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Über „Zeitschichten“ in der Geschichtskultur und „Zeiten haben“ zwischen Klimakrise und Endlichkeit (Teil 2)

Achim Landwehr und Achim Saupe im Gespräch über die Veränderungen unseres Zeit- und Geschichtsverständnisses angesichts des Anthropozäns und Klimawandels.

Seit einigen Jahren widmen sich die Geschichts- und Kulturwissenschaften verstärkt der Komplexität der Zeitbezüge. Dies ist der zweite Teil eines Gesprächs über lange Zeiträume und geologische Bezüge, die Metapher der Zeitschichten in der Geschichtskultur und die Veränderungen unseres Zeit- und Geschichtsverständnisses angesichts des Anthropozäns und Klimawandels.

In recent years, the fields of history and cultural studies have increasingly focused on the complexity of temporal references. This is the second part of a conversation about long time spans and geological references, the metaphor of “layers of time” in historical culture, and the shifts in our understanding of time and history in the face of the Anthropocene and climate change.


2023 hielt Achim Landwehr eine Keynote auf der Tagung „Zeitschichten und Pluritemporalität in der Geschichts- und Erinnerungskultur“, die von Achim Saupe im Rahmen des Forschungsverbunds und des Research Labs „Geschichtskulturelle Eigenzeiten“ organisiert wurde. Achim Landwehrs Arbeiten sind wichtige Inspirationsquellen für die Frage, welche Funktionen Zeitschichten in der Geschichts- und Erinnerungskultur haben und wie sich das Geschichtsverständnis ändert, wenn es nicht mehr primär im Zeichen linearer, fortschrittsorientierter Erzählungen konzipiert ist, sondern pluritemporal in Räumen organisiert wird.

Die Idee für dieses Gespräch über die jeweils neuesten Veröffentlichungen entstand im Zuge der Arbeit am Tagungsband „Zeitschichten und Pluritemporalität in der Geschichtskultur“. Auch, weil mit Achim Landwehrs Buch „Zeiten haben. Klimakrise und Endlichkeit“ zwei zentrale Themen des Forschungsverbunds, nämlich Dynamische Raum-Zeit-Konstruktionen, sowie das Thema Mensch-Natur-Verhältnisse im Anthropozän, adressiert werden. Seinem Buch widmet sich dieser zweite Teil des Gesprächs.


Achim Saupe: Du argumentierst, dass unser übliches Verständnis von Geschichte und Zeit, und zwar in ihrer dominanten Form als Kollektivsingular und in ihrer Koppelung an Begriffe wie Fortschritt, Wachstum und Entwicklung, ein Problem darstellt, um den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen. Warum ist das so?

Achim Landwehr: Unser übliches Verständnis von Zeit und Geschichte ist vor allem deswegen ein Problem, weil diese beiden Begriffe meistens im Singular vorkommen. Es geht um „die Zeit“ und es geht um „die Geschichte“, jeweils im Singular und mit bestimmtem Artikel. Das sind diese berühmten Kollektivsingulare. In einem europäisch-westlichen Zusammenhang haben sie sich erst seit dem 18./19. Jahrhundert herausgebildet. In dieser Zeit sind sie prominent geworden und säkularisiert worden. Dabei gehen sie zurück auf jüdisch-christliche Vorbilder, auf messianische Geschichten, die auf die eine oder andere Weise von einem Ende des Elends einer diesseitigen Welt erzählen. In neuzeitlicher Variante hört dieses Ende auf den Namen „Wachstum“. Die dadurch ausgelöste Dynamik hat fraglos eine Menge an Entwicklungen ausgelöst und zahlreiche Innovationen erbracht, auf die keinesfalls zu verzichten ist. Diese Dynamik ist aber auch für ein wachstumsgetriebenes Fortschrittsdenken verantwortlich, das uns in die Klimakrise manövriert hat, in der wir gerade drinstecken. Und was wir gerade live beobachten können, ist, wie ungemein schwer es ist, aus diesem Modell wieder auszusteigen.

An vielen der aktuellen politischen Diskussionen lässt sich das ja erkennen: Wir wissen zwar alle, dass in dem Umweltzerstörungsmodus, in dem wir schon eine ganze Weile leben, nicht mehr weitergemacht werden kann. Wir wissen aber vor allem nicht, wie man anders weitermachen könnte. Die konkreten politischen, sozialen und ökologischen Lösungsvorschläge liegen alle schon längst auf dem Tisch. Aber uns fehlt offensichtlich die kulturelle Kompetenz, sie umzusetzen und uns überhaupt sinnhafte andere Weltkompositionen vorzustellen, die nicht nach dem westlichen Standardmodell funktionieren. Daher der gern zitierte, u.a. von Mark Fisher vorgebrachte Satz, es sei eher ein Ende der Welt vorstellbar als ein Ende des Kapitalismus. Uns fehlt die Fähigkeit zu einem tatsächlichen ökologischen Denken. Die Modelle von Zeit und Geschichte und deren Änderung spielt dabei eine ganz wesentliche Rolle, weil sie Orientierung vorgeben, ohne die wir nicht so ohne weiteres auskommen. Und deswegen auch mein Nachdenken über Zeit und Geschichte, weil wir eben ein anderes Verständnis von Zeit und Geschichte brauchen, um anders handeln zu können. Wir brauchen andere Sinnangebote.

A.S.: Du hältst nicht viel vom Anthropozänbegriff. Wenn es um die damit verbundene Kritik geht, dass es eher um eine Dezentrierung des Menschen gehen müsste, kann ich das gut verstehen. Aber du argumentierst ja auch, dass das Denken in Epochen zu einschränkend ist, um uns in ein anderes Verhältnis zur Natur zu setzen.

