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Deutsche und Amerikanische Erinnerungskultur im Vergleich – Teil 2: Exkursion in den USA und Ausblick

Im zweiten Teil des Interviews über das Critical Memory Project berichten die OrganisatorInnen über die Exkursion in die USA und geben einen Ausblick.

Das Critical Memory Projekt brachte 2025 ca. 50 Personen aus Universitäten, Museen, Gedenkstätten und NGOs zusammen. Sie fuhren zunächst durch Deutschland und wenige Monate später durch den Süden der USA, um sich mit der jeweiligen Erinnerungskultur vor Ort auseinanderzusetzen. Ziel war der Austausch und das Lernen über die Vermittlung und Darstellung von Gewalt und Verbrechen sowie die Diskussion einer kritischen Erinnerung.

In 2025, the Critical Memory Project brought together approximately 50 people from universities, museums, memorial sites, and NGOs. They first traveled through Germany and, a few months later, through the southern United States to engage with the local cultures of remembrance in each place. The goal was to exchange ideas and learn about the mediation and representation of violence and crime, as well as to discuss critical memory.


Interview mit den OrganisatorInnen – Teil 2

Welche Orte in den USA haben euch besonders interessiert/beeindruckt?

Andreas Etges (AE): Mit der Eröffnung des unter Federführung von Lonnie Bunch aufgebauten National Museum of African American History in Culture auf der Mall in Washington und neuen Museen und Gedenkstätten auch im Süden der USA findet man in den letzten gut zehn Jahren eine viel kritischere und integrativere Auseinandersetzung mit der Geschichte als früher. Zu den beeindruckendsten entsprechenden neuen Erinnerungsorten in den USA gehören die Legacy Sites der von Bryan Stevenson geleiteten Equal Justice Initiative . Dazu gehören ein Museum, eine Skulpturenpark und das National Memorial for Peace and Justice in Montgomery, Alabama. Auf über 800 von der Decke hängenden Metallquadern wird mit Nennung von Namen, Ort und Datum an mehr als 4400 Schwarze erinnert, die durch Lynchmorde getötet wurden – einer für jeden Bezirk, in dem ein solcher Mord stattfand. Stevenson hat als Inspiration für die Denkmäler explizit das Holocaust-Mahnmal in Berlin und das dezentrale Konzept der „Stolpersteine“ genannt.

Der Skulpturenpark in Montgomery ist eine der Legacy Sites der Equal Justice Initiative. Foto: Irmgard Zündorf.

Wir hatten beide in Vorbereitung auf das Projekt zwei Jahre zuvor die meisten Denkmäler und Museen in Atlanta, Birmingham, Montgomery und Washington bereits besucht. Und ich habe mich als US-Historiker auch wissenschaftlich in vielfältiger Form mit Sklaverei, dem Bürgerkrieg, Segregation, der Bürgerrechtsbewegung und der Erinnerungskultur beschäftigt.

Aber die Reise mit dieser besonderen Gruppe und mit Kolleg:innen, die täglich gegen Rassismus und Geschichtsverleugnung kämpfen, hat mich immer wieder auch emotional sehr berührt und meinem Wissen noch einmal zusätzlich Tiefe gegeben. Besonders beeindruckt hat mich dabei, wie die Künstlerin und Aktivistin Michelle Browder ihr beeindruckendes Mothers of Gynecology-Projekt in Montgomery fast im Alleingang geschaffen hat.

Irmgard Zündorf (IZ): Auch hier kann ich Andreas einfach nur zustimmen: Die Orte kannten wir zwar schon, waren aber bei unserer Vorbereitungsfahrt nur zu zweit und auch ohne Führungen durch die Einrichtungen gegangen. Die Führung von Michelle Browder und das Gespräch mit Brian Stevenson über die von ihnen errichteten Gedenkorte sowie die anschließenden Diskussionen in unserer Gruppe, erschlossen mir noch einmal ganz neue Perspektiven auf die Frage, wie die Geschichte von individueller, struktureller und staatlicher Gewalt vermittelt werden kann. Es wurde aber auch deutlich, dass nichts einfach übernommen werden kann, sondern jeweils für den Ort und die Gesellschaft entwickelt werden muss.

Montgomery Memorial: Das National Memorial for Peace and Justice gedenkt der Lynchmorde, die in den USA an Afroamerikaner:innen verübt wurden.

Das National Memorial for Peace and Justice, der Skulpturen Park (siehe Foto weiter oben), das National Monument to Freedom und das Legacy Museum sind alle Teil der Equal Justice Initiative, welche die Gruppe besucht hat. Fotos: Irmgard Zündorf.

Was meint ihr, was wir voneinander lernen können?

IZ: Der oben angedeutete Konflikt zwischen eindeutiger Botschaft und vielfachen Perspektiven, die mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben, bleibt mir in Erinnerung. Aus meiner Sicht können wir, gerade in der Art Geschichten zu erzählen, ein Narrativ zu entwickeln und damit auch Präsentationen interessant zu gestalten viel von den amerikanischen Kolleg:innen lernen. Gleichzeitig wurde mir aber auch klar, dass wir nicht einfach die jeweils eigenen Formate oder zum Beispiel Ausstellungen in das andere Land übertragen können, denn sie funktionieren vor allem für die Gesellschaft, für und in der sie entwickelt wurden.

Außerdem können wir, meiner Meinung nach, von dem Aktivismus der Kolleg:innen lernen, das hohe persönliche Engagement, aber auch der politische Einsatz, hat mich sehr beeindruckt. Die Bereitschaft die eigenen Gefühle und damit auch Verletzlichkeiten offenzulegen, für eigene Rechte aber auch die anderer einzutreten und diese öffentlich zu artikulieren, ist etwas, was mir erstmal fremd ist. Ich glaube allerdings, dass auch in der deutschen Erinnerungskultur immer mehr Aktivismus gefragt ist und seit diesem Projekt habe ich eine bessere Vorstellung davon, was das bedeuten kann.

AE: Die Frage danach, an was wir uns als Gesellschaft wie erinnern wollen, gewinnt gerade ganz neu an Bedeutung, sowohl in Deutschland als auch in den USA. In beiden Ländern gibt es wachsenden Rassismus und Antisemitismus. Und auf beiden Seiten gibt es Menschen und Organisationen, die dagegen kämpfen. Auch deshalb ist ein solcher Austausch so wichtig: um mehr voneinander zu erfahren, über ähnlich und ganz unterschiedliche Herausforderungen, über Erfolge und Misserfolge, um sich gegenseitig zu inspirieren und auch um über mögliche Kooperationen nachzudenken. Zum aktuellen Zeitpunkt war für unsere Kolleg:innen aber auch ganz wichtig zu wissen: Wir sind nicht alleine, und es gibt viele Menschen in Ländern wie Deutschland, die sich für die Geschichte und Gegenwart ihres Landes interessieren, die das was in den USA gerade passiert ablehnen, die sich solidarisch zeigen – und die zum Teil Lebenserfahrungen in „undemokratischen“ politischen Systemen gemacht haben. Das mag banal klingen, denn welchen Unterschied macht das angesichts der Herausforderungen in den USA. Aber unabhängig voneinander haben zwei der afroamerikanischen Kolleg:innen zum Abschluss zunächst im privaten Gespräch, später auch öffentlich gesagt, die Woche in Deutschland sei eine „life-changing experience“ gewesen. Das hat mich tief berührt, und allein das war die ganze Arbeit wert, die wir in das Projekt gesteckt haben.

Links: Baustellen-Führung durch das Civil Rights Center in Atlanta, kurz vor der Eröffnung der neuen Dauerausstellung. Rechts: Geburtshaus von Martin Luther King in der 501 Auburn Avenue Northeast in Atlanta, wo er bis zu seinem 12. Lebensjahr wohnte. Das Haus ist inzwischen ein viel besuchtes Museum. Fotos: Irmgard Zündorf.

Wie soll es weitergehen?

AE: Das Projekt war zunächst tatsächlich als die zwei „Reisen“ geplant, wobei natürlich immer der Wunsch dabei war, dass es in der einen oder anderen Form weitergeht. Es gibt Ideen, wie zumindest Teile der Gruppe weiter zusammenarbeiten können. Dazu gehören gemeinsame Veröffentlichungen, Panels und Workshops bei nationalen und internationalen Konferenzen und Überlegungen für eine gemeinsame Ausstellung. In kleineren Gruppen oder individuell ist da auch schon einiges passiert, beispielsweise auf Konferenzen oder durch Zoom-Vorträge. Über unsere WhatsApp-Gruppe gibt es regen Austausch über Aktivitäten auf beiden Seiten des Atlantiks. Zwei der afroamerikanischen Kolleg:innen, die in Bürgerrechtsmuseen in Birmingham und Atlanta arbeiten, waren im Juli 2026 im Rahmen des Projekts auf kleiner Deutschlandtour und machten zahlreiche Veranstaltungen and Universitäten, Schulen und in Museen. Ich selbst gebe mit einem der jüdisch-amerikanischen Teilnehmer im Auftrag von SLPC eine kleine kritische Onlinepublikation zum 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung heraus.

IZ: Unsere „Reise“, davon bin ich überzeugt, geht in ganz unterschiedlicher Weise weiter. Die Kontakte bleiben bestehen.Für Ende dieses Jahres und Mitte nächsten Jahres haben wir schon wieder Treffen einzelner Teilnehmer auf Konferenzen in Europa und den USA geplant, um über die deutsche und amerikanische Erinnerungskultur zu diskutieren. Das Thema bleibt aktuell, auch wenn es immer politischer wird, was wir anfänglich so gar nicht geplant hatten.


Titelbild: Dieses Monument in Montgomery erinnert an die “Mothers of Gynecology” – drei versklavte Frauen, an denen ohne Einverständnis oder Anästhesie gynäkologische Experimente durchgeführt wurden. Foto: Irmgard Zündorf.

Koloniales Erbe und „Postkoloniale Angst“: Zum Stand der kolonialen Aufarbeitung vor Ort

Kim Todzi schreibt über die Aufarbeitung des kolonialen Erbes in Hamburg.

