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Der erste Sudetendeutsche Tag in Tschechien – Impressionen am Rande eines Versöhnungsfests

Sabine Stach teilt ihre Beobachtungen vom Pfingstreffen der Sudetendeutschen Landsmannschaft, das erstmals in Tschechien stattfand – begleitet von Protestaktionen.

2026 fand das jährliche Pfingstreffen der Sudetendeutschen Landsmannschaft erstmals in Tschechien statt – als Teil des Kulturfestivals „Meeting Brno“. Beobachtungen am Rande einer kontrovers diskutierten Premiere.

In 2026, the Sudeten German Association’s annual gathering took place in the Czech Republic for the first time—as part of the “Meeting Brno” festival. Observations on the fringes of a controversial premiere.


Der mährische Platz (Moravské náměstí) in Brno ist am Freitag vor Pfingsten voller Tische. Eine der Biertischgarnituren läuft quer durch die überlangen Beine des modernen, acht Meter hohen Pferdestandbilds „Tapferkeit“ des Künstlers Jaroslav Róna. Die Sonne knallt erbarmungslos vom Himmel. Die besten Plätze sind die im Schatten des Pferdebauches. Auf den Bänken sitzen Deutsche und Tschech:innen, die zur Aktion „Brno u jednoho stolu“ (Brünn an einem Tisch), Teil des Festivals „Meeting Brno“, gekommen sind. Zwischen den Gästen stehen einzelne Demonstrant:innen mit tschechischen Flaggen und Transparenten herum, die von gegenseitiger Verständigung nichts hören wollen. Auf einem Schild ist der Bundesvorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL) Bernd Posselt, der selbst an einem der Tische sitzt, als Nazi dargestellt. Andere fordern: „Geht heim ins Reich!“ Angesichts der vielen, teils zweisprachigen Besucher:innen, die sich mit solchen Parolen nicht abfinden wollen, sind die Demonstrierenden permanent in Streitgespräche verwickelt. Sicherheitskräfte sorgen dafür, dass diese nirgends eskalieren.

Ein Gegendemonstrant inmitten des Begegnungsnachmittags „Brno u jednoho stolu“. Auf seinem Schild steht: „Posselt, Ihre Entschädigung müssen Sie in Berlin einfordern!“

Eine Einladung an Revisionisten?

Unter denen, die ein Schild mitgebracht haben, ist eine sympathisch aussehende Frau Mitte 50, lange Haare, langer Rock. Die Aufschrift auf ihrer Pappe ist zwar auf Deutsch formuliert, aber nicht einfach zu entschlüsseln – jedenfalls nicht ohne kulturgeschichtliche Detailkenntnisse über die Tschechoslowakei in den 1960er Jahren. „Geh nach Hause Hans, Natascha wartet auf Dich!“, steht da. Wie die Demonstrantin auf Nachfrage verrät, spielt der Spruch auf ein Lied des Komponisten Jaromír Vomáčka an, mit dem dieser gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings protestierte. Darin ruft er dem Sowjetsoldaten Ivan zu, er möge nach Hause gehen, wo seine Natascha auf ihn warte. Die Analogie ist schief, aber die Bedeutung ist klar: Okkupanten will auch die Brünnerin im Jahr 2026 nicht akzeptieren. Sie richtet sich damit gegen die Mitglieder der Landsmannschaft, die ab dem nächsten Tag in Brno ihr jährliches Pfingsttreffen abhalten – zum ersten Mal in Tschechien.

Dass der Sudetendeutsche Tag in diesem Jahr nicht in Bayern, sondern in der „alten Heimat“ der Vertriebenen stattfindet, hatte bereits im Vorfeld zu hitzigen Debatten in Tschechien geführt. Die Regierungskoalition aus Babišs ANO, der rechtsradikalen SPD (Svoboda a přímá demokracie, dt.: Freiheit und direkte Demokratie) und den rechtspopulistischen Motoristen initiierte eine Protest-Resolution; im Brünner Stadtrat war es zu Tumulten gekommen. Der Vorwurf lautet, dass trotz der Versöhnungsrhetorik in der Landsmannschaft noch immer revisionistischen Haltungen bestünden. Zugleich richtet sich der Zorn gegen Meeting Brno. Der tschechische Verein setzt sich seit Jahren für eine kritische Auseinandersetzung mit der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung nach dem Kollektivschuldprinzip und eine Verständigung beider Seiten ein. Dieser Einsatz gipfelte nun in der Einladung der Landsmannschaft nach Brno.