A.L.: Na ja, der Anthropozänbegriff ist ein nicht ganz einfacher. Ich befürworte den Begriff insofern er klimapolitische Aufmerksamkeit organisiert. Er machte darauf aufmerksam, inwieweit die Spezies Mensch bei der Zerstörung der eigenen Lebensbedingungen vorangeschritten ist. Insofern glaube ich auch nicht, dass man ihn loswerden kann. Ich denke auch nicht, dass wir ihn unbedingt loswerden müssen, zumindest, wie gesagt, nicht als klimapolitisches Aufmerksamkeitsetikett.

Aber aus Sicht einer Beschreibung von Welten in Zeiten halte ich diesen Begriff für problematisch, also sobald es um Beschreibungen historischer Vorgänge geht. Warum halte ich ihn für problematisch? Weil er die Kinderkrankheiten von Epochenbildungen wiederholt. Diese Epochenbildungen vor allem aus europäisch-westlicher Provenienz kennen wir ja spätestens seit der Unterscheidung von vor und nach Christus oder seit der Entwicklung der großen Epochentrias von Antike, Mittelalter und Neuzeit. Das sind zu einem gewissen Grad alles hilfreiche Modelle, insbesondere wenn es um die Einordnung des ganzen Wusts an Geschehenem geht. Aber das Problem, das diese Epochenmodelle haben, und das mit dem Anthropozän wiederholt wird, ist Eindeutigkeit und Vereindeutigung.

Die eindeutige Trennung: Der Null-Meridian am Royal Observatory in Greenwich. Foto: Achim Landwehr

Man sehe sich nur den Unterschied von „Moderne“ und „Vormoderne“ an. Damit ist ein Interpretationsmodus vorgegeben, der vorne und hinten nicht stimmt. Man meint aber gleichzeitig damit unterscheiden zu können, was modern ist und was sich demgegenüber als vormodern abgrenzen lässt. Mit dieser Vereindeutigung von Epochengrenzen verschaffen sich Gesellschaften eine gewisse Erleichterung, weil sie Dinge loswerden können, mit denen sie nichts mehr oder angeblich nichts mehr zu tun haben. In ähnlicher Art und Weise agiert das Anthropozän. So ähnlich wie bei Moderne/Vormoderne oder Neuzeit/Mittelalter kann man jetzt angeblich Dinge in eine Zeit vor dem Anthropozän verschieben, auch wenn das eigentlich gar nicht wirklich möglich ist. Gerade mit Blick auf das Anthropozän erweist sich diese Vereindeutigung als schwierig, weil wir den klimapolitischen Debatten doch gerade feststellen, dass wir die Sachen eben nicht mehr loswerden. Stattdessen betreffen uns sehr lange Zeiträume. Die Entstehung von natürlichen Ressourcen, Erdöl oder Erdgas, hat Millionen von Jahren gedauert, auch das Entstehen von Gletschern hat tausende, zehntausende von Jahre in Anspruch genommen, und wir sehen jetzt wie diese Entwicklungen uns heute sehr aktuell betreffen. Insofern sind diese fernen Zeiten sehr gegenwärtig und man kann nicht mehr davon sprechen, dass wir es mit eindeutigen Epochenunterscheidungen zu tun hätten.

Ausläufer der Breiðamerkurjökull-Gletscherzunge auf Island. Foto: Achim Landwehr

Zudem finde ich den Anthropozänbegriff schwierig, weil er auch noch Zukunft determiniert. Wenn wir im Anthropozän leben sollen, dann ist der Untergang der Menschheit eigentlich schon vorherbestimmt. Wenn wir jetzt im Erdzeitalter des Menschen leben, dann kann ein neues Erdzeitalter eigentlich nur beginnen, wenn der Mensch endgültig abtritt. Und das bringt einen weiteren Determinismus, eine weitere Vereindeutigung in der historischen Selbstbeschreibung mit sich. Ist es dann überhaupt noch sinnvoll, irgendwie zu handeln oder vor allem anders zu handeln, wenn ohnehin schon feststeht, was geschehen wird? Deswegen halte ich diese Dezentrierung des Menschen für bedeutsam auch im kritischen Umgang mit dem Epochenbegriff Anthropozän.

A.S: Du hast den Begriff der Chronoferenzen bzw. des Chronoferierens geprägt und plädierst für ein Verständnis von Vielzeitigkeit, dafür, dass wir selbst ganz viele Zeiten formen und haben, dass wir selbst ganz unterschiedliche Verbindungen in die Vergangenheit und Zukunft denken und imaginieren können. Was versprichst du Dir davon in Bezug auf die Herausforderungen des Klimawandels und unser Handeln?

A.L.: Wie ich schon gesagt habe, wenn wir unter den Vorzeichen des Klimawandels anders handeln wollen, dann brauchen wir auch andere Sinnangebote. Für andere Sinnangebote brauchen wir andere Erzählweisen, und für andere Erzählweisen brauchen wir andere Zeitmodelle.

Wie groß die Verzweiflung ist, lässt sich daran erkennen, wie häufig in der Klimadebatte mit Negationen gearbeitet wird. Negation heißt: Wir wissen, was wir nicht mehr tun dürfen. Das führt aber ganz häufig zu Frustration, selbst bei den Wohlmeinenden, und nicht nur zu Frustration, sondern auch zu Desorientierung. Ich weiß zwar, was ich nicht mehr machen darf. Mir wird aber in diesen ganzen Debatten wesentlich seltener ein Angebot gemacht, wie ich dennoch handeln kann, wie ich leben kann, wie es weitergehen soll. Deswegen brauchen wir andere Angebote und dabei soll eben der Begriff der Chronoferenz helfen.

