Das Critical Memory Projekt brachte 2025 ca. 50 Personen aus Universitäten, Museen, Gedenkstätten und NGOs zusammen. Sie fuhren zunächst durch Deutschland und wenige Monate später durch den Süden der USA, um sich mit der jeweiligen Erinnerungskultur vor Ort auseinanderzusetzen. Ziel war der Austausch und das Lernen über die Vermittlung und Darstellung von Gewalt und Verbrechen sowie die Diskussion einer kritischen Erinnerung.
In 2025, the Critical Memory Project brought together approximately 50 people from universities, museums, memorial sites, and NGOs. They first traveled through Germany and, a few months later, through the southern United States to engage with the local cultures of remembrance in each place. The goal was to exchange ideas and learn about the mediation and representation of violence and crime, as well as to discuss critical memory.
Interview mit den OrganisatorInnen – Teil 2
Welche Orte in den USA haben euch besonders interessiert/beeindruckt?
Andreas Etges (AE): Mit der Eröffnung des unter Federführung von Lonnie Bunch aufgebauten National Museum of African American History in Culture auf der Mall in Washington und neuen Museen und Gedenkstätten auch im Süden der USA findet man in den letzten gut zehn Jahren eine viel kritischere und integrativere Auseinandersetzung mit der Geschichte als früher. Zu den beeindruckendsten entsprechenden neuen Erinnerungsorten in den USA gehören die Legacy Sites der von Bryan Stevenson geleiteten Equal Justice Initiative . Dazu gehören ein Museum, eine Skulpturenpark und das National Memorial for Peace and Justice in Montgomery, Alabama. Auf über 800 von der Decke hängenden Metallquadern wird mit Nennung von Namen, Ort und Datum an mehr als 4400 Schwarze erinnert, die durch Lynchmorde getötet wurden – einer für jeden Bezirk, in dem ein solcher Mord stattfand. Stevenson hat als Inspiration für die Denkmäler explizit das Holocaust-Mahnmal in Berlin und das dezentrale Konzept der „Stolpersteine“ genannt.

Wir hatten beide in Vorbereitung auf das Projekt zwei Jahre zuvor die meisten Denkmäler und Museen in Atlanta, Birmingham, Montgomery und Washington bereits besucht. Und ich habe mich als US-Historiker auch wissenschaftlich in vielfältiger Form mit Sklaverei, dem Bürgerkrieg, Segregation, der Bürgerrechtsbewegung und der Erinnerungskultur beschäftigt.
Aber die Reise mit dieser besonderen Gruppe und mit Kolleg:innen, die täglich gegen Rassismus und Geschichtsverleugnung kämpfen, hat mich immer wieder auch emotional sehr berührt und meinem Wissen noch einmal zusätzlich Tiefe gegeben. Besonders beeindruckt hat mich dabei, wie die Künstlerin und Aktivistin Michelle Browder ihr beeindruckendes Mothers of Gynecology-Projekt in Montgomery fast im Alleingang geschaffen hat.
Irmgard Zündorf (IZ): Auch hier kann ich Andreas einfach nur zustimmen: Die Orte kannten wir zwar schon, waren aber bei unserer Vorbereitungsfahrt nur zu zweit und auch ohne Führungen durch die Einrichtungen gegangen. Die Führung von Michelle Browder und das Gespräch mit Brian Stevenson über die von ihnen errichteten Gedenkorte sowie die anschließenden Diskussionen in unserer Gruppe, erschlossen mir noch einmal ganz neue Perspektiven auf die Frage, wie die Geschichte von individueller, struktureller und staatlicher Gewalt vermittelt werden kann. Es wurde aber auch deutlich, dass nichts einfach übernommen werden kann, sondern jeweils für den Ort und die Gesellschaft entwickelt werden muss.