Auch wenn es kaum einer ihrer Adressaten verstehen dürfte, spielt die Demonstrantin mit ihrem Vomáčka-Zitat somit auf ein weiteres tschechisches Trauma an – den Einladungsbrief, den einige Widersacher Alexander Dubčeks im Prager Frühling nach Moskau sandten, um Hilfe im Kampf gegen die heimische „Konterrevolution“ zu erbitten. Das Schreiben gilt als formale Legitimation für die Invasion der Warschauer-Pakt-Truppen im August 1968. Dieser Analogie zufolge sind die Akteure von Meeting Brno die neuen Verräter:innen der Nation: Ihr Einsatz für europäische Verständigung marginalisiere die Verbrechen der Deutschen und gefährde die nationale Souveränität.

Das Geschichtsbild der Demonstrierenden auf einer Barrikade aus Pappkartons. Einer der Slogans darauf lautet: „Lasst uns keine Wunden öffnen, die die Geschichte geschlossen hat!“

Deutsch-Tschechische Versöhnung

Es mag überraschen, dass nationalistische Kräfte die antideutsche Karte auch 80 Jahre nach der Vertreibung noch erfolgreich ausspielen. Denn gerade das Festival Meeting Brno steht sinnbildlich für die stetige Verbesserung der binationalen Beziehungen seit den 1990er Jahren. Ein Meilenstein hierfür war die Deutsch-Tschechische Erklärung von 1997, vor allem aber die Neuausrichtung der Sudetendeutschen Landsmannschaft, die 2015 den Verzicht auf jegliche Besitzforderungen erklärte. Auch von unten sind im Laufe der Jahre unzählige Kooperationen gewachsen – etwa im Grenzgebiet, wo Lokalgeschichtsschreibung und Denkmalpflege längst auch das deutsche Erbe einschließen. Zögerlicher verlief lange Zeit die Aufarbeitung der Gewalt, die Tschech:innen nach dem Krieg an Deutschen verübten. Bis heute gibt es nicht viele Denkmale, die an lokale Gewaltexzesse und die sogenannten wilden Vertreibungen erinnern. Eine Vorreiterrolle in der Auseinandersetzung mit diesem Kapitel der tschechischen Geschichte spielt die Stadt Brno. Im selben Jahr, in dem die Sudetendeutsche Landsmannschaft die Rückforderung von Eigentum aus ihrer Verbandssatzung strich, veröffentlichte der Stadtrat seine „Brünner Erklärung“, die die Vertreibung als solche benannte und bedauerte.

Hintergrund des besonderen Engagements ist der „Brünner Todesmarsch“, bei dem Ende Mai 1945 27.000 Menschen aus der Stadt getrieben wurden und mehrere Tausend starben. Einige von ihnen sind in einem Massengrab in Pohořelice, 30 km südlich von Brno, begraben. Der breiteren Bevölkerung bekannt wurde dieses Ereignis erst 2009 mit dem Roman „Vyhnání Gerty Schnirch“i von Kateřina Tučková. Die Schriftstellerin war es auch, die den „Pilgerweg der Versöhnung“ (tsch. „pouť smíření“) mit initiierte – einen Gedenkmarsch, der seit 2015 in umgekehrter Richtung den Todesmarsch nachvollzieht. Was mit einer kleinen Gruppe begann, ist über die Jahre zu einem Großevent angewachsen: am Pfingstsamstag dieses Jahres kamen in Pohořelice 2000 Menschen zusammen, mehr als 1000 von ihnen pilgerten anschließend nach Brno.