Chronoferenz sagt vor allem aus, dass jede Gegenwart ungleichzeitig mit sich selbst ist. Soll heißen, jede Gegenwart stellt Verknüpfungen mit anderen Zeiten her, mit Vergangenheiten, mit Zukünften, aber auch mit mythischen Zeiten, mit religiösen Zeiten, mit Ewigkeiten, mit allen möglichen Zeitformen, mit denen menschliche Gesellschaften umgehen können.

Die Ungleichzeitigkeit der Gegenwart mit sich selbst: Milliarden Jahr alte Wassermoleküle, zusammengeballt zu Wolken, spiegeln sich gemeinsam mit der aus dem 14. Jh. stammenden St. Johannis Kirche in der Glasfassade des Museums Lüneburg, erbaut 2015. Foto: Achim Landwehr

Das löst dann auch den üblichen Rahmen der Geschichtswissenschaft auf. Es geht eben nicht mehr nur darum, sich auf die Vergangenheit zu konzentrieren, sondern darum, sich anzuschauen, welche Zeitformen eine Gegenwart für sich zur Verfügung hat. Damit hoffe ich zumindest eine Art der Umgangsweise mit Zeiten zur Verfügung zu stellen, die konkrete Angebote macht, für andere Beschreibungsformen.

A.S.: Wir haben im November unsere nächste Jahreskonferenz, zur Frage des Orientierungswerts der Vergangenheit. Du sprichst an einer Stelle davon, dass der Blick in die Zeiten eher den Sinn für das Absurde schärft. Hält die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und von dort aus unsere Schlussfolgerungen für die Gegenwart und Zukunft nicht auch in ihrer relationalen Weise Orientierung bereit?

A.L.: In der Zeit Orientierung zu suchen ist sicherlich nötig und angebracht. Doch zugleich behandelt der Orientierungsbegriff die Zeit damit in ähnlicher Weise, wie der Raum behandelt wird (und „Orientierung“ ist nun einmal eine geographische Metapher). In der Zeit oder in der Geschichte kann man sich aber nicht mit ähnlicher Gewissheit „orientieren“ wie im Raum.

Schwierig wird es mit der Orientierung zudem, wenn dadurch in Vergangenheiten und Zukünften mehr Sinn entdeckt wird, als dort tatsächlich drinsteckt, zum Beispiel in Form umfassender historischer Gesetzmäßigkeiten. Immer dann, wenn in irgendwelchen Debatten davon gesprochen wird, dass der Lauf der Geschichte doch dieses oder jenes zeige, dass man selbst auf der richtigen, alle anderen aber auf der falschen Seite der Geschichte stünden, müssen alle Alarmsirenen schrillen. Sobald „die Geschichte“ zur eindeutigen Einbahnstraße wird, heißt es Vorsicht im historischen Straßenverkehr.

Deswegen plädiere ich für Absurdität. Nicht, weil ich damit der Sinnlosigkeit oder der Vergeblichkeit das Wort reden will, sondern weil ich, zum Beispiel mit Rekurs auf Albert Camus, darauf hinweisen möchte, dass „der Geschichte“ kein vorgegebener Sinn eingeschrieben ist, man also auch nicht auf der richtigen oder falschen Seite stehen kann. Zudem möchte ich auf die etymologische Wurzel des Absurden hinweisen, die nicht auf das Sinnlose, sondern auf das Ungereimte, auf das Nicht-Zusammenklingende hinweist. Es ist nicht sinnlos, der Sinn lässt sich nur nicht für bestimmte kulturelle Modelle unproblematisch bestimmen.

Wenn wir es im Zusammenhang des Historischen aber in dieser Weise mit dem Absurden und dem Ungereimten zu tun haben, dann bedeutet das zugleich, dass menschliche Bedeutungskollektive die Verantwortung übernehmen müssen, für die zeitlichen, oder besser: chronoferentiellen Zusammenhängungen, die sie selbst erstellen. Sie können das nicht mehr an den Kollektivsingular Geschichte delegieren.

A.S.: Wie sollen wir nun Geschichten, Zeiten, und Räume relationieren und zugleich zur Darstellung bringen? Dir schwebt eine Geschichte im Modus der Wunderkammer vor, und hast Vorschläge für Anthropozänsammlungen entwickelt.

A.L.: Neue Erzählformen sind meines Erachtens die aktuell größte Herausforderung. Das ist auch das Problem, das mich im Moment sehr ausgiebig beschäftigt. Und ich habe noch keine fertige Antwort darauf. Auch ich bin ja nun einmal eingebunden in die kulturellen Kontexte, in denen ich lebe, inklusive all ihrer Sinnangebote.

Möglichkeiten eines anderen historischen oder chronoferentiellen Erzählens sind alles andere als trivial. Denn dabei geht es immer auch um den Zusammenhang von Theorie und Form. Dafür gibt es im Historischen keine Blaupausen (oder ich habe sie bisher noch nicht entdeckt). Wir brauchen tatsächlich so etwas, wie eine gänzlich anders geartete Geschichtsschreibung, die möglicherweise keine Geschichtsschreibung im klassischen Sinn sein kann. Ähnlich wie Herodot, Chladenius, Ranke oder die Annales-Schule in bestimmten Situationen die Darstellung von Welten in Zeiten anders organisieren mussten, müssen wir das möglicherweise auch tun.


