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Erbe ohne Erinnerungsort: Baracken im Nationalsozialismus

Jannik Noeske geht Ursprung und Erbe der typischen Holzbaracken auf die Spur, wie sie insbesondere in Konzentrationslagern errichtet wurden.

Einfache Holzbaracken wurden im Nationalsozialismus in großer Stückzahl hergestellt. Entworfen wurden sie in der sächsischen Kleinstadt Niesky – und dann in ganz Europa produziert. Dieses Erbe ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Knappe Kassen und die politische Lage erschweren die Situation zusätzlich.

Simple wooden barracks were mass-produced under National Socialism. Designed in the small Saxon town of Niesky, they were then built across Europe. Today this heritage has largely fallen into oblivion — made worse by austerity scarce funding and a difficult political climate.


Ein unscheinbares Ausstellungsobjekt wird sie gewesen sein, die Holzbaracke auf der Sonderausstellung »Landeskultur und Arbeitsbeschaffung« auf der 39. Landwirtschaftsausstellung, die Ende Mai 1933 auf dem Berliner Messegelände abgehalten wurde. Kaum einer konnte ahnen, dass keine zehn Jahre später fast exakt dieser Bautyp in hunderttausendfacher Kopie in großen Teilen Europas her- und aufgestellt werden würde. Bei der Ausstellung der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) war das Gebäude Teil einer Freiluft-Ausstellung zur Bodenmelioration, wie sie häufig durch den späteren Reichsarbeitsdienst (RAD) ausgeführt wurde. Damit versprach die Baracke als Ausstellungsobjekt Arbeit, Brot und Boden. Sie stand sinnbildlich für Themen, die früh von der nationalsozialistischen Bewegung vereinnahmt und zur Mobilisierung großer Teile der deutschen Bevölkerung genutzt werden konnten. Über 300.000 Menschen besuchten die Schau.

Die DLG-Ausstellung 1933 in Berlin. Quelle: Zeitschrift »Deutscher Arbeitsdienst« 10/1933, S. 200.

Ein Freiwilliger Arbeitsdienst als Versuch der Arbeitsbeschaffung bestand zu diesem Zeitpunkt schon seit einigen Jahren, war aber bis 1933 wenig erfolgreich geblieben. Rasch entwickelte er sich nach 1933 zu einem wichtigen Propagandaprojekt der NSDAP. Die Aussicht, eine desillusionierte Generation aus der Krisenerfahrung von 1929/30 herausführen zu können, fruchtete bald.

Für das Versprechen von Binnenkolonisation und »Brot aus deutscher Scholle« war es wichtig, die einzelnen Arbeitsdienst-Abteilungen räumlich flexibel einsetzen zu können. So setzte sich der verantwortliche Ingenieur bei der Reichsleitung des Arbeitsdienstes, Alfred Künzel, schon früh dafür ein, große Holzbaukonzerne für ein solches Großprojekt gewinnen zu können. Die Baracke der DLG-Ausstellung wurde durch Christoph & Unmack aufgestellt, ein schon damals bedeutendes Unternehmen im Holzbau. Schon seit dem 19. Jahrhundert entwickelte man dort transportable, zerlegbare Holzbaracken. Diese dienten den Bedürfnissen des Militärs, des Krankenwesens und wurden auch in Kolonien verwendet, etwa bei Expeditionen oder beim Eisenbahnbau.

RAD-Baracke Typ RL IV/3, Typenblatt von 1936. Quelle: Konrad-Wachsmann-Haus Niesky.

Bis 1935 wurden Arbeitsdienstabteilungen im gesamten Deutschen Reich aufgestellt, so dass eine allgemeine Dienstpflicht zunächst für junge Männer eingeführt werden konnte. Dies war nicht nur für Christoph & Unmack ein einträgliches Geschäft. Fast alle neuen Arbeitsdienstlager wurden mithilfe der von C&U entwickelten RAD-Baracken aufgebaut. Auch etwa die Reichsautobahnlager bauten auf diesem Typ auf. Schon 1936 und 1937 wurden diese Holzbauten aber auch beim Aufbau der SS-Konzentrationslager in Sachsenhausen, Buchenwald und bei der Erweiterung des Lagers in Dachau verwendet. 1938 folgten die Lager zur Errichtung des sogenannten Westwalls und ab 1939 war es die Wehrmacht, die große Aufträge vergab.

Produktion in ganz Europa

Schon länger reichten die Einschläge in deutschen Forsten nicht aus, um die Bedürfnisse an Bauholz sicherzustellen, die die nationalsozialistische Industriepolitik im Zuge der Kriegsvorbereitung hervorgebracht hatte. Daran konnte auch eine Erhöhung der Einschlagquoten nichts ändern. Erst der Zugriff auf Waldgebiete der besetzten und verbündeten Staaten ab 1939 erlaubte die enorme Steigerung der Barackenproduktion. Noch im ersten Kriegsjahr wurden Abkommen zur Lieferung von Holzbauten mit der schwedischen und finnischen Holzindustrie abgeschlossen. Auch ein Schweizer Holzbausyndikat schloss einen Vertrag mit der SS.

Zwei Beispiele aus Südosteuropa illustrieren diese internationale Dimension, die zwischen Kollaboration, verbrecherischer Ausbeutung und nachhaltig wirksamen Investitionen oszilliert. In den waldreichen Gebieten im Südosten Europas war es deutsches Kapital, das die dortige Forstindustrie für die Bedürfnisse der deutschen Kriegswirtschaft ertüchtigte. Im 1939 gegründeten Slowakischen Staat – mit einer faschistischen, von NS-Deutschland abhängigen Regierung – investierte der Hamburger Reemtsma-Konzern in die Fließbandfertigung von Baracken in Turany. Der Forstwissenschaftler Johann Albrecht von Monroy hatte die Idee aus den Vereinigten Staaten mitgebracht: eine Barackenfabrik direkt im Wald. Dort wurde das in der Umgebung hergestellte Rundholz direkt zu RAD-Baracken weiterverarbeitet. Im ersten Jahr produzierte das Werk schon über 1000 Baracken und steigerte bis 1944 seine Kapazität auf täglich 7,5 Baracken.

Verfallende Fabrikbauten in Turany (Slowakei) erzählen von der Industriepolitik der Nazis in der Slowakei während des Zweiten Weltkriegs. Eigenes Foto, März 2026.

In Zavidovići in Bosnien, das nach dem Überfall auf die Balkanregion dem neuen, ebenfalls mit NS-Deutschland verbündeten Unabhängigen Staat Kroatien angehörte, war es die Firma HOBAG aus Breslau (heute Wrocław), die sich auf Kosten der dortigen Waldbestände und gegen den Widerstand lokaler Partisanengruppen an der deutschen Kriegsführung bereicherte. Ab dem Sommer 1941 bis Ende 1942 liefen hier bereits 846 Baracken vom Band. Die HOBAG unterhielt auch Barackenwerke in Galizien, wo sie systematisch KZ-Gefangene für die Arbeit in den Holzwerken ausbeutete. Dort fanden viele von ihnen bei der Arbeit den Tod.

Die SS orderte Gefängnisbaracken in Zavidovići (Bosnien), hier für ein Lager in Bromberg (heute Bydgoszcz), beim HOBAG-Werk in Zavidovići in Bosnien. Quelle: Historisches Museum Sarajevo.

Barackenentwürfe aus Niesky

Schon seit 1933 waren die Baracken nach Nieskyer Entwürfen durch ein ganzes Netzwerk an Betrieben hergestellt worden. Es reichte, die Pläne über die RAD-Verwaltung als sogenannte Typenblätter anzufordern. Um die weitere Rationalisierung der Barackenproduktion zu gewährleisten, formalisierte der Reichsarbeitsdienst die Kooperation mit Christoph & Unmack. So wollte die Reichsleitung des RAD die Zusammenarbeit verbessern und weitere Barackentypen ins Programm aufnehmen. 1939 wurde aus diesem Konstruktionsbüro die »Forschungs- und Konstruktionsgemeinschaft der Reichsleitung des Arbeitsdienstes und der Deutschen Holzbaukonvention«, kurz: FOKORAD.

Das FOKORAD-Gebäude in Niesky. Bild: Konrad-Wachsmannhaus Niesky.

Über die Arbeitsweise des Büros ist wenig bekannt. Hinweise ergeben sich aber durch das Bürogebäude, das die FOKORAD nutzte und das bis heute existiert. Wahrscheinlich ist, dass ehemalige Kriegsgefangenbaracken aus dem Ersten Weltkrieg in der Neuhofer Straße in Niesky schon zuvor als Sitz gedient hatten. 1940 wurden sie aber umfassend um- und neugebaut. Der als eingeschossige Bau aus Holz-Fertigteilen entworfene FOKORAD-Sitz beherbergte nur einige Zeichentische, eine kleine Anzahl von Verwaltungs- und Funktionsräumen sowie einen Schulungsraum. In den letzten Kriegstagen floh die FOKORAD nach Hermsdorf in Thüringen, das Gebäude selbst wurde geplündert. Schon bald wurde es aber durch Volkseigene Betriebe wieder genutzt und überstand dadurch die Zeit. Erst zuletzt wurde seine seit 1940 kontinuierliche Nutzungsgeschichte durch ein Insolvenzverfahren unterbrochen.

Kein Erinnerungsort

In KZ-Gedenkstätten sind die Baracken musealisiert, teilweise aber auf Kosten der historischen Authentizität. Nicht überall ist zudem ihr Bestand gesichert. Im ehemaligen Kriegsgefangenenlager Sandbostel werden sie einem »kontrollierten Verfall« überlassen. Andernorts sind es nur lokale, ehrenamtliche Initiativen, die sich für den Erhalt einsetzen, wie etwa die alte RAD-Truppführerschule in Coesfeld-Lette bei Münster, die nach 1945 zur Unterbringung von Displaced Persons und Flüchtlingen und von 1960 bis 1998 durch den Katastrophenschutz des Landes Nordrhein-Westfalen genutzt wurde. Der Komplex stellt eins der wenigen als geschlossene Anlage überlieferten Lager dar. Zwar sind mittlerweile auch einige Einzelbaracken als Kulturdenkmale gelistet, viele verschwinden aber weiterhin. Auch das FOKORAD-Gebäude in Niesky selbst muss als zumindest bedroht wahrgenommen werden – was sich vor allem aus der dort herrschenden lokalpolitischen Situation ergibt.

Von den zahlreichen einfachen, standardisierten Holzbauten aus der NS-Zeit ist kaum etwas Materielles geblieben. Mit Ausnahme einiger »kanonisierter« und aufwendig wiederhergestellter Baracken – insbesondere in KZ-Gedenkstätten – entziehen sich die Gebäude unserem Bild von NS-Architektur. Im Gegensatz zu ausgeprägten Erinnerungsorten wie dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände oder dem sogenannten Gauforum in Weimar haben sie also keinen Ort in der Geschichte, wenngleich sie uns viel über den Nationalsozialismus erzählen: Was als Versprechen in Form von Arbeit, Brot und Boden begann, endete in Arbeitszwang, Folter und Vernichtung. 1933 war noch nicht alles entschieden, aber das Regime profitierte später von der durch die FOKORAD-Ingenieure am Zeichentisch geleisteten Vorarbeit. Die Barackenproduktion erzählt außerdem von der verbrecherischen Ausbeutung durch die deutsche Besatzungsmacht, vor allem in Ost- und Südosteuropa. Das Thema ist darüber hinaus reich an Bezügen zu gegenwärtigen Fragen – Fragen nach Erinnerungspolitik genauso wie zu einer auf den scheinbar nachhaltigen Baustoff Holz und Standardisierung setzende Architekturproduktion.

Das FOKORAD-Gebäude könnte also ein Erinnerungs- und Debattenort sein – muss aber von einer engagierten Öffentlichkeit als solcher anerkannt, entwickelt und gesichert werden. Ob das aber angesichts des zunehmenden Rechtsrucks, knapper öffentlicher Kassen und einem mangelnden Bewusstsein für das industrielle Erbe überhaupt möglich ist, kann aktuell nicht mit Sicherheit gesagt werden.


Literaturhinweise

Robert Jan van Pelt: The Barrack 1572–1914. Chapters in the History of Emergency Architecture. Zürich: Park Books 2024.

Jan Bergmann-Ahlswede/Iris Engelmann/Jacob Gabriel/Jannik Noeske/Kai Wenzel: Ein mehrfach unbequemes Erbe: Das FOKORAD-Gebäude in Niesky, in: Die Denkmalpflege 84 (2026), https://doi.org/10.1515/dkp-2026-1006.


Titelbild: Zavidovići (Bosnien), ca. 1943. Ein Barackenlager, bestehend aus Holzbaracken des Typs RLM 501 befand sich am Rand des Dorfes. Quelle: Stadtbibliothek Zavidovići.

Der erste Sudetendeutsche Tag in Tschechien – Impressionen am Rande eines Versöhnungsfests

Sabine Stach teilt ihre Beobachtungen vom Pfingstreffen der Sudetendeutschen Landsmannschaft, das erstmals in Tschechien stattfand – begleitet von Protestaktionen.

2026 fand das jährliche Pfingstreffen der Sudetendeutschen Landsmannschaft erstmals in Tschechien statt – als Teil des Kulturfestivals „Meeting Brno“. Beobachtungen am Rande einer kontrovers diskutierten Premiere.

In 2026, the Sudeten German Association’s annual gathering took place in the Czech Republic for the first time—as part of the “Meeting Brno” festival. Observations on the fringes of a controversial premiere.


Der mährische Platz (Moravské náměstí) in Brno ist am Freitag vor Pfingsten voller Tische. Eine der Biertischgarnituren läuft quer durch die überlangen Beine des modernen, acht Meter hohen Pferdestandbilds „Tapferkeit“ des Künstlers Jaroslav Róna. Die Sonne knallt erbarmungslos vom Himmel. Die besten Plätze sind die im Schatten des Pferdebauches. Auf den Bänken sitzen Deutsche und Tschech:innen, die zur Aktion „Brno u jednoho stolu“ (Brünn an einem Tisch), Teil des Festivals „Meeting Brno“, gekommen sind. Zwischen den Gästen stehen einzelne Demonstrant:innen mit tschechischen Flaggen und Transparenten herum, die von gegenseitiger Verständigung nichts hören wollen. Auf einem Schild ist der Bundesvorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL) Bernd Posselt, der selbst an einem der Tische sitzt, als Nazi dargestellt. Andere fordern: „Geht heim ins Reich!“ Angesichts der vielen, teils zweisprachigen Besucher:innen, die sich mit solchen Parolen nicht abfinden wollen, sind die Demonstrierenden permanent in Streitgespräche verwickelt. Sicherheitskräfte sorgen dafür, dass diese nirgends eskalieren.

Ein Gegendemonstrant inmitten des Begegnungsnachmittags „Brno u jednoho stolu“. Auf seinem Schild steht: „Posselt, Ihre Entschädigung müssen Sie in Berlin einfordern!“

Eine Einladung an Revisionisten?

Unter denen, die ein Schild mitgebracht haben, ist eine sympathisch aussehende Frau Mitte 50, lange Haare, langer Rock. Die Aufschrift auf ihrer Pappe ist zwar auf Deutsch formuliert, aber nicht einfach zu entschlüsseln – jedenfalls nicht ohne kulturgeschichtliche Detailkenntnisse über die Tschechoslowakei in den 1960er Jahren. „Geh nach Hause Hans, Natascha wartet auf Dich!“, steht da. Wie die Demonstrantin auf Nachfrage verrät, spielt der Spruch auf ein Lied des Komponisten Jaromír Vomáčka an, mit dem dieser gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings protestierte. Darin ruft er dem Sowjetsoldaten Ivan zu, er möge nach Hause gehen, wo seine Natascha auf ihn warte. Die Analogie ist schief, aber die Bedeutung ist klar: Okkupanten will auch die Brünnerin im Jahr 2026 nicht akzeptieren. Sie richtet sich damit gegen die Mitglieder der Landsmannschaft, die ab dem nächsten Tag in Brno ihr jährliches Pfingsttreffen abhalten – zum ersten Mal in Tschechien.