Geh nach Hause // Willkommen Daham

Zum Auftakt des Gedenkmarsches ist auch die Demonstrantin vom Freitag gekommen. In der Hand ihre Aufforderung an Hans, steht sie mit einem Dutzend ihrer Mitstreiter:innen am Feldrand, während der deutsche Innenminister und andere sprechen und Blumen niederlegen. Nur wenige Minuten vorher hatten die Veranstalter rote Hakenkreuze von den Gedenksteinen am Massengrab abgewaschen. Die Polizei ermittelt. Die Protestierenden werden von Journalist:innen umschwärmt, bleiben aber Zaungäste. Ihre antideutschen Botschaften lässt die riesige Wandergruppe Schritt für Schritt hinter sich. Allenthalben hört man deutsche, tschechische, englische Wortfetzen. Gesprochen wird über Geschichte, über Privates und über die Punkte, wo sich die Themen überkreuzen. Nach 15 Kilometern begrüßt sie auf der Straße die Aufschrift: „WILLKOMMEN DAHAM“. Eine Deutsche erklärt einem Tschechen, wie man „daham“ übersetzen könnte.

Obwohl die Demonstrierenden den letzten Kilometer des „Versöhnungsmarsches“ in größerer Anzahl säumen und am Pfingstsonntag sogar mehrere Tausend Gegner:innen der Sudetendeutschen durch Brno ziehen, zeugt das Pfingstwochenende davon, dass die deutsch-tschechischen Beziehungen durchaus auf (vielen) festen Füßen stehen. Denn anders als es die tschechischen Protestierenden in diesen Tagen behaupten, sind diejenigen, die zu einem Sudetendeutschen Tag bis nach Tschechien fahren und auch am Festival Meeting Brno teilnehmen, keine, die ihre revisionistischen Ansprüche nur verschleiern oder Geschichte verleugnen. Es sind – das wird in vielen Gesprächen deutlich, die ich am Rande der Veranstaltungen führe – vielmehr die, die sich Tschechien durch die Geschichte ihrer Vorfahren besonders verbunden fühlen. Botschaften wie „Geh nach Hause, Hans!“ nehmen sie achselzuckend hin oder interpretieren sie kurzerhand in ihrem Sinne um: Willkommen daham in Brünn, Hans.


i Wörtlich „Die Vertreibung von Gerta Schnirch“; eine deutsche Übersetzung von Iris Riedel erschien unter dem Titel „Gerta. Das deutsche Mädchen“ (2018).


Titelbild: Der „Versöhnungsmarsch“ im Andenken an den Brünner „Todesmarsch“ führt 32 km von Pohořelice zurück nach Brno.

Alle Fotos in diesem Beitrag sind von der Autorin selbst aufgenommen worden.

Den Osten der Mitte Europas neu in den Blick nehmen: Zur Vorgeschichte des GWZO (1990-1995)

Frank Hadler schreibt als Historiker und Zeitzeuge über die Entstehung und Vorgeschichte des GWZO.

Das GWZO ist eine wissenschaftspolitische Innovation, mit der Leipzig seit 1996 zum internationalen Zentrum geisteswissenschaftlichen Forschens über, mit und im östlichen Europa wurde. Als Historiker und Zeitzeuge zugleich behandele ich, wie eng die institutionelle Vorgeschichte des GWZO und die deutsche Vereinigungsgeschichte ab 1990 zusammenhingen.

The GWZO is a groundbreaking initiative in the field of science policy, which has established Leipzig as an international centre for humanities research on, with and within Eastern Europe since 1996. As both a historian and a contemporary witness, I examine the close links between the institutional history of the GWZO and the history of German reunification from 1990 onwards.


Einladung zur Jubiläumstagung des GWZO, Archiv GWZO.

Im vergangenen Jahr hatte das Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) nach Leipzig geladen, um bei einer Jubiläumstagung „30 Jahre Forschungen zum östlichen Europa“ Revue passieren zu lassen. Startpunkt dieser Zeitrechnung ist Oktober 1995, als das Geisteswissenschaftliche Zentrum für Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas gegründet worden war, dessen Kürzel GWZO rasch auch international zu (s)einem bis heute genutzten Markenzeichen wurde. Zur Eröffnung Anfang Juni 1996 begann der damalige Sächsische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Hans Joachim Meyer, seine Ansprache mit dem Satz: „In einer Zeit, in der die Wissenschaft weithin als das zu zertrümmernde Sparschwein der Nation gilt, hat ein Ereignis wie das heute Seltenheitswert.“ Er schloss mit dem Gedanken, ohne die Gründung von Forschungszentren wie dem GWZO „wäre eine der wenigen wissenschaftspolitischen Neuerungen, die uns die Einheit brachte, am Ende doch noch den Bach heruntergegangen“.