Literatur

Achim Landwehr, Zeiten haben. Klimakrise und Endlichkeit. Frankfurt am Main: Campus 2025.

Achim Landwehr, Zeitschichten, in: Martin Sabrow/Achim Saupe, Handbuch Historische Authentizität, Göttingen: Wallstein 2022, S. 545-553.

Achim Saupe (Hg.), Zeitschichten und Pluritemporalität in der Geschichtskultur, Göttingen: Wallstein 2026.


Titelbild: Ausläufer der Breiðamerkurjökull-Gletscherzunge auf Island. Foto: Achim Landwehr

Über „Zeitschichten“ in der Geschichtskultur und „Zeiten haben“ zwischen Klimakrise und Endlichkeit (Teil 1)

Achim Saupe und Achim Landwehr im Gespräch über lange Zeiträume, geologische Bezüge sowie die Metapher der Zeitschichten in der Geschichtskultur.

Seit einigen Jahren widmen sich die Geschichts- und Kulturwissenschaften verstärkt der Komplexität der Zeitbezüge. Ein Gespräch über lange Zeiträume und geologische Bezüge, die Metapher der Zeitschichten in der Geschichtskultur und die Veränderungen unseres Zeit- und Geschichtsverständnisses angesichts des Anthropozäns und Klimawandels.

In recent years, the fields of history and cultural studies have increasingly focused on the complexity of temporal references. A conversation about long time spans and geological references, the metaphor of “layers of time” in historical culture, and the shifts in our understanding of time and history in the face of the Anthropocene and climate change.


2023 hielt Achim Landwehr eine Keynote auf der Tagung „Zeitschichten und Pluritemporalität in der Geschichts- und Erinnerungskultur“, die von Achim Saupe im Rahmen des Forschungsverbunds und des Research Labs „Geschichtskulturelle Eigenzeiten“ organisiert wurde. Achim Landwehrs Arbeiten sind wichtige Inspirationsquellen für die Frage, welche Funktionen Zeitschichten in der Geschichts- und Erinnerungskultur haben und wie sich das Geschichtsverständnis ändert, wenn es nicht mehr primär im Zeichen linearer, fortschrittsorientierter Erzählungen konzipiert ist, sondern pluritemporal in Räumen organisiert wird.

Die Idee für dieses Gespräch über die jeweils neuesten Veröffentlichungen entstand im Zuge der Arbeit am Tagungsband „Zeitschichten und Pluritemporalität in der Geschichtskultur“. Auch, weil mit Achim Landwehrs Buch „Zeiten haben. Klimakrise und Endlichkeit“ zwei zentrale Themen des Forschungsverbunds, nämlich Dynamische Raum-Zeit-Konstruktionen, sowie das Thema Mensch-Natur-Verhältnisse im Anthropozän, adressiert werden. Seinem Buch widmet sich der zweite Teil des Gesprächs, der in einem weiteren Blogbeitrag erscheint.


Achim Landwehr: Welchen Nutzen hat die Metapher von den Zeitschichten für die viel diskutierte Erinnerungskultur? 

Achim Saupe: Das geht ja hier direkt zur Sache, gleich nach dem Nutzen zu fragen! Prinzipiell können mit der Metapher der Zeitschichten unterschiedliche Zeitebenen veranschaulicht und bestenfalls miteinander verknüpft werden. In der Erinnerungskultur geht es ja viel um die Lesbarkeit der Geschichte im öffentlichen Raum, um ihre Materialität. Und da bietet sich das anschauliche Zeitschichtenmodell, seine Ästhetik, aber auch die Möglichkeiten zur Ästhetisierung unserer Zeitbezüge hervorragend an, um uns in ein Verhältnis zu unterschiedlichen Vergangenheiten zu setzen.

Es ist auffällig, dass seit ca. 2000 die Metapher in der Geschichtskultur immer häufiger auftaucht. Das hat auch mit einem anderen Zeitverständnis in der Postmoderne zu tun. Die Geschichte ist eben nicht mehr gradlinig, und wir haben es auch mit ganz unterschiedlichen Erfahrungsräumen zu tun, die verschiedene Menschen mitbringen, und deren „geteilte“ oder eben gar nicht geteilte Geschichte nun erzählt werden soll – bzw. die sie selbst zueinander in Beziehung setzen wollen. In der klassischen Verwendung der Metapher werden dabei Zeitschichten mit politischen Regimes verknüpft, nach dem Motto: Hier werden die Zeitschichten des Kaiserreichs, des Nationalsozialismus und der DDR sichtbar.

Ich weiß aber gar nicht, ob man die Frage nach den Zeitschichten in der Geschichtskultur gleich unter Nützlichkeitsaspekten erwägen sollte, geschweige denn, dass man eine solche in irgendeiner Weise pädagogisch ablesbar machen kann. Uns und mir geht es in dem Band zunächst einmal um ein Ausloten des Bedeutungsspielraums einer Metapher in unterschiedlichen zeitgenössischen, historischen und geschichts- bzw. erinnerungskulturellen Kontexten. Was bedeutet es, wenn man eine geologische Metapher bemüht, um historischen Wandel zu verstehen? Und wenn man in die Geologie schaut, dann gibt es ja auch unterschiedliche Entstehungen von Zeitschichten-Phänomenen und vor allem lange zurückliegende Ereignisse und lang andauernde Zeiträume, die für Wandel verantwortlich gemacht werden können. Insofern bietet selbst die etwas starr erscheinende Geologie ja durchaus etwas, um das Bild zu dynamisieren: etwa, wenn man an tektonische Plattenverschiebungen, die Eruption von Vulkanen oder aber sich über Jahrtausende und Jahrmillionen hinziehende Sedimentierungen und Ablagerungen denkt.