Die Aufarbeitung des kolonialen Erbes in Deutschland bleibt umkämpft: Trotz wichtiger Fortschritte erleben viele Initiativen zunehmende Gegenwehr. Kulturkämpfe, fehlende Institutionalisierung und prekäre Strukturen gefährden die bisherigen Erfolge und stellen die Erinnerungskultur vor neue Herausforderungen.

The reappraisal of Germany’s colonial heritage remains a contentious issue: despite significant progress, many initiatives are facing increasing resistance. Cultural conflicts, a lack of institutionalisation and precarious structures are jeopardising the successes achieved so far and posing new challenges for the commemorative culture.


Die aktuelle Diskussion um das neue Gedenkstättenkonzept der Bundesregierung macht deutlich, wie brüchig die bisherigen Fortschritte der kolonialen Aufarbeitung sind. Während in den vergangenen Jahren an zahlreichen Orten Initiativen entstanden sind, die koloniale Spuren in ihrer direkten Umgebung untersuchen, sichtbar machen und damit die lokale Erinnerungskultur verändern, wächst zugleich der Widerstand gegen die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Entscheidung von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, den Kolonialismus vollständig aus dem Gedenkstättenkonzept zu streichen, obwohl seine Vorgängerin Claudia Roth ihn ausdrücklich aufgenommen sehen wollte.

“Umbenennungsfest Mohrenstraße, Berlin, 18. August 2018.” Foto: Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.

In zahlreichen Städten, Gemeinden und Regionen Deutschlands hatte in den vergangenen zehn Jahren eine intensive Auseinandersetzung mit dem materiellen und immateriellen Erbe des Kolonialismus begonnen. Postkoloniale Initiativen, Communities, Geschichtswerkstätten und Wissenschaftler:innen forderten immer vehementer eine Aufarbeitung des kolonialen Erbes. Und es begann allmählich Früchte zu tragen: Hamburg bekannte sich als erstes Bundesland bereits 2014 zur eigenen kolonialen Vergangenheit, verkündete einen „Neustart“ in der postkolonialen Erinnerungskultur, gründete 2015 die Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“ und versprach ein stadtweites Erinnerungskonzept. Berlin richtete 2020 eine Koordinierungsstelle für Dekolonisierung ein, und Thüringen gründete 2021 die Koordinationsstelle „Koloniales Erbe“. Die Stadt Hannover begann 2023 einen Prozess zur Erarbeitung eines postkolonialen Erinnerungskonzeptes. Das Bekenntnis zur Aufarbeitung und Verantwortung für die Kolonialgeschichte fand sich zudem seit 2017 in den Koalitionsverträgen der deutschen Bundesregierungen. Neben der Erinnerung an den Nationalsozialismus und das DDR-Unrecht sollte die Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte als dritte Säule das Grundverständnis der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur prägen. Ihren Höhepunkt erreichte die gesellschaftliche Aufmerksamkeit 2020, als infolge der Black-Lives-Matter-Proteste allerorten auf Spuren der kolonialen Vergangenheit und den oftmals unkritischen Umgang damit hingewiesen und dagegen protestiert wurde.

Zugleich gibt es in den vergangenen Jahren stärkeren Gegenwind. Nicht nur in Großbritannien formieren sich reaktionäre Kräfte unter dem Banner „History Reclaimed“, auch in Deutschland haben konservative und rechte Medien und Parteien den Kolonialismus bzw. die Debatte um dessen Aufarbeitung als wichtiges erinnerungs- und identitätspolitisches Feld entdeckt und bearbeiten es intensiv. Hinzu kommt eine neue, breite Skepsis gegenüber allem, was auch nur den Anschein von „Postkolonialismus“ oder „Dekolonisierung“ im Namen trägt. Diese Entwicklung begann in Deutschland 2020 mit der Diskussion um die Ausladung des kamerunischen Historikers Achille Mbembe von der Ruhrtriennale und erreichte infolge der Attacke der Hamas auf Israel am 7. Oktober einen neuen Höhepunkt. Seitdem wird postkolonialen Ansätzen häufig vorgeworfen, den israelisch-palästinensischen Konflikt einseitig in kolonialen Analogien zu deuten und damit antisemitische Muster zu verstärken. Die Folge: mehr Aufmerksamkeit für den Begriff „Postkolonialismus“ in den Medien, aber in negativem Kontext.

Das lässt sich quantitativ relativ einfach nachvollziehen. Bis 2020 wurden Begriffe im Zusammenhang mit Postkolonialismus, postkolonial etc. durchaus in den Medien erwähnt, doch eine Verdichtung der Nennungen ergab sich erst infolge der Black-Lives-Matter-Proteste einerseits und der Diskussion um Mbembes Ausladung und die Antisemitismusvorwürfe andererseits. Ihren absoluten Höhepunkt erreichte die negative Zuspitzung 2024.


DWDS-Verlaufskurve für „postkolonial“, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, abgerufen am 19.9.2025.

Diese diskursive Verbindung führte zwar zu vielen Zeitungsartikeln und Meinungsbeiträgen, zugleich aber auch zu einer massiven Verkürzung. Dies ist nicht nur der Medienlogik geschuldet, die durch Simplifizierungen dazu beigetragen hat, sondern auch Ergebnis einer gezielten politischen Kampagne. Nikita Dhawan schreibt in ihrem 2024 erschienenen Buch „Die Aufklärung vor Europa retten“, dass dieser Diskurs – unabhängig von seiner geografischen und historischen Ausprägung – von der globalen Rechten instrumentalisiert werde, um eine „postkoloniale Angst“ zu schüren. Der rechtsextreme Aktivist Christopher Rufo, der zuvor erfolgreich eine Kampagne gegen die Critical Race Theory in den USA angestoßen hatte, schrieb bereits im Oktober 2023 auf Twitter, dass Konservative Begriffe wie Hamas, Black Lives Matter und Dekolonisierung bewusst miteinander verknüpfen sollten. Ziel sei es, diese Begriffe zu delegitimieren und ihre Bedeutung im gesellschaftlichen Diskurs zu untergraben.

Insofern treffen Initiativen und Projekte, die sich mit dem kolonialen Erbe befassen, auf ein gesellschaftliches Klima, das die Beschäftigung und kritische Aufarbeitung des Kolonialismus zunehmend skeptisch betrachtet. Erste Anzeichen eines Rückschlags machen sich daher an vielen Orten bemerkbar. So stellte die Stadt Hamburg 2024 die Finanzierung der Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“ ein, Koordinierungsstellen in Thüringen und Berlin bleiben befristet, und obwohl es etwa ein politisches Versprechen in Bremen gab, das Thema anzugehen, wurde die Aufarbeitung dort nie systematisch angegangen.

Die koloniale Aufarbeitung bleibt prekär. Ein Beispiel für aktuelle Konfliktlinien zwischen Stadtentwicklung und Erinnerungskultur bietet etwa der Baakenhafen in Hamburg: Dieses 1,4 Kilometer lange Hafenbecken war integraler Bestandteil der kolonialen Infrastruktur und ab 1904 die logistische Drehscheibe des Völkermords an den Herero und Nama im heutigen Namibia. Der Baakenhafen wird heute als familienfreundliches Wohnquartier vermarktet, ohne dass seine koloniale Geschichte im Stadtraum sichtbar wäre. Gemeinsam mit Jürgen Zimmerer habe ich daher im Mai 2024 Einspruch gegen die damaligen Bebauungspläne eingelegt und die Einrichtung eines Dokumentations- und Lernorts gefordert. Zusätzliche Brisanz erhält die Debatte um eine angemessene Erinnerung vor Ort durch das 2025 vorgestellte Projekt einer von Klaus-Michael Kühne gestifteten Oper am Baakenhöft, der westlichen Spitze des Baakenhafens. Die Gefahr liegt auf der Hand: Ohne verbindliche Strukturen und dauerhaft bestehende, materielle Orte des Gedenkens drohen städtebauliche Projekte historische Verantwortung zu überdecken.

Dabei zeigt sich das zentrale Problem der postkolonialen Aufarbeitung in Deutschland – im Großen wie im Kleinen: Fast alle Vorhaben zur Aufarbeitung wurden als Projekte mit einem zeitlichen Ablaufdatum konzipiert. Sie sind damit dem Wohl und Wehe gesellschaftlicher und politischer Konjunkturen unterworfen. Schickte es sich noch vor fünf Jahren, als Politiker eine sensible Rede zu halten und für ein Pressefoto mit Aktivist:innen zu posieren, gelten angesichts eines zunehmend regressiven Zeitgeistes aktuell andere Prioritäten. Gerade deshalb braucht es eine dauerhafte Institutionalisierung der kolonialen Aufarbeitung. Denn diese kann nur nachhaltig erfolgreich sein, wenn sie auf verlässlichen Strukturen aufbaut.

Auch deshalb wäre die Aufnahme des Kolonialismus in das Gedenkstättenkonzept des Bundes notwendig gewesen: Sie hätte erstmals die Möglichkeit eröffnet, eine entsprechende bundesweite Struktur aufzubauen und dem Thema jene institutionelle Stabilität zu geben, die bislang fehlt. Stattdessen wird die fehlende Institutionalisierung nun paradoxerweise selbst zum Argument gegen die Aufnahme. Dabei handelt es sich freilich weniger um einen sachlichen als um einen taktischen Einwand, denn der inhaltliche Grund, den Kulturstaatsminister Wolfram Weimer im Sommer 2025 anführte, die Aufnahme der Erinnerung an den Kolonialismus würde die Singularität des Holocaust relativieren, wäre höchstens unter Ausblendung des DDR-Unrechts nachvollziehbar. Durch das nun jedoch erneut beschlossene Nebeneinander von Erinnerung an den Nationalsozialismus und an das DDR-Unrecht bei gleichzeitiger Ausklammerung der Kolonialgeschichte bleibt das Gedenkstättenkonzept in sich widersprüchlich.