Aus: Mitropa. Jahresheft des Leibniz-Instituts für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO), 2025/26, S. 13.

Beide Aussagen verweisen auf eine turbulente Vorgeschichte, die ich hier mit dem zeitlichen Abstand dreier Dekaden (1995 bis 2025) in den Blick nehmen möchte. Als Wissenschaftshistoriker, der in die institutionelle Vergangenheit seines eigenen geschichtsforschenden Tuns blickt, habe ich mich dabei an das gehalten, was der Wissenschaftspolitiker Prof. Meyer mit dem Abstand dreier Quartale (Oktober 1995 bis Juni 1996) getan hat: „nicht in den Fehler verfallen, die Vorgeschichte des heutigen (also damaligen – F.H.) Tages unangemessen zu dramatisieren.“

Genau genommen begann die Vorgeschichte des GWZO Leipzig am 3. Juli 1990 in Bonn. Hier trafen sich Spitzenvertreter von Bund, Wissenschaftsorganisationen und Ländern zu einem „Kamingespräch“. Zugegen war auch der letzte DDR-Minister für Bildung und Wissenschaft – Hans Joachim Meyer. Allgemein ging es um die Zukunft der außeruniversitären Forschung in der Bundesrepublik nach dem Beitritt der neuen Länder, konkret um das Schicksal der Akademie der Wissenschaften der DDR (AdW), deren Institute nach Einigungsvertrag § 38 als Einrichtungen der neuen Länder und mit einer Übergangsfinanzierung durch den Bund bis Ende 1991 fortgeführt, dann aber geschlossen werden sollten.

Ich war damals Historiker am Institut für Allgemeine Geschichte (IAG) in Berlin tätig. Noch vor Ende 1989 wurde ich, eben erst am 14. September promoviert, von der Belegschaft in den „Wissenschaftlichen Rat“ gewählt, der das Institut nach Absetzung des Direktors leitete. Als zeitweiliger Sprecher dieses Gremiums kam mir die im Sommer 1990 verkündete Schließungsentscheidung eigentlich undramatisch vor. War doch gleichzeitig eine Begutachtung durch den Wissenschaftsrat (WR) beschlossen worden. Hierbei, so meine feste Erwartung, würde man schon zeigen können, was man wissenschaftlich kann. Ich konnte es mit Erfolg tun. Die allermeisten der ca. 30.000 AdW-Beschäftigten in den 130 wissenschaftlichen Einrichtungen, die zwischen September 1990 und Ende Juni 1991 vom Wissenschaftsrat „begangen“ und evaluiert worden waren, haben dies nicht vermocht.

Aus meinen Recherchen für diesen Beitrag weiß ich, dass in der WR-Geschäftsstelle seinerzeit diskutiert worden ist, „mit dem wissenschaftlichen Potential der ehemaligen DDR Neues zu gestalten“. Die forschungspraktische Umsetzung der als Innovation in den bundesdeutschen Geisteswissenschaften konzipierten Gründung von Forschungsschwerpunkten (FSP)1 war schließlich der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) angetragen worden. Sie schuf zum 1.1.1992 in München die Förderungsgesellschaft wissenschaftliche Neuvorhaben mbH, von der – neben sechs anderen – auch der Berliner FSP Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas betreut wurde. MPG-Vizepräsident Franz E. Weinert ließ wenig Zweifel an der Dramatik „im Spätherbst 1991“, als in Berlin, Potsdam und Halle (Saale) Räume beschafft und „aus einer großen Zahl von Bewerbungen in einem aufwändigen Verfahren etwa 100 Wissenschaftler und eine größere Zahl nichtwissenschaftlicher Mitarbeiter ausgewählt“ werden mussten.

