kräfte die antideutsche Karte auch 80 Jahre nach der Vertreibung noch erfolgreich ausspielen. Denn gerade das Festival Meeting Brno steht sinnbildlich für die stetige Verbesserung der binationalen Beziehungen seit den 1990er Jahren. Ein Meilenstein hierfür war die Deutsch-Tschechische Erklärung von 1997, vor allem aber die Neuausrichtung der Sudetendeutschen Landsmannschaft, die 2015 den Verzicht auf jegliche Besitzforderungen erklärte. Auch von unten sind im Laufe der Jahre unzählige Kooperationen gewachsen – etwa im Grenzgebiet, wo Lokalgeschichtsschreibung und Denkmalpflege längst auch das deutsche Erbe einschließen. Zögerlicher verlief lange Zeit die Aufarbeitung der Gewalt, die Tschech:innen nach dem Krieg an Deutschen verübten. Bis heute gibt es nicht viele Denkmale, die an lokale Gewaltexzesse und die sogenannten wilden Vertreibungen erinnern. Eine Vorreiterrolle in der Auseinandersetzung mit diesem Kapitel der tschechischen Geschichte spielt die Stadt Brno. Im selben Jahr, in dem die Sudetendeutsche Landsmannschaft die Rückforderung von Eigentum aus ihrer Verbandssatzung strich, veröffentlichte der Stadtrat seine „Brünner Erklärung“, die die Vertreibung als solche benannte und bedauerte.
Hintergrund des besonderen Engagements ist der „Brünner Todesmarsch“, bei dem Ende Mai 1945 27.000 Menschen aus der Stadt getrieben wurden und mehrere Tausend starben. Einige von ihnen sind in einem Massengrab in Pohořelice, 30 km südlich von Brno, begraben. Der breiteren Bevölkerung bekannt wurde dieses Ereignis erst 2009 mit dem Roman „Vyhnání Gerty Schnirch“i von Kateřina Tučková. Die Schriftstellerin war es auch, die den „Pilgerweg der Versöhnung“ (tsch. „pouť smíření“) mit initiierte – einen Gedenkmarsch, der seit 2015 in umgekehrter Richtung den Todesmarsch nachvollzieht. Was mit einer kleinen Gruppe begann, ist über die Jahre zu einem Großevent angewachsen: am Pfingstsamstag dieses Jahres kamen in Pohořelice 2000 Menschen zusammen, mehr als 1000 von ihnen pilgerten anschließend nach Brno.
Geh nach Hause // Willkommen Daham
Zum Auftakt des Gedenkmarsches ist auch die Demonstrantin vom Freitag gekommen. In der Hand ihre Aufforderung an Hans, steht sie mit einem Dutzend ihrer Mitstreiter:innen am Feldrand, während der deutsche Innenminister und andere sprechen und Blumen niederlegen. Nur wenige Minuten vorher hatten die Veranstalter rote Hakenkreuze von den Gedenksteinen am Massengrab abgewaschen. Die Polizei ermittelt. Die Protestierenden werden von Journalist:innen umschwärmt, bleiben aber Zaungäste. Ihre antideutschen Botschaften lässt die riesige Wandergruppe Schritt für Schritt hinter sich. Allenthalben hört man deutsche, tschechische, englische Wortfetzen. Gesprochen wird über Geschichte, über Privates und über die Punkte, wo sich die Themen überkreuzen. Nach 15 Kilometern begrüßt sie auf der Straße die Aufschrift: „WILLKOMMEN DAHAM“. Eine Deutsche erklärt einem Tschechen, wie man „daham“ übersetzen könnte.


Obwohl die Demonstrierenden den letzten Kilometer des „Versöhnungsmarsches“ in größerer Anzahl säumen und am Pfingstsonntag sogar mehrere Tausend Gegner:innen der Sudetendeutschen durch Brno ziehen, zeugt das Pfingstwochenende davon, dass die deutsch-tschechischen Beziehungen durchaus auf (vielen) festen Füßen stehen. Denn anders als es die tschechischen Protestierenden in diesen Tagen behaupten, sind diejenigen, die zu einem Sudetendeutschen Tag bis nach Tschechien fahren und auch am Festival Meeting Brno teilnehmen, keine, die ihre revisionistischen Ansprüche nur verschleiern oder Geschichte verleugnen. Es sind – das wird in vielen Gesprächen deutlich, die ich am Rande der Veranstaltungen führe – vielmehr die, die sich Tschechien durch die Geschichte ihrer Vorfahren besonders verbunden fühlen. Botschaften wie „Geh nach Hause, Hans!“ nehmen sie achselzuckend hin oder interpretieren sie kurzerhand in ihrem Sinne um: Willkommen daham in Brünn, Hans.
i Wörtlich „Die Vertreibung von Gerta Schnirch“; eine deutsche Übersetzung von Iris Riedel erschien unter dem Titel „Gerta. Das deutsche Mädchen“ (2018).
Titelbild: Der „Versöhnungsmarsch“ im Andenken an den Brünner „Todesmarsch“ führt 32 km von Pohořelice zurück nach Brno.
Alle Fotos in diesem Beitrag sind von der Autorin selbst aufgenommen worden.