Eigentlich sollte allen Beteiligten klar sein: Historische Aufarbeitung ist ein langer, oftmals schmerzhafter Prozess. Sie bedeutet im Falle des Kolonialismus, sich der eigenen Gewaltgeschichte an geographisch weit entfernten Orten und den anhaltenden Auswirkungen kolonialer Kontinuitäten und des strukturellen Rassismus konsequent zu stellen. Die Fragen, wer erinnert wird, wie erinnert wird und wessen Erfahrungen Anerkennung finden, sind zentral für jede demokratische Gesellschaft, die Aufklärung und Gerechtigkeit ernst nimmt. Wie kann eine Geschichtskultur aussehen, die auch die Würde derjenigen anerkennt, deren Geschichte und Leid bisher marginalisiert oder ignoriert wurden? Im Kern geht es um das Recht der Kolonisierten und ihrer Nachfahren, dass ihre Perspektiven Teil der offiziellen Gedenkkultur der ehemaligen Kolonialmächte werden.

Die koloniale Aufarbeitung in Deutschland ist keine reine Erfolgs- und Fortschrittsgeschichte. Sie ist ein dialektischer Prozess innerhalb einer fragilen deutschen Erinnerungskultur, die lange als außergewöhnlich selbstkritisch galt und die nun beweisen muss, dass sie diesem Anspruch auch in den kommenden Jahren und verschiedenen Kontexten gerecht werden kann.


Titelbild: Bismarck-Denkmal in Hamburg-Altona. Es wurde im Zuge der Black-Lives-Matter Proteste mit roter Farbe beschmiert. Foto: Kim Todzi.

Memory-making in tourism: a call for a more differentiated discussion

Alena Pfoser and Sabine Stach analyse the production and circulation of memories in the arena of tourism.

Tourism is an important arena for the production and circulation of memories in today’s societies. In their recent article in the journal Memory Studies, Alena Pfoser and Sabine Stach argue for a more systematic investigation of this tourism-memory nexus.

In unserer heutigen Gesellschaft stellt der Tourismus einen zentralen Ort der Produktion und Zirkulation von Erinnerungen dar. In ihrem kürzlich erschienenen Artikel in der Zeitschrift Memory Studies plädieren Alena Pfoser und Sabine Stach für eine systematischere Untersuchung dieses Zusammenhangs zwischen Tourismus und Erinnerung.


Tourist destinations often invite us to travel back in time, to experience a time stood still or turned back. Iconic heritage sites and museums are major tourist attractions, visited by millions of tourists each year. Alongside well-preserved old towns, iconic architecture, or ancient cultural sites, more recent and obscure pasts – such as memories of communism, recent revolutions and industrial heritage – have been incorporated into the tourism industry. Tourism is also driven by individual memories of past visits, personal and family ties that can stimulate a desire to (re)visit them. Moreover, tourism also creates new memories in the form of stories, photographs and souvenirs that are taken back home and shared with others.

Holiday mementos for sale (Source: Sunguk Kim, Unsplash, Creative Commons).

Despite the obvious (yet complex) connections between tourism and memory-making, tourism remains surprisingly underexamined in memory studies research. When we, two researchers working on guided city tours in different contexts in Eastern Europe, met for the first time in May 2019, it was quickly apparent that we had a similar view of the limitations of existing research. Tourist sites appear to be primarily the subject of heritage studies, which have long been critically concerned with questions of the construction and management of cultural heritage. Moreover, the topic of tourism has also increasingly become the focus of academic debates in history, history education and, above all, public history. Often, the term “history tourism” (in German “Geschichtstourismus”) is used to analyse the integration of memorial sites and “authentic places” into tourism industry offers. However, while these fields of study have some overlapping concerns, we thought that bringing tourism into conversation with work in memory studies offered both more focused and nuanced perspective on memory and the remembering process in tourism. Our following exchange resulted in an article that was recently published in Memory Studies. There, we not only sought to provide a critical reflection on these limitations but also put forward a vision of how an expanded examination of the “tourism-memory nexus” could look like.

A bibliometric analysis of tourism in memory research

To go beyond our own impressions of the literature, we first conducted bibliometric research of the most significant peer-reviewed journals in memory studies: Memory Studies (2008-), History & Memory (1998-), Memory, Mind and Media (2022-). We identified a total of 134 articles, out of which 19 mentioned “tourism” either in their title, keywords, or abstract. Most of the remaining 115 articles did not have tourism as their focus, but examined for example the creation of heritage sites or city branding processes and dedicated a smaller part of their analysis to tourism planning or promotion. Other articles focused on museums and memorials and discussed visitor practices and/or the reception of sites as part of the analysis but did not address questions of touristification nor explored tourists’ meaning-making in detail. Apart from confirming our impression of the limited preoccupation with tourism in memory research, the analysis also showed a narrow thematic focus on sites associated with violence and trauma. Over two thirds of articles discussed “difficult pasts / dark tourism” such as studies on battlefield tourism, concentration camps, prisons, and war memorials. The number of articles focusing on other themes were particularly small when considering only those publications that had tourism as their primary focus, with only seven articles discussing subjects beyond difficult pasts.

Themes of tourism-related articles in memory studies journals (Source: Pfoser & Stach, 2024, own calculations).

Castles, neighbourhoods and museum shops as sites of remembering

Moving beyond this narrow focus, we firstly propose to expand the range of sites examined in the literature to include those with a high tourist appeal such as ancient, medieval or early modern heritage. Despite their popularity with families, such sites are usually only discussed in terms of monument preservation and heritage management. Castles, city fortifications, rulers’ residences or townhouses seem to belong to an unproblematic, picturesque “distant past” that can be touristified in whatever way one likes (Groebner, 2013: 412–414). Alongside an examination of these sites, we should also reflect upon the “tourist component” of sites already in focus, considering them as destinations anchored in the international tourism industry. This involves an analysis of consumer infrastructures such as museum shops and of the planning and designing of sites for tourists. Finally, a broader understanding of toured sites should encompass memory processes that refer to multiple sites including the analysis of itineraries and the work of tour guides who put sites in an order and make them part of an overarching narrative, thereby producing new meanings.

Memories of joy and entertainment

Alongside the expansion of sites, we also need to expand the analysis of the variety of modes of remembering. As understandable as the focus on difficult heritage is, it is equally important to question the seemingly natural link between memory research and trauma. Scholars such as Ann Rigney (2018: 370) have argued for a “positive turn” in memory studies scholarship, which can also be built on work on memory-making in tourism. This is particularly important as tourism is closely associated with fun, relaxation and entertainment. Criticism of tourism has also underlined the notion of tourism as a hedonic, light, joyful, and somewhat superficial experience. It is reasonable to ask whether this discredits tourism as an object of research, or whether entertainment and fun should instead be brought into its focus. This includes individual, joyful, and playful but also voyeuristic, escapist, and entertainment-centred modes of remembering. We argue that tourism offers a unique opportunity to engage more fully with these modes and their interconnections with others, allowing us to move beyond a normative approach that implies a division between legitimate, i.e. empathic and reflective, and less legitimate, i.e. self-centered and hedonic, modes of remembering.

Museum shops: an understudied site of memory-making (Source: Erikk Pung, Unsplash, Creative Commons).

Multiscalar tourism memories

Finally, research on memory-making can also build on discussions of scales in memory studies research. We argue that more attention needs to go into the scale of personal and autobiographical remembering. As Sabine Marschall (2012: 2217) wrote, memory-making in tourism “does not necessarily require the presence of monuments and precious cultural objects, but relies on embodied memories that evoke emotions”. Memories are actively used by tourists to construct images of self and other. Prior to their trip, when making decisions of where to travel, and during and after their trips, tourists draw on their own past experiences as well as socially and culturally transmitted understandings of the past.

Moreover, as tourism routinely involves border crossing, tourism lends itself well to analysis of transnational remembering, allowing us to analyse both the deterritorialisation and transnationalisation of memory in tourism institutions and practices and its reterritorialisation in particular places. As our work on tour guiding shows, international tourism enables a transnational negotiation of memory that results not necessarily in the creation of cosmopolitan frameworks that replace the national ones but can also lead to pragmatic interpretative adjustments and selective silences as a response to mnemonic difference, pointing to the translations and frictions of transnational memory work.

For a more nuanced discussion of tourism memories

Tourism continues to be conceived implicitly or explicitly as diminishing memory, detaching it from the past and rendering it inauthentic and trivial. Our hope is that by expanding the study of memory-making in tourism to cover a range of sites, modes and scales we can contribute to a destigmatisation of tourism as a research subject and reach a richer and more differentiated understanding of the tourism-memory nexus. In fact, modes of remembering in tourism often are politically more ambiguous and can stand in contrast with the memories of hope that have been at the centre of a ‘positive turn’ in memory studies. Yet, memories based on direct tourist encounters can also challenge hostile conceptions of the other, and the idleness that tourism at least partly enables can act as counterweight in a world driven by the demands of speed. Instead of being dismissed, memory-making in tourism deserves a more nuanced discussion.


Bibliography

Groebner V (2013) Touristischer Geschichtsgebrauch. Über einige Merkmale neuer Vergangenheiten im 20. und 21. Jahrhundert. Historische Zeitschrift 296: 408–428

Marschall S (2012) Tourism and memory. Annals of Tourism Research 39(4): 2216–2219.

Pfoser A & Stach S (2024) Beyond difficult pasts: Towards a fuller understanding of memory-making in tourism. Memory Studies.

Rigney A (2018) Remembering hope: transnational activism beyond the traumatic. Memory Studies 11(3): 368–380.


Title picture: Playing with heritage (Source: Jakob Owens, Unsplash, Creative Commons).

Shoah Gedenkstätten auf TikTok – Passt das?

Daniel Neumeier knüpft mit seinem Beitrag an die Blogserie von Liv Ohlsen und Hans-Ulrich Wagner zum Thema “digitale Erinnerungsarbeit” an und diskutiert, inwiefern historische Aufklärungsarbeit auf einer Plattform wie TikTok wirklich gelingen kann.

Gedenkstätten nutzen TikTok, um junge Menschen über die NS-Verbrechen aufzuklären – auf einer Plattform, die Unterhaltung, Trends und schnelle Clips bevorzugt. Kann das funktionieren? Ein Blick auf Potentiale, Konflikte und mögliche Grenzen digitaler Erinnerungskultur.

Memorial sites use TikTok to educate young people about Nazi crimes – on a platform that favors entertainment, trends, and short clips. Can this work? A look at the potential, conflicts, and possible limits of digital remembrance culture.


