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Über „Zeitschichten“ in der Geschichtskultur und „Zeiten haben“ zwischen Klimakrise und Endlichkeit (Teil 2)

Achim Landwehr und Achim Saupe im Gespräch über die Veränderungen unseres Zeit- und Geschichtsverständnisses angesichts des Anthropozäns und Klimawandels.

Seit einigen Jahren widmen sich die Geschichts- und Kulturwissenschaften verstärkt der Komplexität der Zeitbezüge. Dies ist der zweite Teil eines Gesprächs über lange Zeiträume und geologische Bezüge, die Metapher der Zeitschichten in der Geschichtskultur und die Veränderungen unseres Zeit- und Geschichtsverständnisses angesichts des Anthropozäns und Klimawandels.

In recent years, the fields of history and cultural studies have increasingly focused on the complexity of temporal references. This is the second part of a conversation about long time spans and geological references, the metaphor of “layers of time” in historical culture, and the shifts in our understanding of time and history in the face of the Anthropocene and climate change.


2023 hielt Achim Landwehr eine Keynote auf der Tagung „Zeitschichten und Pluritemporalität in der Geschichts- und Erinnerungskultur“, die von Achim Saupe im Rahmen des Forschungsverbunds und des Research Labs „Geschichtskulturelle Eigenzeiten“ organisiert wurde. Achim Landwehrs Arbeiten sind wichtige Inspirationsquellen für die Frage, welche Funktionen Zeitschichten in der Geschichts- und Erinnerungskultur haben und wie sich das Geschichtsverständnis ändert, wenn es nicht mehr primär im Zeichen linearer, fortschrittsorientierter Erzählungen konzipiert ist, sondern pluritemporal in Räumen organisiert wird.

Die Idee für dieses Gespräch über die jeweils neuesten Veröffentlichungen entstand im Zuge der Arbeit am Tagungsband „Zeitschichten und Pluritemporalität in der Geschichtskultur“. Auch, weil mit Achim Landwehrs Buch „Zeiten haben. Klimakrise und Endlichkeit“ zwei zentrale Themen des Forschungsverbunds, nämlich Dynamische Raum-Zeit-Konstruktionen, sowie das Thema Mensch-Natur-Verhältnisse im Anthropozän, adressiert werden. Seinem Buch widmet sich dieser zweite Teil des Gesprächs.


Achim Saupe: Du argumentierst, dass unser übliches Verständnis von Geschichte und Zeit, und zwar in ihrer dominanten Form als Kollektivsingular und in ihrer Koppelung an Begriffe wie Fortschritt, Wachstum und Entwicklung, ein Problem darstellt, um den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen. Warum ist das so?

Achim Landwehr: Unser übliches Verständnis von Zeit und Geschichte ist vor allem deswegen ein Problem, weil diese beiden Begriffe meistens im Singular vorkommen. Es geht um „die Zeit“ und es geht um „die Geschichte“, jeweils im Singular und mit bestimmtem Artikel. Das sind diese berühmten Kollektivsingulare. In einem europäisch-westlichen Zusammenhang haben sie sich erst seit dem 18./19. Jahrhundert herausgebildet. In dieser Zeit sind sie prominent geworden und säkularisiert worden. Dabei gehen sie zurück auf jüdisch-christliche Vorbilder, auf messianische Geschichten, die auf die eine oder andere Weise von einem Ende des Elends einer diesseitigen Welt erzählen. In neuzeitlicher Variante hört dieses Ende auf den Namen „Wachstum“. Die dadurch ausgelöste Dynamik hat fraglos eine Menge an Entwicklungen ausgelöst und zahlreiche Innovationen erbracht, auf die keinesfalls zu verzichten ist. Diese Dynamik ist aber auch für ein wachstumsgetriebenes Fortschrittsdenken verantwortlich, das uns in die Klimakrise manövriert hat, in der wir gerade drinstecken. Und was wir gerade live beobachten können, ist, wie ungemein schwer es ist, aus diesem Modell wieder auszusteigen.

An vielen der aktuellen politischen Diskussionen lässt sich das ja erkennen: Wir wissen zwar alle, dass in dem Umweltzerstörungsmodus, in dem wir schon eine ganze Weile leben, nicht mehr weitergemacht werden kann. Wir wissen aber vor allem nicht, wie man anders weitermachen könnte. Die konkreten politischen, sozialen und ökologischen Lösungsvorschläge liegen alle schon längst auf dem Tisch. Aber uns fehlt offensichtlich die kulturelle Kompetenz, sie umzusetzen und uns überhaupt sinnhafte andere Weltkompositionen vorzustellen, die nicht nach dem westlichen Standardmodell funktionieren. Daher der gern zitierte, u.a. von Mark Fisher vorgebrachte Satz, es sei eher ein Ende der Welt vorstellbar als ein Ende des Kapitalismus. Uns fehlt die Fähigkeit zu einem tatsächlichen ökologischen Denken. Die Modelle von Zeit und Geschichte und deren Änderung spielt dabei eine ganz wesentliche Rolle, weil sie Orientierung vorgeben, ohne die wir nicht so ohne weiteres auskommen. Und deswegen auch mein Nachdenken über Zeit und Geschichte, weil wir eben ein anderes Verständnis von Zeit und Geschichte brauchen, um anders handeln zu können. Wir brauchen andere Sinnangebote.

A.S.: Du hältst nicht viel vom Anthropozänbegriff. Wenn es um die damit verbundene Kritik geht, dass es eher um eine Dezentrierung des Menschen gehen müsste, kann ich das gut verstehen. Aber du argumentierst ja auch, dass das Denken in Epochen zu einschränkend ist, um uns in ein anderes Verhältnis zur Natur zu setzen.

A.L.: Na ja, der Anthropozänbegriff ist ein nicht ganz einfacher. Ich befürworte den Begriff insofern er klimapolitische Aufmerksamkeit organisiert. Er machte darauf aufmerksam, inwieweit die Spezies Mensch bei der Zerstörung der eigenen Lebensbedingungen vorangeschritten ist. Insofern glaube ich auch nicht, dass man ihn loswerden kann. Ich denke auch nicht, dass wir ihn unbedingt loswerden müssen, zumindest, wie gesagt, nicht als klimapolitisches Aufmerksamkeitsetikett.

Aber aus Sicht einer Beschreibung von Welten in Zeiten halte ich diesen Begriff für problematisch, also sobald es um Beschreibungen historischer Vorgänge geht. Warum halte ich ihn für problematisch? Weil er die Kinderkrankheiten von Epochenbildungen wiederholt. Diese Epochenbildungen vor allem aus europäisch-westlicher Provenienz kennen wir ja spätestens seit der Unterscheidung von vor und nach Christus oder seit der Entwicklung der großen Epochentrias von Antike, Mittelalter und Neuzeit. Das sind zu einem gewissen Grad alles hilfreiche Modelle, insbesondere wenn es um die Einordnung des ganzen Wusts an Geschehenem geht. Aber das Problem, das diese Epochenmodelle haben, und das mit dem Anthropozän wiederholt wird, ist Eindeutigkeit und Vereindeutigung.

Die eindeutige Trennung: Der Null-Meridian am Royal Observatory in Greenwich. Foto: Achim Landwehr

Man sehe sich nur den Unterschied von „Moderne“ und „Vormoderne“ an. Damit ist ein Interpretationsmodus vorgegeben, der vorne und hinten nicht stimmt. Man meint aber gleichzeitig damit unterscheiden zu können, was modern ist und was sich demgegenüber als vormodern abgrenzen lässt. Mit dieser Vereindeutigung von Epochengrenzen verschaffen sich Gesellschaften eine gewisse Erleichterung, weil sie Dinge loswerden können, mit denen sie nichts mehr oder angeblich nichts mehr zu tun haben. In ähnlicher Art und Weise agiert das Anthropozän. So ähnlich wie bei Moderne/Vormoderne oder Neuzeit/Mittelalter kann man jetzt angeblich Dinge in eine Zeit vor dem Anthropozän verschieben, auch wenn das eigentlich gar nicht wirklich möglich ist. Gerade mit Blick auf das Anthropozän erweist sich diese Vereindeutigung als schwierig, weil wir den klimapolitischen Debatten doch gerade feststellen, dass wir die Sachen eben nicht mehr loswerden. Stattdessen betreffen uns sehr lange Zeiträume. Die Entstehung von natürlichen Ressourcen, Erdöl oder Erdgas, hat Millionen von Jahren gedauert, auch das Entstehen von Gletschern hat tausende, zehntausende von Jahre in Anspruch genommen, und wir sehen jetzt wie diese Entwicklungen uns heute sehr aktuell betreffen. Insofern sind diese fernen Zeiten sehr gegenwärtig und man kann nicht mehr davon sprechen, dass wir es mit eindeutigen Epochenunterscheidungen zu tun hätten.

Ausläufer der Breiðamerkurjökull-Gletscherzunge auf Island. Foto: Achim Landwehr

Zudem finde ich den Anthropozänbegriff schwierig, weil er auch noch Zukunft determiniert. Wenn wir im Anthropozän leben sollen, dann ist der Untergang der Menschheit eigentlich schon vorherbestimmt. Wenn wir jetzt im Erdzeitalter des Menschen leben, dann kann ein neues Erdzeitalter eigentlich nur beginnen, wenn der Mensch endgültig abtritt. Und das bringt einen weiteren Determinismus, eine weitere Vereindeutigung in der historischen Selbstbeschreibung mit sich. Ist es dann überhaupt noch sinnvoll, irgendwie zu handeln oder vor allem anders zu handeln, wenn ohnehin schon feststeht, was geschehen wird? Deswegen halte ich diese Dezentrierung des Menschen für bedeutsam auch im kritischen Umgang mit dem Epochenbegriff Anthropozän.

A.S: Du hast den Begriff der Chronoferenzen bzw. des Chronoferierens geprägt und plädierst für ein Verständnis von Vielzeitigkeit, dafür, dass wir selbst ganz viele Zeiten formen und haben, dass wir selbst ganz unterschiedliche Verbindungen in die Vergangenheit und Zukunft denken und imaginieren können. Was versprichst du Dir davon in Bezug auf die Herausforderungen des Klimawandels und unser Handeln?

A.L.: Wie ich schon gesagt habe, wenn wir unter den Vorzeichen des Klimawandels anders handeln wollen, dann brauchen wir auch andere Sinnangebote. Für andere Sinnangebote brauchen wir andere Erzählweisen, und für andere Erzählweisen brauchen wir andere Zeitmodelle.

Wie groß die Verzweiflung ist, lässt sich daran erkennen, wie häufig in der Klimadebatte mit Negationen gearbeitet wird. Negation heißt: Wir wissen, was wir nicht mehr tun dürfen. Das führt aber ganz häufig zu Frustration, selbst bei den Wohlmeinenden, und nicht nur zu Frustration, sondern auch zu Desorientierung. Ich weiß zwar, was ich nicht mehr machen darf. Mir wird aber in diesen ganzen Debatten wesentlich seltener ein Angebot gemacht, wie ich dennoch handeln kann, wie ich leben kann, wie es weitergehen soll. Deswegen brauchen wir andere Angebote und dabei soll eben der Begriff der Chronoferenz helfen.

Chronoferenz sagt vor allem aus, dass jede Gegenwart ungleichzeitig mit sich selbst ist. Soll heißen, jede Gegenwart stellt Verknüpfungen mit anderen Zeiten her, mit Vergangenheiten, mit Zukünften, aber auch mit mythischen Zeiten, mit religiösen Zeiten, mit Ewigkeiten, mit allen möglichen Zeitformen, mit denen menschliche Gesellschaften umgehen können.

Die Ungleichzeitigkeit der Gegenwart mit sich selbst: Milliarden Jahr alte Wassermoleküle, zusammengeballt zu Wolken, spiegeln sich gemeinsam mit der aus dem 14. Jh. stammenden St. Johannis Kirche in der Glasfassade des Museums Lüneburg, erbaut 2015. Foto: Achim Landwehr

Das löst dann auch den üblichen Rahmen der Geschichtswissenschaft auf. Es geht eben nicht mehr nur darum, sich auf die Vergangenheit zu konzentrieren, sondern darum, sich anzuschauen, welche Zeitformen eine Gegenwart für sich zur Verfügung hat. Damit hoffe ich zumindest eine Art der Umgangsweise mit Zeiten zur Verfügung zu stellen, die konkrete Angebote macht, für andere Beschreibungsformen.

A.S.: Wir haben im November unsere nächste Jahreskonferenz, zur Frage des Orientierungswerts der Vergangenheit. Du sprichst an einer Stelle davon, dass der Blick in die Zeiten eher den Sinn für das Absurde schärft. Hält die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und von dort aus unsere Schlussfolgerungen für die Gegenwart und Zukunft nicht auch in ihrer relationalen Weise Orientierung bereit?

A.L.: In der Zeit Orientierung zu suchen ist sicherlich nötig und angebracht. Doch zugleich behandelt der Orientierungsbegriff die Zeit damit in ähnlicher Weise, wie der Raum behandelt wird (und „Orientierung“ ist nun einmal eine geographische Metapher). In der Zeit oder in der Geschichte kann man sich aber nicht mit ähnlicher Gewissheit „orientieren“ wie im Raum.

Schwierig wird es mit der Orientierung zudem, wenn dadurch in Vergangenheiten und Zukünften mehr Sinn entdeckt wird, als dort tatsächlich drinsteckt, zum Beispiel in Form umfassender historischer Gesetzmäßigkeiten. Immer dann, wenn in irgendwelchen Debatten davon gesprochen wird, dass der Lauf der Geschichte doch dieses oder jenes zeige, dass man selbst auf der richtigen, alle anderen aber auf der falschen Seite der Geschichte stünden, müssen alle Alarmsirenen schrillen. Sobald „die Geschichte“ zur eindeutigen Einbahnstraße wird, heißt es Vorsicht im historischen Straßenverkehr.

Deswegen plädiere ich für Absurdität. Nicht, weil ich damit der Sinnlosigkeit oder der Vergeblichkeit das Wort reden will, sondern weil ich, zum Beispiel mit Rekurs auf Albert Camus, darauf hinweisen möchte, dass „der Geschichte“ kein vorgegebener Sinn eingeschrieben ist, man also auch nicht auf der richtigen oder falschen Seite stehen kann. Zudem möchte ich auf die etymologische Wurzel des Absurden hinweisen, die nicht auf das Sinnlose, sondern auf das Ungereimte, auf das Nicht-Zusammenklingende hinweist. Es ist nicht sinnlos, der Sinn lässt sich nur nicht für bestimmte kulturelle Modelle unproblematisch bestimmen.

Wenn wir es im Zusammenhang des Historischen aber in dieser Weise mit dem Absurden und dem Ungereimten zu tun haben, dann bedeutet das zugleich, dass menschliche Bedeutungskollektive die Verantwortung übernehmen müssen, für die zeitlichen, oder besser: chronoferentiellen Zusammenhängungen, die sie selbst erstellen. Sie können das nicht mehr an den Kollektivsingular Geschichte delegieren.

A.S.: Wie sollen wir nun Geschichten, Zeiten, und Räume relationieren und zugleich zur Darstellung bringen? Dir schwebt eine Geschichte im Modus der Wunderkammer vor, und hast Vorschläge für Anthropozänsammlungen entwickelt.