Stratigrafische Schichten an der Abbruchkante der Teide-Caldera, Teneriffa. Foto: Achim Saupe 2026.

A.L.: Wenn mit den Zeitschichten insbesondere die Gleichzeitigkeit der Zeiten betont werden soll: Welchen Mehrwert hat ein solches Verständnis von Gleichzeitigkeit(en) für die historischen Wissenschaften?

A.S.: Ich glaube ja, dass es verschiedene Möglichkeiten und deshalb auch Vorstellungen davon gibt, ob die Zeitschichten, wenn man so will, Nach- und Überzeitigkeit, Nebenzeitigkeit, oder Gleichzeitigkeit signalisieren. Das stratigraphische Modell privilegiert zunächst einmal das Nacheinander und Übereinander: Jüngere Schichten sind oben zu finden. Das bestätigt unser chronologisches Verständnis von Geschichte. An den Aufschlüssen erkennen wir dann aber, dass hier Kräfte wirken, die die Zeiten unter Druck setzen und sich auf ihre benachbarten Schichten auswirken.

Man könnte nun zunächst mit einem klassischen Topos argumentieren, dass die Zeitschichten die „Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen“ zur Anschauung bringen. Das hatte Reinhart Koselleck im Sinn, als er über die Zeitschichtenmetapher schrieb, welche er zudem mit dem Dreizeitenmodell von Fernand Braudel verknüpfte: Phänomene von langer Dauer, Wiederholungen und Ereignisse in ihrer jeweiligen Beziehung zu bedenken. Über den Topos des (Un-)Gleichzeitigen hat Fernando Esposito gerade ein beeindruckendes Buch geschrieben, in dem er auch den Zeitschichten und der Vulkanologie bzw. der entstehenden Geologie eine wichtige Rolle beimisst, weil aus ihr heraus seiner Meinung nach ein Denken in Zeitblöcken resultierte, dass maßgeblich für Fortschrittsvorstellungen war. Mit Esposito könnten wir sagen, dass sich daraus zwei Denkmodelle entwickeln lassen: entweder, wir halten bestimmte Zeiten für „überholt“ oder „unzeitgemäß“. Diese temporale Differenzierung hilft bei der Bewertung von Dingen, führt aber schnell zu Stereotypen und Abwertungen und repräsentiert letztlich eine Geschichte, die vom Fortschritt aus denkt. Es sei denn, man versteht sich selbst als unzeitgemäß und verweigert sich den Trends.

Also braucht es ein positiv gewendetes Verständnis dieser Gleichzeitigkeiten, dessen Konturen aber noch unklar bleiben. Zugleich darf das auch nicht zu einem Präsentismus werden, der selbstgerecht auf den Wandel der Zeiten blickt. Es braucht also ein anderes Modell, eines, das sich vom ästhetischen Spiel der Zeiten tatsächlich affiziert zeigt, und dabei auch unterschiedliche Raum-Zeit-Metaphern austestet und historisiert.

Vielleicht kann man den Mehrwert für die historische Wissenschaft vom Wert für historisches Denken trennen. Der Mehrwert für die historische Wissenschaft ist, Geschichte anders zu konzipieren als im linearen Fortschrittsmodus oder im Kleinklein des Nacheinander. Man kann Geschichte in der Fläche denken, wie es die Public History und die Erinnerungskultur schon macht. Dadurch, so meine These, hat sich unser Geschichtsverständnis auch schon teils gewandelt. Die großen Erzählungen haben sich nicht allein wegen der Krise des Fortschritts und der Utopien aufgelöst, sondern haben sich in den „kleinen Formen“ historischer Aphorismen und Erinnerungen pluralisiert. Nur müssten auch die Räume und die mit ihnen verbundenen Raumvorstellungen noch stärker relational gedacht werden. Geschichte ist insofern nur ein Modus der Vergangenheitsvergewisserung (neben Erinnerung, Archiv, Archäologie, Genealogie und Erbe, um ein paar weitere zu nennen) und als Geschichtswissenschaft dann wiederum vor allem Problem- und Fragestellung (oder Frage und vorläufige Antwort à la R.G. Collingwood). Tendenziell spielt es dann auch nur bedingt eine Rolle, welche Zeiten und Räume wir ins Visier nehmen, denn wofür wir uns interessieren, sind Probleme, deren Ursachen nicht nur in einer konkreten „Vorgeschichte“ zu erkennen sind, sondern sich eher morphologisch als Problem zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Räumen entwickeln und diskutieren lassen. Das hat natürlich weitreichende Folgen für „das Fach“, auch wenn natürlich für die konzise Bewertung einer Vergangenheit nach wie vor Expertise wichtig bleibt.

In der Gedenkstätte Hohenschönhausen, dem ehemaligen Stasi-Gefängnis, steht man über bewahrten Zeitschichten. Um den authentischen Bodenbelag nicht zu berühren, wurden darüber großflächige Stege gebaut. Zeitgeschichte wird zur Rettungsarchäologie, der Blick erfolgt durch das archäologische Fenster. Foto: Achim Saupe 2026.

Davon zu trennen ist der Wert für das historische Denken: Die Geschichte der Gleichzeitigkeiten muss wohl als eine der Ko-Präsenzen gedacht werden, in denen viele Geschichten nachleben, überlagert sind und verschüttet wurden, und viele schon aufscheinen oder aber begonnen wurden und noch nicht abgeschlossen sind. Ich vermute, dass eine solche Geschichte der Gleichzeitigkeiten, wenn wir sie denn austesten wollen, in eine Ethik des Geschichtsbezugs mündet, die selbst historisch, reflexiv und kritisch gedacht werden muss. In diese Richtung habe ich auch Dein neues Buch „Zeiten haben“ gelesen.