@neuengamme.memorial

Why are we on TikTok? Institutions and memorials from all over the world educate and inform about the Holocaust on TikTok – these are the reasons why #gedenkenbildet #learningontiktok #historytok #weremember #memorial #fyp #tiktok

♬ snowfall (Sped Up) – Øneheart & reidenshi
Zur Einführung – Gedenkstätte Neuengamme und weitere: Why are we on TikTok, TikTok 01.02.2024.

In ihrer Blogserie „Über die digitale Erinnerungsarbeit deutschsprachiger Gedenkstätten auf TikTok“ analysieren Liv Ohlsen und Hans-Ulrich Wagner am Beispiel von Biografie-Videos aus Neuengamme, Dachau und Mauthausen, wie Gedenkstätten historische Inhalte in plattformgerechte Formate übersetzen. Mit direkter und interaktiver Ansprache, schneller Ästhetik sowie Erzählformen zwischen Sachlichkeit, Emotionalität und Personalisierung erreichen die Videos ein breites Publikum. Zugleich offenbart die Analyse Reibungspunkte – etwa bei der Zuspitzung und Emotionalisierung, begrenzter Vermittlungstiefe oder moderationsbedürftigen Kommentaren.Diese Spannungen lassen sich nicht allein auf technische oder gestalterische Aspekte zurückführen. Vielmehr deuten sie auf einen möglichen tieferliegenden Widerspruch zwischen der Gedenkstättenpädagogik und der Funktionslogik von TikTok hin. Um diesem Spannungsfeld näherzukommen, lohnt sich zunächst der Blick auf die beiden Akteure:

NS-Gedenkstätten sind multifunktionale Lern- und Gedenkorte, die historische Überreste bewahren, um sowohl Raum zum Erinnern zu schaffen als auch historische Bildung und demokratische Selbstverständigung zu fördern. Ihre pädagogische Arbeit orientiert sich an zentralen Prinzipien und Leitlinien wie Multiperspektivität, Transparenz oder dem Beutelsbacher Konsens, laut dem Lernende nicht indoktriniert, sondern befähigt werden sollen, kontroverse Themen differenziert zu diskutieren und eigene, reflektierte Urteile zu bilden.

TikTok ist eine 2016 gegründete Kurzvideo-Plattform, auf der man in einen endlosen, personalisierten Feed eintauchen, nach Themen suchen, Kanäle abonnieren, eigene Videos erstellen oder mit Likes, Kommentaren und Antwortvideos reagieren kann. Der Algorithmus steuert die Ausspielung und bevorzugt kurze, visuell ansprechende Videos mit hoher Interaktion, langer Verweildauer und trendbasierten Elementen.

Aus den unterschiedlichen Vermittlungslogiken und Funktionsweisen von NS-Gedenkstätten – als Orte politisch-historischer Bildung – und TikTok – als schnelllebiger Social-Media-Plattform – ergeben sich Chancen für die digitale Erinnerungsarbeit, aber auch Herausforderungen und Widersprüche.


Sicht der Gedenkstätten – Haus der Wannseekonferenz: Was ist eine Gedenkstätte, TikTok 04.05.2023.

Im Rahmen der „Shoah-Gedenk- und Bildungsinitiative“ fördert TikTok inzwischen die Arbeit von über 20 Einrichtungen auf der Plattform.In unterschiedlichen Formaten – von Geschichtsvideos, Biografien, gesellschaftspolitischen Einordnungen über Community-Fragen und Ortsvorstellungen bis hin zu Zeitzeugengesprächen – versuchen Gedenkstätten, die Prinzipien der Gedenkstättenpädagogik mit der Funktionsweise von TikTok zu vereinen. Für ihr Engagement gibt es gute Gründe: Jugendliche verbringen täglich je nach Studie durchschnittlich 2,5 bis 8,5 Stunden online. Trotz gesetzlicher Vorgaben und Content-Moderation sind weiterhin Desinformation sowie rechtsextreme Hetze auf TikTok zu finden. Und von Privatpersonen initiierte Trends wie die #POVHolocaustChallenge oder KI-generierte Zeitzeugen lösten Debatten über die angemessene Gestaltung von Bildungsinhalten zur Shoah auf TikTok aus.

Lassen sich Anspruch und Vermittlungsziele der Gedenkstätten mit der Plattformlogik vereinbaren und lohnt sich das Engagement auf TikTok? Im Folgenden sollen drei Schwerpunkte und ihr Potential kurz erörtert werden: Die historische Bildung, die politische Bildung und der Abbau von Barrieren.

Historische Bildung, gerade für junge Menschen, ist eine zentrale Aufgabe von Gedenkstätten.Doch in einem 60-Sekunden-Video bleibt wenig Zeit für komplexe Inhalte: TikTok stellt Bildungseinrichtungen damit vor didaktische Herausforderungen, etwa hinsichtlich der inhaltlichen Differenzierung oder der Strukturierung von Lerninhalten. Natürlich können die Videos keinen historischen Unterricht ersetzen, doch zeigen die folgenden Beispiele, dass sie durchaus Wissen in kurzer Zeit vermitteln können. Untersuchungen hierzu belegen, dass sogenanntes „Micro Learning“ – also die Vermittlung in kurzen, aufeinander aufbauenden Einheiten – zur Wissensaufnahme beitragen kann. Allerdings vor allem dann, wenn die Inhalte strukturiert und in einen didaktischen Rahmen eingebettet konsumiert werden. Sind sie Teil des allgemeinen TikTok-Feeds zwischen Katzenvideos und Kriegsbildern, nimmt der Lerneffekt wahrscheinlich deutlich ab. Die Frage lautet also, wie nachhaltig die Wissensvermittlung ist. Und das ist wiederum davon abhängig, ob bewusst geklickt oder nur nebenbei konsumiert wird.


@sachsenhausenmemorial

Fußball und KZ? In diesem Video erfahrt ihr, wer spielen durfte – und warum. #kzsachsenhausen #euro2024

♬ Originalton – sachsenhausenmemorial
Gedenkstätte Sachsenhausen: Fußball und KZ?, TikTok 27.06.2024. Für ein weiteres Beispiel siehe: Anne Frank Zentrum: What happened to Otto Frank?, TikTok 21.05.2024.

Gedenkstätten verbinden historische und politische Bildung, indem sie unter anderem Geschichtsbewusstsein, Urteilskraft als auch demokratische Werte fördern – ein offener und kritischer Diskurs ist dabei sowohl Voraussetzung als auch Bildungsziel. Demgegenüber steht die politisierende Funktionsweise von Social Media: Sie begünstigt emotionale und polarisierende Inhalte, was den „Confirmation Bias“ (Bestätigungstendenz) verstärken und zur Bildung von „Meinungsblasen“ beitragen kann. Die Interaktion in den Kommentaren bleibt in der Regel oberflächlich und ist oftmals von Provokationen statt von konstruktivem Austausch dominiert. Besonders Beiträge mit Bezügen zu aktuellen politischen Themen werden rasch als politische Positionierungen wahrgenommen. Es überrascht daher kaum, dass das Vertrauen in soziale Medien – im Gegensatz zu dem in Gedenkstätten – sehr gering ist. Während einige Studien darauf hinweisen, dass aufklärende Beiträge polarisierende Meinungen abschwächen, deuten andere darauf hin, dass sie auch zu einer weiteren Radikalisierung beitragen können. Der Erfolg historisch-politischer Bildungsangebote von Gedenkstätten im „Feed“ hängt damit auch davon ab, wen genau sie erreichen – und somit vom Algorithmus. Dabei bleibt fraglich, ob die Funktionsweise der Plattform einen offenen und kritischen Diskurs überhaupt zulässt.


@keine.erinnerungskultur

Carsten Linnemann wünscht sich ein Register für “psychisch Kranke” 🫠

♬ Originalton – keine.erinnerungskultur ✊🏻
Keine Erinnerungskultur: Register für “psychisch Kranke”, TikTok 01.01.2025. – Der von Susanne Siegert privat geführte Kanal ist der größte deutsche TikTok-Account, der sich mit der NS-Vergangenheit und der Shoah-Gedenkkultur befasst.

Die Studie erfasst und belegt auch das große Vertrauen in Gedenkstätten sowie das geringe Vertrauen in Social Media. Institut für Museumsforschung – Stiftung Preußischer Kulturbesitz: Das verborgene Kapital: Vertrauen in Museen in Deutschland. Wie die Menschen in Deutschland auf eine Kultureinrichtung im Wandel blicken. Eine bevölkerungsrepräsentative Studie, Zenodo, 2024, S. 12 und 18, [online], Zugriff: 11.02.2025.

TikTok bietet großes Potenzial, Barrieren abzubauen und Aufmerksamkeit für ein Thema oder die Gedenkstätte selbst zu schaffen. Die vertraute, alltagsnahe und „authentische“ Kommunikation der Videos auf Social Media kann die emotionale Distanz vieler junger Menschen zu den Erinnerungsorten verringern und so die Hemmschwelle für einen Besuch senken. Ansprechende Videos, welche zum Teil Millionen von Jugendlichen erreichen, können Interesse an den historischen und politischen Themen wecken, als Einstieg in weiterführende Bildungsangebote dienen oder zumindest Eindrücke hinterlassen, an die später angeknüpft werden kann. Doch die Weiterleitung zu vertiefenden Inhalten oder Quellenwird durch die Plattformstruktur erschwert, denn Verlinkungen sind in den einzelnen Beiträgen nicht möglich.Beim schnellen, impulsiven Scrollen werden die Wenigsten nach weiterführenden Informationen in der Kanalbeschreibung suchen.


Gedenkstätte Bergen Belsen: Die Gedenkstätte stellt sich vor, TikTok 19.01.2022.
KZ-Gedenkstätte Mauthausen: Have you planed your visit?, TikTok 29.08.2023.