A.L.: Neue Erzählformen sind meines Erachtens die aktuell größte Herausforderung. Das ist auch das Problem, das mich im Moment sehr ausgiebig beschäftigt. Und ich habe noch keine fertige Antwort darauf. Auch ich bin ja nun einmal eingebunden in die kulturellen Kontexte, in denen ich lebe, inklusive all ihrer Sinnangebote.

Möglichkeiten eines anderen historischen oder chronoferentiellen Erzählens sind alles andere als trivial. Denn dabei geht es immer auch um den Zusammenhang von Theorie und Form. Dafür gibt es im Historischen keine Blaupausen (oder ich habe sie bisher noch nicht entdeckt). Wir brauchen tatsächlich so etwas, wie eine gänzlich anders geartete Geschichtsschreibung, die möglicherweise keine Geschichtsschreibung im klassischen Sinn sein kann. Ähnlich wie Herodot, Chladenius, Ranke oder die Annales-Schule in bestimmten Situationen die Darstellung von Welten in Zeiten anders organisieren mussten, müssen wir das möglicherweise auch tun.


Literatur

Achim Landwehr, Zeiten haben. Klimakrise und Endlichkeit. Frankfurt am Main: Campus 2025.

Achim Landwehr, Zeitschichten, in: Martin Sabrow/Achim Saupe, Handbuch Historische Authentizität, Göttingen: Wallstein 2022, S. 545-553.

Achim Saupe (Hg.), Zeitschichten und Pluritemporalität in der Geschichtskultur, Göttingen: Wallstein 2026.


Titelbild: Ausläufer der Breiðamerkurjökull-Gletscherzunge auf Island. Foto: Achim Landwehr

Über „Zeitschichten“ in der Geschichtskultur und „Zeiten haben“ zwischen Klimakrise und Endlichkeit (Teil 1)

Achim Saupe und Achim Landwehr im Gespräch über lange Zeiträume, geologische Bezüge sowie die Metapher der Zeitschichten in der Geschichtskultur.

Seit einigen Jahren widmen sich die Geschichts- und Kulturwissenschaften verstärkt der Komplexität der Zeitbezüge. Ein Gespräch über lange Zeiträume und geologische Bezüge, die Metapher der Zeitschichten in der Geschichtskultur und die Veränderungen unseres Zeit- und Geschichtsverständnisses angesichts des Anthropozäns und Klimawandels.

In recent years, the fields of history and cultural studies have increasingly focused on the complexity of temporal references. A conversation about long time spans and geological references, the metaphor of “layers of time” in historical culture, and the shifts in our understanding of time and history in the face of the Anthropocene and climate change.


2023 hielt Achim Landwehr eine Keynote auf der Tagung „Zeitschichten und Pluritemporalität in der Geschichts- und Erinnerungskultur“, die von Achim Saupe im Rahmen des Forschungsverbunds und des Research Labs „Geschichtskulturelle Eigenzeiten“ organisiert wurde. Achim Landwehrs Arbeiten sind wichtige Inspirationsquellen für die Frage, welche Funktionen Zeitschichten in der Geschichts- und Erinnerungskultur haben und wie sich das Geschichtsverständnis ändert, wenn es nicht mehr primär im Zeichen linearer, fortschrittsorientierter Erzählungen konzipiert ist, sondern pluritemporal in Räumen organisiert wird.

Die Idee für dieses Gespräch über die jeweils neuesten Veröffentlichungen entstand im Zuge der Arbeit am Tagungsband „Zeitschichten und Pluritemporalität in der Geschichtskultur“. Auch, weil mit Achim Landwehrs Buch „Zeiten haben. Klimakrise und Endlichkeit“ zwei zentrale Themen des Forschungsverbunds, nämlich Dynamische Raum-Zeit-Konstruktionen, sowie das Thema Mensch-Natur-Verhältnisse im Anthropozän, adressiert werden. Seinem Buch widmet sich der zweite Teil des Gesprächs, der in einem weiteren Blogbeitrag erscheint.


Achim Landwehr: Welchen Nutzen hat die Metapher von den Zeitschichten für die viel diskutierte Erinnerungskultur? 

Achim Saupe: Das geht ja hier direkt zur Sache, gleich nach dem Nutzen zu fragen! Prinzipiell können mit der Metapher der Zeitschichten unterschiedliche Zeitebenen veranschaulicht und bestenfalls miteinander verknüpft werden. In der Erinnerungskultur geht es ja viel um die Lesbarkeit der Geschichte im öffentlichen Raum, um ihre Materialität. Und da bietet sich das anschauliche Zeitschichtenmodell, seine Ästhetik, aber auch die Möglichkeiten zur Ästhetisierung unserer Zeitbezüge hervorragend an, um uns in ein Verhältnis zu unterschiedlichen Vergangenheiten zu setzen.

Es ist auffällig, dass seit ca. 2000 die Metapher in der Geschichtskultur immer häufiger auftaucht. Das hat auch mit einem anderen Zeitverständnis in der Postmoderne zu tun. Die Geschichte ist eben nicht mehr gradlinig, und wir haben es auch mit ganz unterschiedlichen Erfahrungsräumen zu tun, die verschiedene Menschen mitbringen, und deren „geteilte“ oder eben gar nicht geteilte Geschichte nun erzählt werden soll – bzw. die sie selbst zueinander in Beziehung setzen wollen. In der klassischen Verwendung der Metapher werden dabei Zeitschichten mit politischen Regimes verknüpft, nach dem Motto: Hier werden die Zeitschichten des Kaiserreichs, des Nationalsozialismus und der DDR sichtbar.

Ich weiß aber gar nicht, ob man die Frage nach den Zeitschichten in der Geschichtskultur gleich unter Nützlichkeitsaspekten erwägen sollte, geschweige denn, dass man eine solche in irgendeiner Weise pädagogisch ablesbar machen kann. Uns und mir geht es in dem Band zunächst einmal um ein Ausloten des Bedeutungsspielraums einer Metapher in unterschiedlichen zeitgenössischen, historischen und geschichts- bzw. erinnerungskulturellen Kontexten. Was bedeutet es, wenn man eine geologische Metapher bemüht, um historischen Wandel zu verstehen? Und wenn man in die Geologie schaut, dann gibt es ja auch unterschiedliche Entstehungen von Zeitschichten-Phänomenen und vor allem lange zurückliegende Ereignisse und lang andauernde Zeiträume, die für Wandel verantwortlich gemacht werden können. Insofern bietet selbst die etwas starr erscheinende Geologie ja durchaus etwas, um das Bild zu dynamisieren: etwa, wenn man an tektonische Plattenverschiebungen, die Eruption von Vulkanen oder aber sich über Jahrtausende und Jahrmillionen hinziehende Sedimentierungen und Ablagerungen denkt.

Stratigrafische Schichten an der Abbruchkante der Teide-Caldera, Teneriffa. Foto: Achim Saupe 2026.

A.L.: Wenn mit den Zeitschichten insbesondere die Gleichzeitigkeit der Zeiten betont werden soll: Welchen Mehrwert hat ein solches Verständnis von Gleichzeitigkeit(en) für die historischen Wissenschaften?

A.S.: Ich glaube ja, dass es verschiedene Möglichkeiten und deshalb auch Vorstellungen davon gibt, ob die Zeitschichten, wenn man so will, Nach- und Überzeitigkeit, Nebenzeitigkeit, oder Gleichzeitigkeit signalisieren. Das stratigraphische Modell privilegiert zunächst einmal das Nacheinander und Übereinander: Jüngere Schichten sind oben zu finden. Das bestätigt unser chronologisches Verständnis von Geschichte. An den Aufschlüssen erkennen wir dann aber, dass hier Kräfte wirken, die die Zeiten unter Druck setzen und sich auf ihre benachbarten Schichten auswirken.

Man könnte nun zunächst mit einem klassischen Topos argumentieren, dass die Zeitschichten die „Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen“ zur Anschauung bringen. Das hatte Reinhart Koselleck im Sinn, als er über die Zeitschichtenmetapher schrieb, welche er zudem mit dem Dreizeitenmodell von Fernand Braudel verknüpfte: Phänomene von langer Dauer, Wiederholungen und Ereignisse in ihrer jeweiligen Beziehung zu bedenken. Über den Topos des (Un-)Gleichzeitigen hat Fernando Esposito gerade ein beeindruckendes Buch geschrieben, in dem er auch den Zeitschichten und der Vulkanologie bzw. der entstehenden Geologie eine wichtige Rolle beimisst, weil aus ihr heraus seiner Meinung nach ein Denken in Zeitblöcken resultierte, dass maßgeblich für Fortschrittsvorstellungen war. Mit Esposito könnten wir sagen, dass sich daraus zwei Denkmodelle entwickeln lassen: entweder, wir halten bestimmte Zeiten für „überholt“ oder „unzeitgemäß“. Diese temporale Differenzierung hilft bei der Bewertung von Dingen, führt aber schnell zu Stereotypen und Abwertungen und repräsentiert letztlich eine Geschichte, die vom Fortschritt aus denkt. Es sei denn, man versteht sich selbst als unzeitgemäß und verweigert sich den Trends.

Also braucht es ein positiv gewendetes Verständnis dieser Gleichzeitigkeiten, dessen Konturen aber noch unklar bleiben. Zugleich darf das auch nicht zu einem Präsentismus werden, der selbstgerecht auf den Wandel der Zeiten blickt. Es braucht also ein anderes Modell, eines, das sich vom ästhetischen Spiel der Zeiten tatsächlich affiziert zeigt, und dabei auch unterschiedliche Raum-Zeit-Metaphern austestet und historisiert.

Vielleicht kann man den Mehrwert für die historische Wissenschaft vom Wert für historisches Denken trennen. Der Mehrwert für die historische Wissenschaft ist, Geschichte anders zu konzipieren als im linearen Fortschrittsmodus oder im Kleinklein des Nacheinander. Man kann Geschichte in der Fläche denken, wie es die Public History und die Erinnerungskultur schon macht. Dadurch, so meine These, hat sich unser Geschichtsverständnis auch schon teils gewandelt. Die großen Erzählungen haben sich nicht allein wegen der Krise des Fortschritts und der Utopien aufgelöst, sondern haben sich in den „kleinen Formen“ historischer Aphorismen und Erinnerungen pluralisiert. Nur müssten auch die Räume und die mit ihnen verbundenen Raumvorstellungen noch stärker relational gedacht werden. Geschichte ist insofern nur ein Modus der Vergangenheitsvergewisserung (neben Erinnerung, Archiv, Archäologie, Genealogie und Erbe, um ein paar weitere zu nennen) und als Geschichtswissenschaft dann wiederum vor allem Problem- und Fragestellung (oder Frage und vorläufige Antwort à la R.G. Collingwood). Tendenziell spielt es dann auch nur bedingt eine Rolle, welche Zeiten und Räume wir ins Visier nehmen, denn wofür wir uns interessieren, sind Probleme, deren Ursachen nicht nur in einer konkreten „Vorgeschichte“ zu erkennen sind, sondern sich eher morphologisch als Problem zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Räumen entwickeln und diskutieren lassen. Das hat natürlich weitreichende Folgen für „das Fach“, auch wenn natürlich für die konzise Bewertung einer Vergangenheit nach wie vor Expertise wichtig bleibt.

In der Gedenkstätte Hohenschönhausen, dem ehemaligen Stasi-Gefängnis, steht man über bewahrten Zeitschichten. Um den authentischen Bodenbelag nicht zu berühren, wurden darüber großflächige Stege gebaut. Zeitgeschichte wird zur Rettungsarchäologie, der Blick erfolgt durch das archäologische Fenster. Foto: Achim Saupe 2026.

Davon zu trennen ist der Wert für das historische Denken: Die Geschichte der Gleichzeitigkeiten muss wohl als eine der Ko-Präsenzen gedacht werden, in denen viele Geschichten nachleben, überlagert sind und verschüttet wurden, und viele schon aufscheinen oder aber begonnen wurden und noch nicht abgeschlossen sind. Ich vermute, dass eine solche Geschichte der Gleichzeitigkeiten, wenn wir sie denn austesten wollen, in eine Ethik des Geschichtsbezugs mündet, die selbst historisch, reflexiv und kritisch gedacht werden muss. In diese Richtung habe ich auch Dein neues Buch „Zeiten haben“ gelesen.

A.L.: Sind Zeitschichten als eher träge temporale Strategien dazu geeignet, gerade unter politisch turbulenten Umständen wie den aktuellen ein angemessenes Deutungsangebot zu machen? 

A.S.: Das finde ich eine sehr wichtige Frage. Ich kritisiere die Wahl dieser trägen temporalen Figur zunächst in meinem Aufsatz, denn hier geraten oft nur noch komprimierte Brüche bzw. Aufschlüsse in den Blick, während gesellschaftliche Kämpfe, die Möglichkeit zur Revolution, die Vielfalt der politischen Ansichten und Pluritemporalität zu bestimmten Zeiten – die Granularität des Historischen, wie Christoph Bernhardt in einem unserer Beiträge schreibt – und damit auch der Kampf um das „Zeiten haben“ und „Zeiten machen“ – um nochmals auf Dein Buch anzuspielen – gar nicht mehr so richtig aufscheint. Oder nur noch als gebaute Utopien, was eher zu Nostalgie und Retrokult führt. Offensichtlich braucht es aber einigen Mumm, um den Unausweichlichkeiten des Klimawandels zu begegnen, für Gerechtigkeit einzutreten, oder den Pazifismus als Idee für eine Zeit nach den Kriegen der Gegenwart zu bewahren, und da hilft deren Einbettung bzw. Historisierung in und als Zeitschichten nur wenig.

Auf der anderen Seite müssten wir überlegen, ob die Disziplin Zeitgeschichte und auch die Erinnerungskultur nicht so ereignisüberfrachtet und damit kurzatmig ist, dass Fragen der longue durée, Fragen der „strukturierten und strukturierenden Strukturen“, sprich mentale, sich über die Zeiten ausprägende Schichten, die zugleich vermeintliche Ungleichzeitigkeiten ordnen und organisieren, aus dem Blickfeld geraten sind: Rassismus, koloniale Denkstrukturen, Antisemitismus sind zwar in aller Munde und werden als Gründe für Menschheitsverbrechen immer wieder genannt, aber wird ihrer auch als langfristige und in die Gegenwart hineinreichenden Faktoren gedacht? Vielleicht im Modus des kritischen Geschichtsbewusstseins, weniger aber in der Erinnerungskultur, würde ich behaupten. Ich bin in der Literatur und an Erinnerungsorten immer wieder der Zeitschicht des Nationalsozialismus begegnet, aber den nochmals dickeren und breiteren Zeitschichten des Antisemitismus und Rassismus nicht. Das ist ja schon interessant und zeigt, wie sehr die Zeitschichten in den Zeitblöcken der Politikgeschichte und Mensch-macht-Geschichte aufgehen, während Fragen der Mentalitäten, Denkstrukturen und Diskurse in einer ereignisfixierten Erinnerungskultur nicht im Vordergrund stehen. Insofern kann man auch gespannt sein, was aus dem derzeit in den Memory Studies diskutierten Konzepts des „slow memory“ noch hervorgeht.