Mit Blick darauf, dass die FSP auf drei Jahre angelegt waren, hatte sich eine „Präsidentenkommission Geisteswissenschaften“ der MPG bereits im Sommer 1993 mit Empfehlungen an den Wissenschaftsrat gewandt. Die dortige Arbeitsgruppe arbeitete jedoch sehr langsam, was man seitens der MPG als „eine Zumutung“ (Mitchell G. Ash) ansah, weil die Arbeitsverträge der Belegschaften in den FSP zum Ende des Jahres 1994 auslaufen sollten. Es entstand so eine „Zitterpartie“, während der die Vorsitzenden der einzelnen FSP-Betriebsräte (für den Ostmitteleuropa-Schwerpunkt war das ich) eng und regelmäßig mit dem Geschäftsführer der Förderungsgesellschaft Wieland Keinath in vertrauensvollen Beratungen standen.

Aus den Akten wissen wir, dass der MPG-Verwaltungsrat im März 1994 eine Verlängerung der Betreuung der FSP um ein Jahr in Aussicht gestellt hatte. Schon im Folgemonat wurde dieser Vorschlag von der Bund-Länder-Kommission angenommen. Am 11.11.1994 schließlich veröffentlichte der Wissenschaftsrat seine „Empfehlungen zur Förderung Geisteswissenschaftlicher Zentren“. Im Interesse „interdisziplinärer, kooperativer und projektorientierter sowie kulturwissenschaftlich und international ausgerichteter Forschung in den Geisteswissenschaften“ sollten diese zu Anfang 1996 gegründet werden.

Erste Leipziger Adresse nach dem Umzug aus Berlin, Archiv GWZO.

Leipzig als Standort für ein Ostmitteleuropa-Zentrum war auf Wunsch des Freistaates Sachsen und der Universität Leipzig empfohlen worden. Nach erfolgreicher Standortsuche im Leipziger Stadtteil Lindenau zog die Belegschaft des FSP Ostmitteleuropa zu Jahresbeginn 1996 von der Leipziger Straße in Berlin nach Leipzig in die Luppenstraße um. Auf institutionell gesicherterer Grundlage konnten Geschichte und Kultur im Osten der Mitte Europas nun von hieraus neu in den Blick genommen werden. Vertreter*innen von Geschichtswissenschaften, Literaturgeschichte, Kunstgeschichte, Archäologie und Namenkunde arbeiteten weiterhin erfolgreich interdisziplinär und in vergleichender Absicht zusammen.

Bereits in seiner Vorgeschichte hat das GWZO aus dem Osten in den Westen gewirkt, was dort sowohl Mitnahme- als auch Nachahmungseffekte bewirkte. Unmittelbar nachdem Ostmitteleuropa 1992 in den Namen des Forschungsschwerpunktes gekommen war, wurde die Marburger „Zeitschrift für Ostforschung“ mit einem neuen Konzept ausgestattet und erscheint seit 1993 als „Zeitschrift für Ostmitteleuropaforschung“2. Herausgebereinrichtung ist das Herder-Institut, das sich selbst vor circa zehn Jahren in „Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung“ umbenannte. Das geschah, als sich nach erfolgreichem Antrag des Freistaates Sachsen auf dauerhafte Bund-Länder-Finanzierung für das GWZO jene institutionell gesicherte Zukunft in der Leibniz-Gemeinschaft abzuzeichnen begann, die im Ergebnis einer erneuten Evaluierung durch den Wissenschaftsrat 2017 zur außeruniversitären Instituts-Wirklichkeit wurde.

Beim Jubiläumsrückblick auf die Instituts-Vergangenheit des GWZO Leipzig wurde der Erinnerung an die Berliner Jahre nur wenig Raum gegeben. Ich habe mich diesem Zeitraum zugewandt, weil er sowohl zur Vor- und Erfolgsgeschichte des Leibniz-Instituts für Geschichte und Kultur des östlichen Europa, als auch zur Nachwendegeschichte der außeruniversitären geisteswissenschaftlichen Forschung in der Bundesrepublik Deutschland gehört.


  1. Siehe hierzu auch den Beitrag von Krijn Thijs in dieser Blogserie über die Entstehungsgeschichte des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF), welches in den 1990er Jahren ebenfalls zunächst als Forschungsschwerpunkt der Max-Planck-Gesellschaft entstanden ist. ↩︎
  2. Siehe Heidi Hein-Kircher und Antje Coburger, die in ihrem Blogbeitrag “Kontinuitäten der Ostforschung am Herder-Institut” den (langen) Weg dorthin darlegen. ↩︎

Titelbild: Archiv GWZO.