Dass der Sudetendeutsche Tag in diesem Jahr nicht in Bayern, sondern in der „alten Heimat“ der Vertriebenen stattfindet, hatte bereits im Vorfeld zu hitzigen Debatten in Tschechien geführt. Die Regierungskoalition aus Babišs ANO, der rechtsradikalen SPD (Svoboda a přímá demokracie, dt.: Freiheit und direkte Demokratie) und den rechtspopulistischen Motoristen initiierte eine Protest-Resolution; im Brünner Stadtrat war es zu Tumulten gekommen. Der Vorwurf lautet, dass trotz der Versöhnungsrhetorik in der Landsmannschaft noch immer revisionistischen Haltungen bestünden. Zugleich richtet sich der Zorn gegen Meeting Brno. Der tschechische Verein setzt sich seit Jahren für eine kritische Auseinandersetzung mit der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung nach dem Kollektivschuldprinzip und eine Verständigung beider Seiten ein. Dieser Einsatz gipfelte nun in der Einladung der Landsmannschaft nach Brno.

Auch wenn es kaum einer ihrer Adressaten verstehen dürfte, spielt die Demonstrantin mit ihrem Vomáčka-Zitat somit auf ein weiteres tschechisches Trauma an – den Einladungsbrief, den einige Widersacher Alexander Dubčeks im Prager Frühling nach Moskau sandten, um Hilfe im Kampf gegen die heimische „Konterrevolution“ zu erbitten. Das Schreiben gilt als formale Legitimation für die Invasion der Warschauer-Pakt-Truppen im August 1968. Dieser Analogie zufolge sind die Akteure von Meeting Brno die neuen Verräter:innen der Nation: Ihr Einsatz für europäische Verständigung marginalisiere die Verbrechen der Deutschen und gefährde die nationale Souveränität.

Das Geschichtsbild der Demonstrierenden auf einer Barrikade aus Pappkartons. Einer der Slogans darauf lautet: „Lasst uns keine Wunden öffnen, die die Geschichte geschlossen hat!“

Deutsch-Tschechische Versöhnung

Es mag überraschen, dass nationalistische Kräfte die antideutsche Karte auch 80 Jahre nach der Vertreibung noch erfolgreich ausspielen. Denn gerade das Festival Meeting Brno steht sinnbildlich für die stetige Verbesserung der binationalen Beziehungen seit den 1990er Jahren. Ein Meilenstein hierfür war die Deutsch-Tschechische Erklärung von 1997, vor allem aber die Neuausrichtung der Sudetendeutschen Landsmannschaft, die 2015 den Verzicht auf jegliche Besitzforderungen erklärte. Auch von unten sind im Laufe der Jahre unzählige Kooperationen gewachsen – etwa im Grenzgebiet, wo Lokalgeschichtsschreibung und Denkmalpflege längst auch das deutsche Erbe einschließen. Zögerlicher verlief lange Zeit die Aufarbeitung der Gewalt, die Tschech:innen nach dem Krieg an Deutschen verübten. Bis heute gibt es nicht viele Denkmale, die an lokale Gewaltexzesse und die sogenannten wilden Vertreibungen erinnern. Eine Vorreiterrolle in der Auseinandersetzung mit diesem Kapitel der tschechischen Geschichte spielt die Stadt Brno. Im selben Jahr, in dem die Sudetendeutsche Landsmannschaft die Rückforderung von Eigentum aus ihrer Verbandssatzung strich, veröffentlichte der Stadtrat seine „Brünner Erklärung“, die die Vertreibung als solche benannte und bedauerte.

Hintergrund des besonderen Engagements ist der „Brünner Todesmarsch“, bei dem Ende Mai 1945 27.000 Menschen aus der Stadt getrieben wurden und mehrere Tausend starben. Einige von ihnen sind in einem Massengrab in Pohořelice, 30 km südlich von Brno, begraben. Der breiteren Bevölkerung bekannt wurde dieses Ereignis erst 2009 mit dem Roman „Vyhnání Gerty Schnirch“i von Kateřina Tučková. Die Schriftstellerin war es auch, die den „Pilgerweg der Versöhnung“ (tsch. „pouť smíření“) mit initiierte – einen Gedenkmarsch, der seit 2015 in umgekehrter Richtung den Todesmarsch nachvollzieht. Was mit einer kleinen Gruppe begann, ist über die Jahre zu einem Großevent angewachsen: am Pfingstsamstag dieses Jahres kamen in Pohořelice 2000 Menschen zusammen, mehr als 1000 von ihnen pilgerten anschließend nach Brno.

Geh nach Hause // Willkommen Daham

Zum Auftakt des Gedenkmarsches ist auch die Demonstrantin vom Freitag gekommen. In der Hand ihre Aufforderung an Hans, steht sie mit einem Dutzend ihrer Mitstreiter:innen am Feldrand, während der deutsche Innenminister und andere sprechen und Blumen niederlegen. Nur wenige Minuten vorher hatten die Veranstalter rote Hakenkreuze von den Gedenksteinen am Massengrab abgewaschen. Die Polizei ermittelt. Die Protestierenden werden von Journalist:innen umschwärmt, bleiben aber Zaungäste. Ihre antideutschen Botschaften lässt die riesige Wandergruppe Schritt für Schritt hinter sich. Allenthalben hört man deutsche, tschechische, englische Wortfetzen. Gesprochen wird über Geschichte, über Privates und über die Punkte, wo sich die Themen überkreuzen. Nach 15 Kilometern begrüßt sie auf der Straße die Aufschrift: „WILLKOMMEN DAHAM“. Eine Deutsche erklärt einem Tschechen, wie man „daham“ übersetzen könnte.

Obwohl die Demonstrierenden den letzten Kilometer des „Versöhnungsmarsches“ in größerer Anzahl säumen und am Pfingstsonntag sogar mehrere Tausend Gegner:innen der Sudetendeutschen durch Brno ziehen, zeugt das Pfingstwochenende davon, dass die deutsch-tschechischen Beziehungen durchaus auf (vielen) festen Füßen stehen. Denn anders als es die tschechischen Protestierenden in diesen Tagen behaupten, sind diejenigen, die zu einem Sudetendeutschen Tag bis nach Tschechien fahren und auch am Festival Meeting Brno teilnehmen, keine, die ihre revisionistischen Ansprüche nur verschleiern oder Geschichte verleugnen. Es sind – das wird in vielen Gesprächen deutlich, die ich am Rande der Veranstaltungen führe – vielmehr die, die sich Tschechien durch die Geschichte ihrer Vorfahren besonders verbunden fühlen. Botschaften wie „Geh nach Hause, Hans!“ nehmen sie achselzuckend hin oder interpretieren sie kurzerhand in ihrem Sinne um: Willkommen daham in Brünn, Hans.


i Wörtlich „Die Vertreibung von Gerta Schnirch“; eine deutsche Übersetzung von Iris Riedel erschien unter dem Titel „Gerta. Das deutsche Mädchen“ (2018).


Titelbild: Der „Versöhnungsmarsch“ im Andenken an den Brünner „Todesmarsch“ führt 32 km von Pohořelice zurück nach Brno.

Alle Fotos in diesem Beitrag sind von der Autorin selbst aufgenommen worden.

Kontinuitäten der Ostforschung am Herder-Institut

Heidi Hein-Kircher und Antje Coburger über die ideologischen und personellen Kontinuitäten der Ostforschung am Herder-Institut von der Gründung 1950 bis in die frühen 1990er Jahre.

Zentrum der Ostforschung wurde 1950 des Herder-Institut in Marburg. Der Beitrag verweist auf ideologische und personelle Kontinuitäten eines Forschungsparadigmas der Weimarer und NS-Zeit. Das Herder-Institut sollte an die Volks- und Kulturbodenforschung anknüpfen und die deutschen zivilisatorischen Leistungen in Ostmitteleuropa erforschen.

In 1950, the Herder Institute in Marburg became the center of research on East Central Europe. This article highlights the ideological and personnel continuities of a research paradigm dating back to the Weimar and Nazi times. It was intended to build on the research into “Volksboden” and “Kulturboden” and to investigate Germany’s civilizational achievements there.


Die Anfänge und Entwicklung des Herder-Instituts (HI) bis in die frühen 1990er Jahre waren von ideologischen und zunächst auch von personellen Kontinuitäten aus der Weimarer Republik und des NS gekennzeichnet. Die Akteure standen auf dem Boden des gesellschaftlichen und politischen Grundkonsenses, der in Bezug auf die Grenzen von 1937 rechtlich sanktioniert war. Sie waren bestrebt, die Ostforschung im Sinne der früheren Forschungen zum Deutschtum im Osten voranzubringen, jedoch nicht danach, die nicht-deutsche Geschichte der Region zu analysieren.

Das Herder-Institut als „neue Puste“

Bereits direkt nach Kriegsende sollte die Ostforschung so fortgeführt werden, wie sie sich seit der Weimarer Zeit begonnen hatte herauszubilden, nämlich als fächerübergreifende Forschung zum „deutschen Osten“. Es entwickelte sich ein Wettlauf um ihre Wiederbelebung. Die (neu)gegründeten regionalgeschichtlichen Kommissionen und der Göttinger Arbeitskreis mit dem Schwerpunkt auf der deutschbaltischen und russlanddeutschen Geschichte hatten eigene Ideen entwickelt, wie die Ostforschung weiterzuführen sei. Den Wettlauf gewannen jedoch die Initiatoren des Herder-Forschungsrates (HFR), indem sie im April 1950 das Herder-Institut gründeten. Nach dem Münchener Historikertag kam es noch 1949 zu einer Tagung, um die Wissenschaftler zu sammeln und anzuspornen, die Publikationsstelle („Puste“), wie sie seit 1931 beim Preußischen Staatsarchiv bestanden hatte, zu erneuern. Der Bund solle eine verantwortungsvolle Ostforschung sichern. Ein solches Institut sei umso wichtiger, so Johannes Papritz, Historiker und Direktor der Marburger Archivschule (1954-1963), im Jahr 1950, weil eine Verankerung der Ostforschung als Forschung zum „deutschen Osten“ an den Universitäten nicht zu erwarten sei. In diesem Geiste wurden der HFR als Trägerverein und das HI gegründet: Es ging um den Anspruch, die Ostforschung der Weimarer und NS-Forschungseinrichtungen, insbesondere die Publikationsstelle Berlin-Dahlem (Puste), fortzuführen.

Das erste Institutsgebäude, die sog. Burse (erbaut um 1876), Am Rotenberg 21, Marburg. Foto: C. Junghänel, HI Bildarchiv.

Der Herder-Forschungsrat als „Akademie“ der Ostforschung

Ambitioniertes Ziel der HFR-Gründer war es, dass das HI den Mittelpunkt der künftigen Ostmitteleuropaforschung bilden sollte. Der HFR wurde wie eine Akademie der Wissenschaften konzipiert: Maximal 40 Mitglieder sollten berufen werden. Erste Mitglieder des Forschungsrates waren Geistes- und Sozialwissenschaftler, deren biografische Wurzeln und akademische Karrierestationen in Gebieten östlich der Oder-Neiße-Grenze lagen, die vom deutschen Volkstumsgedanken und allgemein völkischen Vorstellungen geprägt waren. Ziel der HFR-Arbeit war es, den Status der Ostforschung als einer in Kategorien des „Volkstums“ denkenden fächerübergreifenden Disziplin, die auf die Erforschung deutscher Bevölkerung und Kulturleistungen in Ostmitteleuropa gerichtet war, im deutschen Fächerkanon als „Ganzheitsforschung“ mit einem Fokus auf das östliche Mitteleuropa zu erhalten.

Die „zusammengeschmolzene Schar der Ungebrochenen“, wie das Editorial im ersten Heft der Zeitschrift für Ostforschung diese Ostforscher mit einem gewissen Respekt charakterisiert, bestand somit auch aus Wissenschaftlern, die an den ehemaligen Ostuniversitäten Posen, Breslau und Königsberg wissenschaftlich sozialisiert worden waren. Ein großer Teil der Mitarbeiter des Instituts und des Forschungsrats hatte vor 1945 auch dem Wissenschafts- und Behördenapparat des „Dritten Reiches“ angehört und war in unterschiedlichem Ausmaß in die Bearbeitung politisch-ideologischer Fragestellungen und die nationalsozialistische Politik hinsichtlich der Deutschen im europäischen Osten eingebunden.

Personelle Kontinuitäten

Die Gründergeneration stand also personell wie inhaltlich stark in der Tradition der deutschen Ostforschung der Zwischenkriegszeit und des Nationalsozialismus. Die ersten Forschungsrats-Präsidenten Hermann Aubin, Eugen Lemberg, Günther Grundmann und Kurt Dülfer, sowie die Institutsdirektoren der Anfangsjahre, Werner Essen, Erich Keyser und Hellmuth Weiss, stehen für diese Kontinuitäten. Die Gründungsväter des HFR waren jedoch mehr als nur vertriebene oder geflohene Wissenschaftler, bzw. Wissenschaftler, die Aufgrund des Zusammenbruchs des Deutschen Reiches ihre Stellung verloren hatten: Sie bezeichneten sich als ein „alter Freundeskreis“, der sich zusammengefunden habe, um „die verstreuten Kräfte zu sammeln und neue Forschungsstätten aufzubauen.“ Hierbei beschreibt „alter Freundeskreis“ euphemistisch einen engen Kern von scheinbar weniger belasteten Ostforschern, weil beispielsweise der stark NS-belastete Peter Heinz Seraphim nicht eingeladen war.

Im Gebäude der Deutschen Burse war das Herder-Institut 1950-52 untergebracht. Foto: Dokumentesammlung Herder-Institut, ohne Signatur.

Keine programmatische „Stunde Null“

Die Gründerväter standen insgesamt in ideologischer Tradition der Volks- und Kulturbodenforschung und der Forschungen zum Grenz- und Auslandsdeutschtum, ohne dass sie eine inhaltliche Selbstkritik übten. Die Akteure grenzten die Ostforschung von der Osteuropaforschung, verstanden als Russlandforschung, und von der Südosteuropaforschung ab. Es ging ihnen um die Beforschung der Regionen, die mit deutschsprachiger Bevölkerung durchdrungen waren. Papritz folgerte etwa 1950, dass verhindert werden müsse, dass nach dem „Verlust der deutschen Ostgebiete“ auch die Erinnerung an die historische Leistung des dortigen Deutschtums verloren ginge. Bei der Gründungsversammlung des HFR und des HI betonte Hermann Aubin im April 1950: „Wir brauchen uns nicht umzustellen. Natürlich geht es weiter, wie stets, um die reine Wahrheit.“ Diese Worte verweisen klar auf einen fehlenden Willen zu einem programmatischen Neuanfang.

Kontinuitäten völkischen Gedankenguts

Die Gründungsrede Aubins knüpft an die Volks- und Kulturbodenforschung und das Narrativ des an den Rändern bedrohten Auslands- und Grenzdeutschtums der Zwischenkriegszeit an. Er postulierte zwar einen „neuen Anfang der Ostforschung“, seine Gründungsrede verweist jedoch schon auf sprachlicher Ebene auf eine geringe Distanzierung vom Osteuropa-Bild der althergebrachten Ostforschung, zu dessen Repräsentanten er vor 1945 auch gehört hatte. Dies wird etwa in seinem Urteil über die Vertreibung der Deutschen deutlich: Es habe sich die „völkische Zusammensetzung“ der „Osthälfte unseres Erdteiles“ verändert, da früher die „räumliche Durchdringung der Völker ein Kennzeichen dieses Raumes war“. „Zwei Kulturkreise ausgeprägten Charakters“ würden in Ostmitteleuropa als unversöhnliche Lager aufeinanderprallen. Es sei eine „Entmischung versucht worden, die ihn von [deutschen] Elementen entleert hat, die zum Teil seit Jahrhunderten seine Gesittung bestimmt oder mitbestimmt haben.“ Er stellte eine „Ostausbreitung der abendländischen Kultur“ fest, die durch deutsche Vermittlung weit über die Ostgrenze des deutschen Volksbodens hinausgedrungen“ sei. Diese Haltung repräsentiert das Abendland-Denken als Teil eines kulturellen Überlegenheitsgefühls, das mit der Vorstellung einer Zivilisierungsmission einherging.

Bauzeichnung der Hensel-Villa (erbaut 1906), die heute das Institut beherbergt. Foto: Dokumentesammlung Herder-Institut, Signatur: DSHI_200_HFR_HI_958_6.

Entwicklung des HI seit 1950

Die zuständigen Ministerien, das Bundesministerium des Inneren und das Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen, sahen das Herder-Institut als Einrichtung wissenschaftlicher Grundlagenforschung. Insgesamt zeigen die Förderrichtlinien, dass die Arbeit des HI letztlich bis 1994 mit den ostpolitischen Zielsetzungen der Bundesregierung verbunden war. Zugleich sollte seine Arbeit nicht zu innen- oder außenpolitischen Belastungen führen.