A.L.: Welche Vorteile, möglicherweise aber auch Probleme bringt das Modell der Zeitschichten für die konkrete Arbeit in der Geschichtsvermittlung, in Schulen, Museen etc. mit sich?

A.S.: Kritisch, so würde ich nochmals festhalten wollen, kann die Zeitschichtenmetapher dazu beitragen, die Geschichte des 20. Jahrhunderts als dicht komprimierte Gesteinsformationen aufzufassen, um sie damit in der Tiefenzeit der Deutschen oder Europäischen Geschichte einzulagern. Sie ist dann so etwas wie die Endlagerstätte einer kontaminierten Geschichte. Die Zeitschichten haben etwas Abgeschlossenes, deren Verbindung zueinander und zum Heute nicht immer besonders klar ist. Sich Geschichte als dynamischen Prozess vorstellbar zu machen, gehört nicht zu den besten Eigenschaften des Modells.

Andererseits sind sie ein ästhetisches Phänomen, und indem wir sie erkennen, kann man ein Gespür für unterschiedliche Zeiten, Zeitverständnisse, ihre Bedingungen und materiellen Überreste bekommen. Das ist keine Geschichte des Wandels mehr, sondern eine der gleichrangigen Relevanzen, deren Bezüge zueinander wir zu erschließen haben. Zeitschichten-Studium heißt insofern, etwas über die Fabrikation der Geschichte und das sich wandelnde Zeitverständnis von Gruppen und Gesellschaften erfahren zu wollen.


Literatur

Achim Landwehr, Zeiten haben. Klimakrise und Endlichkeit. Frankfurt am Main: Campus 2025.

Achim Landwehr, Zeitschichten, in: Martin Sabrow/Achim Saupe, Handbuch Historische Authentizität, Göttingen: Wallstein 2022, S. 545-553.

Achim Saupe (Hg.), Zeitschichten und Pluritemporalität in der Geschichtskultur, Göttingen: Wallstein 2026.


Titelbild: Zeitschichten vulkanischer Ausbrüche. Teneriffa, in der Nähe des Teide. Foto: Achim Saupe 2026.

Building Deep Time – Museum Architecture in Oxford, Vienna & Cambridge

Stefanie Jovanovic-Kruspel shows us natural history museum buildings which make deep time visible in stone and space.

Kann Architektur Erdgeschichte erzählen? Naturwissenschaftliche Museen des 19. und 20. Jahrhunderts nutzten ihre Baumaterialien, um Erdgeschichte zu vermitteln. Von Oxford über Wien bis Cambridge entstanden Bauten, die Deep time nicht nur in Vitrinen, sondern in Stein und Raum sichtbar machen.

Can architecture tell Earth’s history? Natural History Museums of the 19thand 20thcentury have used building materials to convey Earth’s history. From Oxford to Vienna to Cambridge, buildings make deep time visible in stone and space.


From the late eighteenth century onward, geology began to transform humanity’s understanding of time. Rocks were seen as archives of Earth’s past. Layer by layer, they appeared to record a history that could be read like a text. The most radical implication of this new perspective was the emergence of “deep time”—the recognition that Earth’s history extends across unimaginably long periods. Challenging biblical chronology, it opened a temporal framework vast enough to accommodate the gradual transformation of life later described by Charles Darwin in “On the Origin of Species” (1859).

However, understanding deep time intellectually was only part of the challenge. How could such immense temporal scales be communicated to the public? Natural history museums increasingly took on this task. Their galleries, collections, and even their architecture became tools for making deep time visible. This ambition depended on close collaboration between scientists and architects, who conceived museums as spaces in which architecture, materials, and collections formed an interpretive whole.

Sedgwick Museum of Earth Sciences, Cambridge, capitals with pterodactyls and musk sheep. SJK 2025

Oxford: Reading Time in Stone

One of the earliest attempts to translate geological time into architecture is the Oxford University Museum of Natural History, opened in 1860. The museum’s founders envisioned it as a place where visitors could learn to read Earth’s history through its material traces.

Alongside the naturalist Henry Acland, a crucial influence on this vision was the museum’s first director, the geologist John Phillips. In 1841 Phillips published one of the first global geological time scales, organizing rock strata according to the fossils they contained. This principle – chronostratigraphy – became central to how the museum presented Earth history.

Working closely with the museum’s architects, Phillips used the architectural fabric for the museum’s educational program. The columns of the central court displayed stones from a diversity of geological formations and were labeled with the name and source. Architecture thus became a device: the columns testified not only to the richness of British quarries but also allowed visitors to walk among stones representing different chapters of Earth’s past.

Vienna: Deep Time in Building Materials

A similar approach emerged in the Naturhistorisches Museum Vienna, opened in 1889. When the geologist and Darwinist Ferdinand von Hochstetter became its first director in 1876, evolutionary theory – and with it, Earth’s geological history – was placed at the center of the museum’s narrative.

As in Oxford, the Viennese museum relied on close cooperation between the director and the architects in shaping the building. Yet, instead of embedding geological explanations directly into architectural decoration, the museum presented a collection of building stones. This collection was assembled by the Austrian geologist Felix Karrer, who spent years gathering building materials from across the Habsburg Empire.

Karrer organized the stones according to their geological age and linked them to architectural examples. In a lecture in 1878 – expanded 1892 in a museum guide – he emphasized that Earth, like humanity, possesses a developmental history.

Visitors to the collection were supposed to recognize that the museum’s materials belonged to different geological formations. Thus, the building became part of the narrative it presented: while displaying the richness of geological resources of the Habsburg Empire, the walls also narrated Earth’s deep past.

Cambridge: The Sedgwick Museum as Geological Manifesto

Sedgwick Museum of Earth Sciences, Cambridge, opened in 1904. Sebastian Ballard, Creative Commons.

These ideas reached a pinnacle in the Sedgwick Museum of Earth Sciences, which opened in 1904 in Cambridge. The Woodwardian Professor of Geology Thomas McKenny Hughes campaigned for many years for a new museum building that would serve both as a memorial to the Cambridge geologist Adam Sedgwick and as a solution to the inadequate conditions of the geological collections housed in the Woodwardian Museum. Funds were raised through donations, and among the benefactors was even Charles Darwin.

The planning history of the Sedgwick Museum spans more than thirty years, from the first proposal to its opening in 1904. Hughes remained deeply committed to the project despite repeated setbacks. He believed that geology required a building that reflected the intellectual character of the discipline.

His collaboration with the architect Thomas Graham Jackson proved central to realizing this vision. Their correspondence reveals a lively and creative exchange of ideas, demonstrating how closely scientific and architectural thinking were intertwined. Together they planned a museum in which architecture, decoration, and collections communicated geological knowledge.

Stones and Bricks

Hughes envisioned that the building materials themselves would communicate geological ideas. He even planned to publish an article explaining the geological origins of the stones and bricks used, effectively transforming the architecture into geological scholarship. Although this article was never completed, it reveals how strongly he believed in the educational potential of the building itself.

The materials were selected not only for their appearance, but also for their geological provenance, turning the structure into a kind of stratigraphic document. As in Vienna, a building stone collection reinforced this idea. Assembled by the cement industry manager John Watson, is was organized according to geological age and, within that framework, geographically. Watson officially donated his collection to the museum in 1911, where it became part of the Collection of Economic Geology envisioned by Hughes. Hughes praised Watson’s collection as one of the most useful collections of economic geology in the world. As a field focused on the practical applications of earth sciences in industry and engineering, Economic Geology became increasingly important after the establishment of the first Geological Survey (1835) and London’s Museum of Economic Geology (1841). The Sedgwick Museum apparently aimed to surpass this museum with its own superior collections.

The display of Watson’s collection linked construction materials to geological formations and demonstrated how everyday building stones belonged to specific chapters of Earth’s history. At the same time, it highlighted the diversity and quality of British building stones, reinforcing a sense of national pride.

It can reasonably be assumed that Hughes had already envisioned such a collection as part of his broader concept for the museum before 1911. Unfortunately, due to limited documentation of Watson’s activities, many questions remain unanswered. For instance, despite the striking parallels between Watson’s work in Cambridge and Karrer’s work in Vienna, no evidence of an exchange or influence has been found so far.

Sedgwick Museum, woolly mammoth. Keith Edkins, Creative Commons.

Extinct Animals

In addition to the material layer, the decorative stone carvings of the museum also communicated Earth’s history. The ideas emerged from the collaboration between Hughes and Jackson. A woolly mammoth, a ground sloth, and an Iguanodon (see title picture), as well as capitals depicting pterodactyls and musk sheep, were executed by the renowned firm Farmer and Brindley, which had also contributed to the decorations of the Natural History Museum London and the Oxford University Museum of Natural History.

Even the museum’s weathervane was designed in the form of an ichthyosaur. But rising construction costs meant that many planned sculptures had to be omitted. Yet, Jackson considered some of them essential to the concept and even offered to contribute financially to ensure their realization: e. g. for the Ice Age animals at the ends of the museum’s double staircase featuring bisons and cave bears.

Inside the museum, Hughes defended the stratigraphic order as the crucial principle of display: Fossils – including species represented in the decoration – were arranged according to the geological layers from which they originated, allowing visitors to move through Earth’s history from older to younger formations.

By inviting visitors to encounter stone both as building material and as historical evidence, the museum transformed deep time from an invisible abstraction into a built reality. Geology was quite literally set in stone.

Sedgwick Museum, cave bears at the double staircase. Sandy B., Creative Commons.

Literature

Acland, H. W. & Ruskin, J. (1859): The Oxford Museum. (with a letter from John Philips)

Andrew, K. J. (1994): John Watson and the Cambridge Building Stone Collection, in: The Geological Curator, Vol. 5, No. 8, p. 303-310.

Whyte, W.; Hide, L. & Daultrey, S. (2004): Sedgwick Museum of Earth Sciences, 2004.

Whyte, W. (2006): Oxford Jackson. Architecture, Education, Status, and Style 1835-1924.

Karrer, F. (1892): Führer durch die Baumaterial-Sammlung des k. k. naturhistorischen Hofmuseums in Wien.

WATSON, J. (1911): British and foreign building stones: a descriptive catalogue of the specimens in the Sedgwick Museum.

Watson, J. (1916): British and foreign marbles and other ornamental stones: a descriptive catalogue of the specimens in the Sedgwick Museum.

Watson, J. (1922): Cements and artificial stone: a descriptive catalogue of the specimens in the Sedgwick Museum.


Title picture: Iguandon and Giant Sloth above the portal to the Sedgwick Museum. N. Chadwick, Creative Commons.

Den Osten der Mitte Europas neu in den Blick nehmen: Zur Vorgeschichte des GWZO (1990-1995)

Frank Hadler schreibt als Historiker und Zeitzeuge über die Entstehung und Vorgeschichte des GWZO.

Das GWZO ist eine wissenschaftspolitische Innovation, mit der Leipzig seit 1996 zum internationalen Zentrum geisteswissenschaftlichen Forschens über, mit und im östlichen Europa wurde. Als Historiker und Zeitzeuge zugleich behandele ich, wie eng die institutionelle Vorgeschichte des GWZO und die deutsche Vereinigungsgeschichte ab 1990 zusammenhingen.

The GWZO is a groundbreaking initiative in the field of science policy, which has established Leipzig as an international centre for humanities research on, with and within Eastern Europe since 1996. As both a historian and a contemporary witness, I examine the close links between the institutional history of the GWZO and the history of German reunification from 1990 onwards.


Einladung zur Jubiläumstagung des GWZO, Archiv GWZO.

Im vergangenen Jahr hatte das Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) nach Leipzig geladen, um bei einer Jubiläumstagung „30 Jahre Forschungen zum östlichen Europa“ Revue passieren zu lassen. Startpunkt dieser Zeitrechnung ist Oktober 1995, als das Geisteswissenschaftliche Zentrum für Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas gegründet worden war, dessen Kürzel GWZO rasch auch international zu (s)einem bis heute genutzten Markenzeichen wurde. Zur Eröffnung Anfang Juni 1996 begann der damalige Sächsische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Hans Joachim Meyer, seine Ansprache mit dem Satz: „In einer Zeit, in der die Wissenschaft weithin als das zu zertrümmernde Sparschwein der Nation gilt, hat ein Ereignis wie das heute Seltenheitswert.“ Er schloss mit dem Gedanken, ohne die Gründung von Forschungszentren wie dem GWZO „wäre eine der wenigen wissenschaftspolitischen Neuerungen, die uns die Einheit brachte, am Ende doch noch den Bach heruntergegangen“.

Aus: Mitropa. Jahresheft des Leibniz-Instituts für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO), 2025/26, S. 13.

Beide Aussagen verweisen auf eine turbulente Vorgeschichte, die ich hier mit dem zeitlichen Abstand dreier Dekaden (1995 bis 2025) in den Blick nehmen möchte. Als Wissenschaftshistoriker, der in die institutionelle Vergangenheit seines eigenen geschichtsforschenden Tuns blickt, habe ich mich dabei an das gehalten, was der Wissenschaftspolitiker Prof. Meyer mit dem Abstand dreier Quartale (Oktober 1995 bis Juni 1996) getan hat: „nicht in den Fehler verfallen, die Vorgeschichte des heutigen (also damaligen – F.H.) Tages unangemessen zu dramatisieren.“

Genau genommen begann die Vorgeschichte des GWZO Leipzig am 3. Juli 1990 in Bonn. Hier trafen sich Spitzenvertreter von Bund, Wissenschaftsorganisationen und Ländern zu einem „Kamingespräch“. Zugegen war auch der letzte DDR-Minister für Bildung und Wissenschaft – Hans Joachim Meyer. Allgemein ging es um die Zukunft der außeruniversitären Forschung in der Bundesrepublik nach dem Beitritt der neuen Länder, konkret um das Schicksal der Akademie der Wissenschaften der DDR (AdW), deren Institute nach Einigungsvertrag § 38 als Einrichtungen der neuen Länder und mit einer Übergangsfinanzierung durch den Bund bis Ende 1991 fortgeführt, dann aber geschlossen werden sollten.

Ich war damals Historiker am Institut für Allgemeine Geschichte (IAG) in Berlin tätig. Noch vor Ende 1989 wurde ich, eben erst am 14. September promoviert, von der Belegschaft in den „Wissenschaftlichen Rat“ gewählt, der das Institut nach Absetzung des Direktors leitete. Als zeitweiliger Sprecher dieses Gremiums kam mir die im Sommer 1990 verkündete Schließungsentscheidung eigentlich undramatisch vor. War doch gleichzeitig eine Begutachtung durch den Wissenschaftsrat (WR) beschlossen worden. Hierbei, so meine feste Erwartung, würde man schon zeigen können, was man wissenschaftlich kann. Ich konnte es mit Erfolg tun. Die allermeisten der ca. 30.000 AdW-Beschäftigten in den 130 wissenschaftlichen Einrichtungen, die zwischen September 1990 und Ende Juni 1991 vom Wissenschaftsrat „begangen“ und evaluiert worden waren, haben dies nicht vermocht.