Hilfreich zur Einschätzung des Potenzials der Gedenkstättenarbeit auf TikTok wären Auswertungen sowohl zu den Aufrufen als auch zur Nachhaltigkeit des vermittelten Wissens – also ob und wie lange Inhalte im Gedächtnis bleiben und ob sie zu weiterem Interesse oder weiteren Handlungen führen. Es scheint lohnend, Vermittlungsziele und Plattformlogik immer wieder zu reflektieren und miteinander abzugleichen: Welche Ziele stehen im Vordergrund – Bildung, Diskurs oder Barrierenabbau – und ist TikTok dafür das richtige Medium? Beispielsweise stellen Gedenkstätten auf YouTube meist nur Veranstaltungsmitschnitte oder Begleitmaterial online, obwohl          ausführliche historische und politische Inhalte auch bei Jugendlichen auf großes Interesse stoßen und die Plattform beliebter ist als TikTok.

Digitale Inhalte – von Social Media bis Games – eröffnen neue Möglichkeiten, zahlreiche Jugendliche zu erreichen, was Bildungseinrichtungen als Chance begreifen (sollten). Das Potenzial liegt auf der Hand und erfolgreiche „Gedenktoks“ belegen das Interesse an erinnerungskulturellen Inhalten auf der Plattform. Doch TikTok setzt die Spielregeln – durch algorithmische Priorisierung, formale Mechanismen wie die eingeschränkten Verlinkungsmöglichkeiten oder auch durch ästhetische Standards. Die Plattformlogik beeinflusst die inhaltliche Gestaltung der Videos und birgt für die Gedenkstätten Risiken wie Trivialisierung, Polarisierung oder den Verlust der Deutungshoheit. Die Vereinbarkeit der Erinnerungsarbeit von Gedenkstätten mit TikTok hängt von einer sorgfältigen Reflexion und der Abwägung von Möglichkeiten, Wirksamkeit und Risiken ab. Das Gedenken passt sich der digitalen Welt an – mit Chancen, Herausforderungen und offenen Fragen.


Die Studie visualisiert die Nutzungsmotive von Jugendlichen bezüglich verschiedener Social-Media-Plattformen, darunter TikTok. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs): JIM‑Studie 2024 – Basisuntersuchung zum Medienumgang 12‑bis 19‑Jähriger, Stuttgart: mpfs, 2024, S. 37, Zugriff: 11.02.2025.

Die Studie visualisiert die durchschnittliche Nutzungszeit Jugendlicher von verschiedenen Social-Media-Plattformen, darunter TikTok. Bitkom: Kinder‑&‑Jugendstudie 2024, Berlin: Bitkom, 2024, S. 13, Zugriff: 11.02.2025.

Weiterführende Inhalte

Tobias Ebbrecht-Hartmann u. Tom Divon, Shoah Commemoration and Education on TikTok 2024.

Leonie Meyer, Erinnern im Kurzformat, in: Bundeszentrale für politische Bildung, 7.10.2024.

Anette Plomin, Holocaust digital: Wie erinnern wir uns in Zukunft? (= Twist) 2025.

Deborah Schnabel u. Eva Berendsen (Hrsg.): Der Holocaust als Meme. Wie in digitalen Räumen Geschichte umgedeutet wird, Bildungsstätte Anne Frank, Frankfurt am Main 2025.


Titelbild: Bildmontage, Originalfoto: © Gül Işık / Pexels – pexels.com / https://www.pexels.com/photo/person-using-smartphone-2261058/, Screenshot aus dem TikTok-Video Anne Franks Geburtstag des Accounts @belsenmemorial vom 12.06.2022.

Über die digitale Erinnerungsarbeit deutschsprachiger Gedenkstätten auf TikTok – Part 3: Digitale Stolpersteine

Im letzten Teil dieser Blogserie ziehen Liv Ohlsen und Hans-Ulrich Wagner ein erstes Resümee und identifizieren offene Fragen für die Zukunft der digitalen Erinnerungsarbeit.

Schon seit einiger Zeit setzt TikTok auch auf Wissensvermittlung. Wir werfen einen Blick auf die Historytoks für die Generation Z und zeigen in einer Blogserie in drei Teilen, wie KZ-Gedenkstätten auf ihren TikTok-Accounts diese neue Form der digitalen Erinnerungsarbeit aufgreifen.

TikTok has also been focussing on knowledge transfer for some time now. We look at the Historytoks for Generation Z and show in a three-part blog series how concentration camp memorial sites are taking up this new form of digital remembrance work on their TikTok accounts.


Die Kennzahlen der Nutzung zeigen an, dass die Darstellung von menschlichen Schicksalen aus der NS-Zeit Aufmerksamkeit findet. Die untersuchten digitalen Toks weisen zwischen 2.386 Klicks (Dachau 2024) und 13.600 (Mauthausen 2023) auf. Bemerkenswert ist, dass die neueren Videos an Beliebtheit gewinnen und sich ein Trend nach oben zeigt. Auch die Zahl der Follower*innen der Accounts belegen ein deutliches Interesse an den Gedenktoks, wobei die KZ-Gedenkstätte Neuengamme mit 36.800 Follower*innen und insgesamt über 564.000 Likes am beliebtesten erscheint.

Die Sichtbarkeit der präsentierenden Person bietet Raum für Sympathie und Identifikation – ein Phänomen, das in der Medienwissenschaft seit langem schon als parasoziale Interaktion von Mediennutzenden mit den im Medium auftretenden Personen bekannt ist, und offensichtlich hier besonders zum Tragen kommt. In den TikTok-Videos zeigt sich, dass die jungen Sprecher*innen dabei nicht in Konkurrenz zu den historischen Personen treten, die sie vorstellen. Zwar können die ehemaligen Häftlinge kein direktes persönliches Zeugnis über ihre Verfolgung ablegen, aber die Sprecher*innen vermitteln ein Zeugnis über sie. Mit den unterschiedlichen Erzählmodi bleiben sie stets vermittelnde Akteur*innen in den Videos: Sie erklären, sie gehen durch die Räumlichkeiten ihres Arbeitsortes, sprechen das Publikum direkt an, ordnen Historisches ein und positionieren sich im NS-Erinnerungsdiskurs. Gleichwohl wird in den Kommentaren deutlich, dass unabhängig von der gewählten Erzählform der Gedenkstätten die Ausstrahlung der präsentierenden Person sehr wichtig ist – etwa in Kommentaren wie „your voice is so calming“ oder „sehr schön erzählt [Herz-Emoji]“.

Screenshot: Video Ludwig Göhring, Dachau 2022, https://www.tiktok.com/@dachaumemorial/video/7166999985857268997.

Die Kommentarsektion wird jedoch mehrheitlich von den User*innen genutzt, um sich für die digitale Gedenkarbeit zu bedanken. Daneben finden sich auch einige Kommentare zu weiterführendem Wissen der User*innen (Buchtipps, Familienbiografisches, Korrekturen zur Aussprache) sowie Aussagen darüber, dass der Holocaust als geschichtliches Ereignis keine Wiederholung in der Gegenwart finden darf. Dass die Videos nur einen kurzen Einblick in historische Biografien geben, wird auch in Kommentaren wie „I have never heard of her. Time to google and get reading … Thank you for the post [lächelnder Smiley]“ deutlich.

So können die snackable Historytoks auch als Anreiz zur weiteren Auseinandersetzung oder Auffrischung von Wissen im Kontext der NS-Zeit und als digitale Präsenz der Gedenkstättenarbeit verstanden werden. Welche Kommentare nicht zu sehen sind und welchen Umfang diese haben, wissen nur die Social-Media-Verantwortlichen der Gedenkstätten, die über die Stoppwortlisten hinaus Kommentare unter Videos im Rahmen des Kommentarmanagements entfernen können. Auf Nachfrage berichtet Dr. Iris Groschek, Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit/Social Media der KZ Gedenkstätte Neuengamme, dass das Community-Management mit der Zeit weniger aufwändig geworden sei (verbesserte Stopp-Wort-Listen, vergleichsweise weniger kommentierfreudige Community) und etwa jedes dritte Video einen Kommentar aus dem Bereich HateSpeech oder Holocaust-Distortion aufweise. Dies falle natürlich bei viralen Videos mit hohen Klickzahlen und starker Kommentarbereitschaft entsprechend höher aus.

Screenshot: Kommentare zum Video Ludwig Göhring, Dachau 2022: https://www.tiktok.com/@dachaumemorial/video/7166999985857268997

Trotz aller positiven Reaktionen auf die Videos durch Kommentare, Reposts und Speicherungen bleibt die Frage offen, was im Swipe-Modus als Kurzkonsum von Gedenktoks passiert, welches Wissen sich das angesprochene Publikum kurz-, mittel- oder langfristig aneignet und wie es Einstellungen und Wertvorstellungen mitprägt. ‚Holocaust on TikTok‘ ist ein wachsendes Experimentierfeld der digitalen Erinnerungsarbeit (Lormis 2023; Teders 2023) und ein lohnendes Forschungsfeld für „vernetztes Erinnern“ (Lorenz/Meyer 2023).


Literatur

Bösch, Marcus (2023): Vergangenheitsbezogene Diskurse – Erinnern, aber wie? Lernen mit – und über – TikTok. Bundeszentrale für politische Bildung, 30.8.2023. [Zugriff: 2.4.2024]

Ebbrecht-Hartmann, Tobias; Divon, Tom (2024): Report on Shoah Commemoration and Education on TikTok commissioned by the American Jewish Committee Berlin Ramer Institute. [Zugriff: 2.4.2024]

Lorenz, Andrea; Meyer, Leonie (2023): #History auf TikTok und Instagram. Vernetztes Erinnern. Bundeszentrale für politische Bildung, 5.6.2023. [Zugriff: 2.4.2024]

Lormis, Jan (2023): #DoingMemoryOnTikTok. Gedenkstätten auf TikTok: Ist-Analyse und perspektiven der Videoplattform TikTok für die Bildung und Vermittlung in Gedenkstätten. Masterarbeit. Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig, 2.6.2023. [Zugriff: 6.1.2025]

Meyer, Leonie (2023): Erinnern im Kurzformat. Die „Shoah Education and Commemoration Initiative“ von TikTok. Bundeszentrale für politische Bildung, 6.9.2023. [Zugriff: 2.4.2024]

Rockenmaier, Sophia (2022): Kann man auf TikTok an die Shoa erinnern? Frankfurter Allgemeine Zeitung, aktualisiert 23.1.2022. [Zugriff: 2.4.2024]

Teders, Lea Maria (2023): Wie unterscheiden sich die Aktivitäten der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hinblick auf verschiedene soziale Medien? Bachelor-Arbeit. Universität Hamburg, 22.8.2023. [nicht veröffentlicht]

Thaidigsmann, Michael (2022): Der Holocaust auf TikTok. Jüdische Allgemeine, 26.1.2022. [Zugriff: 2.4.2024]

Umgang mit Holocaust-Verzerrung in den sozialen Medien. Leitlinien und Empfehlungen für Gedenkstätten und Museen. Projekt „Countering Holocaust distortion on social media” (2022). [Zugriff: 2.4.2024]

Weimann, Gabriel; Masri, Natalie (2021): TikTok‘s Spiral of Antisemitism. In: Journalism and Media 2(4), 697-708. [Zugriff: 2.4.2024]


Titelbild: Screenshot: Kommentare zum Video Rosenthal, Dachau 2024: https://www.tiktok.com/@dachaumemorial/video/7345883908082306336.