Insgesamt wuchs das HI jedoch seit Mitte der 1950er Jahre trotz dieser politischen Prämissen zu einer Kontaktstelle des Austausches mit osteuropäischen Kollegen heran, obwohl die Deutschtumszentrierung hierfür ein Problem blieb. Das HI folgte bis Ende der 1980er Jahre dem Paradigma der Ostforschung, sodass die großen Zäsuren und Veränderungen in der Ostpolitik und in Osteuropa nur verspätet und schrittweise zu einem veränderten Arbeitsprofil führten. Erst Mitte der 1990er Jahre wurde nominell und institutionell der Wandel des Selbstverständnisses von deutschtumszentrierter Ost- zu einer komplexen, integrativen und auf die Entwicklung der jeweiligen Nationen ausgerichteten Ostmitteleuropaforschung vollendet. Ergebnis dieses Prozesses waren die Umbenennung der Zeitschrift für Ostforschung in Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung und die Aufnahme des HI in die Leibniz-Gemeinschaft.


Literatur

Aubin, Hermann: An einem neuen Anfang der Ostforschung, in: Zeitschrift für Ostforschung 1 (1952), S. 3-16. DOI: 10.25627/1952118

Hackmann, Jörg: „An einem neuen Anfang der Ostforschung“. Bruch und Kontinuität in der ostdeutschen Landeshistorie nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Westfälische Forschungen 46 (1996), S. 232-258.

Hein-Kircher, Heidi / Schutte, Christoph: Von der Zeitschrift für Ostforschung zur Zeitschrift zur Ostmitteleuropa-Forschung / Journal of East Central European Studies – eine programmatische Titeldebatte, in: Matthias Chichon et al. (Hrsg.): Den Slawen auf der Spur. Festschrift für Eduard Mühle zum 65. Geburtstag, Marburg 2022, S. 249-268.

Kleindienst, Thekla: Die Entwicklung der bundesdeutschen Osteuropaforschung im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Politik, Marburg 2009.


Titelbild: Zeichnung Villa des Prof. Dr. Kurt Hensel (erbaut 1905), dem heutigen Direktionsgebäude am Gisonenweg, HI, Album 3_014a.


Deutsche Geschichte als Problem und Ressource. Zum gesellschaftlichen Orientierungswert historischer Forschung außerhalb der Universitäten

Der Beitrag von Joachim Berger und Gregor Feindt diskutiert Fragen, welche bei der Tagung “Deutsche Geschichte, europäische Zukunft?” aufgeworfen wurden und leitet eine Blogserie zur Gründung und Neuorientierung außeruniversitärer Forschungsinstitute in der BRD nach 1945 und 1989 ein.

Wie sollten die historischen Wissenschaften nach 1945 in der Bundesrepublik und nach 1989 im vereinten Deutschland neu ausgerichtet werden, und welche Bedeutung wurde dabei der außeruniversitären Forschung zugesprochen? Der Blogbeitrag diskutiert übergreifende Fragen, die eine Tagung im Leibniz-Forschungsverbund “Wert der Vergangenheit” aufwarf.

How were historical sciences supposed to be realigned after 1945 in the Federal Republic of Germany and after 1989 in reunified Germany, and what significance was attached to non-university research in this context? This blog post discusses overarching questions raised at a conference held by the Leibniz Research Alliance Value of the Past.


Wenn Forschung außerhalb der Universitäten staatlich finanziert werden soll, reichen wissenschaftliche Argumente nicht aus; vielmehr muss sie mit einem gesellschaftspolitischen Bedarf begründet werden. Einen solchen Bedarf konnten die im Nationalsozialismus besonders vereinnahmten Geisteswissenschaften nach 1945 glaubhaft machen. Die Geschichtswissenschaft nahm die – von der Bildungspolitik und den Besatzungsmächten gestellte – Aufgabe an, sich auf einer erneuerten Wertebasis neu auszurichten. Das Ziel, ein von nationalistischen Verzerrungen “gereinigtes” Geschichtsbild zu schaffen und gesellschaftlich zu verankern, sollte in der jungen Bundesrepublik die Gründung verschiedener historischer Forschungseinrichtungen außerhalb der Universitäten legitimieren. Auch nach 1990 bedurfte es unter ganz anderen Vorzeichen einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen und geteilten Geschichte.

Vor diesem Hintergrund wollte die Tagung “Deutsche Geschichte, europäische Zukunft? Vom Wert einer umstrittenen Vergangenheit für die außeruniversitäre Forschung nach 1949 und 1989” (2. bis 4. April 2025, Mainz) des Leibniz-Forschungsverbunds “Wert der Vergangenheit” herausarbeiten, wie die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit zu einer Ressource für die außeruniversitäre historische Forschung in der frühen Bundesrepublik und im vereinigten Deutschland wurde. Besondere Beachtung sollte dabei dem Referenzrahmen gelten, der für die “Aufarbeitung” dieser Vergangenheit jeweils gewählt wurde – blieb er national oder wurde er in internationaler oder “europäischer” Perspektive geweitet? Für diese engere Fragestellung gingen die Veranstaltenden1 von Beobachtungen aus ihren eigenen Einrichtungen aus, dem Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) und dem Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut (GEI). Denn sowohl das “Internationale Institut für Schulbuchverbesserung” in Braunschweig, die Vorläuferorganisation des GEI, als auch das Institut für Europäische Geschichte in Mainz hatten zum Ziel, die Geschichtsbücher von, wie es hieß, nationalistischen “Vorurteilen” zu “entgiften”, um künftige Generationen in einem “europäischen Geschichtsbewusstsein” zu erziehen. “Europa” als Mobilisierungs- und Abgrenzungsbegriff diente um 1950 zur wissenschaftspolitischen Legitimation beider Gründungen. Und für beide Einrichtungen schien, unter völlig anderen Vorzeichen, nach dem Ende des Staatssozialismus im östlichen Europa eine Hinwendung zu “Europa” erneut zur Lebensversicherung zu werden. Diesen Beobachtungen wollte die Tagung in vergleichender Perspektive nachgehen und eine Hypothese überprüfen: dass die außeruniversitäre “Inwertsetzung” von Vergangenheit vielfach zwischen der “Aufarbeitung” der jüngeren deutschen Vergangenheit und einer Neuausrichtung nationaler Geschichtsbilder in einer europäischen Perspektive oszillierte.

Aus der Sammlung des Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut.

Die Tagung führte Referate zu Forschungseinrichtungen, die in der formativen Phase der “alten” Bundesrepublik gegründet wurden, mit Vorträgen zu Neugründungen historisch-geisteswissenschaftlicher Forschungszentren nach 1989/1990, vor allem in den neuen Bundesländern, zusammen. Dabei sollte keinesfalls die totalitäre, eliminatorische NS-Diktatur mit dem “real existierenden” Staatssozialismus der DDR gleichgesetzt werden, sondern jeweilige Spezifika der wissenschaftspolitischen “Bewältigung” von Systembrüchen und der Gestaltung von politischen Transformationen vergleichend herausgearbeitet werden.

Die Vorträge der Tagung hat Manfred Sing (IEG) in einem Bericht bei H-Soz-Kult zusammengefasst.2 Darin weist er auf eine Spannung hin, der außeruniversitäre historische Forschung unterworfen war und ist: “Einerseits soll sie unabhängig sein und andererseits legitimatorisch für den demokratischen Staat wirken, sich aber doch der politischen Vereinnahmung wie in den zwei deutschen Diktaturen entziehen.” Dieser Spannung wollen wir im Anschluss an die Diskussionen auf der Tagung in diesem Blogbeitrag weiter nachgehen. Er konzentriert sich auf zwei legitimierende Denkfiguren, welche den gesellschaftlichen Orientierungswert historischer Forschung außerhalb der Universitäten bestimmen sollten: (1.) die Verheißung einer “Neuausrichtung” der historischen Wissenschaften nach ihrer ideologischen Kontaminierung in nicht demokratischen Systemen, und (2.) die Rede von der “Unabhängigkeit” außeruniversitärer Forschung.

Das später als Institut für Zeitgeschichte (IfZ) bekannte Forschungsinstitut nahm am 1. Mai 1949 seine Arbeit auf. Die Bayerische Staatskanzlei hatte dafür Räume in der Münchner Reitmorstraße 29 (Bild) zur Verfügung gestellt. Foto: IfZ, Bildsammlung.

(1.) Bei der “Neuausrichtung” der historischen Wissenschaften waren bei den auf der Tagung behandelten Einrichtungen erstens bestimmte Ausweich- und Umwegkonstruktionen zu greifen. So befasste sich das Institut für Zeitgeschichte in München (IfZ, gegründet 1949 als Deutsches Institut für Geschichte der nationalsozialistischen Zeit) zunächst vorrangig mit der Weimarer Republik, um Kernfragen zum NS nicht direkt angehen zu müssen. Am 1950 in Mainz gegründeten Institut für Europäische Geschichte war die Überwindung nationalistischer und konfessionalistischer “Vorurteile” und “Spaltungen” in einer europäischen Perspektive ein Modus, um über die deutsche “Katastrophe” sprechen, ohne dabei Fragen kollektiver Verantwortung und individueller Schuld (auch der leitenden Wissenschaftler) diskutieren zu müssen. Die deutschen Verbrechen und die totale Niederlage des Deutschen Reichs wurden in einer allgemeinen “Krise der abendländischen Kultur” aufgelöst. Am Herder-Institut in Marburg, ebenfalls 1950 gegründet, wurde über Jahrzehnte kein Zusammenhang zwischen Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den “Ostgebieten”– einem Phänomen, das die Geschichtspolitik in der frühen Bundesrepublik prägte – und ihren Ursachen, dem deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieg, hergestellt.

Diese Ausweich- und Umwegkonstrukte hängen, zweitens, mit einem bestimmten Selbstverständnis außeruniversitärer Forschung zusammen. Das IfZ erstellte in seinen frühen Jahren auf Anfragen tausende von Gutachten, blieb also weitgehend reaktiv, so dass die eigene Forschungsagenda zurücktrat. Das Deutsche Historische Institut in Paris (gegründet 1958 als Deutsche Historische Forschungsstelle) verstand sich zunächst als Mittlerinstitution zwischen der deutschen und der französischen Geschichtswissenschaft; erst in den 1970er-Jahren begann es im größeren Stil eigene Forschung zu betreiben. Ähnlich war die Entwicklung am IEG Mainz: Ursprünglich als Forschungszentrum konzipiert, das in internationaler Zusammenarbeit eine ökumenische Menschheitsgeschichte realisieren sollte, entwickelte es sich seit den 1950er-Jahren zu einem Institut, das vorrangig die Forschung anderer förderte – indem es Stipendien an junge Wissenschaftler:innen vergab und deren Arbeiten in einer eigenen Schriftenreihe veröffentlichte. Das Herder-Institut, das umfangreiche Sammlungen zu Ostmitteleuropa aufbaute und erschloss, konzentrierte sich bis Mitte der 1990er-Jahre auf wissenschaftliche Serviceleistungen und Forschungsinfrastrukturen und fokussierte erst dann stärker auf eigene, programmgebundene Forschung. Das verdeutlicht, wie sehr diese außeruniversitäre historische Forschung in ihren Anfängen vor allem zielgerichtet konkrete (Dienst-) Leistungen für die Gesellschaft und die Forschung im Allgemeinen erbringen wollte.

Institutionelle Transformationen konnten, drittens, mit einer Emanzipation von normativen Gründungsaufträgen verbunden sein. Beispielsweise befasste sich das IEG, als Ende der 1950er-Jahre ein tragfähiges Finanzierungsmodell gefunden worden war, nicht mehr programmatisch mit “Europa” als “Erbe und Aufgabe” (so war noch 1955 ein großer Kongress überschrieben worden). Mitte der 1990er-Jahre kehrte im Zuge der Ost-Erweiterungen der EU eine normative Orientierung auf Europa zurück, die dann seit den 2010er-Jahren in globaler Perspektive relativiert wurde. Für das Herder-Institut forderte seit den 1990er-Jahren eine neue Ostmitteleuropa-Forschung, die auch das Baltikum einschloss, eine gesamteuropäische Perspektive ein, in der die frühere Orientierung an der überkommenen “deutschen Ostforschung” und der Konzentration auf den “deutschen Osten” überwunden wurde.

1952 fand das Herder-Institut zunächst in der so genannten Hensel-Villa (links), dem ehemaligen Wohnhaus des 1941 verstorbenen Mathematikers Kurt Hensel, sein neues Domizil. Wenig später weitete sich das Institut auf die benachbarte Behring-Villa (rechts) aus, frühes Arbeits- und Wohnhaus des Mediziners und ersten Nobelpreisträgers für Physiologie/Medizin Emil von Behring (mehr dazu siehe hier). Fotos: Claudia Junghänel.

Beim Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow, 1995 in Leipzig maßgeblich aus Initiativen aus dem Sächsischen Landtag heraus gegründet, zeigt sich in der Forschungspraxis ebenfalls eine gewisse “Entnormativierung” des Gründungsimpulses. Sofern sich außeruniversitäre Forschungspraxis über Jahrzehnte innerwissenschaftlich bewährt, scheint der ideologisch-normative Überschuss der Gründungsphase verzichtbar zu werden, um die Weiterförderung zu sichern. Gegebenenfalls werden die älteren Aufträge sogar durch neue normative Prämissen (Globalisierung, Pluralisierung etc.) ersetzt, welche die weitere Existenz zu garantieren versprechen. Für die Einrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft sind hierfür auch die externen Evaluierungen mitzudenken. Sie sind zunehmend mit internationalen Sachverständigen besetzt und zwingen so zu wissenschaftlichen Plausibilisierungen, die nicht ausschließlich innerdeutschen wissenschafts- und geschichtspolitischen Logiken folgen.

(2.) Das Postulat einer spezifischen “Unabhängigkeit” historischer Forschung außerhalb der Universitäten wurde an der Tagung ebenfalls kritisch hinterfragt. Krijn Thijs (Amsterdam), der die Transformation der (ost-)deutschen Geschichtswissenschaft erforscht, wies darauf hin, dass jede institutionelle Gründung ein politischer Akt ist. Im historischen Längsschnitt zeichne sich das Bild eines grundsätzlichen Einvernehmens zwischen Politik und Wissenschaft ab. Martin Sabrow (Potsdam) schlug vor, die verschiedenen Formen von Unabhängigkeit als Abstufungen zwischen Autonomie und Fremdbestimmtheit zu fassen, die von der jeweiligen Rechtsform und Verfasstheit der Einrichtungen abhängen. Zu fragen sei, ob die Institute an direkte Weisungen gebunden seien (wie in den Ressortforschungseinrichtungen des Bundes), wie frei sie über Forschungsprogramm und Personalauswahl entscheiden könnten, ob sie von Forschungsaufträgen abhängig seien oder Forschungsgegenstände frei wählen könnten, und wie sich das Verhältnis von äußerer bzw. formaler und innerer Unabhängigkeit gestalte.

Bei den institutionellen Faktoren sei erstens, so Thijs, zwischen einer primär deutschen und einer internationalen Einbettung zu unterscheiden – handelt es sich um Institute mit einer Gründungsmission im europäischen Raum oder um Einrichtungen ohne eine inter- oder bilaterale Ausrichtung, die primär auf die deutsche Vergangenheit blickten? Die Frage, inwieweit die später in der bundesunmittelbaren Max Weber Stiftung zusammengeführten Deutschen Historischen Institute im Ausland als Instrumente einer auswärtigen Kulturpolitik gefördert wurden, und ob sich die Institutsleitungen selbst in dieser Rolle sahen, wurde auf der Tagung durchaus kontrovers diskutiert. “Cultural diplomacy” beschränkte sich indes nicht auf die aus Bundesmitteln geförderten Auslandsinstitute: Am Institut für Europäische Geschichte, seit 1977 überwiegend vom Land Rheinland-Pfalz finanziert, wurden die “ausländischen” Stipendiat:innen bis zur Aufnahme des Instituts in die Leibniz-Gemeinschaft (2012) aus einem Sondertopf des Auswärtigen Amtes gefördert, dessen Mittel über den Deutschen Akademischen Austauschdienst zugewiesen wurden. Dass außeruniversitäre historische Forschung als “soft power” veranschlagt werden kann, zeigt sich am Georg-Eckert-Institut in Braunschweig, dessen Arbeit zu den Inhalten der Schulbildung sich zwischen Wissenschaft, Schulbuchverlagen und staatlichen Stellen bewegt.