A.L.: Sind Zeitschichten als eher träge temporale Strategien dazu geeignet, gerade unter politisch turbulenten Umständen wie den aktuellen ein angemessenes Deutungsangebot zu machen? 

A.S.: Das finde ich eine sehr wichtige Frage. Ich kritisiere die Wahl dieser trägen temporalen Figur zunächst in meinem Aufsatz, denn hier geraten oft nur noch komprimierte Brüche bzw. Aufschlüsse in den Blick, während gesellschaftliche Kämpfe, die Möglichkeit zur Revolution, die Vielfalt der politischen Ansichten und Pluritemporalität zu bestimmten Zeiten – die Granularität des Historischen, wie Christoph Bernhardt in einem unserer Beiträge schreibt – und damit auch der Kampf um das „Zeiten haben“ und „Zeiten machen“ – um nochmals auf Dein Buch anzuspielen – gar nicht mehr so richtig aufscheint. Oder nur noch als gebaute Utopien, was eher zu Nostalgie und Retrokult führt. Offensichtlich braucht es aber einigen Mumm, um den Unausweichlichkeiten des Klimawandels zu begegnen, für Gerechtigkeit einzutreten, oder den Pazifismus als Idee für eine Zeit nach den Kriegen der Gegenwart zu bewahren, und da hilft deren Einbettung bzw. Historisierung in und als Zeitschichten nur wenig.

Auf der anderen Seite müssten wir überlegen, ob die Disziplin Zeitgeschichte und auch die Erinnerungskultur nicht so ereignisüberfrachtet und damit kurzatmig ist, dass Fragen der longue durée, Fragen der „strukturierten und strukturierenden Strukturen“, sprich mentale, sich über die Zeiten ausprägende Schichten, die zugleich vermeintliche Ungleichzeitigkeiten ordnen und organisieren, aus dem Blickfeld geraten sind: Rassismus, koloniale Denkstrukturen, Antisemitismus sind zwar in aller Munde und werden als Gründe für Menschheitsverbrechen immer wieder genannt, aber wird ihrer auch als langfristige und in die Gegenwart hineinreichenden Faktoren gedacht? Vielleicht im Modus des kritischen Geschichtsbewusstseins, weniger aber in der Erinnerungskultur, würde ich behaupten. Ich bin in der Literatur und an Erinnerungsorten immer wieder der Zeitschicht des Nationalsozialismus begegnet, aber den nochmals dickeren und breiteren Zeitschichten des Antisemitismus und Rassismus nicht. Das ist ja schon interessant und zeigt, wie sehr die Zeitschichten in den Zeitblöcken der Politikgeschichte und Mensch-macht-Geschichte aufgehen, während Fragen der Mentalitäten, Denkstrukturen und Diskurse in einer ereignisfixierten Erinnerungskultur nicht im Vordergrund stehen. Insofern kann man auch gespannt sein, was aus dem derzeit in den Memory Studies diskutierten Konzepts des „slow memory“ noch hervorgeht.

A.L.: Welche Vorteile, möglicherweise aber auch Probleme bringt das Modell der Zeitschichten für die konkrete Arbeit in der Geschichtsvermittlung, in Schulen, Museen etc. mit sich?

A.S.: Kritisch, so würde ich nochmals festhalten wollen, kann die Zeitschichtenmetapher dazu beitragen, die Geschichte des 20. Jahrhunderts als dicht komprimierte Gesteinsformationen aufzufassen, um sie damit in der Tiefenzeit der Deutschen oder Europäischen Geschichte einzulagern. Sie ist dann so etwas wie die Endlagerstätte einer kontaminierten Geschichte. Die Zeitschichten haben etwas Abgeschlossenes, deren Verbindung zueinander und zum Heute nicht immer besonders klar ist. Sich Geschichte als dynamischen Prozess vorstellbar zu machen, gehört nicht zu den besten Eigenschaften des Modells.

Andererseits sind sie ein ästhetisches Phänomen, und indem wir sie erkennen, kann man ein Gespür für unterschiedliche Zeiten, Zeitverständnisse, ihre Bedingungen und materiellen Überreste bekommen. Das ist keine Geschichte des Wandels mehr, sondern eine der gleichrangigen Relevanzen, deren Bezüge zueinander wir zu erschließen haben. Zeitschichten-Studium heißt insofern, etwas über die Fabrikation der Geschichte und das sich wandelnde Zeitverständnis von Gruppen und Gesellschaften erfahren zu wollen.


Literatur

Achim Landwehr, Zeiten haben. Klimakrise und Endlichkeit. Frankfurt am Main: Campus 2025.

Achim Landwehr, Zeitschichten, in: Martin Sabrow/Achim Saupe, Handbuch Historische Authentizität, Göttingen: Wallstein 2022, S. 545-553.

Achim Saupe (Hg.), Zeitschichten und Pluritemporalität in der Geschichtskultur, Göttingen: Wallstein 2026.


Titelbild: Zeitschichten vulkanischer Ausbrüche. Teneriffa, in der Nähe des Teide. Foto: Achim Saupe 2026.

Orientierungswert der Vergangenheit

Interview mit Prof. Dr. Martin Sabrow, Sprecher des Leibniz-Forschungsverbunds „Wert der Vergangenheit“

Herr Sabrow, was genau meint der Verbund, wenn er sich vornimmt, den „Wert der Vergangenheit“ zu untersuchen? Inwiefern hilft der Wertbegriff bei der Analyse von geschichtskulturellen Phänomenen?