Über die digitale Erinnerungsarbeit deutschsprachiger Gedenkstätten auf TikTok – Part 2: Storytelling

Liv Ohlsen und Hans-Ulrich Wagner analysieren im zweiten Teil dieser Blogserie das Storytelling ausgewählter Accounts.

Schon seit einiger Zeit setzt TikTok auch auf Wissensvermittlung. Wir werfen einen Blick auf die Historytoks für die Generation Z und zeigen in einer Blogserie in drei Teilen, wie KZ-Gedenkstätten auf ihren TikTok-Accounts diese neue Form der digitalen Erinnerungsarbeit aufgreifen.

TikTok has also been focussing on knowledge transfer for some time now. We look at the Historytoks for Generation Z and show in a three-part blog series how concentration camp memorial sites are taking up this new form of digital remembrance work on their TikTok accounts.


Storytelling Neuengamme

Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme hat inzwischen mehr als 350 Videobeiträge auf TikTok gepostet. Für die Studie nehmen wir das Biografie-Video zur jüdischen Autorin Chava Rosenfarb vom 25.2.2024 und das erste Biografie-Video zur Geschichte von Krystyna Razińska vom 13.12.2021 zur Auswertung.

“The Story of Krystyna Razińska“

Veröffentlicht am 13.12.2021, Länge: 01:03 Min., Hintergrundmusik: Pianomusik, Klicks: 4.997, Likes: 161, Reshares: 3, Kommentare: 3

Screenshot: Video „The story of Krystyna Razińska”, Neuengamme 2021, https://www.tiktok.com/@neuengamme.memorial/video/7041257433485954309.

„The story of Krystyna Razińska“ wurde am 13. Dezember 2021 von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme gepostet. Es ist der siebte Videobeitrag insgesamt und der erste mit einer Einzelbiografie auf ihrem TikTok Account. Bereits im diesem ersten Video wird eine vorab durchdachte Storyline lesbar. Der Erzählbogen wird von der Herkunft der vorgestellten Person her entwickelt. Die mit polnischem Akzent englischsprechende Präsentierende steht zu Beginn des Videos vor einer Infokarte der Herkunftsländer der NS-Gefangenen, um hier den Erzählfaden vom räumlichen Bezug zu polnischen Gefangenen her aufzunehmen und aus der Gefangengruppe dann die Geschichte von Krystina Razińska entlang der biografischen Eckdaten zu portraitieren. Durch die sehr sachliche Vermittlung mit direkter Ansprache der Zuschauenden eröffnet die Sprecherin das historische Wissen auf zugängliche Weise einem breiten Publikum. Der Erzählbogen wird in der Endsequenz dann mit dem Sprachwechsel zum Polnischen erneut zurück zum Publikum entlang der Storyline geschlagen. Die Abschlussfrage lautet in der englischen Übersetzung: „Approximately 16 thousands Polish prisoners were held at Neuengamme and its subcamps. If any of them was your relative, tell us their story in the comments“.

Bei der Kameraarbeit fällt neben der Halbtotalen-Perspektive auf die Sprecherin auf, dass über Szenewechsel und Schwenkbewegungen auch die Gedenkstätte selbst im Video vorgestellt wird. Besonders der Kamerablick über die Schulter der Sprecherin beim Durchblättern des Archivbuchs stellt eine Nähe zur Erinnerungsarbeit der Gedenkstätte her. Der Gesamtfokus liegt auf der materialbasierten historischen Nacherzählung und nicht auf der Sprecherin. Denn sie bleibt klar in der Vermittlungsfunktion, steht als Bindeglied von Wissen und User*innen zwischen den Räumlichkeiten der Gedenkstätte und der Kamera, macht das vorliegende Lernangebot sichtbar. Durch die wenig persönliche Einfärbung der Vermittlungsperson könnte die Rolle auch von anderen ausgeführt werden. Im neusten Biografie-Video zu Chava Rosenfarb von 2024 bestätigt sich ebendies, denn eine neue Sprecherin findet sich vor der Kamera ein und nutzt eine gleich strukturierte Vermittlungsebene.

„Chava Rosenfarb“

Veröffentlicht am 25.2.2024, Länge: 00:27 Min., Hintergrundmusik: Atmosphärisch, Klicks: 9.442; Likes: 386; Reshares: 4; Kommentare: 4

Screenshots: Video Chava Rosenfarb, Neuengamme 2024, https://www.tiktok.com/@neuengamme.memorial/video/7339565124186836257.

Die Biografie-Erzählung zu Chava Rosenfarb ging im Februar 2024 online und hat mit über 380 Likes mehr als doppelt so viele wie das 2021 erstveröffentlichte Biografie-Video der Gedenkstätte Neuengamme mit 161 Likes. Auch die Klickzahlen zeigen im Vergleich an, dass die Reichweite der Gedenkstätten-Toks mit der Zeit gewachsen ist. Wie beim Start wird auch hier der Erzählbogen über eine biografische Besonderheit der Person gespannt, in der räumlichen Positionierung untermalt und als Storyline durch das Video gezogen. Das Video beginnt mit einem als aktuell vorgestellten Ereignis, nämlich der Ehrung der Person in ihrer Heimatstadt. Von hier aus erfolgt der Blick in die biografische Vergangenheit. Das mit 27-Sekunden sehr kurze Video setzt einen Akzent auf die künstlerische Tätigkeit der Autorin, wobei bunte Malereien und eine Collage der Bücher Rosenfarbs eingeblendet werden. Die fließend englischsprechende Präsentierende steht vor einem Bücherregal in der Gedenkstättenbibliothek und hält eines der Bücher Rosenfarbs in der Hand, womit sie gleichzeitig einen Einblick in die Gedenkstättenarbeit und das dort bewahrte Wissen gibt. Die Kameraeinstellung bleibt auch hier erneut in der Halbtotalen auf die Sprecherin gelegt, lässt durch den gewählten Bildausschnitt ausreichend Platz für die Einblendung von Untertiteln und unterliegt demnach weniger ästhetischen Bildwinkeln als vielmehr der Vermittlungsfunktion. Im Vergleich der Videos zeigt sich in der musikalischen Vertonung eine Entwicklung. Im ersten Video war im Hintergrund Pianomusik zu hören, die möglichen Raum für Assoziationen mit dem Instrument oder dem Stück zulässt, während im neuen Video mit einer atmosphärischen Musik eine neutralere Vertonung gewählt und damit der Raum für Assoziationen zu anderen Wissensräumen gedämmt wird.

Storytelling Dachau

Die KZ-Gedenkstätte Dachau @dachaumemorial ging am 27. Januar 2022 mit einem den Account einführenden deutsch- und englischsprachigen Video online. Bis Ende 2024 hat sie 36 Videobeiträge auf dem Account veröffentlicht, davon fünf biografische Videos zu Inhaftierten. Trotz dieser vergleichsweise geringen Anzahl an Videos verzeichnet der Account inzwischen mehr als 4.400 Follower*innen und eine Gesamtzahl von 18.000 Likes. Für unsere Studie werden das erste Video zur Biografie Ludwig Göhrings vom 17. November 2022 und das bislang vorletzte vom 14. Februar 2024 zur Geschichte Miriam Rosenthals verglichen.

„Ludwig Göhring Part I“

Veröffentlicht am 17.11.2022, Länge: 00:49 Min., Hintergrund: Original-Atmo ohne Hintergrundmusik, Klicks: 2.380; Likes: 73; Reshares: 2; Kommentare: 5

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Screenshot: Video Ludwig Göhring, Dachau 2022, https://www.tiktok.com/@dachaumemorial/video/7166999985857268997.

Zehn Monate nach dem einführenden TikTok-Video der Gedenkstätte wird das erste Einzelbiografie-Video gepostet. Ein junger Mann stellt sich als Vermittlungsperson auf Deutsch mit den Worten vor: „Ja, ich bin heute in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und möchte euch hier gerne über einen Häftling erzählen, der sowohl im Konzentrationslager Dachau als auch im Konzentrationslager Neuengamme inhaftiert war“ (eine englische Übersetzung seiner Ausführungen wird eingeblendet). Das Video greift nur wenige Elemente der Biografie von Ludwig Göhring auf – seinen Geburtsort Nürnberg, seine Rolle als kommunistischer Widerstandskämpfer und die brutalen Haftbedingungen in Dachau sowie schließlich den Umstand, dass er „zu diesem Zeitpunkt gerade 23 Jahre alt war“. Das Video hebt vor allem auf die historischen Orte ab und verbindet die beiden Gedenkstätten Neuengamme und Dachau. Außenaufnahmen der beiden Gedenkorte werden mit den Angaben „filmed at @neuengamme.memorial“ bzw. „@dachaumemorial“ versehen. Mehrfach betont die präsentierende Person mit der Angabe „hier“ die lokale Präsenz. Auch in der Kommentarsektion wird die digitale Verbindung verschiedener Gedenkstätten sichtbar, wo sich Kommentare von den Accounts @ArolsenArchives, @mauthausenmemorial und @neuengamme memorial finden und sich für das Gedenktok bedanken. Mehr biografische Informationen zum Inhaftierten an verschiedenen Orten seiner Verfolgungsgeschichte erfahren User*innen erst in einem weiteren, knapp zwei Wochen später veröffentlichten Video „Ludwig Göhring Part 2“.