Als zweiten institutionellen Faktor, der die postulierte “Unabhängigkeit” bestimmt, beleuchtete die Tagung somit die Förderkonstellationen und die Kooperationszusammenhänge der Institute. Diese sind nicht spezifisch für die historische Forschung. Alle außeruniversitären Einrichtungen sind fundamental auf Universitäten angewiesen, die ihrem Leitungspersonal Professorentitel gewähren, den Mitarbeitenden die weitere Qualifikation ermöglichen, Gebäude bereitstellen und vielfach administrative Unterstützung leisten. Bei den außeruniversitären historischen Instituten ist zu beobachten, dass gemeinsame Berufungen mit Universitäten relativ spät beiderseits gewünscht waren und möglich wurden – am IEG seit 1994, am IfZ seit 2011. Dies wirkte sich unmittelbar auf Renommée und Kooperationspotenzial aus. Entscheidend ist ferner, ob die Einrichtungen lediglich durch ein Bundesland oder durch die Gemeinschaft der Länder (seit 1949) und dann von Bund und Ländern (seit 1977, “Blaue Liste”) finanziert werden – im letzteren Fall müssen sie nachweisen, dass ihre Förderung von “überregionaler Bedeutung” und in “gesamtstaatlichem wissenschaftspolitischem Interesse” ist. Diese Anforderung kann Institute und die für sie zuständigen Wissenschaftsministerien der “Sitzländer” dazu motivieren, die wissenschaftlichen Zielsetzungen erneut mit einem normativen gesellschaftspolitischen Überschuss anzureichern.

Noch offen ist, wie die Zugehörigkeit zur “Blauen Liste” die Legitimationsformeln sowie die wissenschaftsstrategische und forschungsgeschichtliche Selbstverortung und Außenwahrnehmung der Institute verändert hat – insbesondere seit sich die Einrichtungen der “Blauen Liste” seit den 1990er-Jahren zur Leibniz-Gemeinschaft zusammengeschlossen haben, die seit den 2010er-Jahren mit gemeinsamen Leitlinien, Kooperationserwartungen und einem vereinheitlichten externen Evaluierungsverfahren zunehmend als “Gemeinschaft” agiert. Der Zusammenschluss spiegelt die Umgestaltung der ostdeutschen Forschungslandschaft wieder und lief parallel zur Auflösung des “Ostblocks” mit den Erweiterungen von NATO und EU, welche die Förderstrukturen und Kooperations(an)gebote der Wissenschaftspolitik transformierten und diversifizierten.

Podiumsdiskussion am 3.4.2025 im IEG Mainz im Rahmen der Tagung “Deutsche Vergangenheit, europäische Zukunft?”. V.l.n.r.: Martin Sabrow (Potsdam), Jasper Heinzen (York), Gregor Feindt (Mainz/Kiel), Nicole Reinhardt (Mainz), Krijn Thijs (Amsterdam). Foto: Stefanie Mainz (IEG).

All diese Fragen konnten auf der Tagung allenfalls angerissen werden. Ohnehin gibt es noch viel Raum für die wissenschaftshistorische bzw. historiographiegeschichtliche Forschung, die angestoßenen synchronen und diachronen Vergleiche weiterzuführen. Dies gilt insbesondere für diachron vergleichende Perspektiven auf die Neugründungen nach 1945/1949 und nach 1989/1990. Damit glitten die Vorträge an der Tagung vielfach an der Ausgangshypothese eines möglichen Spannungsfelds zwischen der “Aufarbeitung” der jüngeren deutschen Vergangenheit und einer Neuausrichtung nationaler Geschichtsbilder in einer europäischenPerspektive vorbei. Diese “insulare” Betrachtungsweise wurde wohl auch dadurch begünstigt, dass die Veranstaltenden – sich selbst eingeschlossen – als Referent:innen vor allem solche Personen rekrutierten, die an den Einrichtungen, die sie behandelten, beschäftigt sind oder waren. Bei aller gebotenen Distanz zum eigenen Gegenstand: In der Schlussdiskussion zeigte sich, dass die Analyse der Legitimationsformeln und -strategien der historischen Akteure, welche sich die Tagung vorgenommen hatte, tendenziell doch in die Selbstlegitimierung der außeruniversitären historischen Forschung und ihrer Einrichtungen mündet. Martin Sabrow mahnte deshalb zurecht an, dass die Untersuchung der außeruniversitären (historischen) Forschung – in- und außerhalb des Forschungsverbunds “Wert der Vergangenheit” – nicht bei der Frage nach dem Selbstverständnis einzelner Einrichtungen stehenbleiben dürfe. Vielmehr gelte es den Anspruch des Verbunds, eine Metareflexion über den Geltungs- und Orientierungswert von Vergangenheit sowie den Wertehaushalt vergangener und gegenwärtiger Gesellschaften anzustellen, konsequent auf das “eigene” Tun anzuwenden.


1 Joachim Berger, Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz, und Germanisches Nationalmuseum. Leibniz-Forschungsmuseum für Kulturgeschichte (GNM), Nürnberg; Gregor Feindt, IEG Mainz und Christian-Albrechts-Universität zu Kiel; Marcus Otto; Steffen Sammler, beide Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg Eckert-Institut (GEI), Braunschweig.

2 Manfred Sing, Tagungsbericht: Deutsche Geschichte, europäische Zukunft? Vom Wert einer umstrittenen Vergangenheit für die außeruniversitäre Forschung nach 1949 und 1989, in: H-Soz-Kult, 02.09.2025, https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/fdkn-156853.


Titelbild: Das Gebäude der “Alten Universität” in der Mainzer Innenstadt (erbaut 1615 bis 1618) wurde 1942/1945 bei Luftangriffen weitgehend zerstört. Der Wiederaufbau wurde von der US-amerikanischen Besatzungsbehörde finanziert, um dort das 1950 gegründete Institut für Europäische Geschichte unterzubringen. Unbekannter Fotograf, o. D. [vor 1952], Universitätsarchiv Mainz S03-473.

Repurposing Infrastructure: Working with the Material Past

Izabela Paszko looks into the hidden history of infrastructures from National Socialist times and their continued use.

History of certain places often reveals itself unexpectedly. Symbols on façades, unusual road patterns, and abandoned buildings quietly reflect past violence and disruption that often go unnoticed. Many structures built under the National Socialist regime still function today, while the circumstances of their construction remain obscured.

Die Geschichte bestimmter Orte offenbart sich oft unerwartet. Symbole an Fassaden, ungewöhnliche Straßenführungen und verlassene Gebäude spiegeln still vergangene Gewalt und Umbrüche wider, die häufig unbemerkt bleiben. Viele Bauwerke aus der Zeit des Nationalsozialismus erfüllen noch heute ihren Zweck, während ihre Entstehungsumstände im Verborgenen bleiben.


Some years ago, I experienced an electricity shortage in my rented flat in the southern part of Munich. As the failure met me in the middle of my laundry, I had to move my soaking wet clothes to the shared laundry room in the cellar of the building. Despite having lived in this building for three years, I had never been in this room before. After successful handling the “laundry situation,” I curiously looked around. The interior was old, raw and rather practical then decorative. On the wall there was only one frame. Not with relaxing landscape, though. The yellowed from age document appeared to be a list of rules that users of the laundry room must obey (“Verordnung über die Einrichtung und den Betrieb von Mangelstuben und Waschküchen”). It did not surprise me – after living in Germany for some years, I was used to rules and instructions that regulated everyday life. I quickly skimmed through a page-long text and the date under the whole text struck me. “München, den 4. September 1937.“ I had many questions and so far no answers. Who had lived in this building at that time and since when? Who built it? And, last but not least, why wasn’t this document in a museum?

List of rules for the laundry room users, photos taken by the author, 2025.

These questions came to me as I wasn’t expecting to find myself, and definitely not living, in a building with very likely NS past. My neighbourhood area, located remotely from the historic city centre is one of the youngest of Munich’s districts, so the history doesn’t haunt t continuously he residents as it happens in centrally located Maxvorstadt or Schwabing. If the building was constructed after the war, the presence of the housekeeping rules from the 1930s could be explained by transfer of the “neutral” and yet still applicable document to the new postwar reality. The presence of the housekeeping rules and circumstances made me reflect on the fate of the “Nazi contaminated” buildings and infrastructural sites such as roads or pump stations in categories of double standards and utilitarian approach. Yet, this approach was not uniform across all kinds of Nazi structures.

In the postwar period, many buildings with a „brown past” were demolished or repurposed. This was the fate of rally grounds in Nuremberg and “temples of honour” in Munich, the latter were also left abandoned, deemed for forestation. The transformation of monumental structures was more difficult, but not impossible, as examples from Berlin like the Detlev Rohwedder House that housed the Third Reich’s Ministry of Aviation show. In this and many similar cases, the initial function has remained the same. Since 1999, the building once being a domain of Hermann Goering, currently is a seat of the German Finance Ministry. However, there are also examples of rather radical processes of repurposing. A case from Weimar continues to provoke debate: here a monumental “Gauforum” from the 1930s was transformed in 2005 into an “Atrium” shopping mall.

Aerial view of Detlev Rohwedder House, Wilhelmstraße, Berlin (formerly known as Reichsluftfahrtministerium, Haus der Ministerien, Treuhandanstalt), source: Hans G. Oberlack, Wikimedia Commons.

Yet, as the repurposing of empty buildings entails filling them not only with new décor, but foremost with new meanings, the infrastructural places retain their functional value, which in most cases does not involve an ideological agenda. The airfields from the First World War served their role in the next one and in postwar times under changing political systems. The airfield in Cheb, Czechia, serviced planes during both wars and today still functions as recreational airfield.

Under the NS regime, development of the transport infrastructure became a priority task as it was bonded with national politics, expansive economic plans and military manoeuvres. Thousands of kilometres of roads, railways and bridges were built by forced laborers. However, despite their gloomy origins, the transportation networks were not dismantled after the war. Their continuity relies foremost on their importance and perseverance. As material scientist Deb Chachra claims, infrastructural systems are repaired and rebuilt, but very rarely completely ripped out and constructed from scratch.1 Infrastructures are highly political constructions that represent power and dominance.2 In the case infrastructures are (re)built, developed and used in totalitarian, oppressive periods of rule – unless they were destroyed during military manoeuvres – they thrive under the new political system and accumulate new meanings and functions over time.

As a researcher, I am genuinely intrigued by such places, their transformations and “long history”. In my new project, I want to examine the postwar roles and implications of infrastructural sites in Poland, Czechia and Germany that carry a burden of totalitarian origin. Yet, in many cases the gloomy beginnings remain less known to collective memory due to the lack of “guardians of memory” and witnesses who would advocate for preservation both memory and physical remains. Over the past decades, infrastructural sites have obtained new meanings that overlay and create a fascinating assemblage of politics, micro histories and personal experiences. This is the case of motorway A4 (precisely its part in Lower Silesia), whose history presents artist Agata Ciastoń in her photographic documentary essay. This motorway was part of the “Reichsautobahn” project and was executed through tremendous work of forced labourer’s and prisoners of the Nazi concentration camps. Following Chachra’s claim, this strategic infrastructure remained in place and the major repairs occurred only in the last decade of the 20th century. Despite its utilitarian and rather neutral character, the motorway acquired some “stamps of time,” such as a Soviet inscription of one of the motorway’s pillars saying: Водрузим над Берлином знамя победы  (“We will raise the banner of victory over Berlin”) – a remnant from the end of war and the approaching Red Army.

Highway A4 Wrocław-Legnica. Russian inscription from 1945. Photo by Robert Niedźwiecki, 2010, source: Wikimedia Commons.

Another example from the same motorway are petrol stations from 1937 (designed by Friedrich Tamms). They are in constant use, yet with modern adjustments. Since 2012 they remain under conservatory protection as a historical monument. The overlapping of histories and meanings and research potential hidden behind infrastructural sites was also noticed by Ciastoń:

It seems to me that the A4 still exists somewhere in between the powerful propaganda project of the “Reichsautobahn,” Jean Baudrillard’s trance-like “freeway,” and the tamed – former and now little-used – “our motorway,” recalled with nostalgia, as it is called by the residents of the towns scattered along its route.3

Highway A4 near Katowice in 1974, source: Narodowe Archiwum Cyfrowe.

Many infrastructural sites carry a difficult history while being embedded in entirely new contexts. Yet in most cases, they are not “spectacular.” We pass them every day, sometimes even use them, without pausing to think about their stories. They blend into the routines of daily life, quietly present rather than demanding attention.

Although people often try to forget or intentionally erase the physical reminders of painful or uncomfortable histories, these places are stubborn. They linger in the landscape, refusing to disappear completely, as if the past itself is not quite ready to let go. Often, the reasons are practical rather than symbolic: continued use, economic necessity, or the sheer cost of dismantling what already exists. As a result, history lingers in concrete, asphalt, and grass growing where it was never meant to grow.

My research is driven by an interest in these overlooked sites and the contemporary conditions that allow them to persist. By looking closely at such spaces, I hope to open up questions about memory, environmental history, and social history and about how the past quietly shapes the landscapes we continue to inhabit today.


1 Chachra, Deb. How infrastructure works: inside the systems that shape our world. Penguin, London 2023, 7.

2 Larkin, Brian, Promising forms: The political aesthetics of infrastructure. In N. Anand, A. Gupta, & H. Appel (Eds.), The Promise of Infrastructure (pp. 175–202). Durham, Duke University Press 2018.

3 Ciastoń, Agata. Na środkowym pasie latem trawa była wysoka, Wydawnictwo Warstwy, Wrocław 2024, 230.


Title picture: Emergency exit of an air-raid shelter from World War II with the inscription Mannesmann-Luftschutz, Munich Ludwigstraße. Photo taken by the author, 2025.


Photo: private.

How to decolonize? Konzept einer kritischen Stadtführung zu postkolonialen Perspektiven auf Köln

In diesem Beitrag stellt Merle Bode den dekolonialen Ansatz der Gruppe Decolonize Cologne vor.


Die Gruppe Decolonize Cologne gibt in Köln Stadtrundgänge mit postkolonialer Perspektive. Welches Konzept steckt hinter der Idee, dekoloniale Geschichtsschreibung zu betreiben und koloniale Spuren in der Stadt zu zeigen? Dabei geht es auch um persönliche Verortungen und Bezüge zur Gegenwart.

The group Decolonise Cologne offers city tours in Cologne from a postcolonial perspective. What is the concept behind the idea of practising decolonial historiography and highlighting colonial traces in the city? It is also about personal locations and references to the present.


Decolonize Cologne ist eine Gruppe aus Köln, die sich seit 2019 mit postkolonialen Perspektiven auf die Kölner Geschichte beschäftigt und kritische Stadtrundgänge gibt. Das Team besteht aus Dr. Azziza Malanda, Bebero Lehmann, Linda Jalloh und Merle Bode. Im Folgenden geht es um einen Rundgang in der Kölner Südstadt, den Dr. Azziza Malanda, Linda Jalloh und Merle Bode geben. Welches Konzept steckt hinter der kritischen Wissensvermittlung und wie sind wir selbst in post(koloniale) Geschichten verwoben?

Postkoloniale Perspektive und kritische Geschichtsschreibung

Wir machen mit unserem Rundgang deutsche Kolonialgeschichte als gewaltvolle Vergangenheit präsent, da bei vielen Teilnehmenden kaum Wissen darüber existiert. Wir hinterfragen gemeinsam, wer eigentlich die Geschichte der hiesigen Dominanzkultur schreibt und wie sich diese im Kölner Stadtbild wiederfindet. Ein Beispiel dafür ist der Kölner Bismarckturm im Stadtteil Bayenthal. Dieser muss zunächst als koloniales Denkmal eingeordnet, nämlich mit Kolonialgeschichte in Verbindung gebracht werden. Dann erst können wir die weiß1 männlich bürgerliche Repräsentation einer kolonialen und nationalen Siegergeschichte, die sich in diesem Denkmal findet, kritisch dekonstruieren.

Stadtrundgang mit Decolonize Cologne vor dem Kölner Bismarckturm, Foto: Decolonize Cologne.