Aus meinen Recherchen für diesen Beitrag weiß ich, dass in der WR-Geschäftsstelle seinerzeit diskutiert worden ist, „mit dem wissenschaftlichen Potential der ehemaligen DDR Neues zu gestalten“. Die forschungspraktische Umsetzung der als Innovation in den bundesdeutschen Geisteswissenschaften konzipierten Gründung von Forschungsschwerpunkten (FSP)1 war schließlich der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) angetragen worden. Sie schuf zum 1.1.1992 in München die Förderungsgesellschaft wissenschaftliche Neuvorhaben mbH, von der – neben sechs anderen – auch der Berliner FSP Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas betreut wurde. MPG-Vizepräsident Franz E. Weinert ließ wenig Zweifel an der Dramatik „im Spätherbst 1991“, als in Berlin, Potsdam und Halle (Saale) Räume beschafft und „aus einer großen Zahl von Bewerbungen in einem aufwändigen Verfahren etwa 100 Wissenschaftler und eine größere Zahl nichtwissenschaftlicher Mitarbeiter ausgewählt“ werden mussten.

Mit Blick darauf, dass die FSP auf drei Jahre angelegt waren, hatte sich eine „Präsidentenkommission Geisteswissenschaften“ der MPG bereits im Sommer 1993 mit Empfehlungen an den Wissenschaftsrat gewandt. Die dortige Arbeitsgruppe arbeitete jedoch sehr langsam, was man seitens der MPG als „eine Zumutung“ (Mitchell G. Ash) ansah, weil die Arbeitsverträge der Belegschaften in den FSP zum Ende des Jahres 1994 auslaufen sollten. Es entstand so eine „Zitterpartie“, während der die Vorsitzenden der einzelnen FSP-Betriebsräte (für den Ostmitteleuropa-Schwerpunkt war das ich) eng und regelmäßig mit dem Geschäftsführer der Förderungsgesellschaft Wieland Keinath in vertrauensvollen Beratungen standen.

Aus den Akten wissen wir, dass der MPG-Verwaltungsrat im März 1994 eine Verlängerung der Betreuung der FSP um ein Jahr in Aussicht gestellt hatte. Schon im Folgemonat wurde dieser Vorschlag von der Bund-Länder-Kommission angenommen. Am 11.11.1994 schließlich veröffentlichte der Wissenschaftsrat seine „Empfehlungen zur Förderung Geisteswissenschaftlicher Zentren“. Im Interesse „interdisziplinärer, kooperativer und projektorientierter sowie kulturwissenschaftlich und international ausgerichteter Forschung in den Geisteswissenschaften“ sollten diese zu Anfang 1996 gegründet werden.

Erste Leipziger Adresse nach dem Umzug aus Berlin, Archiv GWZO.

Leipzig als Standort für ein Ostmitteleuropa-Zentrum war auf Wunsch des Freistaates Sachsen und der Universität Leipzig empfohlen worden. Nach erfolgreicher Standortsuche im Leipziger Stadtteil Lindenau zog die Belegschaft des FSP Ostmitteleuropa zu Jahresbeginn 1996 von der Leipziger Straße in Berlin nach Leipzig in die Luppenstraße um. Auf institutionell gesicherterer Grundlage konnten Geschichte und Kultur im Osten der Mitte Europas nun von hieraus neu in den Blick genommen werden. Vertreter*innen von Geschichtswissenschaften, Literaturgeschichte, Kunstgeschichte, Archäologie und Namenkunde arbeiteten weiterhin erfolgreich interdisziplinär und in vergleichender Absicht zusammen.

Bereits in seiner Vorgeschichte hat das GWZO aus dem Osten in den Westen gewirkt, was dort sowohl Mitnahme- als auch Nachahmungseffekte bewirkte. Unmittelbar nachdem Ostmitteleuropa 1992 in den Namen des Forschungsschwerpunktes gekommen war, wurde die Marburger „Zeitschrift für Ostforschung“ mit einem neuen Konzept ausgestattet und erscheint seit 1993 als „Zeitschrift für Ostmitteleuropaforschung“2. Herausgebereinrichtung ist das Herder-Institut, das sich selbst vor circa zehn Jahren in „Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung“ umbenannte. Das geschah, als sich nach erfolgreichem Antrag des Freistaates Sachsen auf dauerhafte Bund-Länder-Finanzierung für das GWZO jene institutionell gesicherte Zukunft in der Leibniz-Gemeinschaft abzuzeichnen begann, die im Ergebnis einer erneuten Evaluierung durch den Wissenschaftsrat 2017 zur außeruniversitären Instituts-Wirklichkeit wurde.

Beim Jubiläumsrückblick auf die Instituts-Vergangenheit des GWZO Leipzig wurde der Erinnerung an die Berliner Jahre nur wenig Raum gegeben. Ich habe mich diesem Zeitraum zugewandt, weil er sowohl zur Vor- und Erfolgsgeschichte des Leibniz-Instituts für Geschichte und Kultur des östlichen Europa, als auch zur Nachwendegeschichte der außeruniversitären geisteswissenschaftlichen Forschung in der Bundesrepublik Deutschland gehört.


  1. Siehe hierzu auch den Beitrag von Krijn Thijs in dieser Blogserie über die Entstehungsgeschichte des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF), welches in den 1990er Jahren ebenfalls zunächst als Forschungsschwerpunkt der Max-Planck-Gesellschaft entstanden ist. ↩︎
  2. Siehe Heidi Hein-Kircher und Antje Coburger, die in ihrem Blogbeitrag “Kontinuitäten der Ostforschung am Herder-Institut” den (langen) Weg dorthin darlegen. ↩︎

Titelbild: Archiv GWZO.

Zeitgeschichte als deutsch-deutsches Unterfangen. Zur Gründung des ZZF

Krijn Thijs blickt auf die Anfangsjahre des ZZF Potsdam und beleuchtet die besonderen Herausforderungen wie Chancen, die sich in den frühen 1990ern für die zeitgeschichtliche Forschung boten.

Das Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) ist heute eine prägende Institution auf dem Gebiet der deutschen Zeitgeschichte. Seine Wurzeln liegen im Vereinigungsprozess nach 1990, womit es ein seltenes Beispiel für eine deutsch-deutsche Institutionalisierung im Fach darstellt. Rückblickend mag es überraschen, wie umstritten dieses Vorhaben damals war.

Today, the Leibniz Centre for Contemporary History Potsdam (ZZF) is a leading institution in the field of German contemporary history. Its roots lie in the reunification process following 1990, representing a rare example of cross-German institutionalisation in the field. Looking back, it may come as a surprise just how controversial the endeavor was at the time.


Der „Forschungsschwerpunkt zeithistorische Studien“ ging aus der Auflösung der Akademie der Wissenschaften (AdW) hervor, die Ende 1991 abgewickelt wurde. Seine ersten Mitarbeiter bauten also auf DDR-Karrieren auf. Dieser Umstand war in der Zeitgeschichtsforschung damals schwer vermittelbar und führte 1993-1994 zu heftigen Kontroversen, bis ein prominenter Mitarbeiter als ehemaliger MfS-Informant enttarnt und gekündigt wurde. Erst danach wurde die Personaldiversität als potenzielle Wissenschaftsressource erkennbar, die dem Forschungsschwerpunkt (FSP) auf Dauer Glaubwürdigkeit verliehen hat.

Dieser Blogbeitrag wirft einige Schlaglichter auf diese frühesten Jahre, als die ostwestliche Kluft alltagsprägend war, DDR-Personalien als Last gehandelt wurden und die Zentren-Gründer etwaige Kontinuitätslinien unsichtbar machen wollten.

Das ehemalige Gebäude der geisteswissenschaftlichen Institute der Akademie der Wissenschaften der DDR in Berlin-Weißensee (Prenzlauer Promenade 149-152), das Ende 1991 abgewickelt wurde. Hier fand die erste FSP-Sitzung statt. Seit 2001 werden darin Räume an Künstler:innen vermietet (Atelierhaus). Momentan wird das Gebäude saniert (Stand 2026). Fotos: Krijn Thijs, Sommer 2023.


Institutionalisierung einer Innovation

Ein erstes Beispiel für diese Hürden der Frühzeit bietet die schwierige Institutionalisierung, die im Westen der Bundesrepublik kaum durchsetzbar war. Zwar gab es die allgemeine Idee, dass aus dem Umbruch ein neues Forschungsinstitut zur DDR-Geschichte hervorgehen sollte. Aber wer es gründen, leiten und die Stellen besetzten sollte, war völlig offen. Viele hielten die ostdeutschen Geisteswissenschaften flächendeckend für diktaturgeschädigt. Das Münchener Institut für Zeitgeschichte wollte deshalb eine eigene Zweigstelle in Ost-Deutschland eröffnen. Bürgerrechtler plädierten für ein Forschungszentrum bei den MfS-Archiven. Und westdeutsche Reformer im Wissenschaftsrat, die 1990 die AdW evaluiert hatten, strebten eine „durchmischte“ Neugründung an. Evaluierungsleiter Jürgen Kocka entwarf dafür selbst die ersten Skizzen. Er schlug vor, die Geschichte der DDR sozialgeschichtlich und diktaturvergleichend zu erforschen. So empfahl es dann auch 1991 der Wissenschaftsrat, trotz Widerstand aus Bayern und CDU-geführten Bundesministerien, mit Ortsvorschlag Potsdam.

Es musste hart um diese „Innovation“ gerungen werden, bis sieben solcher geisteswissenschaftlichen „Zentren“ im Osten in die Verantwortung der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) kamen. Diese baute dann reihenweise Vorbehalte ein: man nannte sie nicht Zentren, sondern „Forschungsschwerpunkte“; sie wurden nicht fest, sondern als dreijährige Übergangslösungen eingerichtet; ihre Mitarbeiter wurden nicht von der MPG, sondern bei einer zwischengelagerten Tochtergesellschaft angestellt. In dieser Pufferzone kamen 100 befristete Stellen für „positiv evaluierte“ Projektgruppen im Osten zustande. Erst später sollten westliche Kollegen dazukommen. Diese wissenschaftspolitischen Kämpfe liefen im Westen der vereinten Republik ab, und der Abstand zur Abwicklungsrealität im Osten war groß.

Ostdeutsche Mitarbeiter als Risiko

Schwierig war zweitens die Personalbesetzung, und sie ist aufgrund der bereits erwähnten Nachgeschichte kontrovers. Nahm die MPG bei der Übernahme der ostdeutschen Wissenschaftler:innen unnötige Risiken in Kauf, wie manchmal suggeriert wurde?1 Es ging um befürchtete und aus westlicher Sicht schwer durchschaubare „Belastungen“ aus Diktaturzeiten. Aber der Einheitsvertrag ließ kaum Zeit, um diesen auf den Grund zu gehen, und es fehlten auch Wissen und Neugierde. Der Aufbau hatte ab Sommer 1991 in einem extremen Tempo zu geschehen, weil die AdW zum Jahresende abgewickelt wurde. Dabei waren die Personaltransfers hochkomplex, und die „positiv Evaluierten“, die zur „Übernahme“ empfohlen worden waren, nur schwer identifizierbar. Namen waren unbekannt und Listen inkomplett. Die MPG schirmte die Aufbauprozedur nach außen ab: Informationsrunden wurden abgesagt, Anfragen der Betroffenen nicht beantwortet.

Ende 1991 gingen Hunderte Bewerbungen für die sieben FSP ein. Für den zeithistorischen FSP wählte eine MPG-Kommission aus 82 Kandidaten fünfzehn Forscher aus. Qualifikation und Profil waren leitend, nicht politische Gesichtspunkte. Auffällig war, dass darunter sieben Frauen waren, sowie einige renommierte DDR-Historiker. Bewerbungsgespräche gab es nicht. Statt straffer Verfahren überwogen nun Augenmaß und Improvisation.

Einige renommierte DDR-Historiker wurden an den FSP “übergeleitet”, wie Joachim Petzold, Jörg Roesler, und, hier im Einsatz beim Umzug von Ost-Berlin nach Potsdam, Anfang 1993: Peter Hübner (l.) und Olaf Groehler (r.), Foto: Joachim Petzold/ZZF ©

Explosiv wurde jetzt das Problem der „politischen Integrität“. Diesen Gesichtspunkt hatte der Wissenschaftsrat bei seiner AdW-Evaluierung übersprungen und künftigen Arbeitgebern überlassen. Die MPG und ihre zwischengelagerte Tochtergesellschaft hatten deshalb bei den Bewerbungsformularen eine extra „Erklärung“ zur „politischen Betätigung“ verteilt, die als vertrauliche Dokumente mit eingegangen waren. Darin stand auch die Frage, ob Bewerber „als Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit“ tätig gewesen waren. Das war tatsächlich das einzig harte Exklusionskriterium. Aber wie mit diesen geschlossenen Umschlägen nun verfahren? Ein BStU-Gesetz war noch nicht verabschiedet. Nach geltender Rechtslage konnte man 1991 nur leitende Mitarbeiter von der „Gauck-Behörde“ überprüfen lassen. Die MPG entschied nach mühevoller Diskussion, dass die Umschläge nur für erfolgreiche Bewerber geöffnet werden sollten, und dass danach, wenn „aufgrund der Fragebogen Integritätsbedenken bestehen, ein mündliches Gespräch“ folge.

Dieses Verfahren war theoretisch nobel, aber praktisch hilflos. Natürlich hatten sich alle Bewerber ihre eigene Integrität bescheinigt – anders ging es gar nicht. Zudem: Viele reformorientierte westliche Professoren glaubten nicht an derart Gesinnungsschnüffelei. Nach Sichtung der Fragebögen ging die MPG-Kommission einen wichtigen Schritt und nahm sämtliche Personalvorbehalte zurück:

„Uns ist klar, dass bei der von uns gewählten Vorgehensweise keine Gewähr gegeben ist, daß nicht im einen oder anderen Fall später Informationen über rechtlich oder moralisch völlig unakzeptables Verhalten in der Vergangenheit auftauchen werden, deren Kenntnis uns von einem Einstellungsvorschlag abgehalten hätte. Wenn sich in einem solchen Fall die Antwort auf die Stasi-Frage nachträglich als falsch herausstellen sollte, hätte man hier eine arbeitsrechtliche Handhabe. Wo das nicht der Fall ist, muß möglicherweise die dreijährige Einstellungszeit ertragen werden.“

So stellte die MPG die Unschuldsvermutung ihrer ostdeutschen Mitarbeiter voran und münzte mögliche Integritätsprobleme auf die Frage der Falschaussage im Formular um. Das „Risiko“ von Personaldiskussionen war in der Praxis der Vereinigung die Bedingung für fachliche Ostwest-Zusammenarbeit geworden – vorneweg ausschließen konnte man sie nicht. Manche fanden diesen Preis zu hoch, für andere galt es, diese Unsicherheit gelassen zu „ertragen“.

Zu den letzteren zählte Jürgen Kocka, der das zeithistorische Zentrum entworfen hatte und nun kommissarisch aufbaute. Neben seinen persönlichen und fachpolitischen Ambitionen lag in seinem Einsatz auch ein bewusster Beitrag zur Vereinigung der Deutschen und ihrer Historiker, bzw. eine Möglichkeit, diese Einheit nach seinen Vorstellungen – und Sorgen – zu prägen. Es ging darum, „neue Sonderwege“ (Kocka) zu verhindern und bundesdeutsche Demokratie und Wissenschaftsstandards im Osten zu etablieren, samt sozialhistorischer Ideale von „Geschichte als Aufklärung“. Dazu wollten Kocka und seine Mitstreiter den Jüngeren und Aufgeschlossenen der akademischen DDR-Eliten neue Chancen bieten, ganz im Sinne der Reeducation-Idee. Kocka kam also nicht im Geiste der Euphorie oder der Siegesgewissheit daher, wie etwa sein Kollege Heinrich August Winkler, der zur gleichen Zeit seine Durchsetzungskämpfe an der Humboldt-Universität austrug, sondern er verkörperte einen Habitus von notwendiger Anstrengung und zäher Ausdauer. Weniger patriarchalisch war sein Ansatz deswegen nicht.