Martin Sabrow: Der Forschungsverbund untersucht die wechselhafte Bedeutung, die die Vergangenheit für eine ihr nachfolgende Gegenwart hat. Sein Gegenstand ist das Wechselspiel der drei Zeitmodi Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die der französische Historiker François Hartog als „régimes d‘historicité“ beschrieben hat. Der Verbund begreift dieses Wechselspiel als soziale Beziehung, die beständigem Wandel unterliegt. Um diesen Wandel analytisch zu erfassen, nutzt er den Begriff des Wertes, der schon in seinem althochdeutschen Ursprung nicht eine feststehende Eigenschaft der gemeinten Sache benennt, sondern die wandelbare Zuschreibung, die sie erfährt und die auf ihren Rang, ihre Geltung, ihre Bedeutung zielt. „Wert“ meint nicht objektive Werthaltigkeit, sondern subjektive Wertschätzung – er ist immer Geltungswert.

Gipsmodelle der Statue „Krieg und Frieden“ des Bildhauers Hans Scherpe aus dem späten 19. Jahrhundert im Weinkeller der Wiener Hofburg. Foto: Manfred Werner. Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Dabei umschließt der Wertbegriff drei unterschiedliche Dimensionen, die einander überlappen: Er umschreibt zum ersten als Wertehaushalt die historisch fundierten Grundüberzeugungen, die Gesellschaften, Gruppen und Milieus sowie Individuen aus der Vergangenheit für die Gestaltung der Zukunft ableiten und als Traditionen, Erfahrungen und Lektionen aus der Vergangenheit begreifen. Er bezeichnet zum zweiten den Orientierungswert, den eine Zeit aus der Vergangenheitsvergewisserung für das Verständnis ihrer Gegenwart zu gewinnen glaubt. Der Wertbegriff zielt drittens auf den Stellenwert der Vergangenheit gegenüber Gegenwart und Zukunft ebenso wie die Beziehung und Priorisierung unterschiedlicher Epochen und Ereigniszusammenhänge zueinander.

In dieser Stufung vom Konkreten zum Abstrakten sind zugleich unterschiedliche Ebenen der gesellschaftlichen Selbstverständigung angesprochen: Die Berufung auf historisch gewachsene Überzeugungen und Normen unterliegt der uneingeschränkten  zeitgenössischen Reflexion und Bewertung, während die dahinterstehende Geltungsmacht der Vergangenheit über die Gegenwart zu den vielfach vorbewussten und vorpolitischen Grundannahmen einer Zeit zählt und der zeitgenössischen Infragestellung nur bedingt zugänglich ist.

Vergangenheit hat seit dem Auseinandertreten von Erfahrung und Erwartung in der Frühmoderne ständig steigenden oder fallenden Stellenwert besessen. Die Vergangenheit hatte in der Wertehierarchie des neuzeitlichen Denkens einen sich permanent verändernden Rang innegehabt, je nachdem, ob die Gegenwart sich mehr am Morgen oder stärker am Gestern orientierte. Das lässt sich etwa an kulturellen Strömungen wie dem Historismus und dem Futurismus oder auch in der Gegenwartsverhaftung postkatastrophischer Gesellschaften des 20. Jahrhunderts ablesen, die seit den 1970er-Jahren von einem bis heute anhaltenden Geschichtsboom und einer vehementen Kritik an der Geschichtsvergessenheit der Nachkriegszeit abgelöst wurden.

Mit dieser mehrschichtigen Konzipierung der Kategorie „Wert“ sucht der Forschungsverbund einen Beitrag zur historischen Metareflexion zu leisten, die über die intentionalen Bezugnahmen auf die Vergangenheit hinaus die gleichsam hinter dem Rücken der Akteure wirkenden Faktoren und Prägungen in den Blick nimmt, die die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit vom 19. bis zum 21. Jahrhundert bestimmten und bestimmen.

Wie bewerten Sie ausgehend vom Wertbegriff den „geschichtskulturellen Boom“ unserer Gegenwart, den Sie gerade ansprachen?

MS: Deutlich erkennbar ist, dass heute die Sehnsucht nach der Vergangenheit den Platz besetzt, den früher die Hoffnung auf die Zukunft eingenommen hat – nicht mehr so sehr die Vision einer besseren Welt und der Glaube an den Fortschritt beherrscht unser Denken, sondern die Identität stiftende, Geborgenheit bietende, Abwechslung versprechende Beschäftigung mit der Vergangenheit.

Vielfach wurde das neue Interesse an der Geschichte als bedrohliches Wiedererwachen eines deutschen Nationalbewusstseins gedeutet, das sich von der Scham über die zwölf Jahre des Schreckens nicht den Stolz auf 1000 Jahre vermeintlicher nationaler Größe rauben lassen wolle – und diese Sorge glaubte Nahrung zu finden, etwa in der ohne jeden Jubiläumsbezug in die Welt getretenen Berliner Preußenausstellung 1981, in der mit Beginn der Kanzlerschaft Helmut Kohls proklamierten geistig-moralischen Wende von 1982 oder auch in der Grundsteinlegung für ein Deutsches Historisches Museum im Berliner Spreebogen 1988.

Aufbau der Ausstellung „Preußen – Versuch einer Bilanz“ im Gropius-Bau Berlin, 1981. Quelle: Jürg Steiner, Steiner Architektur-GmbH. Fotos: Margret Nissen.