Deutscher Kolonialismus ist nicht auf den Zeitraum 1884-1918 beschränkt, sondern eingebettet in eine über 500-jährige Geschichte von Gewalt, Genoziden und Unterdrückung, bis in die Gegenwart. In den Rundgängen zeigen wir, dass sich koloniale Praktiken und Strukturen in allen Bereichen gesellschaftlicher Ordnungen widerspiegelt: Die Wirkmächtigkeit einer kapitalistischen Produktionsweise und Machtsysteme wie Rassismen und (Hetero)Sexismus prägen die Gesellschaft und uns selbst. Es geht also nicht nur um die Frage nach Vergangenem, sondern auch um das Fortwirken in der Gegenwart.

Perspektivwechsel

Ein zentraler Bestandteil einer kritischen Annäherung an post(koloniale) Geschichte sind Perspektivwechsel: Wer kommt als Akteur*in vor, aus wessen Perspektive wird Geschichte erzählt? Dafür betrachten wir Akteur*innen aus einer intersektionalen Perspektive. Das heißt, wir fragen danach, wie sie in gesellschaftliche Machtverhältnisse eingebettet sind. Positionierungen nach Gender, Race, Klasse, Ethnie, Nationalität, Religion usw. geben Aufschluss über Handlungsmöglichkeiten.

Gender: Eine koloniale Kategorie

Frauen oder FLINTA*2 kommen in hegemonialer Geschichtsschreibung kaum vor. Doch was bedeutet es eigentlich, wenn wir im kolonialen Kontext von der Kategorie „Frau“ sprechen?3 Wir betrachten die patriarchale binäre heterosexuelle Geschlechterordnung als ein koloniales Konzept. Das zeigt sich, wenn wir die Rolle weißer Frauen im kolonialen System aufzeigen. Ein Beispiel ist der Frauenbund der Deutschen Kolonialabteilung, der wie in vielen deutschen Städten auch einen Ableger in Köln hatte. Die Frauen der oberen Mittelschicht engagierten sich Anfang des 20. Jahrhunderts aktiv für koloniale Projekte.4 Verbindungen von Kolonialaktivistinnen zur damaligen Frauenbewegung zeigen zudem ein problematisches Erbe des Feminismus auf: Rassismus durchzog die weiß dominierte bürgerliche Frauenbewegung und diente nicht selten der Machterweiterung weißer Frauen.

Eine Schwarze5, diasporische Perspektive nahmen Kolonialmigrantinnen und ihre Kinder ein. Regina Savi de Tove (geb. Bruce) kam im Jahr 1900 in Wuppertal zur Welt. Ihre togolesische Familie reiste als Showgruppe, führte sog. Völkerschauen in ganz Europa auf und bestritt damit ihren Lebensunterhalt. So kam sie als Kind auch nach Köln. Später absolvierte Regina Bruce / Savi de Tové in Hamburg eine Ausbildung als Kindergärtnerin und leitete ein Kinderheim. Aufgrund des zunehmenden Anti-Schwarzen-Rassismus, den sie in der Weimarer Republik erlebte, entschied sie sich Mitte der 1920er Jahre, für einige Jahre bei der Norddeutschen Missionsgesellschaft in Lomé (Togo) zu arbeiten. Sie blieb schließlich in Togo, kehrte aber mehrfach nach Deutschland und auch nach Köln zurück. Ihre Geschichte steht exemplarisch für Schwarze Frauengeschichte in Deutschland.6

Kolonialwaren und Widerstand

Ein weiteres Beispiel für einen Perspektivwechsel bietet die ehemalige Schokoladenfabrik Stollwerck, die ab 1872 hundert Jahre lang die Kölner Südstadt prägte. Noch heute erinnern unkritische, teils romantisierende Überbleibsel wie Überreste der Fabrik, die Plastik des sogenannten „Stollwerckmädchens“ und das Schokoladenmuseum an das Unternehmen, ohne dessen Kolonialgeschichte offen zu legen. Stollwerck bezeichnete sich einst selbst als größtes Schokoladenimperium der Welt und warb damit, Kakao als Rohstoff ausschließlich von Plantagen deutscher Kolonien zu beziehen. Auch Kölner Unternehmer wie Max Esser waren direkt in die koloniale Plantagenwirtschaft involviert, etwa durch die Errichtung von Kakao-Plantagen in Kamerun.7 Dies ging einher mit der Enteignung von Land, Monokultur und Raubbau an der Natur, deren Nachwirkungen bis heute spürbar sind. In deutscher Dominanzkultur werden außerdem kriegerische Interventionen, Vertreibung, Zwangsarbeit und Niederschlagung von Widerstand nicht erzählt. So beispielsweise die kamerunische Widerstandsgeschichte um Rudolf und Emily Duala Manga Bell, die sich gegen die rassistische Segregationspolitik der deutschen Kolonialverwaltung und der damit einhergehenden Vertreibung der Duala einsetzten. König Rudolf Duala Manga Bell und Ngoso Din wurden deshalb wegen angeblichen „Hochverrats“ verurteilt und am 8. August 1914 hingerichtet. Einer der Nachfahren von Manga Bell lebt in Köln, sein Vater Jean-Pierre Felix-Eyoum ist der Urgroßneffe und reichte 2022 eine Online-Petition bei der deutschen Bundesregierung ein, um die Rehabilitierung von Rudolf Duala Manga Bell und Adolf Ngoso Din und eine Revision des Urteils zu erreichen. Eine juristische Rehabilitierung ist nach Aussagen des Auswärtigen Amtes nicht möglich. 2024 kam es zu einer „politischen Rehabilitierung“ durch die Bundesregierung.

Stadtrundgang von Decolonize Cologne in der Kölner Südstadt, Foto: Decolonize Cologne.

Unser eigener Bezug zum Thema

Was hat Kolonialismus mit uns zu tun? Diese Frage thematisieren wir anhand eigener Biografien und Verortungen in dieser Gesellschaft. Als Team bringen wir unterschiedliche Erfahrungen mit – unter anderem in Bezug auf Rassismus. Schwarze Repräsentanz und Perspektiven sind uns dabei ebenso wichtig wie die Sichtbarmachung der Normativität weißer Positionierung. Da hier eine weiße cis Frau schreibt, zeige ich anhand eines persönlichen Beispiels meine eigene Verwobenheit in koloniale Machtsysteme auf. Es geht darum, sich der epistemischen Gewalt bewusst zu werden: aus welcher Perspektive lerne ich, was lerne ich nicht und wie formt dies mein Wissen.

Um zu zeigen, dass Kolonialgeschichte nicht nur abstrakt bei „anderen“ verortet werden sollte, greife ich die Frage nach dem eigenen Bezug zunächst anhand des Beispiels des „Rautenstrauch-Joest-Museum für Völkerkunde“ (RJM) und der Frage des „Sammelns“ auf. Das RJM wurde 1906 eröffnet und enthielt zu einem großen Teil „Exponate“ aus deutschen Kolonien: Alltagsgegenstände, Kunstwerke aber auch menschliche Gebeine. Sie dienten als geordnete und kategorisierte „Dinge“ auch der materialisierten Zurschaustellung vermeintlicher weißer Überlegenheit. Der gewaltvolle koloniale Kontext, in dem diese Sammlungen entstanden, ist bis heute kaum aufgearbeitet.

Die Sammelpraxis fand aber nicht nur während beispielsweise Expeditionen und Raubzügen, sondern auch im Privaten statt. Auch heute sind Souvenirs von Reisen Teil von Wohnungseinrichtungen und zeigen den Alltag kolonialer Spuren auf. Auch ich bin mit einem kolonialen Mitbringsel im Wohnzimmer aufgewachsen: EinPerlmutt-Schmuckkästchenaus China, das mein Urgroßvater mitgebracht hatte. Erst im Zuge der Konzeption der Führung begann ich, mich genauer mit dieser Familiengeschichte zu beschäftigen: Anton Bode trat 1907 mit 18 Jahren freiwillig in die Kaiserliche Kriegsmarine ein und wurde Berufssoldat. Ab 1911 war er als Teil des sog. Ost-Asiengeschwaders in Kiautschou – seit 1884 deutsche Hafenkolonie – stationiert und bereiste außerdem die deutschen Kolonien in der Südsee. Damit war er direkt in das deutsche koloniale Herrschaftssystem eingebunden. Dies wurde mit Gewalt aufrechterhalten, um deutsche Wirtschaftsinteressen zu schützen. 1933 trat mein Urgroßvater in die NSDAP ein, wurde Ortsgruppenleiter und 1946 in einem Entnazifizierungsverfahren verurteilt. Meine Familiengeschichte, ebenso wie Orte und Geschichten unseres Stadtrundgangs, zeigt, wie eng koloniale und nationalsozialistische Geschichten miteinander verwoben und gemeinsamer Bestandteil kritischer Erinnerungskultur sind.8

Briefmarke aus der deutschen Hafenkolonie Kiautschou als Teil des Familienarchivs, Foto: Merle Bode.

Prozesshaftigkeit

Unsere Erfahrungen, unser Wissen ändert sich und damit auch das Konzept des Stadtrundgangs. Es bleibt wandelbar und ist Teil eines fortlaufenden Prozesses. Ein (post)kolonialer Stadtrundgang ist daher nichts Abgeschlossenes, sondern lädt uns und die Teilnehmenden zum ständigen Ver-Lernen ein. Indem wir uns an diesem Prozess beteiligen und ihn anstoßen, werden wir Teil einer Erinnerungspraxis, die kollektiv verbreitete Geschichtserzählungen und Amnesien kritisch in Frage stellen. Heutige Ungerechtigkeit historisch zu verstehen, bedeutet auch, Perspektiven für eine dekoloniale, gerechte Zukunft zu ermöglichen.


1 Um deutlich zu machen, dass die Kategorie „weiß“ ein rassistisches Konstrukt ist, nutze ich die kursive Schreibweise, wie in der Kritischen Weißseinsforschung in der BRD mittlerweile üblich.

2 FLINTA* steht für Frauen, Lesben, inter, trans, nicht-binäre und agender Personen.

3 Wir entwickelten die Führung zunächst mit dem Kölner Frauengeschichtsverein, daher stand die Frage nach „Frausein“ von vornherein im Fokus.

4 Franken, Irene; Bischoff, Eva: „Fremdland zur Heimat wandeln nur die Frauen“ – Koloniale Frauenvereine in Köln 1893-1919, in: Bechhaus-Gerst, Marianne/Horstmann, Anne-Kathrin (Hg.): Köln und der deutsche Kolonialismus. Eine Spurensuche, Köln/Wien 2013, S. 37-42.

5 „Schwarz“ als politische Kategorie und Selbstbezeichnung schreibe ich groß.

6 Zu Schwarzer deutscher Geschichte: Oguntoye, Katharina: Eine afro-deutsche Geschichte. Zur Lebenssituation von Afrikanern und Afro-Deutschen in Deutschland von 1884 bis 1950, Berlin 1997; El-Tayeb, Fatima: Schwarze Deutsche und deutscher Rassismus, Frankfurt/Main 2001; Kelly, Natasha A.: Schwarz. Deutsch. Weiblich. Warum Feminismus mehr als Geschlechtergerechtigkeit fordern muss, München 2023.

7 Röschenthaler, Ute: Kakao am Kamerunberg: Der Kölner Kaufmann Max Esser und die Folgen seines Pioniergeists, in: Bechhaus-Gerst, Marianne/Horstmann, Anne-Kathrin (Hg.): Köln und der deutsche Kolonialismus. Eine Spurensuche, Köln/Wien 2013, S. 65-72.

8 Vgl. Attia, Iman; Rothberg, Michael, „Multidirectional memory und Verwobene Geschichte(n)“, in: Bauche, Manuela; Otoo, Sharon Dodua (Hg.), Geschichte schreiben, Frankfurt am Main 2018, S. 92-105.


Titelbild: Decolonizing RJM: Performative Führung von Decolonize Cologne mit dem kamerunischen Künstler Zora Snake. Foto: Decolonize Cologne.

Shoah Gedenkstätten auf TikTok – Passt das?

Daniel Neumeier knüpft mit seinem Beitrag an die Blogserie von Liv Ohlsen und Hans-Ulrich Wagner zum Thema “digitale Erinnerungsarbeit” an und diskutiert, inwiefern historische Aufklärungsarbeit auf einer Plattform wie TikTok wirklich gelingen kann.

Gedenkstätten nutzen TikTok, um junge Menschen über die NS-Verbrechen aufzuklären – auf einer Plattform, die Unterhaltung, Trends und schnelle Clips bevorzugt. Kann das funktionieren? Ein Blick auf Potentiale, Konflikte und mögliche Grenzen digitaler Erinnerungskultur.

Memorial sites use TikTok to educate young people about Nazi crimes – on a platform that favors entertainment, trends, and short clips. Can this work? A look at the potential, conflicts, and possible limits of digital remembrance culture.


@neuengamme.memorial

Why are we on TikTok? Institutions and memorials from all over the world educate and inform about the Holocaust on TikTok – these are the reasons why #gedenkenbildet #learningontiktok #historytok #weremember #memorial #fyp #tiktok

♬ snowfall (Sped Up) – Øneheart & reidenshi
Zur Einführung Gedenkstätte Neuengamme und weitere: Why are we on TikTok, TikTok 01.02.2024.

In ihrer Blogserie „Über die digitale Erinnerungsarbeit deutschsprachiger Gedenkstätten auf TikTok“ analysieren Liv Ohlsen und Hans-Ulrich Wagner am Beispiel von Biografie-Videos aus Neuengamme, Dachau und Mauthausen, wie Gedenkstätten historische Inhalte in plattformgerechte Formate übersetzen. Mit direkter und interaktiver Ansprache, schneller Ästhetik sowie Erzählformen zwischen Sachlichkeit, Emotionalität und Personalisierung erreichen die Videos ein breites Publikum. Zugleich offenbart die Analyse Reibungspunkte – etwa bei der Zuspitzung und Emotionalisierung, begrenzter Vermittlungstiefe oder moderationsbedürftigen Kommentaren.Diese Spannungen lassen sich nicht allein auf technische oder gestalterische Aspekte zurückführen. Vielmehr deuten sie auf einen möglichen tieferliegenden Widerspruch zwischen der Gedenkstättenpädagogik und der Funktionslogik von TikTok hin. Um diesem Spannungsfeld näherzukommen, lohnt sich zunächst der Blick auf die beiden Akteure:

NS-Gedenkstätten sind multifunktionale Lern- und Gedenkorte, die historische Überreste bewahren, um sowohl Raum zum Erinnern zu schaffen als auch historische Bildung und demokratische Selbstverständigung zu fördern. Ihre pädagogische Arbeit orientiert sich an zentralen Prinzipien und Leitlinien wie Multiperspektivität, Transparenz oder dem Beutelsbacher Konsens, laut dem Lernende nicht indoktriniert, sondern befähigt werden sollen, kontroverse Themen differenziert zu diskutieren und eigene, reflektierte Urteile zu bilden.

TikTok ist eine 2016 gegründete Kurzvideo-Plattform, auf der man in einen endlosen, personalisierten Feed eintauchen, nach Themen suchen, Kanäle abonnieren, eigene Videos erstellen oder mit Likes, Kommentaren und Antwortvideos reagieren kann. Der Algorithmus steuert die Ausspielung und bevorzugt kurze, visuell ansprechende Videos mit hoher Interaktion, langer Verweildauer und trendbasierten Elementen.

Aus den unterschiedlichen Vermittlungslogiken und Funktionsweisen von NS-Gedenkstätten – als Orte politisch-historischer Bildung – und TikTok – als schnelllebiger Social-Media-Plattform – ergeben sich Chancen für die digitale Erinnerungsarbeit, aber auch Herausforderungen und Widersprüche.


Sicht der Gedenkstätten Haus der Wannseekonferenz: Was ist eine Gedenkstätte, TikTok 04.05.2023.

Im Rahmen der „Shoah-Gedenk- und Bildungsinitiative“ fördert TikTok inzwischen die Arbeit von über 20 Einrichtungen auf der Plattform.In unterschiedlichen Formaten – von Geschichtsvideos, Biografien, gesellschaftspolitischen Einordnungen über Community-Fragen und Ortsvorstellungen bis hin zu Zeitzeugengesprächen – versuchen Gedenkstätten, die Prinzipien der Gedenkstättenpädagogik mit der Funktionsweise von TikTok zu vereinen. Für ihr Engagement gibt es gute Gründe: Jugendliche verbringen täglich je nach Studie durchschnittlich 2,5 bis 8,5 Stunden online. Trotz gesetzlicher Vorgaben und Content-Moderation sind weiterhin Desinformation sowie rechtsextreme Hetze auf TikTok zu finden. Und von Privatpersonen initiierte Trends wie die #POVHolocaustChallenge oder KI-generierte Zeitzeugen lösten Debatten über die angemessene Gestaltung von Bildungsinhalten zur Shoah auf TikTok aus.