Jürgen Kocka beim Umzug nach Potsdam, Anfang 1993, mit Mitarbeiterinnen Waltraud Peters (l.) und Anke Wappler (r.). Als kommissarischer Gründungsdirektor hielt Kocka die Fäden des neuen Zentrums straff in der Hand: Die wissenschaftlichen Leitbilder von Rationalität, Leistung und Argumentationsführung waren alle westlich verbürgt. Dennoch waren ihm seine ostdeutschen Mitarbeiter bald sehr zugetan – ihr fachliches „Überleben“ hing nun von Kockas Führungskünsten ab. Foto: Joachim Petzold/ZZF ©

Streit um die Biographien

Drittens waren die deutsch-deutschen Differenzen auch aus Sicht der ostdeutschen „Ausgewählten“ allgegenwärtig. Auch sie fingen ein unsicheres Abenteuer an, denn Anfang 1992 war der spätere Erfolg des FSP überhaupt nicht abzusehen. Man begegnete sich erstmals auf einer Einführungsveranstaltung Mitte Januar, noch im alten Plattenbau der Akademie. Hier trafen sich ein gutes Dutzend künftiger Kollegen, die man alle aus DDR-Zeiten kannte. Es sprachen zwei MPG-Vertreter aus München, neben Kocka, den man wenigstens von den Evaluierungen her kannte. Für die meisten im Raum war das eine unverhoffte Chance aus der Abwicklungskrise.

Die neue Institution startete also ohne Feier und ohne Presse, sondern mit einer internen, unscheinbaren Arbeitsbesprechung im Osten Berlins. Die personelle Zusammensetzung galt als Risiko, das nur unter dem Signum der Vorläufigkeit und der engen Betreuung tragbar war. Kocka lud nach und nach westdeutsche Kollegen und amerikanische Gastwissenschaftler zu den Projektberatungen ein. Erst nach einem Jahr, Anfang 1993, gelang der Umzug nach Potsdam. Dort begann die „Durchmischung“ mit einigen westdeutschen Kollegen. So startete eine bislang ungeübte Fachdiskussion, die im Abwicklungsfuror selten geworden war, und sich immer überzeugender als Weg zur deutsch-deutschen Verständigung präsentieren ließ.

Anderthalb Jahre nach Arbeitsbeginn, im Juni 1993, fand die Eröffnungskonferenz statt, die endlich den Blick der fachlichen und breiteren Öffentlichkeit auf diesen FSP lenkte. Das Ergebnis war ein großer Streit um die ostdeutschen Forscherbiographien, wobei sich westdeutsche Konservative mit ostdeutschen Bürgerrechtlern zusammentaten, um im Feuilleton der F.A.Z. die Glaubwürdigkeit „belasteter“ DDR-Historiker und damit Kockas Institut zu demontieren. Dieser stellte sich öffentlich vor seine Mitarbeiter und motivierte sie – manchmal vergebens – zu öffentlichen Stellungnahmen, beispielsweise an einem heißen Diskussionsabend mit Kritikern im Dezember 1993 am FSP. Viele Ostkollegen wurden in diesen Monaten mit ihren DDR-Veröffentlichungen konfrontiert, alle waren irgendwie angreifbar – übrigens nicht nur von alten Gegnern und Dissidenten, sondern auch von alten Genossen, die in Potsdam „schon erstaunliche Anpassungsleistungen“ beobachteten.2 Als Journalisten bei Kocka anfragten, ob und mit welchem Ergebnis die Belegschaft denn von Gauck überprüft worden wäre, belastete das die Stimmung in Potsdam sehr. Die Frage fand ein Jahr später, im Juni 1994, ihre Antwort, als FSP-Mitarbeiter Olaf Groehler von seinen alten Kritikern öffentlich als ehemaliger Stasispitzel enttarnt wurde. Die Affäre wurde am FSP als tiefe Niederlage empfunden – auch wegen Groehlers Unaufrichtigkeit.

FSP-Mitarbeiter Jürgen Danyel äußert sich in der Diskussionsveranstaltung am 8. Dezember 1993. Mit der Hand auf dem Herzen verteidigt er sich und seine älteren Kollegen gegen die Kritik am Umgang mit ihren wissenschaftlichen Biographien aus DDR-Zeiten. Foto: Joachim Petzold/ZZF ©

Das Institut überlebte diese letzte Krise nur knapp, und ging doch gestärkt aus ihr hervor. Dass es sich langfristig stabilisieren konnte, lag auch an einer schleichenden Um- bzw. Neubewertung nach den ersten Einheitsjahren: nämlich die Anerkennung, dass aus Ost und West auch in wissenschaftlicher Hinsicht „etwas neues“ entstehen könnte, wo „innere Spannungen nicht nur belasten, sondern auch anregen“, wie Kocka betonte.3 Eine Idylle wurde das nicht, angesichts der vielen Exklusionen und abgebrochenen Neuanfänge unter ostdeutschen Geschichtswissenschaftlern in den Jahren der Transformation. Über die Anstrengungen einer deutsch-deutschen Fachdebatte, das hatte die Etablierung des FSP Zeithistorische Studien gezeigt, konnte die Wissenschaft aber wenigstens an Glaubwürdigkeit gewinnen, und damit einen Weg in die Zukunft weisen.


1 Dazu: Hermann Wentker, „Die Gründung der Außenstelle Potsdam des Instituts für Zeitgeschichte in einer Forschungslandschaft im Umbruch“, Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 72 (2024), S. 733-755.

2 Jochen Černý, Rezension zu Kocka „Historische DDR-Forschung. Aufsätze und Studien (1993)“, Utopie Kreativ 49 (1994), S. 77-80, hier 80.

3 Jürgen Kocka, „Produktive Mischung aus Osttradition und westlich geprägter Erneuerung”, Das Parlament, 11.9.1992, S. 16.


Titelbild: Podiumsveranstaltung “Die SED und die Historiker”, am 8. Dezember 1993 in Potsdam. Von links: Gründungsdirektor Jürgen Kocka (Berlin), Hermann Weber (Mannheim), Peter Steinbach (Berlin), und Stefan Wolle (Berlin) [nicht sichtbar: Mitchell Ash (Iowa)]. Foto: Joachim Petzold/ZZF ©

Kontinuitäten der Ostforschung am Herder-Institut

Heidi Hein-Kircher und Antje Coburger über die ideologischen und personellen Kontinuitäten der Ostforschung am Herder-Institut von der Gründung 1950 bis in die frühen 1990er Jahre.

Zentrum der Ostforschung wurde 1950 des Herder-Institut in Marburg. Der Beitrag verweist auf ideologische und personelle Kontinuitäten eines Forschungsparadigmas der Weimarer und NS-Zeit. Das Herder-Institut sollte an die Volks- und Kulturbodenforschung anknüpfen und die deutschen zivilisatorischen Leistungen in Ostmitteleuropa erforschen.

In 1950, the Herder Institute in Marburg became the center of research on East Central Europe. This article highlights the ideological and personnel continuities of a research paradigm dating back to the Weimar and Nazi times. It was intended to build on the research into “Volksboden” and “Kulturboden” and to investigate Germany’s civilizational achievements there.


Die Anfänge und Entwicklung des Herder-Instituts (HI) bis in die frühen 1990er Jahre waren von ideologischen und zunächst auch von personellen Kontinuitäten aus der Weimarer Republik und des NS gekennzeichnet. Die Akteure standen auf dem Boden des gesellschaftlichen und politischen Grundkonsenses, der in Bezug auf die Grenzen von 1937 rechtlich sanktioniert war. Sie waren bestrebt, die Ostforschung im Sinne der früheren Forschungen zum Deutschtum im Osten voranzubringen, jedoch nicht danach, die nicht-deutsche Geschichte der Region zu analysieren.

Das Herder-Institut als „neue Puste“

Bereits direkt nach Kriegsende sollte die Ostforschung so fortgeführt werden, wie sie sich seit der Weimarer Zeit begonnen hatte herauszubilden, nämlich als fächerübergreifende Forschung zum „deutschen Osten“. Es entwickelte sich ein Wettlauf um ihre Wiederbelebung. Die (neu)gegründeten regionalgeschichtlichen Kommissionen und der Göttinger Arbeitskreis mit dem Schwerpunkt auf der deutschbaltischen und russlanddeutschen Geschichte hatten eigene Ideen entwickelt, wie die Ostforschung weiterzuführen sei. Den Wettlauf gewannen jedoch die Initiatoren des Herder-Forschungsrates (HFR), indem sie im April 1950 das Herder-Institut gründeten. Nach dem Münchener Historikertag kam es noch 1949 zu einer Tagung, um die Wissenschaftler zu sammeln und anzuspornen, die Publikationsstelle („Puste“), wie sie seit 1931 beim Preußischen Staatsarchiv bestanden hatte, zu erneuern. Der Bund solle eine verantwortungsvolle Ostforschung sichern. Ein solches Institut sei umso wichtiger, so Johannes Papritz, Historiker und Direktor der Marburger Archivschule (1954-1963), im Jahr 1950, weil eine Verankerung der Ostforschung als Forschung zum „deutschen Osten“ an den Universitäten nicht zu erwarten sei. In diesem Geiste wurden der HFR als Trägerverein und das HI gegründet: Es ging um den Anspruch, die Ostforschung der Weimarer und NS-Forschungseinrichtungen, insbesondere die Publikationsstelle Berlin-Dahlem (Puste), fortzuführen.

Das erste Institutsgebäude, die sog. Burse (erbaut um 1876), Am Rotenberg 21, Marburg. Foto: C. Junghänel, HI Bildarchiv.

Der Herder-Forschungsrat als „Akademie“ der Ostforschung

Ambitioniertes Ziel der HFR-Gründer war es, dass das HI den Mittelpunkt der künftigen Ostmitteleuropaforschung bilden sollte. Der HFR wurde wie eine Akademie der Wissenschaften konzipiert: Maximal 40 Mitglieder sollten berufen werden. Erste Mitglieder des Forschungsrates waren Geistes- und Sozialwissenschaftler, deren biografische Wurzeln und akademische Karrierestationen in Gebieten östlich der Oder-Neiße-Grenze lagen, die vom deutschen Volkstumsgedanken und allgemein völkischen Vorstellungen geprägt waren. Ziel der HFR-Arbeit war es, den Status der Ostforschung als einer in Kategorien des „Volkstums“ denkenden fächerübergreifenden Disziplin, die auf die Erforschung deutscher Bevölkerung und Kulturleistungen in Ostmitteleuropa gerichtet war, im deutschen Fächerkanon als „Ganzheitsforschung“ mit einem Fokus auf das östliche Mitteleuropa zu erhalten.

Die „zusammengeschmolzene Schar der Ungebrochenen“, wie das Editorial im ersten Heft der Zeitschrift für Ostforschung diese Ostforscher mit einem gewissen Respekt charakterisiert, bestand somit auch aus Wissenschaftlern, die an den ehemaligen Ostuniversitäten Posen, Breslau und Königsberg wissenschaftlich sozialisiert worden waren. Ein großer Teil der Mitarbeiter des Instituts und des Forschungsrats hatte vor 1945 auch dem Wissenschafts- und Behördenapparat des „Dritten Reiches“ angehört und war in unterschiedlichem Ausmaß in die Bearbeitung politisch-ideologischer Fragestellungen und die nationalsozialistische Politik hinsichtlich der Deutschen im europäischen Osten eingebunden.

Personelle Kontinuitäten

Die Gründergeneration stand also personell wie inhaltlich stark in der Tradition der deutschen Ostforschung der Zwischenkriegszeit und des Nationalsozialismus. Die ersten Forschungsrats-Präsidenten Hermann Aubin, Eugen Lemberg, Günther Grundmann und Kurt Dülfer, sowie die Institutsdirektoren der Anfangsjahre, Werner Essen, Erich Keyser und Hellmuth Weiss, stehen für diese Kontinuitäten. Die Gründungsväter des HFR waren jedoch mehr als nur vertriebene oder geflohene Wissenschaftler, bzw. Wissenschaftler, die Aufgrund des Zusammenbruchs des Deutschen Reiches ihre Stellung verloren hatten: Sie bezeichneten sich als ein „alter Freundeskreis“, der sich zusammengefunden habe, um „die verstreuten Kräfte zu sammeln und neue Forschungsstätten aufzubauen.“ Hierbei beschreibt „alter Freundeskreis“ euphemistisch einen engen Kern von scheinbar weniger belasteten Ostforschern, weil beispielsweise der stark NS-belastete Peter Heinz Seraphim nicht eingeladen war.

Im Gebäude der Deutschen Burse war das Herder-Institut 1950-52 untergebracht. Foto: Dokumentesammlung Herder-Institut, ohne Signatur.

Keine programmatische „Stunde Null“

Die Gründerväter standen insgesamt in ideologischer Tradition der Volks- und Kulturbodenforschung und der Forschungen zum Grenz- und Auslandsdeutschtum, ohne dass sie eine inhaltliche Selbstkritik übten. Die Akteure grenzten die Ostforschung von der Osteuropaforschung, verstanden als Russlandforschung, und von der Südosteuropaforschung ab. Es ging ihnen um die Beforschung der Regionen, die mit deutschsprachiger Bevölkerung durchdrungen waren. Papritz folgerte etwa 1950, dass verhindert werden müsse, dass nach dem „Verlust der deutschen Ostgebiete“ auch die Erinnerung an die historische Leistung des dortigen Deutschtums verloren ginge. Bei der Gründungsversammlung des HFR und des HI betonte Hermann Aubin im April 1950: „Wir brauchen uns nicht umzustellen. Natürlich geht es weiter, wie stets, um die reine Wahrheit.“ Diese Worte verweisen klar auf einen fehlenden Willen zu einem programmatischen Neuanfang.

Kontinuitäten völkischen Gedankenguts

Die Gründungsrede Aubins knüpft an die Volks- und Kulturbodenforschung und das Narrativ des an den Rändern bedrohten Auslands- und Grenzdeutschtums der Zwischenkriegszeit an. Er postulierte zwar einen „neuen Anfang der Ostforschung“, seine Gründungsrede verweist jedoch schon auf sprachlicher Ebene auf eine geringe Distanzierung vom Osteuropa-Bild der althergebrachten Ostforschung, zu dessen Repräsentanten er vor 1945 auch gehört hatte. Dies wird etwa in seinem Urteil über die Vertreibung der Deutschen deutlich: Es habe sich die „völkische Zusammensetzung“ der „Osthälfte unseres Erdteiles“ verändert, da früher die „räumliche Durchdringung der Völker ein Kennzeichen dieses Raumes war“. „Zwei Kulturkreise ausgeprägten Charakters“ würden in Ostmitteleuropa als unversöhnliche Lager aufeinanderprallen. Es sei eine „Entmischung versucht worden, die ihn von [deutschen] Elementen entleert hat, die zum Teil seit Jahrhunderten seine Gesittung bestimmt oder mitbestimmt haben.“ Er stellte eine „Ostausbreitung der abendländischen Kultur“ fest, die durch deutsche Vermittlung weit über die Ostgrenze des deutschen Volksbodens hinausgedrungen“ sei. Diese Haltung repräsentiert das Abendland-Denken als Teil eines kulturellen Überlegenheitsgefühls, das mit der Vorstellung einer Zivilisierungsmission einherging.