Kontinuitäten der Ostforschung am Herder-Institut

Heidi Hein-Kircher und Antje Coburger über die ideologischen und personellen Kontinuitäten der Ostforschung am Herder-Institut von der Gründung 1950 bis in die frühen 1990er Jahre.

Zentrum der Ostforschung wurde 1950 des Herder-Institut in Marburg. Der Beitrag verweist auf ideologische und personelle Kontinuitäten eines Forschungsparadigmas der Weimarer und NS-Zeit. Das Herder-Institut sollte an die Volks- und Kulturbodenforschung anknüpfen und die deutschen zivilisatorischen Leistungen in Ostmitteleuropa erforschen.

In 1950, the Herder Institute in Marburg became the center of research on East Central Europe. This article highlights the ideological and personnel continuities of a research paradigm dating back to the Weimar and Nazi times. It was intended to build on the research into “Volksboden” and “Kulturboden” and to investigate Germany’s civilizational achievements there.


Die Anfänge und Entwicklung des Herder-Instituts (HI) bis in die frühen 1990er Jahre waren von ideologischen und zunächst auch von personellen Kontinuitäten aus der Weimarer Republik und des NS gekennzeichnet. Die Akteure standen auf dem Boden des gesellschaftlichen und politischen Grundkonsenses, der in Bezug auf die Grenzen von 1937 rechtlich sanktioniert war. Sie waren bestrebt, die Ostforschung im Sinne der früheren Forschungen zum Deutschtum im Osten voranzubringen, jedoch nicht danach, die nicht-deutsche Geschichte der Region zu analysieren.

Das Herder-Institut als „neue Puste“

Bereits direkt nach Kriegsende sollte die Ostforschung so fortgeführt werden, wie sie sich seit der Weimarer Zeit begonnen hatte herauszubilden, nämlich als fächerübergreifende Forschung zum „deutschen Osten“. Es entwickelte sich ein Wettlauf um ihre Wiederbelebung. Die (neu)gegründeten regionalgeschichtlichen Kommissionen und der Göttinger Arbeitskreis mit dem Schwerpunkt auf der deutschbaltischen und russlanddeutschen Geschichte hatten eigene Ideen entwickelt, wie die Ostforschung weiterzuführen sei. Den Wettlauf gewannen jedoch die Initiatoren des Herder-Forschungsrates (HFR), indem sie im April 1950 das Herder-Institut gründeten. Nach dem Münchener Historikertag kam es noch 1949 zu einer Tagung, um die Wissenschaftler zu sammeln und anzuspornen, die Publikationsstelle („Puste“), wie sie seit 1931 beim Preußischen Staatsarchiv bestanden hatte, zu erneuern. Der Bund solle eine verantwortungsvolle Ostforschung sichern. Ein solches Institut sei umso wichtiger, so Johannes Papritz, Historiker und Direktor der Marburger Archivschule (1954-1963), im Jahr 1950, weil eine Verankerung der Ostforschung als Forschung zum „deutschen Osten“ an den Universitäten nicht zu erwarten sei. In diesem Geiste wurden der HFR als Trägerverein und das HI gegründet: Es ging um den Anspruch, die Ostforschung der Weimarer und NS-Forschungseinrichtungen, insbesondere die Publikationsstelle Berlin-Dahlem (Puste), fortzuführen.

Das erste Institutsgebäude, die sog. Burse (erbaut um 1876), Am Rotenberg 21, Marburg. Foto: C. Junghänel, HI Bildarchiv.