Lassen sich Anspruch und Vermittlungsziele der Gedenkstätten mit der Plattformlogik vereinbaren und lohnt sich das Engagement auf TikTok? Im Folgenden sollen drei Schwerpunkte und ihr Potential kurz erörtert werden: Die historische Bildung, die politische Bildung und der Abbau von Barrieren.

Historische Bildung, gerade für junge Menschen, ist eine zentrale Aufgabe von Gedenkstätten.Doch in einem 60-Sekunden-Video bleibt wenig Zeit für komplexe Inhalte: TikTok stellt Bildungseinrichtungen damit vor didaktische Herausforderungen, etwa hinsichtlich der inhaltlichen Differenzierung oder der Strukturierung von Lerninhalten. Natürlich können die Videos keinen historischen Unterricht ersetzen, doch zeigen die folgenden Beispiele, dass sie durchaus Wissen in kurzer Zeit vermitteln können. Untersuchungen hierzu belegen, dass sogenanntes „Micro Learning“ – also die Vermittlung in kurzen, aufeinander aufbauenden Einheiten – zur Wissensaufnahme beitragen kann. Allerdings vor allem dann, wenn die Inhalte strukturiert und in einen didaktischen Rahmen eingebettet konsumiert werden. Sind sie Teil des allgemeinen TikTok-Feeds zwischen Katzenvideos und Kriegsbildern, nimmt der Lerneffekt wahrscheinlich deutlich ab. Die Frage lautet also, wie nachhaltig die Wissensvermittlung ist. Und das ist wiederum davon abhängig, ob bewusst geklickt oder nur nebenbei konsumiert wird.


@sachsenhausenmemorial

Fußball und KZ? In diesem Video erfahrt ihr, wer spielen durfte – und warum. #kzsachsenhausen #euro2024

♬ Originalton – sachsenhausenmemorial
Gedenkstätte Sachsenhausen: Fußball und KZ?, TikTok 27.06.2024. Für ein weiteres Beispiel siehe: Anne Frank Zentrum: What happened to Otto Frank?, TikTok 21.05.2024.

Gedenkstätten verbinden historische und politische Bildung, indem sie unter anderem Geschichtsbewusstsein, Urteilskraft als auch demokratische Werte fördern – ein offener und kritischer Diskurs ist dabei sowohl Voraussetzung als auch Bildungsziel. Demgegenüber steht die politisierende Funktionsweise von Social Media: Sie begünstigt emotionale und polarisierende Inhalte, was den „Confirmation Bias“ (Bestätigungstendenz) verstärken und zur Bildung von „Meinungsblasen“ beitragen kann. Die Interaktion in den Kommentaren bleibt in der Regel oberflächlich und ist oftmals von Provokationen statt von konstruktivem Austausch dominiert. Besonders Beiträge mit Bezügen zu aktuellen politischen Themen werden rasch als politische Positionierungen wahrgenommen. Es überrascht daher kaum, dass das Vertrauen in soziale Medien – im Gegensatz zu dem in Gedenkstätten – sehr gering ist. Während einige Studien darauf hinweisen, dass aufklärende Beiträge polarisierende Meinungen abschwächen, deuten andere darauf hin, dass sie auch zu einer weiteren Radikalisierung beitragen können. Der Erfolg historisch-politischer Bildungsangebote von Gedenkstätten im „Feed“ hängt damit auch davon ab, wen genau sie erreichen – und somit vom Algorithmus. Dabei bleibt fraglich, ob die Funktionsweise der Plattform einen offenen und kritischen Diskurs überhaupt zulässt.


@keine.erinnerungskultur

Carsten Linnemann wünscht sich ein Register für “psychisch Kranke” 🫠

♬ Originalton – keine.erinnerungskultur ✊🏻
Keine Erinnerungskultur: Register für “psychisch Kranke”, TikTok 01.01.2025. – Der von Susanne Siegert privat geführte Kanal ist der größte deutsche TikTok-Account, der sich mit der NS-Vergangenheit und der Shoah-Gedenkkultur befasst.

Die Studie erfasst und belegt auch das große Vertrauen in Gedenkstätten sowie das geringe Vertrauen in Social Media. Institut für Museumsforschung – Stiftung Preußischer Kulturbesitz: Das verborgene Kapital: Vertrauen in Museen in Deutschland. Wie die Menschen in Deutschland auf eine Kultureinrichtung im Wandel blicken. Eine bevölkerungsrepräsentative Studie, Zenodo, 2024, S. 12 und 18, [online], Zugriff: 11.02.2025.

TikTok bietet großes Potenzial, Barrieren abzubauen und Aufmerksamkeit für ein Thema oder die Gedenkstätte selbst zu schaffen. Die vertraute, alltagsnahe und „authentische“ Kommunikation der Videos auf Social Media kann die emotionale Distanz vieler junger Menschen zu den Erinnerungsorten verringern und so die Hemmschwelle für einen Besuch senken. Ansprechende Videos, welche zum Teil Millionen von Jugendlichen erreichen, können Interesse an den historischen und politischen Themen wecken, als Einstieg in weiterführende Bildungsangebote dienen oder zumindest Eindrücke hinterlassen, an die später angeknüpft werden kann. Doch die Weiterleitung zu vertiefenden Inhalten oder Quellenwird durch die Plattformstruktur erschwert, denn Verlinkungen sind in den einzelnen Beiträgen nicht möglich.Beim schnellen, impulsiven Scrollen werden die Wenigsten nach weiterführenden Informationen in der Kanalbeschreibung suchen.


Gedenkstätte Bergen Belsen: Die Gedenkstätte stellt sich vor, TikTok 19.01.2022.
KZ-Gedenkstätte Mauthausen: Have you planed your visit?, TikTok 29.08.2023.

Hilfreich zur Einschätzung des Potenzials der Gedenkstättenarbeit auf TikTok wären Auswertungen sowohl zu den Aufrufen als auch zur Nachhaltigkeit des vermittelten Wissens – also ob und wie lange Inhalte im Gedächtnis bleiben und ob sie zu weiterem Interesse oder weiteren Handlungen führen. Es scheint lohnend, Vermittlungsziele und Plattformlogik immer wieder zu reflektieren und miteinander abzugleichen: Welche Ziele stehen im Vordergrund – Bildung, Diskurs oder Barrierenabbau – und ist TikTok dafür das richtige Medium? Beispielsweise stellen Gedenkstätten auf YouTube meist nur Veranstaltungsmitschnitte oder Begleitmaterial online, obwohl          ausführliche historische und politische Inhalte auch bei Jugendlichen auf großes Interesse stoßen und die Plattform beliebter ist als TikTok.

Digitale Inhalte – von Social Media bis Games – eröffnen neue Möglichkeiten, zahlreiche Jugendliche zu erreichen, was Bildungseinrichtungen als Chance begreifen (sollten). Das Potenzial liegt auf der Hand und erfolgreiche „Gedenktoks“ belegen das Interesse an erinnerungskulturellen Inhalten auf der Plattform. Doch TikTok setzt die Spielregeln – durch algorithmische Priorisierung, formale Mechanismen wie die eingeschränkten Verlinkungsmöglichkeiten oder auch durch ästhetische Standards. Die Plattformlogik beeinflusst die inhaltliche Gestaltung der Videos und birgt für die Gedenkstätten Risiken wie Trivialisierung, Polarisierung oder den Verlust der Deutungshoheit. Die Vereinbarkeit der Erinnerungsarbeit von Gedenkstätten mit TikTok hängt von einer sorgfältigen Reflexion und der Abwägung von Möglichkeiten, Wirksamkeit und Risiken ab. Das Gedenken passt sich der digitalen Welt an – mit Chancen, Herausforderungen und offenen Fragen.


Die Studie visualisiert die Nutzungsmotive von Jugendlichen bezüglich verschiedener Social-Media-Plattformen, darunter TikTok. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs): JIM‑Studie 2024 – Basisuntersuchung zum Medienumgang 12‑bis 19‑Jähriger, Stuttgart: mpfs, 2024, S. 37, Zugriff: 11.02.2025.

Die Studie visualisiert die durchschnittliche Nutzungszeit Jugendlicher von verschiedenen Social-Media-Plattformen, darunter TikTok. Bitkom: Kinder‑&‑Jugendstudie 2024, Berlin: Bitkom, 2024, S. 13, Zugriff: 11.02.2025.

Weiterführende Inhalte

Tobias Ebbrecht-Hartmann u. Tom Divon, Shoah Commemoration and Education on TikTok 2024.

Leonie Meyer, Erinnern im Kurzformat, in: Bundeszentrale für politische Bildung, 7.10.2024.

Anette Plomin, Holocaust digital: Wie erinnern wir uns in Zukunft? (= Twist) 2025.

Deborah Schnabel u. Eva Berendsen (Hrsg.): Der Holocaust als Meme. Wie in digitalen Räumen Geschichte umgedeutet wird, Bildungsstätte Anne Frank, Frankfurt am Main 2025.


Titelbild: Bildmontage, Originalfoto: © Gül Işık / Pexels – pexels.com / https://www.pexels.com/photo/person-using-smartphone-2261058/, Screenshot aus dem TikTok-Video Anne Franks Geburtstag des Accounts @belsenmemorial vom 12.06.2022.

Geschichte als Werkzeug der polnischen Diplomatie gegenüber Deutschland in der Zwischenkriegszeit 1918-1939

Bartosz Dziewanowski-Stefańczyk vom DHI Warschau schreibt über die polnisch-deutschen Beziehungen zwischen den beiden Weltkriegen.

In der Zwischenkriegszeit nutzte Polen die eigene Geschichte als diplomatisches Werkzeug gegenüber Deutschland. Obwohl Polen von der deutschen Seite als kulturell unterlegen betrachtet wurde, wurde diese Art der Diplomatie von deutschen Politikern und Osteuropa-Forschern als Bedrohung für deutsche außenpolitische Interessen wahrgenommen.

In the interwar period, Poland used its own history as a diplomatic tool vis-à-vis Germany. Although Poland was regarded as culturally inferior by the Germans, this type of diplomacy was perceived by German politicians and scholars on Eastern Europe as a threat to German foreign policy interests.


Die neuen Staaten Ostmitteleuropas begannen nach 1918, ihre Selbstbilder überwiegend über die eigene Geschichte, d.h. mit historischen Interpretationen und Argumenten zu formen, um spezifische, „landestypische“ Grenzen zu ziehen und in einem breiteren Kontext das Recht auf souveräne Existenz zu vertreten. Im Hinblick auf diese Art des staatlichen Selbstverständnisses und der Staatspropaganda stellt Polen ein sehr interessantes Beispiel dar, da es an den wichtigsten der Zentralstaaten – Deutschland – grenzte und gezwungen war, dessen diplomatisch-revisionistischer Offensive entgegenzuwirken. Dabei waren die Grenzfragen und die Korridorpropaganda von größter Bedeutung. Die polnischen Regierungen nach 1918 versuchten, das Recht zur Existenz des Staates sowie dessen Außenbild mittels Geschichte zu definieren und zu festigen.[1]

Wie andere Vertreter der Nationen in Mittel- und Ostmitteleuropa nutzte die polnische Diplomatie politische, historische und kulturelle Argumente, um sich den Verbündeten im Westen zu präsentieren und ihnen die Unabhängigkeit und staatsbildende Reife ihres Volkes zu vermitteln. Diese Herangehensweise war auch für die deutsch-polnischen Beziehungen in der Zwischenkriegszeit typisch. Die polnische Außenpolitik gegenüber Deutschland in den Jahren 1918 bis 1939 steht im Mittelpunkt dieser Analyse.

Teilweise vor dem Krieg, vor allem aber nach dem Ersten Weltkrieg schuf Deutschland ein umfassendes Forschungsprogramm zu Osteuropa. Es entstand ein Netzwerk von Forschungseinrichtungen, die auch in den deutsch-polnischen Beziehungen zu wichtigen Akteuren wurden und maßgeblich für die Politisierung der Wissenschaft verantwortlich waren. Das gestiegene Interesse an Mitteleuropa hing mit dem Streben zusammen, die Bestimmungen des Versailler Vertrags (1919) zu revidieren und die Machtposition Deutschlands wiederherzustellen. Dafür wurde auch die Wissenschaft eingesetzt, insbesondere gegen die Position Polens.

Im Jahr 1920 entstand die Deutsche Gesellschaft zum Studium Osteuropas, 1923 in Leipzig die Vermittlungsstelle für zwischeneuropäische Fragen, die an der Schnittstelle von Wissenschaft und Politik fungierte und die 1926 in die Stiftung für deutsche Volks- und Kulturbodenforschung eingegliedert wurde. Schon 1918 wurde in Breslau das Osteuropa-Institut gegründet, nach 1933 aber konzentrierte sich das Institut auf die völkische Ostmitteleuropa- und Ukraineforschung. 1927 wurde in Danzig das Ostland-Institut unter der Leitung von Walther Recke eingerichtet. Diese Institution war für die Sammlung aller Informationen über die polnische Meeres- und Pommernforschung zuständig. Die Gründung der Danziger Institution war eine Reaktion auf die Aktivitäten des 1925 gegründeten Baltischen Instituts in Toruń. 1931 wurde der Publikationsfond gegründet, der zwei Jahre später in Publikationsstelle Berlin-Dahlem umbenannt wurde und in den Räumen des Geheimen Staatsarchivs unter der Leitung von Johannes Papritz der Ostforschung diente.

Alle oben genannten Institutionen führten umfangreiche Propaganda gegen Polen durch, die auf der Überzeugung von der Zivilisationsüberlegenheit Deutschlands gegenüber Polen und der Ungerechtigkeit des Versailler Vertrages beruhte.[2] Neben der Schuldklausel waren die Veränderungen der östlichen Grenzen für Deutschland äußerst schmerzlich, da Großpolen, ein Teil des Königlichen Preußen, und, als Folge von drei Aufständen, Teile von Oberschlesien nach Polen eingegliedert wurden.

Eins von vielen Beispielen der deutschen Stereotype gegen Polen. “Die deutsche Wirtschaft und – ihre Umwandlung in eine polnische Wirtschaft”, in: Kladderadatsch 30/72, 27.07.1919, S. 11.

Ein Beispiel für die deutsche Propaganda war die Betonung einer fehlenden polnischen Seetradition durch deutsche Politiker und Forscher. Sie leiteten daraus ab, dass Polen kein Zugang zum Meer gewährt werden müsse. Bei dem Versuch, den Versailler Vertrag zu revidieren, verwiesen die Deutschen auch auf die „Saisonalität“ des polnischen Staates. Weiterhin wurden in diesem Zusammenhang antipolnische Stereotype angeführt: die angeblich mangelnde Fähigkeit Polens zur Staatsbildung, die polnische Anarchie und ineffizient organisiertes Handeln – die so genannte polnische Wirtschaft – alles angeblich belegbar durch Beispiele aus der Geschichte Polens.[3]

“Vademecum für den Internationalen Historikertag Warschau 1933”, Berlin: Preußisches Geheimes Staatsarchiv, Publikationsstelle, [1933]. Das für den Internationalen Historikertag in Warschau 1933 formulierte Vademecum zu den schwierigsten Themen in den deutsch-polnischen Beziehungen war ein „Rüstzeug”, das die wichtigsten Argumente der polnischen und deutschen Seite zusammenfasste, sodass die deutschen Delegierten wussten, was sie dazu sagen sollten.

In den 1920er Jahren waren die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland sehr schlecht, insbesondere während des sogenannten Zollkrieges, der 1925 begann. Im selben Jahr wurde in Toruń das Baltische Institut gegründet, das im Laufe der Zeit zum wichtigsten polnischen Akteur in den Streitigkeiten um Danzig, aber auch um Großpolen, zwischen beiden Ländern wurde. Ziel des Instituts war es, im Baltikum den Weg für polnischen Einfluss zu ebnen. Bei der Gründung des Instituts wollte Stanisław Srokowski dem Vorbild der deutschen Verbindung von Propaganda und Wissenschaft folgen. Obwohl das Baltische Institut von nationaldemokratischen Kreisen gegründet wurde, wurde es nach dem Mai-Putsch von 1926 vom polnischen Außenministerium unterstützt und finanziert. Es begann seine Arbeit in einem schwierigen Moment, als Aktivitäten im Rahmen einer allgemein verstandenen Kulturdiplomatie in Deutschland nahezu unmöglich waren. Allerdings verbesserten sich die Beziehungen zwischen den beiden Ländern vorübergehend nach der Unterzeichnung der deutsch-polnischen Erklärung zur Gewaltlosigkeit im Januar 1934 leicht, was die Historikerin Karina Pryt als befohlene Freundschaft bezeichnete[4]. Allerdings urteilte der Breslauer Konsul Stefan Bratkowski 1935, dass „das deutsch-polnische Abkommen die in Deutschland vorherrschende Atmosphäre nicht grundlegend verändert hat“[5].