Bauzeichnung der Hensel-Villa (erbaut 1906), die heute das Institut beherbergt. Foto: Dokumentesammlung Herder-Institut, Signatur: DSHI_200_HFR_HI_958_6.

Entwicklung des HI seit 1950

Die zuständigen Ministerien, das Bundesministerium des Inneren und das Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen, sahen das Herder-Institut als Einrichtung wissenschaftlicher Grundlagenforschung. Insgesamt zeigen die Förderrichtlinien, dass die Arbeit des HI letztlich bis 1994 mit den ostpolitischen Zielsetzungen der Bundesregierung verbunden war. Zugleich sollte seine Arbeit nicht zu innen- oder außenpolitischen Belastungen führen.

Insgesamt wuchs das HI jedoch seit Mitte der 1950er Jahre trotz dieser politischen Prämissen zu einer Kontaktstelle des Austausches mit osteuropäischen Kollegen heran, obwohl die Deutschtumszentrierung hierfür ein Problem blieb. Das HI folgte bis Ende der 1980er Jahre dem Paradigma der Ostforschung, sodass die großen Zäsuren und Veränderungen in der Ostpolitik und in Osteuropa nur verspätet und schrittweise zu einem veränderten Arbeitsprofil führten. Erst Mitte der 1990er Jahre wurde nominell und institutionell der Wandel des Selbstverständnisses von deutschtumszentrierter Ost- zu einer komplexen, integrativen und auf die Entwicklung der jeweiligen Nationen ausgerichteten Ostmitteleuropaforschung vollendet. Ergebnis dieses Prozesses waren die Umbenennung der Zeitschrift für Ostforschung in Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung und die Aufnahme des HI in die Leibniz-Gemeinschaft.


Literatur

Aubin, Hermann: An einem neuen Anfang der Ostforschung, in: Zeitschrift für Ostforschung 1 (1952), S. 3-16. DOI: 10.25627/1952118

Hackmann, Jörg: „An einem neuen Anfang der Ostforschung“. Bruch und Kontinuität in der ostdeutschen Landeshistorie nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Westfälische Forschungen 46 (1996), S. 232-258.

Hein-Kircher, Heidi / Schutte, Christoph: Von der Zeitschrift für Ostforschung zur Zeitschrift zur Ostmitteleuropa-Forschung / Journal of East Central European Studies – eine programmatische Titeldebatte, in: Matthias Chichon et al. (Hrsg.): Den Slawen auf der Spur. Festschrift für Eduard Mühle zum 65. Geburtstag, Marburg 2022, S. 249-268.

Kleindienst, Thekla: Die Entwicklung der bundesdeutschen Osteuropaforschung im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Politik, Marburg 2009.


Titelbild: Zeichnung Villa des Prof. Dr. Kurt Hensel (erbaut 1905), dem heutigen Direktionsgebäude am Gisonenweg, HI, Album 3_014a.


Der Gegenwartssprache auf der Spur: Die zentrale Gründungsformel des Instituts für Deutsche Sprache

Stefan Scholl geht der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bei der Gründung des IDS auf den Grund.

Welche wissenschaftlichen und wissenschaftsstrategischen Zielsetzungen prägten die Anfangszeit des 1964 gegründeten Instituts für Deutsche Sprache? Und welche Rolle spielte die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bei der Gründung dieser zentralen Einrichtung der germanistischen Linguistik?

What were the scientific and strategic formula that characterized the foundation of the Institute for the German Language in 1964? And what role did the reflection of the past play within this foundation of one of the main institutions in German linguistics?


Nach einigen Vorüberlegungen und Abstimmungsprozessen hinter den Kulissen wurde im April 1964 die Gründung des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) verkündet. Im Gegensatz zu den historisch ausgerichteten Einrichtungen außeruniversitärer Forschung, die naturgemäß den Stellenwert der Vergangenheit für ein besseres Verständnis gegenwärtiger Entwicklungen betonten, spielte die Beschäftigung mit der Vergangenheit als Untersuchungsgegenstand bei der Gründung des IDS keine große Rolle.1 Mehr noch: Der Gründerkreis grenzte sich bewusst von einer traditionell weiter zurückliegende Sprachperioden untersuchenden Germanistik ab und legte den Fokus explizit auf die Analyse der Gegenwartssprache. Erforschung und Dokumentation der deutschen Gegenwartssprache war mithin die zentrale, in der Satzung festgeschriebene Legitimationsformel des neu gegründeten linguistischen Instituts, wobei nicht klar definiert wurde, welche zeitliche Dimension die Gegenwartssprache umfasste. So bestand in den ersten Jahren beispielsweise eine „Kommission zur Sprache des Nationalsozialismus“, in der u.a. Cornelia Berning tätig war, die 1964 ihre Arbeit zum „Vokabular des Nationalsozialismus“ veröffentlicht hatte. Auch wurden beim Aufbau eines Textkorpus der deutschen Sprache mitunter literarische Texte aus der ersten Jahrhunderthälfte sowie zurückliegende Jahresquerschnitte von Zeitungen berücksichtigt, etwa des „Neuen Deutschland“ und der „Welt“ von 1954.

Der Gründungskontext des IDS

Die Initiative ging maßgeblich von zwei Personen aus: von Hugo Moser, damals Inhaber eines Lehrstuhls am Germanistischen Seminar der Universität Bonn, sowie Leo Weisgerber, dem Begründer der sog. Sprachinhaltsforschung, der ebenfalls an der Universität Bonn lehrte. Zum Gründerkreis des IDS gehörten außerdem die Professoren Rudolf Hotzenköcherle aus Zürich, Karl Kurt Klein aus Innsbruck, Friedrich Maurer aus Freiburg und Jost Trier aus Münster sowie der Leiter der in Mannheim ansässigen Duden-Redaktion, Paul Grebe, und schließlich Walter Hensen, Vorsitzender der seit 1947 bestehenden Gesellschaft für deutsche Sprache.

Genehmigungsurkunde zur Gründung des IDS vom 10. Juni 1964, Quelle: ÖA, IDS Mannheim

Von Beginn an wurde das IDS, lange Zeit auf verschiedene Standorte in Westdeutschland und Österreich verteilt, als wissenschaftliche Einrichtung konzipiert, die sich auf die Dokumentation und Erforschung der deutschen Gegenwartssprache konzentrieren sollte. Um diese Akzentuierung zu verstehen, muss man sich die Ausrichtung germanistisch-linguistischer Forschung im 19. und frühen 20. Jahrhundert vor Augen halten. Denn diese war zu großen Teilen historisch orientiert und interessierte sich primär für die Herkunft und geschichtlichen Entwicklungsstufen der „germanischen“ Sprachen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spiegelte sich dieser Umstand auch in der universitären Lehrpraxis wider. Im Studienplan des Fachs dominierten „neben literaturwissenschaftlichen Veranstaltungen in erster Linie Vorlesungen, Seminare und Übungen zum Alt- und Mittelhochdeutschen. Gotisch und Altisländisch konnten hinzukommen. Die Gegenwartssprache kam allenfalls in der Dialektologie vor“.2 Auch die meisten der „Gründungsväter“ des IDS selbst waren fachlich gesehen Altgermanisten oder Dialektologen.

Erhöhtes Sprachbewusstsein nach 1945

Zugleich wuchs aber speziell nach 1945 das Bewusstsein dafür, dass sich Sprache auch in der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart wandelte und gesellschaftliche Wirkung entfaltete. Insbesondere sprachkritische Arbeiten erschienen in der Nachkriegszeit vermehrt: Victor Klemperers „LTI“ (1947), das „Wörterbuch des Unmenschen“ von Dolf Sternberger u.a. (1957), aber auch Betrachtungen zur „Sprache in der verwalteten Welt“, wie ein Essay des Publizisten Karl Korn 1958 betitelt war. Daneben gab es – teils kulturkritisch geprägte – Beobachtungen zur Ausbreitung von Fremdwörtern, vor allem Anglizismen, aber beispielsweise auch zu umgangssprachlichen Veränderungen des Konjunktivs oder des Gebrauchs der Fälle.

Die Gegenwartssprache im Fokus

Obwohl das IDS selbst nicht sprachkritisch oder -normierend tätig sein wollte, bildeten derartige zeitgenössische Sprachbeobachtungen doch den Hintergrund, vor dem das zentrale Anliegen des Instituts plausibilisiert werden konnte, nicht zuletzt gegenüber potenziellen staatlichen und privaten Geldgebern.3 Es hinge, so verkündete Jost Trier die Gründung des Instituts am 19. April 1964, „mit der Geschichte der Germanistik als Wissenschaft zusammen, daß die Probleme des gegenwärtigen Sprachzustandes lange Zeit hinter den Fragen der Genese zurücktraten und noch immer spürbar zurückliegen.“ Man lebe jedoch in einer Zeit, „in der jedem Zeitgenossen eindringlicher als jemals früher täglich klar gemacht wird, daß unaufhörlich Veränderungen in unserer Sprache vor sich gehen. Diese Veränderungen in status nascendi zu beobachten, sie auf den Grad ihres Eingreifens in das Gefüge der Muttersprache, die Richtungen ins Auge zu fassen, in denen sie verlaufen und voraussichtlich verlaufen werden, kurz ihre allgemeine Trift zu erkennen, wäre Hauptaufgabe eines solchen Instituts.“4

In diesem Sinne betätigten sich die Mitarbeitenden in der Anfangszeit des Instituts vor allem in Projekten des Korpusaufbaus, der maschinellen Sprachverarbeitung, der Dokumentation und Beschreibung aktueller grammatischer Strukturen des Deutschen, des kontrastierenden Sprachvergleichs sowie in der Untersuchung möglicher divergierender Sprachentwicklungen in Ost- und Westdeutschland.

Titelbild des IDS-Jahrbuchs von 1968, Quelle: eigenes Foto

Der explizite Fokus manifestierte sich auch in der Betitelung der ersten Publikationsreihen: „Sprache der Gegenwart“ ab 1967 und „Heutiges Deutsch“ ab 1971. Allerdings wurde im ersten Band von „Sprache der Gegenwart“ zugleich betont, dass eine „diachronische [d.h. historische, S. Sch.] Betrachtungsweise“ im Institut keinesfalls kategorisch ausgeschlossen werde. Als Beweis wurde die Gründung einer „Kommission für älteres Neuhochdeutsch“ angeführt.5 Auch einige Themensetzungen früher Jahrestagungen machen deutlich, dass sprachgeschichtliche Fragestellungen durchaus ihren Platz am IDS fanden: 1968 „Diachronische und synchronische Betrachtung des heutigen Deutsch“, 1976 „Sprachwandel und Sprachgeschichtsschreibung“. Der Schwerpunkt des Instituts blieb allerdings gewahrt. Als im Kuratorium des IDS im September 1966 darüber berichtet wurde, dass verschiedentlich „Wünsche nach Ausweitung der Tätigkeit des Instituts ins Historische“ an den Institutspräsidenten Hugo Moser herangetragen würden, vermerkte das Protokoll entschiedenen Widerspruch. Eine solche Ausweitung sei „abschreckend“ und „keineswegs werbewirksam“, vom Institut werde „anderes erwartet“.6

In die Satzung des Instituts aufgenommen wurde eine explizit „historische“ Dimension erst im Juni 1992. Dazu kam es, als infolge der Auflösung des Zentralinstituts für Sprachwissenschaft der DDR 22 Mitarbeitende mit u.a. sprachhistorischer Expertise ans IDS kamen. Im Jahresbericht heißt es hierzu erläuternd, die Konzentration auf die Gegenwartssprache erfahre „eine sachlich notwendige Abrundung und Vertiefung durch Forschungen, die die Entwicklung der deutschen Sprache in ihrer neueren Geschichte etwa bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen und ihren laufenden Veränderungen in der Gegenwart nachgehen.“7 Seitdem lautet der Zweck des IDS, „die deutsche Sprache in ihrem gegenwärtigen Gebrauch und in ihrer neueren Geschichte wissenschaftlich zu erforschen und zu dokumentieren“,8 was eine Beschäftigung mit der gesellschaftlichen und politischen Wirkkraft von Sprache im 20. Jahrhundert ausdrücklich einschließt.

In den Anfangsjahren hatte das IDS seinen Sitz in der Friedrich-Karl-Straße. 1992 erfolgte der Umzug in die neuen Räume im Quadrat R5, 6-13 in der Mannheimer Innenstadt. Foto: Immanuel Giel, Creative Commons.

1 An dieser Stelle sei lediglich angemerkt, dass auch die persönliche Vergangenheit der Gründungsprotagonisten in der Frühzeit des Instituts keine Rolle spielte. Einige von ihnen waren Mitglieder der NSDAP (Jost Trier, Friedrich Maurer) bzw. verschiedener angegliederter Parteiorganisationen (Hugo Moser, Friedrich Maurer) gewesen, hatten sich zum Teil im Sinne der NS-Volkstumspolitik betätigt (Leo Weisgerber, Friedrich Maurer) oder mit ihren sprachwissenschaftlichen Forschungen und Konzepten an völkisch-nationalistischen Diskursen der 1930er und 1940er Jahre partizipiert. Vgl. hierzu Scholl/Waßmer/Dang-Anh/Müller-Spitzer, Die Frühzeit des Instituts für Deutsche Sprache (im Erscheinen).

2 Stickel, Gerhard: Die Gründerjahre des IDS, in: Kämper, Heidrun/Eichinger, Ludwig M. (Hg.): Sprach-Perspektiven. Germanistische Linguistik und das Institut für Deutsche Sprache, Tübingen 2007, S. 23-41, hier S. 27.

3 Die Dokumente des Vorstandsarchivs aus der Frühzeit des IDS werden im Rahmen eines Projekts, das vom Leibniz-Forschungsverbund „Wert der Vergangenheit“ gefördert wurde, systematisch erfasst, digitalisiert und größtenteils öffentlich zugänglich gemacht.

4 Trier, Jost: Ansprache zur Gründung des Instituts für deutsche Sprache in Mannheim, gehalten am 19. April 1964, Mannheim 1964.

5 Geleitwort, in: IDS (Hg.): Satz und Wort im heutigen Deutsch. Probleme und Ergebnisse neuerer Forschung. Jahrbuch 1965/66, Düsseldorf 1967, S. 7.

6 Zitiert nach: Haß, Ulrike: Das Institut für deutsche Sprache Mannheim 1964 bis 1971. Forschungsplanung und Paradigmendiskussion in den Anfangsjahren, in: Geschichte der Germanistik. Mitteilungen, Heft 31/32 (2007), S. 87-104, hier S. 100.