Der Herder-Forschungsrat als „Akademie“ der Ostforschung

Ambitioniertes Ziel der HFR-Gründer war es, dass das HI den Mittelpunkt der künftigen Ostmitteleuropaforschung bilden sollte. Der HFR wurde wie eine Akademie der Wissenschaften konzipiert: Maximal 40 Mitglieder sollten berufen werden. Erste Mitglieder des Forschungsrates waren Geistes- und Sozialwissenschaftler, deren biografische Wurzeln und akademische Karrierestationen in Gebieten östlich der Oder-Neiße-Grenze lagen, die vom deutschen Volkstumsgedanken und allgemein völkischen Vorstellungen geprägt waren. Ziel der HFR-Arbeit war es, den Status der Ostforschung als einer in Kategorien des „Volkstums“ denkenden fächerübergreifenden Disziplin, die auf die Erforschung deutscher Bevölkerung und Kulturleistungen in Ostmitteleuropa gerichtet war, im deutschen Fächerkanon als „Ganzheitsforschung“ mit einem Fokus auf das östliche Mitteleuropa zu erhalten.

Die „zusammengeschmolzene Schar der Ungebrochenen“, wie das Editorial im ersten Heft der Zeitschrift für Ostforschung diese Ostforscher mit einem gewissen Respekt charakterisiert, bestand somit auch aus Wissenschaftlern, die an den ehemaligen Ostuniversitäten Posen, Breslau und Königsberg wissenschaftlich sozialisiert worden waren. Ein großer Teil der Mitarbeiter des Instituts und des Forschungsrats hatte vor 1945 auch dem Wissenschafts- und Behördenapparat des „Dritten Reiches“ angehört und war in unterschiedlichem Ausmaß in die Bearbeitung politisch-ideologischer Fragestellungen und die nationalsozialistische Politik hinsichtlich der Deutschen im europäischen Osten eingebunden.

Personelle Kontinuitäten

Die Gründergeneration stand also personell wie inhaltlich stark in der Tradition der deutschen Ostforschung der Zwischenkriegszeit und des Nationalsozialismus. Die ersten Forschungsrats-Präsidenten Hermann Aubin, Eugen Lemberg, Günther Grundmann und Kurt Dülfer, sowie die Institutsdirektoren der Anfangsjahre, Werner Essen, Erich Keyser und Hellmuth Weiss, stehen für diese Kontinuitäten. Die Gründungsväter des HFR waren jedoch mehr als nur vertriebene oder geflohene Wissenschaftler, bzw. Wissenschaftler, die Aufgrund des Zusammenbruchs des Deutschen Reiches ihre Stellung verloren hatten: Sie bezeichneten sich als ein „alter Freundeskreis“, der sich zusammengefunden habe, um „die verstreuten Kräfte zu sammeln und neue Forschungsstätten aufzubauen.“ Hierbei beschreibt „alter Freundeskreis“ euphemistisch einen engen Kern von scheinbar weniger belasteten Ostforschern, weil beispielsweise der stark NS-belastete Peter Heinz Seraphim nicht eingeladen war.

Im Gebäude der Deutschen Burse war das Herder-Institut 1950-52 untergebracht. Foto: Dokumentesammlung Herder-Institut, ohne Signatur.

Keine programmatische „Stunde Null“

Die Gründerväter standen insgesamt in ideologischer Tradition der Volks- und Kulturbodenforschung und der Forschungen zum Grenz- und Auslandsdeutschtum, ohne dass sie eine inhaltliche Selbstkritik übten. Die Akteure grenzten die Ostforschung von der Osteuropaforschung, verstanden als Russlandforschung, und von der Südosteuropaforschung ab. Es ging ihnen um die Beforschung der Regionen, die mit deutschsprachiger Bevölkerung durchdrungen waren. Papritz folgerte etwa 1950, dass verhindert werden müsse, dass nach dem „Verlust der deutschen Ostgebiete“ auch die Erinnerung an die historische Leistung des dortigen Deutschtums verloren ginge. Bei der Gründungsversammlung des HFR und des HI betonte Hermann Aubin im April 1950: „Wir brauchen uns nicht umzustellen. Natürlich geht es weiter, wie stets, um die reine Wahrheit.“ Diese Worte verweisen klar auf einen fehlenden Willen zu einem programmatischen Neuanfang.