Das Baltische Institut in Thorn gab mehrere Veröffentlichungen zu der Prähistorie derjenigen Territorien heraus, die zu Polen gehörten, aber von Deutschland als verlorene Gebiete betrachtet wurden.

Das Baltische Institut ist die wichtigste polnische Institution, die an den deutsch-polnischen Streitigkeiten beteiligt war.  Das Archiv des Instituts ging während des Krieges verloren, daher müssen seine Aktivitäten anhand der nur fragmentarisch erhaltenen Schriften in verschiedenen Archiven rekonstruiert werden[6]. Besser sieht es allerdings mit der Rezeption der Institutsaktivitäten auf deutscher Seite aus. Zu diesem Zweck sind die Materialien im Archiv des Auswärtigen Amtes (AA) sowie im Bundesarchiv Lichterfelde (BA) von großem Nutzen. Im AA sind die Archivalien aus der Politischen Abteilung der Zentrale im Deutschen Reich (RZ 208, RZ 211) sowie die Materialien der Botschaft Deutschlands in Warschau am aufschlussreichsten, im BA die Materialien der Publikationsstelle Berlin-Dahlem (R 153).

Polnisches Propaganda-Poster (Polen, vor 1939): “Wir sind nicht erst seit gestern hier – wir waren weit nach Westen vorgedrungen”. Laut der Inschrift gehörten Lübeck und Berlin einst Polen, ebenso wie zu der Zeit von König Boleslaus auch Leipzig und Breslau, Wikimedia Commons (gemeinfrei)

Deutsche Experten (z.B. Hans Übersberger – Leiter des Osteuropa-Instituts, oder Theodor Oberländer – Direktor des Instituts für Osteuropäische Wirtschaft in Königsberg) bewerteten die auswärtige Geschichtspolitik Polens insgesamt als sehr effektiv, standen polnischen Thesen allerdings äußerst kritisch gegenüber. Dennoch betrachteten sie vor allem das Baltische Institut als gefährlichen Gegner Deutschlands im Bereich der Propaganda. In diesem Sinne wurde in Berichten des Instituts für Osteuropäische Wirtschaft in Königsberg u.a. das Baltische Institut bewertet. Dessen Direktor Theodor Oberländer machte das deutsche Außenministerium auf die Notwendigkeit aufmerksam, Aktivitäten gegen das Baltische Institut zu finanzieren[7]. Oberländer schätze beispielsweise ein: „Nachdem aber der Gegner nachweislich nach Abschluss dieses Paktes weit schärfer offensiv geworden ist, als bisher, ist es unbedingt notwendig, in grosszügiger Weise die Abwehr, in die wir ja schon leider hineingedrängt sind, zu organisieren. Die stärkste Aktivität geht vom Baltischen Institut aus, das nach dem Jahre seine Tätigkeit aus allen Gebieten ungeheuer aktiviert hat.“[8]

Möglicherweise, wie es schon Stefan Guth andeutete, diente die Betonung des Vorteils der polnischen Seite dazu, zusätzliche Mittel für die eigenen Aktivitäten zu beschaffen.[9]  Darüber hinaus könnten diese Einschätzungen Teil des traditionellen Diskurses über die bedrohten Ostgrenzen Deutschlands gewesen sein, weshalb solche Äußerungen mit Vorsicht zu bewerten sind. Dennoch wurden die Aktivitäten des Baltischen Instituts als großes Problem und Herausforderung, vielleicht sogar als Bedrohung, für die deutsche Wissenschaft und Diplomatie eingeschätzt.


[1] B. Dziewanowski-Stefańczyk, To ‘acquire the right place among the nations’. Cultural diplomacy and the New Order in East-Central Europe, (in:) A New Europe, 1918-23: Instability, Innovation, Recovery, Hg. B. Dziewanowski-Stefańczyk, Jay Winter, Routledge London-New York, 2022.

[2] Marek Kornat, Niższość cywilizacyjna wrogiego narodu. Niemieckie dyskursy o Polsce i Polakach 1919-1945, Warszawa 2020.

[3] Ingo Haar, Historiker im Nationalsozialismus. Deutsche Geschichtswissenschaft und der »Volkstumskampf« im Osten, Göttingen 2000, S. 139-149.

[4] Karina Pryt, Befohlene Freundschaft die deutsch-polnischen Kulturbeziehungen 1934 – 1939, Osnabrück 2010.

[5] Zjazdy i konferencje konsulów polskich w Niemczech. Protokóły i sprawozdania. 1920-1939, Lublin 1999, S. 260.

[6] Bernard Piotrowski, W służbie nauki i narodu. Instytut Bałtycki w latach 1925-1939, Poznań 1991.

[7] PA AA, R 82337, Schreiben vom 18.10.1935, S. 218-219.

[8] PA AA, R 82337, Schreiben Oberländers an Roediger, 28.10.1935, “Bemerkungen zur neuesten Tätigkeit des Baltischen Instituts und zur Notwendigkeit der Organisation einer Abwehrarbeit”, S. 221. Siehe auch: Bartosz Dziewanowski-Stefańczyk, „Die Historiographie von Westpreußen als Werkzeug der polnischen Diplomatie in Bezug auf Deutschland in der Zwischenkriegszeit“, in: 100 Jahre Forschung über Ost- und Westpreußen. Die Historische Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung. Geschichte – Forschungsthemen – Quellen, hrsg. Jürgen Sarnowsky (Einzelschriften der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung, 35), Osnabrück: Fibre 2025, S. 155-168.

[9] Stefan Guth, Geschichte als Politik. Der Deutsch-polnische Historikerdialog im 20. Jahrhundert, München 2015, S. 75.


Bartosz Dziewanowski-Stefańczyk ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Warschau und war 2023 Leibniz “Value of the Past” Fellow am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam.


Titelbild: Eröffnung des polnischen Pavillons auf der Weltausstellung in New York (1939) mit dem mittelalterlichen Turm und der Statue des mit Deutschland verbundenen Königs Władysław Jagiełło, der die Schlacht bei Grunwald gegen die Deutschen Ritter gewann, die mit Deutschland in der polnischen Propaganda assoziiert wurden, NAC, 1-M-654-30.

Über die digitale Erinnerungsarbeit deutschsprachiger Gedenkstätten auf TikTok – Part 3: Digitale Stolpersteine

Im letzten Teil dieser Blogserie ziehen Liv Ohlsen und Hans-Ulrich Wagner ein erstes Resümee und identifizieren offene Fragen für die Zukunft der digitalen Erinnerungsarbeit.

Schon seit einiger Zeit setzt TikTok auch auf Wissensvermittlung. Wir werfen einen Blick auf die Historytoks für die Generation Z und zeigen in einer Blogserie in drei Teilen, wie KZ-Gedenkstätten auf ihren TikTok-Accounts diese neue Form der digitalen Erinnerungsarbeit aufgreifen.

TikTok has also been focussing on knowledge transfer for some time now. We look at the Historytoks for Generation Z and show in a three-part blog series how concentration camp memorial sites are taking up this new form of digital remembrance work on their TikTok accounts.


Die Kennzahlen der Nutzung zeigen an, dass die Darstellung von menschlichen Schicksalen aus der NS-Zeit Aufmerksamkeit findet. Die untersuchten digitalen Toks weisen zwischen 2.386 Klicks (Dachau 2024) und 13.600 (Mauthausen 2023) auf. Bemerkenswert ist, dass die neueren Videos an Beliebtheit gewinnen und sich ein Trend nach oben zeigt. Auch die Zahl der Follower*innen der Accounts belegen ein deutliches Interesse an den Gedenktoks, wobei die KZ-Gedenkstätte Neuengamme mit 36.800 Follower*innen und insgesamt über 564.000 Likes am beliebtesten erscheint.

Die Sichtbarkeit der präsentierenden Person bietet Raum für Sympathie und Identifikation – ein Phänomen, das in der Medienwissenschaft seit langem schon als parasoziale Interaktion von Mediennutzenden mit den im Medium auftretenden Personen bekannt ist, und offensichtlich hier besonders zum Tragen kommt. In den TikTok-Videos zeigt sich, dass die jungen Sprecher*innen dabei nicht in Konkurrenz zu den historischen Personen treten, die sie vorstellen. Zwar können die ehemaligen Häftlinge kein direktes persönliches Zeugnis über ihre Verfolgung ablegen, aber die Sprecher*innen vermitteln ein Zeugnis über sie. Mit den unterschiedlichen Erzählmodi bleiben sie stets vermittelnde Akteur*innen in den Videos: Sie erklären, sie gehen durch die Räumlichkeiten ihres Arbeitsortes, sprechen das Publikum direkt an, ordnen Historisches ein und positionieren sich im NS-Erinnerungsdiskurs. Gleichwohl wird in den Kommentaren deutlich, dass unabhängig von der gewählten Erzählform der Gedenkstätten die Ausstrahlung der präsentierenden Person sehr wichtig ist – etwa in Kommentaren wie „your voice is so calming“ oder „sehr schön erzählt [Herz-Emoji]“.

Screenshot: Video Ludwig Göhring, Dachau 2022, https://www.tiktok.com/@dachaumemorial/video/7166999985857268997.

Die Kommentarsektion wird jedoch mehrheitlich von den User*innen genutzt, um sich für die digitale Gedenkarbeit zu bedanken. Daneben finden sich auch einige Kommentare zu weiterführendem Wissen der User*innen (Buchtipps, Familienbiografisches, Korrekturen zur Aussprache) sowie Aussagen darüber, dass der Holocaust als geschichtliches Ereignis keine Wiederholung in der Gegenwart finden darf. Dass die Videos nur einen kurzen Einblick in historische Biografien geben, wird auch in Kommentaren wie „I have never heard of her. Time to google and get reading … Thank you for the post [lächelnder Smiley]“ deutlich.

So können die snackable Historytoks auch als Anreiz zur weiteren Auseinandersetzung oder Auffrischung von Wissen im Kontext der NS-Zeit und als digitale Präsenz der Gedenkstättenarbeit verstanden werden. Welche Kommentare nicht zu sehen sind und welchen Umfang diese haben, wissen nur die Social-Media-Verantwortlichen der Gedenkstätten, die über die Stoppwortlisten hinaus Kommentare unter Videos im Rahmen des Kommentarmanagements entfernen können. Auf Nachfrage berichtet Dr. Iris Groschek, Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit/Social Media der KZ Gedenkstätte Neuengamme, dass das Community-Management mit der Zeit weniger aufwändig geworden sei (verbesserte Stopp-Wort-Listen, vergleichsweise weniger kommentierfreudige Community) und etwa jedes dritte Video einen Kommentar aus dem Bereich HateSpeech oder Holocaust-Distortion aufweise. Dies falle natürlich bei viralen Videos mit hohen Klickzahlen und starker Kommentarbereitschaft entsprechend höher aus.

Screenshot: Kommentare zum Video Ludwig Göhring, Dachau 2022: https://www.tiktok.com/@dachaumemorial/video/7166999985857268997

Trotz aller positiven Reaktionen auf die Videos durch Kommentare, Reposts und Speicherungen bleibt die Frage offen, was im Swipe-Modus als Kurzkonsum von Gedenktoks passiert, welches Wissen sich das angesprochene Publikum kurz-, mittel- oder langfristig aneignet und wie es Einstellungen und Wertvorstellungen mitprägt. ‚Holocaust on TikTok‘ ist ein wachsendes Experimentierfeld der digitalen Erinnerungsarbeit (Lormis 2023; Teders 2023) und ein lohnendes Forschungsfeld für „vernetztes Erinnern“ (Lorenz/Meyer 2023).


Literatur

Bösch, Marcus (2023): Vergangenheitsbezogene Diskurse – Erinnern, aber wie? Lernen mit – und über – TikTok. Bundeszentrale für politische Bildung, 30.8.2023. [Zugriff: 2.4.2024]

Ebbrecht-Hartmann, Tobias; Divon, Tom (2024): Report on Shoah Commemoration and Education on TikTok commissioned by the American Jewish Committee Berlin Ramer Institute. [Zugriff: 2.4.2024]

Lorenz, Andrea; Meyer, Leonie (2023): #History auf TikTok und Instagram. Vernetztes Erinnern. Bundeszentrale für politische Bildung, 5.6.2023. [Zugriff: 2.4.2024]

Lormis, Jan (2023): #DoingMemoryOnTikTok. Gedenkstätten auf TikTok: Ist-Analyse und perspektiven der Videoplattform TikTok für die Bildung und Vermittlung in Gedenkstätten. Masterarbeit. Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig, 2.6.2023. [Zugriff: 6.1.2025]

Meyer, Leonie (2023): Erinnern im Kurzformat. Die „Shoah Education and Commemoration Initiative“ von TikTok. Bundeszentrale für politische Bildung, 6.9.2023. [Zugriff: 2.4.2024]

Rockenmaier, Sophia (2022): Kann man auf TikTok an die Shoa erinnern? Frankfurter Allgemeine Zeitung, aktualisiert 23.1.2022. [Zugriff: 2.4.2024]

Teders, Lea Maria (2023): Wie unterscheiden sich die Aktivitäten der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hinblick auf verschiedene soziale Medien? Bachelor-Arbeit. Universität Hamburg, 22.8.2023. [nicht veröffentlicht]

Thaidigsmann, Michael (2022): Der Holocaust auf TikTok. Jüdische Allgemeine, 26.1.2022. [Zugriff: 2.4.2024]

Umgang mit Holocaust-Verzerrung in den sozialen Medien. Leitlinien und Empfehlungen für Gedenkstätten und Museen. Projekt „Countering Holocaust distortion on social media” (2022). [Zugriff: 2.4.2024]

Weimann, Gabriel; Masri, Natalie (2021): TikTok‘s Spiral of Antisemitism. In: Journalism and Media 2(4), 697-708. [Zugriff: 2.4.2024]


Hans-Ulrich Wagner ist Senior Researcher und Leiter des Forschungsprogramms ‘Wissen für die Mediengesellschaft’ am Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI).

Liv Ohlsen (M. A. Empirische Kulturwissenschaft) wirkte als wissenschaftliche Hilfskraft im Leibniz-Forschungsverbund “Wert der Vergangenheit” als Ko-Autorin an dieser Blogserie mit.  


Titelbild: Screenshot: Kommentare zum Video Rosenthal, Dachau 2024: https://www.tiktok.com/@dachaumemorial/video/7345883908082306336.

Über die digitale Erinnerungsarbeit deutschsprachiger Gedenkstätten auf TikTok – Part 2: Storytelling

Liv Ohlsen und Hans-Ulrich Wagner analysieren im zweiten Teil dieser Blogserie das Storytelling ausgewählter Accounts.

Schon seit einiger Zeit setzt TikTok auch auf Wissensvermittlung. Wir werfen einen Blick auf die Historytoks für die Generation Z und zeigen in einer Blogserie in drei Teilen, wie KZ-Gedenkstätten auf ihren TikTok-Accounts diese neue Form der digitalen Erinnerungsarbeit aufgreifen.

TikTok has also been focussing on knowledge transfer for some time now. We look at the Historytoks for Generation Z and show in a three-part blog series how concentration camp memorial sites are taking up this new form of digital remembrance work on their TikTok accounts.


Storytelling Neuengamme

Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme hat inzwischen mehr als 350 Videobeiträge auf TikTok gepostet. Für die Studie nehmen wir das Biografie-Video zur jüdischen Autorin Chava Rosenfarb vom 25.2.2024 und das erste Biografie-Video zur Geschichte von Krystyna Razińska vom 13.12.2021 zur Auswertung.

“The Story of Krystyna Razińska“

Veröffentlicht am 13.12.2021, Länge: 01:03 Min., Hintergrundmusik: Pianomusik, Klicks: 4.997, Likes: 161, Reshares: 3, Kommentare: 3

Screenshot: Video „The story of Krystyna Razińska”, Neuengamme 2021, https://www.tiktok.com/@neuengamme.memorial/video/7041257433485954309.