Das National Memorial for Peace and Justice, der Skulpturen Park (siehe Foto weiter oben), das National Monument to Freedom und das Legacy Museum sind alle Teil der Equal Justice Initiative, welche die Gruppe besucht hat. Fotos: Irmgard Zündorf.
Was meint ihr, was wir voneinander lernen können?
IZ: Der oben angedeutete Konflikt zwischen eindeutiger Botschaft und vielfachen Perspektiven, die mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben, bleibt mir in Erinnerung. Aus meiner Sicht können wir, gerade in der Art Geschichten zu erzählen, ein Narrativ zu entwickeln und damit auch Präsentationen interessant zu gestalten viel von den amerikanischen Kolleg:innen lernen. Gleichzeitig wurde mir aber auch klar, dass wir nicht einfach die jeweils eigenen Formate oder zum Beispiel Ausstellungen in das andere Land übertragen können, denn sie funktionieren vor allem für die Gesellschaft, für und in der sie entwickelt wurden.
Außerdem können wir, meiner Meinung nach, von dem Aktivismus der Kolleg:innen lernen, das hohe persönliche Engagement, aber auch der politische Einsatz, hat mich sehr beeindruckt. Die Bereitschaft die eigenen Gefühle und damit auch Verletzlichkeiten offenzulegen, für eigene Rechte aber auch die anderer einzutreten und diese öffentlich zu artikulieren, ist etwas, was mir erstmal fremd ist. Ich glaube allerdings, dass auch in der deutschen Erinnerungskultur immer mehr Aktivismus gefragt ist und seit diesem Projekt habe ich eine bessere Vorstellung davon, was das bedeuten kann.
AE: Die Frage danach, an was wir uns als Gesellschaft wie erinnern wollen, gewinnt gerade ganz neu an Bedeutung, sowohl in Deutschland als auch in den USA. In beiden Ländern gibt es wachsenden Rassismus und Antisemitismus. Und auf beiden Seiten gibt es Menschen und Organisationen, die dagegen kämpfen. Auch deshalb ist ein solcher Austausch so wichtig: um mehr voneinander zu erfahren, über ähnlich und ganz unterschiedliche Herausforderungen, über Erfolge und Misserfolge, um sich gegenseitig zu inspirieren und auch um über mögliche Kooperationen nachzudenken. Zum aktuellen Zeitpunkt war für unsere Kolleg:innen aber auch ganz wichtig zu wissen: Wir sind nicht alleine, und es gibt viele Menschen in Ländern wie Deutschland, die sich für die Geschichte und Gegenwart ihres Landes interessieren, die das was in den USA gerade passiert ablehnen, die sich solidarisch zeigen – und die zum Teil Lebenserfahrungen in „undemokratischen“ politischen Systemen gemacht haben. Das mag banal klingen, denn welchen Unterschied macht das angesichts der Herausforderungen in den USA. Aber unabhängig voneinander haben zwei der afroamerikanischen Kolleg:innen zum Abschluss zunächst im privaten Gespräch, später auch öffentlich gesagt, die Woche in Deutschland sei eine „life-changing experience“ gewesen. Das hat mich tief berührt, und allein das war die ganze Arbeit wert, die wir in das Projekt gesteckt haben.


Links: Baustellen-Führung durch das Civil Rights Center in Atlanta, kurz vor der Eröffnung der neuen Dauerausstellung. Rechts: Geburtshaus von Martin Luther King in der 501 Auburn Avenue Northeast in Atlanta, wo er bis zu seinem 12. Lebensjahr wohnte. Das Haus ist inzwischen ein viel besuchtes Museum. Fotos: Irmgard Zündorf.
Wie soll es weitergehen?
AE: Das Projekt war zunächst tatsächlich als die zwei „Reisen“ geplant, wobei natürlich immer der Wunsch dabei war, dass es in der einen oder anderen Form weitergeht. Es gibt Ideen, wie zumindest Teile der Gruppe weiter zusammenarbeiten können. Dazu gehören gemeinsame Veröffentlichungen, Panels und Workshops bei nationalen und internationalen Konferenzen und Überlegungen für eine gemeinsame Ausstellung. In kleineren Gruppen oder individuell ist da auch schon einiges passiert, beispielsweise auf Konferenzen oder durch Zoom-Vorträge. Über unsere WhatsApp-Gruppe gibt es regen Austausch über Aktivitäten auf beiden Seiten des Atlantiks. Zwei der afroamerikanischen Kolleg:innen, die in Bürgerrechtsmuseen in Birmingham und Atlanta arbeiten, waren im Juli 2026 im Rahmen des Projekts auf kleiner Deutschlandtour und machten zahlreiche Veranstaltungen and Universitäten, Schulen und in Museen. Ich selbst gebe mit einem der jüdisch-amerikanischen Teilnehmer im Auftrag von SLPC eine kleine kritische Onlinepublikation zum 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung heraus.
IZ: Unsere „Reise“, davon bin ich überzeugt, geht in ganz unterschiedlicher Weise weiter. Die Kontakte bleiben bestehen.Für Ende dieses Jahres und Mitte nächsten Jahres haben wir schon wieder Treffen einzelner Teilnehmer auf Konferenzen in Europa und den USA geplant, um über die deutsche und amerikanische Erinnerungskultur zu diskutieren. Das Thema bleibt aktuell, auch wenn es immer politischer wird, was wir anfänglich so gar nicht geplant hatten.
Titelbild: Dieses Monument in Montgomery erinnert an die “Mothers of Gynecology” – drei versklavte Frauen, an denen ohne Einverständnis oder Anästhesie gynäkologische Experimente durchgeführt wurden. Foto: Irmgard Zündorf.





