„Miriam Rosentahl“

Veröffentlicht am 14.2.2024, Länge: 01:56 Min., Hintergrund: Original-Atmo ohne Hintergrundmusik, Klickzahlen: 4.719, Likes: 256, Reshares: 6, Kommentare: 7

Screenshot: Video Miriam Rosentahl, Dachau 2024, https://www.tiktok.com/@dachaumemorial/video/7345883908082306336.

Das mit knapp zwei Minuten vergleichsweise lange Video wird von einer jungen Frau präsentiert. Sie unterbricht ihre Arbeit und blickt vom Schreibtisch aus in die Kamera. Mit den Worten „Heute wollen wir euch die Geschichte von Miriam Rosenthal vorstellen“ leitet sie die biografische Erzählung ein. Die Besonderheit in der Biografie von Miriam Rosenthal ist ihre im Konzentrationslager verheimlichte Schwangerschaft. Denn eine Schwangerschaft, so erklärt die Vermittlerin bei einem Gang durch die Bibliothek, hätte eine sofortige Ermordung bedeutet. Die Nähe zur Person Miriam Rosenthals wird durch zahlreiche Einblendungen von historischen Fotografien hergestellt. Gleichzeitig wird entlang des Lebenslaufs historisches Wissen über die NS-Zeit vermittelt. Auch diesmal arbeitet das Video mit dem historischen Ort. In der ersten Hälfte des Videos ist die präsentierende Sprecherin im Büro und in der Bibliothek zu sehen. Die Räumlichkeit dieser Innenaufnahmen wird durch ein zweimaliges Auf-die-Kamera-Zugehen unterstrichen. In der zweiten Hälfte des Videos ist die Sprecherin in Außenaufnahmen an verschiedenen Stellen der Gedenkstätte zu sehen. In mehreren Szenen steht sie und berichtet, wie es möglich war, in den letzten Wochen in der Dachauer „Schwangeren-Baracke“ ein Kind zur Welt zu bringen und zu überleben. Die Szenen außerhalb der Büro-/Bibliotheksituation sind mit den verschiedenen Original-Atmos verbunden, darunter dem Verkehrslärm und den Windgeräuschen auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte.

Storytelling Mauthausen

Der Account @mauthausenmemorial ging im Januar 2022 online und ist unter den verglichenen Accounts mit 13.400 Follower*innen und einer Gesamtzahl von über 177.000 Likes mittlerweile einer der Beliebtesten. Aus den bislang insgesamt 99 Videobeiträgen sind für die Studie die Videos zu Achmed Kranzmayr am 23. Februar 2022 und das gemeinsame Berufsportrait der inhaftierten Ärzte Josef Podlaha und Władysłav Czaplinski vom 8. Juni 2023 als Videodarstellung von Opfern der NS-Zeit herangezogen worden.

„bio: Achmed Kranzmayr“

Veröffentlicht am 23.2.2022, Länge: 01:37, Hintergrundmusik: Pianomusik, Klickzahlen: 9.853, Likes: 877, Reshares: 7, Kommentare: 14

Screenshot: Video Achmed Kranzmayr, Mauthausen 2022, https://www.tiktok.com/@mauthausenmemorial/video/7067924102647975173.

„Have you ever heard of a black person growing up close to a Nazi concentration camp?“ – so wird die Erzählung über Achmed Kranzmayr eröffnet. Sie hält sich damit an die Regel, bereits in den ersten paar Sekunden Zuschauende vom Weiterscrollen abzuhalten. Die Hintergrundmusik deutet bereits eine bewegte Biografie mit glücklichem Ende an. So erhält die historische Biografie einen Unterhaltungscharakter, aus dem im Verlauf der Erzählung ein Bildungsmoment wird. Zur Visualisierung entscheidender Ereignisse im Leben des Achmed Kranzmayr werden Illustrationen eines Künstlers eingeblendet, die zeigen, dass eben diese Biografie bereits auf unterschiedliche Weise aufgegriffen und öffentlich thematisiert wird. Mit flüssigem Englisch und hohem Tempo beschreibt die Vermittlungsperson die Biografie, macht dabei über Mimik und Betonungen die eigene Meinung lesbar. Die junge Frau entfernt sich so von einer sachlichen Darstellung und färbt das Video zu einem persönlichen Vermittlungsmedium. Was offenbar auf Resonanz stößt, denn bereits das erste Biografie-Video von Mauthausen bekommt zahlreiche Klicks und Likes.

„doctors“

Veröffentlicht am 6.8.2023, Länge: 00:29, Hintergrundmusik: Rhythmische Musik, Klickzahlen: 13.6K, Likes: 753, Reshares: 8, Kommentare: 2

Screenshot: Video “doctors”, Mauthausen 2023, https://www.tiktok.com/@mauthausenmemorial/video/7242303073652149530.

Zwei Jahre später startet ein Video mit den Worten „Josef Mengele and Eduard Krebsbach. I’m sure you’ve heard of Nazi doctors torturing and killing prisoners in the camps. But do you know about prisoner doctors?“. Die Vermittlungsperson blickt den Zuschauenden aus naher halbtotaler Perspektive entgegen. Spannungsvolle Musik suggeriert eine außergewöhnliche Geschichte. Das Biografie-Video über die inhaftierten Ärzte Josef Podlaha und Władysłav Czaplinski kommt auf eine Klickzahl von 13.600 und ist damit das meistgeschaute Video aus der Studie. Durch die nahe Halbtotale, lebendige Sprachführung, Ich-Aussagen und stimmungsleitende Musik hebt sich der Gedenktok erneut durch einen gewissen Unterhaltungscharakter und subjektive Vermittlungsform von den anderen Gedenkstättenvideos ab. Die Videos bedienen sich beide einer subjektiven Vermittlungsweise und nehmen charakteristische Besonderheiten der Personen zum Videoanlass, um den Zuschauenden zusätzlich zum Bildungsangebot einen Unterhaltungsfaktor zu bieten. So heißt es auch am Ende dieses Clips „It’s important to have positive examples of victims, who found ways to resist and survived, instead of just knowing about horrible men like …“. Das Video bricht mitten im Satz ab.


Literatur

Bösch, Marcus (2023): Vergangenheitsbezogene Diskurse – Erinnern, aber wie? Lernen mit – und über – TikTok. Bundeszentrale für politische Bildung, 30.8.2023. [Zugriff: 2.4.2024]

Ebbrecht-Hartmann, Tobias; Divon, Tom (2024): Report on Shoah Commemoration and Education on TikTok commissioned by the American Jewish Committee Berlin Ramer Institute. [Zugriff: 2.4.2024]

Lorenz, Andrea; Meyer, Leonie (2023): #History auf TikTok und Instagram. Vernetztes Erinnern. Bundeszentrale für politische Bildung, 5.6.2023. [Zugriff: 2.4.2024]

Lormis, Jan (2023): #DoingMemoryOnTikTok. Gedenkstätten auf TikTok: Ist-Analyse und perspektiven der Videoplattform TikTok für die Bildung und Vermittlung in Gedenkstätten. Masterarbeit. Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig, 2.6.2023. [Zugriff: 6.1.2025]

Meyer, Leonie (2023): Erinnern im Kurzformat. Die „Shoah Education and Commemoration Initiative“ von TikTok. Bundeszentrale für politische Bildung, 6.9.2023. [Zugriff: 2.4.2024]

Rockenmaier, Sophia (2022): Kann man auf TikTok an die Shoa erinnern? Frankfurter Allgemeine Zeitung, aktualisiert 23.1.2022. [Zugriff: 2.4.2024]

Teders, Lea Maria (2023): Wie unterscheiden sich die Aktivitäten der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hinblick auf verschiedene soziale Medien? Bachelor-Arbeit. Universität Hamburg, 22.8.2023. [nicht veröffentlicht]

Thaidigsmann, Michael (2022): Der Holocaust auf TikTok. Jüdische Allgemeine, 26.1.2022. [Zugriff: 2.4.2024]

Umgang mit Holocaust-Verzerrung in den sozialen Medien. Leitlinien und Empfehlungen für Gedenkstätten und Museen. Projekt „Countering Holocaust distortion on social media” (2022). [Zugriff: 2.4.2024]

Weimann, Gabriel; Masri, Natalie (2021): TikTok‘s Spiral of Antisemitism. In: Journalism and Media 2(4), 697-708. [Zugriff: 2.4.2024]


Titelbild: Video Miriam Rosenthal, Dachau 2024, Screenshot: https://www.tiktok.com/@dachaumemorial/video/7345883908082306336

Über die digitale Erinnerungsarbeit deutschsprachiger Gedenkstätten auf TikTok – Part 1: #learnontiktok

Im ersten Teil ihrer Blogserie gehen Liv Ohlsen und Hans-Ulrich Wagner auf die Ursprünge und die Anfangszeit der Gedenkstättenarbeit auf TikTok ein.

Schon seit einiger Zeit setzt TikTok auch auf Wissensvermittlung. Das Unternehmen fördert Creator*innen, die „lehrreiche Kurzvideos“ erstellen, um so ein „Ökosystem des Lernens“ (Pressemitteilung vom 18.06.2020) aufzubauen. Der Social-Media-Anbieter engagiert sich darüber hinaus speziell auf dem Gebiet der Holocaustbildung. Mit der 2021 gestarteten TikTok-Shoa-Gedenk- und Bildungsinitiative ist sicherlich auch das strategische Ziel verbunden, das Image der Plattform aufzubessern. Wir werfen einen Blick auf die Historytoks für die Generation Z und zeigen in einer Blogserie in drei Teilen, wie KZ-Gedenkstätten auf ihren TikTok-Accounts diese neue Form der digitalen Erinnerungsarbeit aufgreifen.