„The story of Krystyna Razińska“ wurde am 13. Dezember 2021 von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme gepostet. Es ist der siebte Videobeitrag insgesamt und der erste mit einer Einzelbiografie auf ihrem TikTok Account. Bereits im diesem ersten Video wird eine vorab durchdachte Storyline lesbar. Der Erzählbogen wird von der Herkunft der vorgestellten Person her entwickelt. Die mit polnischem Akzent englischsprechende Präsentierende steht zu Beginn des Videos vor einer Infokarte der Herkunftsländer der NS-Gefangenen, um hier den Erzählfaden vom räumlichen Bezug zu polnischen Gefangenen her aufzunehmen und aus der Gefangengruppe dann die Geschichte von Krystina Razińska entlang der biografischen Eckdaten zu portraitieren. Durch die sehr sachliche Vermittlung mit direkter Ansprache der Zuschauenden eröffnet die Sprecherin das historische Wissen auf zugängliche Weise einem breiten Publikum. Der Erzählbogen wird in der Endsequenz dann mit dem Sprachwechsel zum Polnischen erneut zurück zum Publikum entlang der Storyline geschlagen. Die Abschlussfrage lautet in der englischen Übersetzung: „Approximately 16 thousands Polish prisoners were held at Neuengamme and its subcamps. If any of them was your relative, tell us their story in the comments“.

Bei der Kameraarbeit fällt neben der Halbtotalen-Perspektive auf die Sprecherin auf, dass über Szenewechsel und Schwenkbewegungen auch die Gedenkstätte selbst im Video vorgestellt wird. Besonders der Kamerablick über die Schulter der Sprecherin beim Durchblättern des Archivbuchs stellt eine Nähe zur Erinnerungsarbeit der Gedenkstätte her. Der Gesamtfokus liegt auf der materialbasierten historischen Nacherzählung und nicht auf der Sprecherin. Denn sie bleibt klar in der Vermittlungsfunktion, steht als Bindeglied von Wissen und User*innen zwischen den Räumlichkeiten der Gedenkstätte und der Kamera, macht das vorliegende Lernangebot sichtbar. Durch die wenig persönliche Einfärbung der Vermittlungsperson könnte die Rolle auch von anderen ausgeführt werden. Im neusten Biografie-Video zu Chava Rosenfarb von 2024 bestätigt sich ebendies, denn eine neue Sprecherin findet sich vor der Kamera ein und nutzt eine gleich strukturierte Vermittlungsebene.

„Chava Rosenfarb“

Veröffentlicht am 25.2.2024, Länge: 00:27 Min., Hintergrundmusik: Atmosphärisch, Klicks: 9.442; Likes: 386; Reshares: 4; Kommentare: 4

Screenshots: Video Chava Rosenfarb, Neuengamme 2024, https://www.tiktok.com/@neuengamme.memorial/video/7339565124186836257.

Die Biografie-Erzählung zu Chava Rosenfarb ging im Februar 2024 online und hat mit über 380 Likes mehr als doppelt so viele wie das 2021 erstveröffentlichte Biografie-Video der Gedenkstätte Neuengamme mit 161 Likes. Auch die Klickzahlen zeigen im Vergleich an, dass die Reichweite der Gedenkstätten-Toks mit der Zeit gewachsen ist. Wie beim Start wird auch hier der Erzählbogen über eine biografische Besonderheit der Person gespannt, in der räumlichen Positionierung untermalt und als Storyline durch das Video gezogen. Das Video beginnt mit einem als aktuell vorgestellten Ereignis, nämlich der Ehrung der Person in ihrer Heimatstadt. Von hier aus erfolgt der Blick in die biografische Vergangenheit. Das mit 27-Sekunden sehr kurze Video setzt einen Akzent auf die künstlerische Tätigkeit der Autorin, wobei bunte Malereien und eine Collage der Bücher Rosenfarbs eingeblendet werden. Die fließend englischsprechende Präsentierende steht vor einem Bücherregal in der Gedenkstättenbibliothek und hält eines der Bücher Rosenfarbs in der Hand, womit sie gleichzeitig einen Einblick in die Gedenkstättenarbeit und das dort bewahrte Wissen gibt. Die Kameraeinstellung bleibt auch hier erneut in der Halbtotalen auf die Sprecherin gelegt, lässt durch den gewählten Bildausschnitt ausreichend Platz für die Einblendung von Untertiteln und unterliegt demnach weniger ästhetischen Bildwinkeln als vielmehr der Vermittlungsfunktion. Im Vergleich der Videos zeigt sich in der musikalischen Vertonung eine Entwicklung. Im ersten Video war im Hintergrund Pianomusik zu hören, die möglichen Raum für Assoziationen mit dem Instrument oder dem Stück zulässt, während im neuen Video mit einer atmosphärischen Musik eine neutralere Vertonung gewählt und damit der Raum für Assoziationen zu anderen Wissensräumen gedämmt wird.

Storytelling Dachau

Die KZ-Gedenkstätte Dachau @dachaumemorial ging am 27. Januar 2022 mit einem den Account einführenden deutsch- und englischsprachigen Video online. Bis Ende 2024 hat sie 36 Videobeiträge auf dem Account veröffentlicht, davon fünf biografische Videos zu Inhaftierten. Trotz dieser vergleichsweise geringen Anzahl an Videos verzeichnet der Account inzwischen mehr als 4.400 Follower*innen und eine Gesamtzahl von 18.000 Likes. Für unsere Studie werden das erste Video zur Biografie Ludwig Göhrings vom 17. November 2022 und das bislang vorletzte vom 14. Februar 2024 zur Geschichte Miriam Rosenthals verglichen.

„Ludwig Göhring Part I“

Veröffentlicht am 17.11.2022, Länge: 00:49 Min., Hintergrund: Original-Atmo ohne Hintergrundmusik, Klicks: 2.380; Likes: 73; Reshares: 2; Kommentare: 5

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Screenshot: Video Ludwig Göhring, Dachau 2022, https://www.tiktok.com/@dachaumemorial/video/7166999985857268997.

Zehn Monate nach dem einführenden TikTok-Video der Gedenkstätte wird das erste Einzelbiografie-Video gepostet. Ein junger Mann stellt sich als Vermittlungsperson auf Deutsch mit den Worten vor: „Ja, ich bin heute in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und möchte euch hier gerne über einen Häftling erzählen, der sowohl im Konzentrationslager Dachau als auch im Konzentrationslager Neuengamme inhaftiert war“ (eine englische Übersetzung seiner Ausführungen wird eingeblendet). Das Video greift nur wenige Elemente der Biografie von Ludwig Göhring auf – seinen Geburtsort Nürnberg, seine Rolle als kommunistischer Widerstandskämpfer und die brutalen Haftbedingungen in Dachau sowie schließlich den Umstand, dass er „zu diesem Zeitpunkt gerade 23 Jahre alt war“. Das Video hebt vor allem auf die historischen Orte ab und verbindet die beiden Gedenkstätten Neuengamme und Dachau. Außenaufnahmen der beiden Gedenkorte werden mit den Angaben „filmed at @neuengamme.memorial“ bzw. „@dachaumemorial“ versehen. Mehrfach betont die präsentierende Person mit der Angabe „hier“ die lokale Präsenz. Auch in der Kommentarsektion wird die digitale Verbindung verschiedener Gedenkstätten sichtbar, wo sich Kommentare von den Accounts @ArolsenArchives, @mauthausenmemorial und @neuengamme memorial finden und sich für das Gedenktok bedanken. Mehr biografische Informationen zum Inhaftierten an verschiedenen Orten seiner Verfolgungsgeschichte erfahren User*innen erst in einem weiteren, knapp zwei Wochen später veröffentlichten Video „Ludwig Göhring Part 2“.

„Miriam Rosentahl“

Veröffentlicht am 14.2.2024, Länge: 01:56 Min., Hintergrund: Original-Atmo ohne Hintergrundmusik, Klickzahlen: 4.719, Likes: 256, Reshares: 6, Kommentare: 7

Screenshot: Video Miriam Rosentahl, Dachau 2024, https://www.tiktok.com/@dachaumemorial/video/7345883908082306336.

Das mit knapp zwei Minuten vergleichsweise lange Video wird von einer jungen Frau präsentiert. Sie unterbricht ihre Arbeit und blickt vom Schreibtisch aus in die Kamera. Mit den Worten „Heute wollen wir euch die Geschichte von Miriam Rosenthal vorstellen“ leitet sie die biografische Erzählung ein. Die Besonderheit in der Biografie von Miriam Rosenthal ist ihre im Konzentrationslager verheimlichte Schwangerschaft. Denn eine Schwangerschaft, so erklärt die Vermittlerin bei einem Gang durch die Bibliothek, hätte eine sofortige Ermordung bedeutet. Die Nähe zur Person Miriam Rosenthals wird durch zahlreiche Einblendungen von historischen Fotografien hergestellt. Gleichzeitig wird entlang des Lebenslaufs historisches Wissen über die NS-Zeit vermittelt. Auch diesmal arbeitet das Video mit dem historischen Ort. In der ersten Hälfte des Videos ist die präsentierende Sprecherin im Büro und in der Bibliothek zu sehen. Die Räumlichkeit dieser Innenaufnahmen wird durch ein zweimaliges Auf-die-Kamera-Zugehen unterstrichen. In der zweiten Hälfte des Videos ist die Sprecherin in Außenaufnahmen an verschiedenen Stellen der Gedenkstätte zu sehen. In mehreren Szenen steht sie und berichtet, wie es möglich war, in den letzten Wochen in der Dachauer „Schwangeren-Baracke“ ein Kind zur Welt zu bringen und zu überleben. Die Szenen außerhalb der Büro-/Bibliotheksituation sind mit den verschiedenen Original-Atmos verbunden, darunter dem Verkehrslärm und den Windgeräuschen auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte.

Storytelling Mauthausen

Der Account @mauthausenmemorial ging im Januar 2022 online und ist unter den verglichenen Accounts mit 13.400 Follower*innen und einer Gesamtzahl von über 177.000 Likes mittlerweile einer der Beliebtesten. Aus den bislang insgesamt 99 Videobeiträgen sind für die Studie die Videos zu Achmed Kranzmayr am 23. Februar 2022 und das gemeinsame Berufsportrait der inhaftierten Ärzte Josef Podlaha und Władysłav Czaplinski vom 8. Juni 2023 als Videodarstellung von Opfern der NS-Zeit herangezogen worden.

„bio: Achmed Kranzmayr“

Veröffentlicht am 23.2.2022, Länge: 01:37, Hintergrundmusik: Pianomusik, Klickzahlen: 9.853, Likes: 877, Reshares: 7, Kommentare: 14

Screenshot: Video Achmed Kranzmayr, Mauthausen 2022, https://www.tiktok.com/@mauthausenmemorial/video/7067924102647975173.

„Have you ever heard of a black person growing up close to a Nazi concentration camp?“ – so wird die Erzählung über Achmed Kranzmayr eröffnet. Sie hält sich damit an die Regel, bereits in den ersten paar Sekunden Zuschauende vom Weiterscrollen abzuhalten. Die Hintergrundmusik deutet bereits eine bewegte Biografie mit glücklichem Ende an. So erhält die historische Biografie einen Unterhaltungscharakter, aus dem im Verlauf der Erzählung ein Bildungsmoment wird. Zur Visualisierung entscheidender Ereignisse im Leben des Achmed Kranzmayr werden Illustrationen eines Künstlers eingeblendet, die zeigen, dass eben diese Biografie bereits auf unterschiedliche Weise aufgegriffen und öffentlich thematisiert wird. Mit flüssigem Englisch und hohem Tempo beschreibt die Vermittlungsperson die Biografie, macht dabei über Mimik und Betonungen die eigene Meinung lesbar. Die junge Frau entfernt sich so von einer sachlichen Darstellung und färbt das Video zu einem persönlichen Vermittlungsmedium. Was offenbar auf Resonanz stößt, denn bereits das erste Biografie-Video von Mauthausen bekommt zahlreiche Klicks und Likes.

„doctors“

Veröffentlicht am 6.8.2023, Länge: 00:29, Hintergrundmusik: Rhythmische Musik, Klickzahlen: 13.6K, Likes: 753, Reshares: 8, Kommentare: 2

Screenshot: Video “doctors”, Mauthausen 2023, https://www.tiktok.com/@mauthausenmemorial/video/7242303073652149530.

Zwei Jahre später startet ein Video mit den Worten „Josef Mengele and Eduard Krebsbach. I’m sure you’ve heard of Nazi doctors torturing and killing prisoners in the camps. But do you know about prisoner doctors?“. Die Vermittlungsperson blickt den Zuschauenden aus naher halbtotaler Perspektive entgegen. Spannungsvolle Musik suggeriert eine außergewöhnliche Geschichte. Das Biografie-Video über die inhaftierten Ärzte Josef Podlaha und Władysłav Czaplinski kommt auf eine Klickzahl von 13.600 und ist damit das meistgeschaute Video aus der Studie. Durch die nahe Halbtotale, lebendige Sprachführung, Ich-Aussagen und stimmungsleitende Musik hebt sich der Gedenktok erneut durch einen gewissen Unterhaltungscharakter und subjektive Vermittlungsform von den anderen Gedenkstättenvideos ab. Die Videos bedienen sich beide einer subjektiven Vermittlungsweise und nehmen charakteristische Besonderheiten der Personen zum Videoanlass, um den Zuschauenden zusätzlich zum Bildungsangebot einen Unterhaltungsfaktor zu bieten. So heißt es auch am Ende dieses Clips „It’s important to have positive examples of victims, who found ways to resist and survived, instead of just knowing about horrible men like …“. Das Video bricht mitten im Satz ab.


Literatur

Bösch, Marcus (2023): Vergangenheitsbezogene Diskurse – Erinnern, aber wie? Lernen mit – und über – TikTok. Bundeszentrale für politische Bildung, 30.8.2023. [Zugriff: 2.4.2024]

Ebbrecht-Hartmann, Tobias; Divon, Tom (2024): Report on Shoah Commemoration and Education on TikTok commissioned by the American Jewish Committee Berlin Ramer Institute. [Zugriff: 2.4.2024]

Lorenz, Andrea; Meyer, Leonie (2023): #History auf TikTok und Instagram. Vernetztes Erinnern. Bundeszentrale für politische Bildung, 5.6.2023. [Zugriff: 2.4.2024]

Lormis, Jan (2023): #DoingMemoryOnTikTok. Gedenkstätten auf TikTok: Ist-Analyse und perspektiven der Videoplattform TikTok für die Bildung und Vermittlung in Gedenkstätten. Masterarbeit. Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig, 2.6.2023. [Zugriff: 6.1.2025]

Meyer, Leonie (2023): Erinnern im Kurzformat. Die „Shoah Education and Commemoration Initiative“ von TikTok. Bundeszentrale für politische Bildung, 6.9.2023. [Zugriff: 2.4.2024]

Rockenmaier, Sophia (2022): Kann man auf TikTok an die Shoa erinnern? Frankfurter Allgemeine Zeitung, aktualisiert 23.1.2022. [Zugriff: 2.4.2024]

Teders, Lea Maria (2023): Wie unterscheiden sich die Aktivitäten der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hinblick auf verschiedene soziale Medien? Bachelor-Arbeit. Universität Hamburg, 22.8.2023. [nicht veröffentlicht]

Thaidigsmann, Michael (2022): Der Holocaust auf TikTok. Jüdische Allgemeine, 26.1.2022. [Zugriff: 2.4.2024]

Umgang mit Holocaust-Verzerrung in den sozialen Medien. Leitlinien und Empfehlungen für Gedenkstätten und Museen. Projekt „Countering Holocaust distortion on social media” (2022). [Zugriff: 2.4.2024]

Weimann, Gabriel; Masri, Natalie (2021): TikTok‘s Spiral of Antisemitism. In: Journalism and Media 2(4), 697-708. [Zugriff: 2.4.2024]


Hans-Ulrich Wagner ist Senior Researcher und Leiter des Forschungsprogramms ‘Wissen für die Mediengesellschaft’ am Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI).

Liv Ohlsen (M. A. Empirische Kulturwissenschaft) wirkte als wissenschaftliche Hilfskraft im Leibniz-Forschungsverbund “Wert der Vergangenheit” als Ko-Autorin an dieser Blogserie mit.  


Titelbild: Video Miriam Rosenthal, Dachau 2024, Screenshot: https://www.tiktok.com/@dachaumemorial/video/7345883908082306336