7 IDS (Hg.), Das Institut für Deutsche Sprache im Jahre 1992. Jahresbericht, Mannheim 1993, S. 5.

8 So auch in der erneuerten Fassung der Satzung vom 26.11.2021, einsehbar unter: https://www.ids-mannheim.de/fileadmin/org/pdf/Satzung_IDS_2021-11-26_.pdf (18.03.2026).


Weiterführende Literatur

Berens, Franz Josef: Zur Frühgeschichte des IDS, in: IDS (Hg.): Ansichten und Einsichten. 50 Jahre Institut für Deutsche Sprache, Mannheim 2014, S. 52-63.

Haß, Ulrike: Das Institut für deutsche Sprache Mannheim 1964 bis 1971. Forschungsplanung und Paradigmendiskussion in den Anfangsjahren, in: Geschichte der Germanistik. Mitteilungen, Heft 31/32 (2007), S. 87-104.

Scholl, Stefan/Waßmer, Lea/Dang-Anh, Mark/Müller-Spitzer, Carolin: Die Frühzeit des Instituts für Deutsche Sprache – Einblicke aus der Erschließung des Vorstandsarchivs, in: Sprachreport. Informationen und Meinungen zur deutschen Sprache 32/2 (im Erscheinen).

Stickel, Gerhard: Die Gründerjahre des IDS, in: Kämper, Heidrun/Eichinger, Ludwig M. (Hg.): Sprach-Perspektiven. Germanistische Linguistik und das Institut für Deutsche Sprache, Tübingen 2007, S. 23-41.


Titelbild: Eingang des Gebäudes, in dem das IDS anfangs beheimatet war, Quelle: ÖA, IDS Mannheim

Deutsche Geschichte als Problem und Ressource. Zum gesellschaftlichen Orientierungswert historischer Forschung außerhalb der Universitäten

Der Beitrag von Joachim Berger und Gregor Feindt diskutiert Fragen, welche bei der Tagung “Deutsche Geschichte, europäische Zukunft?” aufgeworfen wurden und leitet eine Blogserie zur Gründung und Neuorientierung außeruniversitärer Forschungsinstitute in der BRD nach 1945 und 1989 ein.

Wie sollten die historischen Wissenschaften nach 1945 in der Bundesrepublik und nach 1989 im vereinten Deutschland neu ausgerichtet werden, und welche Bedeutung wurde dabei der außeruniversitären Forschung zugesprochen? Der Blogbeitrag diskutiert übergreifende Fragen, die eine Tagung im Leibniz-Forschungsverbund “Wert der Vergangenheit” aufwarf.

How were historical sciences supposed to be realigned after 1945 in the Federal Republic of Germany and after 1989 in reunified Germany, and what significance was attached to non-university research in this context? This blog post discusses overarching questions raised at a conference held by the Leibniz Research Alliance Value of the Past.


Wenn Forschung außerhalb der Universitäten staatlich finanziert werden soll, reichen wissenschaftliche Argumente nicht aus; vielmehr muss sie mit einem gesellschaftspolitischen Bedarf begründet werden. Einen solchen Bedarf konnten die im Nationalsozialismus besonders vereinnahmten Geisteswissenschaften nach 1945 glaubhaft machen. Die Geschichtswissenschaft nahm die – von der Bildungspolitik und den Besatzungsmächten gestellte – Aufgabe an, sich auf einer erneuerten Wertebasis neu auszurichten. Das Ziel, ein von nationalistischen Verzerrungen “gereinigtes” Geschichtsbild zu schaffen und gesellschaftlich zu verankern, sollte in der jungen Bundesrepublik die Gründung verschiedener historischer Forschungseinrichtungen außerhalb der Universitäten legitimieren. Auch nach 1990 bedurfte es unter ganz anderen Vorzeichen einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen und geteilten Geschichte.

Vor diesem Hintergrund wollte die Tagung “Deutsche Geschichte, europäische Zukunft? Vom Wert einer umstrittenen Vergangenheit für die außeruniversitäre Forschung nach 1949 und 1989” (2. bis 4. April 2025, Mainz) des Leibniz-Forschungsverbunds “Wert der Vergangenheit” herausarbeiten, wie die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit zu einer Ressource für die außeruniversitäre historische Forschung in der frühen Bundesrepublik und im vereinigten Deutschland wurde. Besondere Beachtung sollte dabei dem Referenzrahmen gelten, der für die “Aufarbeitung” dieser Vergangenheit jeweils gewählt wurde – blieb er national oder wurde er in internationaler oder “europäischer” Perspektive geweitet? Für diese engere Fragestellung gingen die Veranstaltenden1 von Beobachtungen aus ihren eigenen Einrichtungen aus, dem Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) und dem Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut (GEI). Denn sowohl das “Internationale Institut für Schulbuchverbesserung” in Braunschweig, die Vorläuferorganisation des GEI, als auch das Institut für Europäische Geschichte in Mainz hatten zum Ziel, die Geschichtsbücher von, wie es hieß, nationalistischen “Vorurteilen” zu “entgiften”, um künftige Generationen in einem “europäischen Geschichtsbewusstsein” zu erziehen. “Europa” als Mobilisierungs- und Abgrenzungsbegriff diente um 1950 zur wissenschaftspolitischen Legitimation beider Gründungen. Und für beide Einrichtungen schien, unter völlig anderen Vorzeichen, nach dem Ende des Staatssozialismus im östlichen Europa eine Hinwendung zu “Europa” erneut zur Lebensversicherung zu werden. Diesen Beobachtungen wollte die Tagung in vergleichender Perspektive nachgehen und eine Hypothese überprüfen: dass die außeruniversitäre “Inwertsetzung” von Vergangenheit vielfach zwischen der “Aufarbeitung” der jüngeren deutschen Vergangenheit und einer Neuausrichtung nationaler Geschichtsbilder in einer europäischen Perspektive oszillierte.

Aus der Sammlung des Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut.

Die Tagung führte Referate zu Forschungseinrichtungen, die in der formativen Phase der “alten” Bundesrepublik gegründet wurden, mit Vorträgen zu Neugründungen historisch-geisteswissenschaftlicher Forschungszentren nach 1989/1990, vor allem in den neuen Bundesländern, zusammen. Dabei sollte keinesfalls die totalitäre, eliminatorische NS-Diktatur mit dem “real existierenden” Staatssozialismus der DDR gleichgesetzt werden, sondern jeweilige Spezifika der wissenschaftspolitischen “Bewältigung” von Systembrüchen und der Gestaltung von politischen Transformationen vergleichend herausgearbeitet werden.

Die Vorträge der Tagung hat Manfred Sing (IEG) in einem Bericht bei H-Soz-Kult zusammengefasst.2 Darin weist er auf eine Spannung hin, der außeruniversitäre historische Forschung unterworfen war und ist: “Einerseits soll sie unabhängig sein und andererseits legitimatorisch für den demokratischen Staat wirken, sich aber doch der politischen Vereinnahmung wie in den zwei deutschen Diktaturen entziehen.” Dieser Spannung wollen wir im Anschluss an die Diskussionen auf der Tagung in diesem Blogbeitrag weiter nachgehen. Er konzentriert sich auf zwei legitimierende Denkfiguren, welche den gesellschaftlichen Orientierungswert historischer Forschung außerhalb der Universitäten bestimmen sollten: (1.) die Verheißung einer “Neuausrichtung” der historischen Wissenschaften nach ihrer ideologischen Kontaminierung in nicht demokratischen Systemen, und (2.) die Rede von der “Unabhängigkeit” außeruniversitärer Forschung.

Das später als Institut für Zeitgeschichte (IfZ) bekannte Forschungsinstitut nahm am 1. Mai 1949 seine Arbeit auf. Die Bayerische Staatskanzlei hatte dafür Räume in der Münchner Reitmorstraße 29 (Bild) zur Verfügung gestellt. Foto: IfZ, Bildsammlung.

(1.) Bei der “Neuausrichtung” der historischen Wissenschaften waren bei den auf der Tagung behandelten Einrichtungen erstens bestimmte Ausweich- und Umwegkonstruktionen zu greifen. So befasste sich das Institut für Zeitgeschichte in München (IfZ, gegründet 1949 als Deutsches Institut für Geschichte der nationalsozialistischen Zeit) zunächst vorrangig mit der Weimarer Republik, um Kernfragen zum NS nicht direkt angehen zu müssen. Am 1950 in Mainz gegründeten Institut für Europäische Geschichte war die Überwindung nationalistischer und konfessionalistischer “Vorurteile” und “Spaltungen” in einer europäischen Perspektive ein Modus, um über die deutsche “Katastrophe” sprechen, ohne dabei Fragen kollektiver Verantwortung und individueller Schuld (auch der leitenden Wissenschaftler) diskutieren zu müssen. Die deutschen Verbrechen und die totale Niederlage des Deutschen Reichs wurden in einer allgemeinen “Krise der abendländischen Kultur” aufgelöst. Am Herder-Institut in Marburg, ebenfalls 1950 gegründet, wurde über Jahrzehnte kein Zusammenhang zwischen Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den “Ostgebieten”– einem Phänomen, das die Geschichtspolitik in der frühen Bundesrepublik prägte – und ihren Ursachen, dem deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieg, hergestellt.

Diese Ausweich- und Umwegkonstrukte hängen, zweitens, mit einem bestimmten Selbstverständnis außeruniversitärer Forschung zusammen. Das IfZ erstellte in seinen frühen Jahren auf Anfragen tausende von Gutachten, blieb also weitgehend reaktiv, so dass die eigene Forschungsagenda zurücktrat. Das Deutsche Historische Institut in Paris (gegründet 1958 als Deutsche Historische Forschungsstelle) verstand sich zunächst als Mittlerinstitution zwischen der deutschen und der französischen Geschichtswissenschaft; erst in den 1970er-Jahren begann es im größeren Stil eigene Forschung zu betreiben. Ähnlich war die Entwicklung am IEG Mainz: Ursprünglich als Forschungszentrum konzipiert, das in internationaler Zusammenarbeit eine ökumenische Menschheitsgeschichte realisieren sollte, entwickelte es sich seit den 1950er-Jahren zu einem Institut, das vorrangig die Forschung anderer förderte – indem es Stipendien an junge Wissenschaftler:innen vergab und deren Arbeiten in einer eigenen Schriftenreihe veröffentlichte. Das Herder-Institut, das umfangreiche Sammlungen zu Ostmitteleuropa aufbaute und erschloss, konzentrierte sich bis Mitte der 1990er-Jahre auf wissenschaftliche Serviceleistungen und Forschungsinfrastrukturen und fokussierte erst dann stärker auf eigene, programmgebundene Forschung. Das verdeutlicht, wie sehr diese außeruniversitäre historische Forschung in ihren Anfängen vor allem zielgerichtet konkrete (Dienst-) Leistungen für die Gesellschaft und die Forschung im Allgemeinen erbringen wollte.

Institutionelle Transformationen konnten, drittens, mit einer Emanzipation von normativen Gründungsaufträgen verbunden sein. Beispielsweise befasste sich das IEG, als Ende der 1950er-Jahre ein tragfähiges Finanzierungsmodell gefunden worden war, nicht mehr programmatisch mit “Europa” als “Erbe und Aufgabe” (so war noch 1955 ein großer Kongress überschrieben worden). Mitte der 1990er-Jahre kehrte im Zuge der Ost-Erweiterungen der EU eine normative Orientierung auf Europa zurück, die dann seit den 2010er-Jahren in globaler Perspektive relativiert wurde. Für das Herder-Institut forderte seit den 1990er-Jahren eine neue Ostmitteleuropa-Forschung, die auch das Baltikum einschloss, eine gesamteuropäische Perspektive ein, in der die frühere Orientierung an der überkommenen “deutschen Ostforschung” und der Konzentration auf den “deutschen Osten” überwunden wurde.

1952 fand das Herder-Institut zunächst in der so genannten Hensel-Villa (links), dem ehemaligen Wohnhaus des 1941 verstorbenen Mathematikers Kurt Hensel, sein neues Domizil. Wenig später weitete sich das Institut auf die benachbarte Behring-Villa (rechts) aus, frühes Arbeits- und Wohnhaus des Mediziners und ersten Nobelpreisträgers für Physiologie/Medizin Emil von Behring (mehr dazu siehe hier). Fotos: Claudia Junghänel.

Beim Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow, 1995 in Leipzig maßgeblich aus Initiativen aus dem Sächsischen Landtag heraus gegründet, zeigt sich in der Forschungspraxis ebenfalls eine gewisse “Entnormativierung” des Gründungsimpulses. Sofern sich außeruniversitäre Forschungspraxis über Jahrzehnte innerwissenschaftlich bewährt, scheint der ideologisch-normative Überschuss der Gründungsphase verzichtbar zu werden, um die Weiterförderung zu sichern. Gegebenenfalls werden die älteren Aufträge sogar durch neue normative Prämissen (Globalisierung, Pluralisierung etc.) ersetzt, welche die weitere Existenz zu garantieren versprechen. Für die Einrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft sind hierfür auch die externen Evaluierungen mitzudenken. Sie sind zunehmend mit internationalen Sachverständigen besetzt und zwingen so zu wissenschaftlichen Plausibilisierungen, die nicht ausschließlich innerdeutschen wissenschafts- und geschichtspolitischen Logiken folgen.

(2.) Das Postulat einer spezifischen “Unabhängigkeit” historischer Forschung außerhalb der Universitäten wurde an der Tagung ebenfalls kritisch hinterfragt. Krijn Thijs (Amsterdam), der die Transformation der (ost-)deutschen Geschichtswissenschaft erforscht, wies darauf hin, dass jede institutionelle Gründung ein politischer Akt ist. Im historischen Längsschnitt zeichne sich das Bild eines grundsätzlichen Einvernehmens zwischen Politik und Wissenschaft ab. Martin Sabrow (Potsdam) schlug vor, die verschiedenen Formen von Unabhängigkeit als Abstufungen zwischen Autonomie und Fremdbestimmtheit zu fassen, die von der jeweiligen Rechtsform und Verfasstheit der Einrichtungen abhängen. Zu fragen sei, ob die Institute an direkte Weisungen gebunden seien (wie in den Ressortforschungseinrichtungen des Bundes), wie frei sie über Forschungsprogramm und Personalauswahl entscheiden könnten, ob sie von Forschungsaufträgen abhängig seien oder Forschungsgegenstände frei wählen könnten, und wie sich das Verhältnis von äußerer bzw. formaler und innerer Unabhängigkeit gestalte.

Bei den institutionellen Faktoren sei erstens, so Thijs, zwischen einer primär deutschen und einer internationalen Einbettung zu unterscheiden – handelt es sich um Institute mit einer Gründungsmission im europäischen Raum oder um Einrichtungen ohne eine inter- oder bilaterale Ausrichtung, die primär auf die deutsche Vergangenheit blickten? Die Frage, inwieweit die später in der bundesunmittelbaren Max Weber Stiftung zusammengeführten Deutschen Historischen Institute im Ausland als Instrumente einer auswärtigen Kulturpolitik gefördert wurden, und ob sich die Institutsleitungen selbst in dieser Rolle sahen, wurde auf der Tagung durchaus kontrovers diskutiert. “Cultural diplomacy” beschränkte sich indes nicht auf die aus Bundesmitteln geförderten Auslandsinstitute: Am Institut für Europäische Geschichte, seit 1977 überwiegend vom Land Rheinland-Pfalz finanziert, wurden die “ausländischen” Stipendiat:innen bis zur Aufnahme des Instituts in die Leibniz-Gemeinschaft (2012) aus einem Sondertopf des Auswärtigen Amtes gefördert, dessen Mittel über den Deutschen Akademischen Austauschdienst zugewiesen wurden. Dass außeruniversitäre historische Forschung als “soft power” veranschlagt werden kann, zeigt sich am Georg-Eckert-Institut in Braunschweig, dessen Arbeit zu den Inhalten der Schulbildung sich zwischen Wissenschaft, Schulbuchverlagen und staatlichen Stellen bewegt.