Doch die befürchtete Entsorgung der Katastrophengeschichte unter Kohl blieb aus. Der Versuch, das dunkle durch ein helles Gedächnis überstrahlen zu wollen, erwies sich ganz im Gegenteil als Ansporn einer nachhaltigen Vergegenwärtigung gerade des von Deutschland ausgegangenen Zivilisationsbruchs im Holocaust. Unsere Lust an der Erinnerung hofft nicht auf eine Rückkehr der Vergangenheit, sondern auf das Lernen aus ihr. Der stärkste Einwand gegen die Sorge, dass unsere Rückwendung zur Vergangenheit politisch rückwärtsgewandt sei, liefert unsere Gedenk- und Erinnerungspraxis selbst. Sie zielt nicht auf Identifikation, sondern kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Der politisch-kulturelle Identitätsanker der heutigen Bundesrepublik ist nicht das Glück der eroberten Menschenrechte, sondern das Unglück ihrer vollständigen Vernichtung. Als Gründungsmythos dient nicht das Grundgesetz, sondern der Holocaust.

Aus der Geschichte lasse sich lernen, um es in Zukunft besser zu machen, so lautet der Leitgedanke der heutigen Geschichtskultur. Sie verlangt die kritische Auseinandersetzung mit einer als unheilvoll verstandenen Vergangenheit statt die distanzlose Erbauung an ihr, und sie wird von der Vorstellung getragen, dass nur die Ablösung vom schlechteren Gestern zum besseren Morgen führt und nicht das Festhalten an ihm. Kontinuitätsbruch statt Kontinuitätsvergewisserung prägen die Leitidee des Umgangs mit der Vergangenheit in der deutschen Gegenwart.

Nietzsche warnte in seinem berühmten Essay „Vom Nutzen und Nachteil der Historie fürs Leben“ vor einem möglichen Zuviel an Vergangenheit, durch das der Blick in die Zukunft verstellt werde. Welchen Wert hat die Vergangenheit für die Vorstellung gesellschaftlicher Zukünfte?

MS: Nietzsches Sorge war, dass die „Übersättigung einer Zeit in Historie dem Leben feindlich und gefährlich“ sei, weil „durch dieses Übermaß […] eine Zeit in die Einbildung (gerät), dass sie die seltenste Tugend, die Gerechtigkeit, in höherem Grade besitzt als jede andere Zeit“. Diese Warnung begleitete auch die Entwicklung des neuerlichen Geschichtsbooms von Anfang an.

Sie hat sich aber nicht bestätigt. Zwar war noch jede Gegenwart von dem Irrglauben durchdrungen, dass sie der Vergangenheit an Wissen und Einsicht überlegen sei, wie Friedrich Schiller 1789 in seiner Jenenser Antrittsvorlesung mit teleologischem Pathos dozierte: „Unser menschliches Jahrhundert herbey zu führen haben sich – ohne es zu wissen oder zu erzielen – alle vorhergehenden Zeitalter angestrengt. Unser sind alle Schätze, welche Fleiß und Genie, Vernunft und Erfahrung im langen Alter der Welt endlich heimgebracht haben.“ Aber vor einer historischen „Übersättigung“ der Gegenwart, die im Sinne Nietzsches dem Glauben huldige, „Spätling und Epigone zu sein“, kann in unserer Zeit keine Rede sein. Unsere Zeit zieht ihr Selbstverständnis gerade aus der kritisch-distanzierten Auseinandersetzung mit dem vergangenen Jahrhundert, mit Weltkrieg und Massenmord, statt ihrer monumentalischen Verklärung oder antiquarischen Bewahrung.

Aber verhält es sich vielleicht gerade umgekehrt so, dass die Gegenwart sich anschickt, die Vergangenheit zu überwältigen und in unserer Zeit nicht die Historie dem Leben feindlich und gefährlich geworden ist, sondern im Gegenteil das Leben der Historie? Wie stark Geschichte auch in unserer Zeit als Identitätsressource beansprucht und überformt wird, lehren in unseren Tagen die propagandistischen Anstrengungen Russlands, seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine mit historischen Argumenten zu legitimieren. Auch aus der Bürgergesellschaft erheben sich immer wieder Stimmen, die Sichtachsen auf die Vergangenheit identitätspolitisch verändern wollen. Die Krise des Allgemeinen, die der Soziologe Andreas Reckwitz unserer „Gesellschaft der Singularitäten“ attestiert und die mit der „Erosion der klassischen kollektiven Identitätskonzepte“ wie Religion, Nation oder auch Zukunft einhergeht, ist auch eine Krise des Historischen. Sie droht das Eigenrecht der Vergangenheit zu ersticken und macht sie zur Projektionsfläche von konkurrierenden Zugehörigkeitsansprüchen, die gleichermaßen Identität über Historizität stellen. Kritische Aufklärung schlägt in dieser Denkrichtung in einen moralischen Rigorismus um, der die Vergangenheit vollständig dem Maßstab der Gegenwart unterwirft und ihr das Recht der Andersartigkeit abspricht.

Geschichtspolitischer Säuberungswille begleitet politische Umwälzungen seit jeher und muss es auch, um eigene Traditionsachsen zu schaffen. Wenn er aber übermächtig wird, verwandelt er die Vergangenheit in einen bloßen Spiegel der Gegenwart und nimmt ihr ihren wichtigsten Wert überhaupt, nämlich ungeachtet aller Kontinuitätslinien und Traditionsbezügen den Wert ihrer historischen Andersartigkeit und auch Fremdartigkeit, aus dem gerade hilfreiche Orientierung für die Zukunft zu gewinnen ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Martin Sabrow führte Josephine Eckert.