Kontinuitäten völkischen Gedankenguts

Die Gründungsrede Aubins knüpft an die Volks- und Kulturbodenforschung und das Narrativ des an den Rändern bedrohten Auslands- und Grenzdeutschtums der Zwischenkriegszeit an. Er postulierte zwar einen „neuen Anfang der Ostforschung“, seine Gründungsrede verweist jedoch schon auf sprachlicher Ebene auf eine geringe Distanzierung vom Osteuropa-Bild der althergebrachten Ostforschung, zu dessen Repräsentanten er vor 1945 auch gehört hatte. Dies wird etwa in seinem Urteil über die Vertreibung der Deutschen deutlich: Es habe sich die „völkische Zusammensetzung“ der „Osthälfte unseres Erdteiles“ verändert, da früher die „räumliche Durchdringung der Völker ein Kennzeichen dieses Raumes war“. „Zwei Kulturkreise ausgeprägten Charakters“ würden in Ostmitteleuropa als unversöhnliche Lager aufeinanderprallen. Es sei eine „Entmischung versucht worden, die ihn von [deutschen] Elementen entleert hat, die zum Teil seit Jahrhunderten seine Gesittung bestimmt oder mitbestimmt haben.“ Er stellte eine „Ostausbreitung der abendländischen Kultur“ fest, die durch deutsche Vermittlung weit über die Ostgrenze des deutschen Volksbodens hinausgedrungen“ sei. Diese Haltung repräsentiert das Abendland-Denken als Teil eines kulturellen Überlegenheitsgefühls, das mit der Vorstellung einer Zivilisierungsmission einherging.

Bauzeichnung der Hensel-Villa (erbaut 1906), die heute das Institut beherbergt. Foto: Dokumentesammlung Herder-Institut, Signatur: DSHI_200_HFR_HI_958_6.

Entwicklung des HI seit 1950

Die zuständigen Ministerien, das Bundesministerium des Inneren und das Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen, sahen das Herder-Institut als Einrichtung wissenschaftlicher Grundlagenforschung. Insgesamt zeigen die Förderrichtlinien, dass die Arbeit des HI letztlich bis 1994 mit den ostpolitischen Zielsetzungen der Bundesregierung verbunden war. Zugleich sollte seine Arbeit nicht zu innen- oder außenpolitischen Belastungen führen.

Insgesamt wuchs das HI jedoch seit Mitte der 1950er Jahre trotz dieser politischen Prämissen zu einer Kontaktstelle des Austausches mit osteuropäischen Kollegen heran, obwohl die Deutschtumszentrierung hierfür ein Problem blieb. Das HI folgte bis Ende der 1980er Jahre dem Paradigma der Ostforschung, sodass die großen Zäsuren und Veränderungen in der Ostpolitik und in Osteuropa nur verspätet und schrittweise zu einem veränderten Arbeitsprofil führten. Erst Mitte der 1990er Jahre wurde nominell und institutionell der Wandel des Selbstverständnisses von deutschtumszentrierter Ost- zu einer komplexen, integrativen und auf die Entwicklung der jeweiligen Nationen ausgerichteten Ostmitteleuropaforschung vollendet. Ergebnis dieses Prozesses waren die Umbenennung der Zeitschrift für Ostforschung in Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung und die Aufnahme des HI in die Leibniz-Gemeinschaft.


Literatur

Aubin, Hermann: An einem neuen Anfang der Ostforschung, in: Zeitschrift für Ostforschung 1 (1952), S. 3-16. DOI: 10.25627/1952118

Hackmann, Jörg: „An einem neuen Anfang der Ostforschung“. Bruch und Kontinuität in der ostdeutschen Landeshistorie nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Westfälische Forschungen 46 (1996), S. 232-258.

Hein-Kircher, Heidi / Schutte, Christoph: Von der Zeitschrift für Ostforschung zur Zeitschrift zur Ostmitteleuropa-Forschung / Journal of East Central European Studies – eine programmatische Titeldebatte, in: Matthias Chichon et al. (Hrsg.): Den Slawen auf der Spur. Festschrift für Eduard Mühle zum 65. Geburtstag, Marburg 2022, S. 249-268.

Kleindienst, Thekla: Die Entwicklung der bundesdeutschen Osteuropaforschung im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Politik, Marburg 2009.


Titelbild: Zeichnung Villa des Prof. Dr. Kurt Hensel (erbaut 1905), dem heutigen Direktionsgebäude am Gisonenweg, HI, Album 3_014a.