TikTok has also been focussing on knowledge transfer for some time now. The company supports creators who create “educational short videos” to build an “ecosystem of learning” (press release dated 18 June 2020). The social media provider is also specifically involved in the field of Holocaust education. The TikTok Shoa Remembrance and Education Initiative launched in 2021 is certainly also linked to the strategic goal of improving the platform’s image. We look at the Historytoks for Generation Z and show in a three-part blog series how concentration camp memorial sites are taking up this new form of digital remembrance work on their TikTok accounts.


Die Kurzvideo-Plattform TikTok ist aktuell ein äußerst beliebtes Kommunikationsmedium der ‚Gen Z‘. Der kurze, schnelle Snackable Content auf TikTok spricht vorwiegend die jüngeren Nutzer*innen zwischen 14 und 29 Jahren an. Sie nutzen die für TikTok-typischen Lipsyncs und Tanzvideos, interagieren mit unterhaltenden Formaten und beziehen vielfältige Informationen über dieses soziale Medium. Doch die Kritik an der Plattform ist groß. Immer wieder wird ihr vorgeworfen, zu wenig gegen die Verbreitung von Hasskommentaren zu unternehmen. Speziell antisemitische und antizionistische Inhalte und Kommentare von TikTok-User*innen werden zunehmend als neue Form eines Online-Antisemitismus aufgezeigt (Weimann/Masri 2021). Dem steuert TikTok entgegen.

#POVHolocaustChallenge

Auslöser für die großangelegte TikTok-Initiative war unter anderem eine Hashtag-Challenge, die massive Kritik erntete. In der #POVHolocaustChallenge“ hatten sich im Jahr 2020 private TikTok-User*innen als KZ-Überlebende inszeniert (Bösch 2023). Als Antwort auf solche immersiven Reenactment-Szenen sowie auf andere Holocaustverzerrungen auf TikTok bildete sich die TikTok Shoa Gedenk- und Bildungsinitiative. TikTok lud zahlreiche NS-Erinnerungsstätten, Museen und Wissenschaftler*innen aus der ganzen Welt ein, neue Formen der virtuellen Erinnerungsarbeit auf der Plattform zu entwickeln. Damit die Übersetzung der örtlich-gebundenen Erinnerungsarbeit in den digitalen Raum gelingt, wurden plattformspezifische Vermittlungsworkshops angeboten und die Initiative wissenschaftlich begleitet. Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme startete bereits im November 2021 ihren TikTok-Account. Weitere „digitale Stolpersteine“ (Rockenmaier 2022) gingen bald online und fanden große mediale Aufmerksamkeit (Thaidigsmann 2022).

Screenshot: Video Miriam Rosenthal, Dachau 2024, https://www.tiktok.com/@dachaumemorial/video/7345883908082306336.

Wie nutzen die Gedenkstätten den neuen Trend der Gedenktoks und wie reagieren die User*innen darauf? Eignet sich TikTok als Wissensplattform, wie es die Hashtags #LernenMitTikTok und #learnontiktok suggerieren? In einer kleinen Vergleichsstudie liegt der Fokus auf den Accounts ausgewählter Partnerinstitutionen der „TikTok Shoa Gedenk- und Bildungsinitiative“. Diese sind auch Beteiligte der Publikation „Umgang mit Holocaust-Verzerrung in den sozialen Medien. Leitlinien und Empfehlungen für Gedenkstätten und Museen“ von 2022, so dass ihre Posts als best practices verstanden werden können. Drei Accounts von Gedenkstätten im deutschsprachigen Raum werden ausgewählt: die Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen. KZ-Gedenkstätte Neuengamme; die Stiftung Bayerische Gedenkstätten. KZ-Gedenkstätte Dachau und die KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Da gerade die #POVHolocaustChallenage als ein Motiv der Gedenkinitiative genannt wird, werden für die Studie Darstellungen von Überlebenden-Biografien als weitere Eingrenzung gewählt. Es werden erste Biografie-Videos und ein vor Mitte 2024 von den Gedenkstätten online gestelltes Video miteinander verglichen, um die interne Entwicklung in der Videoproduktion nachzuvollziehen und einen Vergleich der Institutionen zu ermöglichen.

Fragestellungen

– Welche Bilder werden für die Wissensvermittlung genutzt?

– Werden die Arbeit und Örtlichkeit der Gedenkstätte sichtbar?

– Welche historischen Quellen oder Begriffe werden eingebettet?

– Wie werden die Gedenkposts sprachlich gestaltet?

– Welcher Sound-Hintergrund wird gewählt (O-Ton-Atmo; Musik)?

– Welche Rolle nehmen die Sprecher*innen ein?

Screenshot: Video „The story of Krystyna Razińska“, Neuengamme 2021, https://www.tiktok.com/@neuengamme.memorial/video/7041257433485954309.

Erste Beobachtungen

Die produzierten und hochgeladenen Kurzvideos orientieren sich grundsätzlich an der üblichen TikTok-Form: Hochkant gefilmt, kurze Videolänge, schnelle Schnitte, Schriftlayer und Bildeinblendungen. Um die Gedenktoks zu etablieren, nutzen alle Anbieter zahlreiche Hashtags wie #gedenkenbildet, #historytok oder #learningontiktok. Da sie ein möglichst großes Publikum ansprechen sollen, werden die Videos überwiegend direkt in Englisch eingesprochen bzw. mit englischen Untertiteln versehen. In allen Videos sind die präsentierenden Personen jung. Häufig sind es die Freiwilligen der Gedenkstätten, die für den Social Media-Auftritt eingebunden werden, da sie einerseits nah an der gewünschten Zielgruppe sind und andererseits vermutlich auch Erfahrungen mit den Sozialen Medien ihrer Zeit mitbringen.

In den Videos geht es um Biografien von Verfolgten des NS-Regimes. In einer Länge von 27 Sekunden bis zu 2 Minuten werden vor allem zeitliche Eckdaten vorgestellt, also Geburtsort, Beruf und Familie, Verfolgung in der NS-Zeit, Wohnort und Tätigkeit nach der Befreiung. Doch es geht nicht um biografische Steckbriefe. Die Gedenkstätte Dachau vermittelt für jede Person eine besondere Charakterisierung. Die Gedenkstätte Mauthausen nimmt besondere Personenmerkmale zum Anlass des Videos und fokussiert spezielle Biografien wie „prisoner doctors“ und „black person growing up close to a Nazi concentration camp“. Die Gedenkstätte Neuengamme entwickelt entlang eines persönlichen Merkmals eine Storyline für das jeweilige Video.

Screenshot: Video Achmed Kranzmayr, Mauthausen 2022, https://www.tiktok.com/@mauthausenmemorial/video/7067924102647975173.

Die Biografie-Präsentationen erfolgen chronologisch von Geburt bis Lebensende. Es werden also weniger die Sichtung und Auswertung archivalischer Quellen als vielmehr deren ausgewertete Eckdaten in Kurzvideoform vorgestellt. In allen Videos werden jedoch historische Fotografien (meist Portraitaufnahmen) der vorgestellten Personen und die Örtlichkeiten eingeblendet. Die bildliche Darstellung der Personen und Orte dient der Erinnerungserzählung als dokumentarischer Beleg und Authentizitätsmarker. Um das Publikum für die Lern-Toks auf der primären Unterhaltungsplattform zum Ansehen der Videos zu animieren, finden sich in den Anfangssequenzen direkte Ansprachen wie „Do you ever heard …“ und offene Fragen zur Überleitung „… but who is this woman?“ und „… but do you know about prisoner doctors?“ bis hin zu Ansprachen wie „As you remember …“. Sie treten auf diese Weise in Interaktion mit den Nutzer*innen.

Trotz vieler Überschneidung in der Videogestaltung, die sich über die TikTok-typischen Kommunikationsweisen und dem gemeinsamen Biografie-Thema bilden, wird in der Auswertung entlang der Forschungsfragen für jede Gedenkstätte ein eigenes Storytelling lesbar, die sich von einer sachlichen Darstellung (Neuengamme) hin zu einer akzentuierten Emo-Arbeit (Dachau) bis zu einer Sprecher*in-gefärbten Darstellung (Mauthausen) ausdifferenzieren.


Literatur

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Ebbrecht-Hartmann, Tobias; Divon, Tom (2024): Report on Shoah Commemoration and Education on TikTok commissioned by the American Jewish Committee Berlin Ramer Institute. [Zugriff: 2.4.2024]

Lorenz, Andrea; Meyer, Leonie (2023): #History auf TikTok und Instagram. Vernetztes Erinnern. Bundeszentrale für politische Bildung, 5.6.2023. [Zugriff: 2.4.2024]

Lormis, Jan (2023): #DoingMemoryOnTikTok. Gedenkstätten auf TikTok: Ist-Analyse und perspektiven der Videoplattform TikTok für die Bildung und Vermittlung in Gedenkstätten. Masterarbeit. Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig, 2.6.2023. [Zugriff: 6.1.2025]

Meyer, Leonie (2023): Erinnern im Kurzformat. Die „Shoah Education and Commemoration Initiative“ von TikTok. Bundeszentrale für politische Bildung, 6.9.2023. [Zugriff: 2.4.2024]

Rockenmaier, Sophia (2022): Kann man auf TikTok an die Shoa erinnern? Frankfurter Allgemeine Zeitung, aktualisiert 23.1.2022. [Zugriff: 2.4.2024]

Teders, Lea Maria (2023): Wie unterscheiden sich die Aktivitäten der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hinblick auf verschiedene soziale Medien? Bachelor-Arbeit. Universität Hamburg, 22.8.2023. [nicht veröffentlicht]

Thaidigsmann, Michael (2022): Der Holocaust auf TikTok. Jüdische Allgemeine, 26.1.2022. [Zugriff: 2.4.2024]

Umgang mit Holocaust-Verzerrung in den sozialen Medien. Leitlinien und Empfehlungen für Gedenkstätten und Museen. Projekt „Countering Holocaust distortion on social media” (2022). [Zugriff: 2.4.2024]

Weimann, Gabriel; Masri, Natalie (2021): TikTok‘s Spiral of Antisemitism. In: Journalism and Media 2(4), 697-708. [Zugriff: 2.4.2024]


Titelbild: Screenshot: Video Chava Rosenfarb, Neuengamme 2024, https://www.tiktok.com/@neuengamme.memorial/video/7339565124186836257.