Als zweiten institutionellen Faktor, der die postulierte “Unabhängigkeit” bestimmt, beleuchtete die Tagung somit die Förderkonstellationen und die Kooperationszusammenhänge der Institute. Diese sind nicht spezifisch für die historische Forschung. Alle außeruniversitären Einrichtungen sind fundamental auf Universitäten angewiesen, die ihrem Leitungspersonal Professorentitel gewähren, den Mitarbeitenden die weitere Qualifikation ermöglichen, Gebäude bereitstellen und vielfach administrative Unterstützung leisten. Bei den außeruniversitären historischen Instituten ist zu beobachten, dass gemeinsame Berufungen mit Universitäten relativ spät beiderseits gewünscht waren und möglich wurden – am IEG seit 1994, am IfZ seit 2011. Dies wirkte sich unmittelbar auf Renommée und Kooperationspotenzial aus. Entscheidend ist ferner, ob die Einrichtungen lediglich durch ein Bundesland oder durch die Gemeinschaft der Länder (seit 1949) und dann von Bund und Ländern (seit 1977, “Blaue Liste”) finanziert werden – im letzteren Fall müssen sie nachweisen, dass ihre Förderung von “überregionaler Bedeutung” und in “gesamtstaatlichem wissenschaftspolitischem Interesse” ist. Diese Anforderung kann Institute und die für sie zuständigen Wissenschaftsministerien der “Sitzländer” dazu motivieren, die wissenschaftlichen Zielsetzungen erneut mit einem normativen gesellschaftspolitischen Überschuss anzureichern.

Noch offen ist, wie die Zugehörigkeit zur “Blauen Liste” die Legitimationsformeln sowie die wissenschaftsstrategische und forschungsgeschichtliche Selbstverortung und Außenwahrnehmung der Institute verändert hat – insbesondere seit sich die Einrichtungen der “Blauen Liste” seit den 1990er-Jahren zur Leibniz-Gemeinschaft zusammengeschlossen haben, die seit den 2010er-Jahren mit gemeinsamen Leitlinien, Kooperationserwartungen und einem vereinheitlichten externen Evaluierungsverfahren zunehmend als “Gemeinschaft” agiert. Der Zusammenschluss spiegelt die Umgestaltung der ostdeutschen Forschungslandschaft wieder und lief parallel zur Auflösung des “Ostblocks” mit den Erweiterungen von NATO und EU, welche die Förderstrukturen und Kooperations(an)gebote der Wissenschaftspolitik transformierten und diversifizierten.

Podiumsdiskussion am 3.4.2025 im IEG Mainz im Rahmen der Tagung “Deutsche Vergangenheit, europäische Zukunft?”. V.l.n.r.: Martin Sabrow (Potsdam), Jasper Heinzen (York), Gregor Feindt (Mainz/Kiel), Nicole Reinhardt (Mainz), Krijn Thijs (Amsterdam). Foto: Stefanie Mainz (IEG).

All diese Fragen konnten auf der Tagung allenfalls angerissen werden. Ohnehin gibt es noch viel Raum für die wissenschaftshistorische bzw. historiographiegeschichtliche Forschung, die angestoßenen synchronen und diachronen Vergleiche weiterzuführen. Dies gilt insbesondere für diachron vergleichende Perspektiven auf die Neugründungen nach 1945/1949 und nach 1989/1990. Damit glitten die Vorträge an der Tagung vielfach an der Ausgangshypothese eines möglichen Spannungsfelds zwischen der “Aufarbeitung” der jüngeren deutschen Vergangenheit und einer Neuausrichtung nationaler Geschichtsbilder in einer europäischenPerspektive vorbei. Diese “insulare” Betrachtungsweise wurde wohl auch dadurch begünstigt, dass die Veranstaltenden – sich selbst eingeschlossen – als Referent:innen vor allem solche Personen rekrutierten, die an den Einrichtungen, die sie behandelten, beschäftigt sind oder waren. Bei aller gebotenen Distanz zum eigenen Gegenstand: In der Schlussdiskussion zeigte sich, dass die Analyse der Legitimationsformeln und -strategien der historischen Akteure, welche sich die Tagung vorgenommen hatte, tendenziell doch in die Selbstlegitimierung der außeruniversitären historischen Forschung und ihrer Einrichtungen mündet. Martin Sabrow mahnte deshalb zurecht an, dass die Untersuchung der außeruniversitären (historischen) Forschung – in- und außerhalb des Forschungsverbunds “Wert der Vergangenheit” – nicht bei der Frage nach dem Selbstverständnis einzelner Einrichtungen stehenbleiben dürfe. Vielmehr gelte es den Anspruch des Verbunds, eine Metareflexion über den Geltungs- und Orientierungswert von Vergangenheit sowie den Wertehaushalt vergangener und gegenwärtiger Gesellschaften anzustellen, konsequent auf das “eigene” Tun anzuwenden.


1 Joachim Berger, Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz, und Germanisches Nationalmuseum. Leibniz-Forschungsmuseum für Kulturgeschichte (GNM), Nürnberg; Gregor Feindt, IEG Mainz und Christian-Albrechts-Universität zu Kiel; Marcus Otto; Steffen Sammler, beide Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg Eckert-Institut (GEI), Braunschweig.

2 Manfred Sing, Tagungsbericht: Deutsche Geschichte, europäische Zukunft? Vom Wert einer umstrittenen Vergangenheit für die außeruniversitäre Forschung nach 1949 und 1989, in: H-Soz-Kult, 02.09.2025, https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/fdkn-156853.


Titelbild: Das Gebäude der “Alten Universität” in der Mainzer Innenstadt (erbaut 1615 bis 1618) wurde 1942/1945 bei Luftangriffen weitgehend zerstört. Der Wiederaufbau wurde von der US-amerikanischen Besatzungsbehörde finanziert, um dort das 1950 gegründete Institut für Europäische Geschichte unterzubringen. Unbekannter Fotograf, o. D. [vor 1952], Universitätsarchiv Mainz S03-473.

Baggersee 1940/60/80 – eine sehr kurze Geschichte anthropogener Natur

Philipp Kröger untersucht eine besonders beliebte Art von Menschenhand entstandener “Naturen”: den Baggersee im 20. Jahrhundert.

Baggerseen haben seitens der historischen Forschung bislang kaum Beachtung erfahren. Zu Unrecht: Aus den Hinterlassenschaften des Tagebaus und damit aus Eingriffen in die Natur zwecks Ressourcenextraktion sind im 20. Jahrhundert neue Naturen von Menschenhand entstanden.

Quarry ponds have received little attention in historical research – and wrongly so. In the twentieth century, the legacy of open-cast mining, and thus of human intervention in nature to extract raw materials, gave rise to new forms of man-made nature.


Wer in der Suchleiste eines Anbieters für Musikstreaming den Begriff „Baggersee“ eingibt, könnte ohne weiteres ein abendfüllendes Programm erstellen. Von linkem Rap, bis zu deutschem Schlager: es ist so gut wie alles dabei. Besungen haben ihn – wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise – Achim Reichel, die Antilopen Gang oder auch Klaus und Klaus. Mit etwas Übertreibung ließe sich vom Baggersee als einem deutschem Sehnsuchtsort sprechen. So gibt es zwar Baggerseen auch anderswo zuhauf, doch haben sie sich offensichtlich insbesondere im deutschen Sprachraum fest im kulturellen Gedächtnis verankert. Eine Kulturgeschichte des Baggersees ist erstaunlicherweise bis heute nicht geschrieben.

1940: Natur machen – Baggerseen an der Reichsautobahn

Wie „eine von Natur gewachsene Angelegenheit“: Erstmalig wurden in den 1930er Jahren beim Bau der Reichsautobahn in größerem Umfang Tagebaugruben zu Badeseen gestaltet (Solbrig 1942).

Noch erstaunlicher ist jedoch, dass die umwelthistorische Forschung sich kaum mit Baggerseen beschäftigt hat. Denn bereits in den 1930er Jahren, im nationalsozialistischen Deutschland, wurden sie im Zuge des Baus der Reichsautobahn (RAB) zu zentralen Orten eines Phänomens, das sich als „Natur machen“ beschreiben lässt (Kröger 2025).

Beispielsweise gestaltete der Landschaftsanwalt – wie sich die Landschaftsplaner an der RAB nannten – Hans Solbrig gegen Ende der 1930er Jahre einen Baggersee als Badesee. Die für den Autobahnbau nötige Ressourcenextraktion plante er so, dass im Anschluss eine Wasserfläche entstand. Dabei „wurde das Ufer natürlich geformt“ und durch Anpflanzungen eine „natürliche Umrahmung des Sees“ geschaffen. Es entstand „eine wirkliche Oase“, die „für eine von Natur gewachsene Angelegenheit gehalten“ werden sollte (Solbrig 1942).

Weiterer Baggersee an der Reichsautobahn, in: Gartenkunst 55 (1942), S. 18.

Natur war hier weder allein zu erobern und als Gegenspielerin des Menschen zu unterwerfen (Blackbourn 2006) noch war sie in ihrer vermeintlichen Ursprünglichkeit vor dieser technischen Zurichtung zu bewahren, wie es der Naturschutz um 1900 im Sinn hatte (Schmoll 2004). Vielmehr entstand im Verlauf des 20. Jahrhunderts ein dritter Zugriff auf Natur – sie wurde herstellbar.

Obiges Beispiel eines Baggersees an der Reichsautobahn war kein Einzelfall. Erstmalig kam es an der RAB nicht nur zu einer institutionalisierten Zusammenarbeit von Landschaftsplanern und staatlichen Behörden. Hier wurde auch erstmalig die Ressourcenextraktion in größerem Umfang planvoll gesteuert, um aus den Hinterlassenschaften des Tagebaus neue Naturstücke zu gestalten. Insbesondere an Raststätten entstanden in die – ebenfalls gestaltete – Landschaft eingegliederte Badeseen. Neben der Vorstellung, eine ideologisch überhöhte deutsche Urlandschaft an den Straßenrändern (wieder-)herstellen zu können (Zeller 2002), zeigt sich hier der Beginn einer modernen landschaftlichen Erholungsplanung.

1960: Erholung am Baggersee – eine Natur für den Menschen

Aus einem ehemaligen „Reichsautobahnseebad“ bei Dessau wurde in den 1950er Jahren das „Autobahnbad Blaue Adria“, zeitgenössische Postkarte.

Viele der an der RAB zu Badeseen gestalteten Baggerseen wurden erst nach dem Zweiten Weltkrieg in beiden deutschen Staaten zu vielfrequentierten Erholungslandschaften. Das ehemalige „Reichsautobahnseebad Mildensee“ bei Dessau etwa nannte man nun „Autobahnbad Blaue Adria“; bei Hannover entspannte man sich am „Lido“ des „Blauen Sees“. Die Baggerseen befriedigten nicht nur das Bedürfnis nach Fernreisen. Insbesondere in Westdeutschland setzten sie in die Tat um, was im Nationalsozialismus kriegsbedingt eine Vision blieb: die massenmotorisierte Freizeitgesellschaft fuhr im Volkswagen auf der Autobahn und erholte sich an einer für diesen Zweck an den Straßenrändern gestalteten Landschaft.

Im Nationalsozialismus erdacht, durchs Wirtschaftswunder ermöglicht: mit dem Volkswagen zum Autobahnsee – hier der „Blaue See“ bei Hannover, zeitgenössische Postkarte.

Die Hochphase der Planung von Baggerseen als Badeseen fällt jedoch in die langen 1960er Jahre. Im Zuge des wirtschaftlichen „Booms“ und der „Großen Beschleunigung“ (McNeill/Engelke 2014) nahmen die Eingriffe in Natur und Landschaft und damit auch die Zahl der Sand- und Kiesgruben merklich zu. In der zeitgenössischen Wahrnehmung drangen die technischen Artefakte und Infrastrukturen in die letzten Refugien der Natur vor. In beiden deutschen Staaten lässt sich beobachten, dass der bewahrende Naturschutz an Relevanz gegenüber einem gestaltenden Zugriff verlor.

Zugleich drang die Technik in der zeitgenössischen Wahrnehmung auch in den Alltag und die Arbeitsverhältnisse vor: man fürchtete etwa Bewegungsmangel und damit verbundene Krankheiten sowie insgesamt einen Leistungsabfall der Bevölkerung. Natur – vor allem eine auf spezifische Art und Weise gestaltete – galt als Ausgleich zu den Verwerfungen der Industriemoderne. Tatsächlich stand im Naturschutz der langen 1960er Jahre weniger die Natur, sondern der als bedroht wahrgenommene Mensch im Mittelpunkt. Erholung wurde zu einem zentralen Konzept der Naturplanung und -politik.

In beiden deutschen Staaten festigte sich jedoch die Erkenntnis, dass es zu wenig sogenannter Erholungslandschaften gab. Insbesondere Wasserflächen und vor allem solche, die sich zum Baden eigneten, waren gefragt. Die starke Zunahme des Ressourcenabbaus im Klein- und Großtagebau – sei es etwa Sand und Kies oder auch Braunkohle – stieß daher bei Naturschützer:innen und Landschaftsplaner:innen nicht auf Ablehnung. Viel mehr sahen sie in den Eingriffen eine Möglichkeit, eine erholungswirksame Natur zu gestalten. In der DDR hieß es etwa um 1970: „Keine der auf die Auswahl und Bewertung von Landschaften […] als Erholungsgebiete einwirkenden Faktoren“ trägt „so positive Züge wie die Massenentnahmen“.[1]  

Der Senftenberger See, zeitgenössische Postkarte, Urheber*in: Verlag Bild und Heimat / Rechtewahrnehmung: Stiftung Brandenburg | Digitalisierung: Stiftung Brandenburg | Datenpartner: Stiftung Brandenburg | Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/ | URL: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/OFDFOOXLNTV43PLWODID7ML56ZALMQRZ.  

Tatsächlich entstand in beiden deutschen Staaten eine Vielzahl an Erholungslandschaften aus den devastierten Flächen des Tagebaus. Die Reichsautobahn war dabei ein wichtiger Lernort. Otto Rindt etwa, der in den 1930er Jahren als Landschaftsanwalt tätig gewesen war, plante in den 1960er Jahren nicht nur einen Bäderring aus Kiesgruben um Cottbus, sondern mit dem Senftenberger See eines der größten Erholungsgebiete in einer ehemaligen Braunkohlengrube. Werner Hoffmann, seit Ende der 1950er Jahre Leiter des Hamburger Naturschutzamtes und in den 1930er Jahren Mitarbeiter Rindts an der RAB, war in den 1960er Jahren vom Kiesabbau im Osten Hamburgs geradezu begeistert – ließ sich doch eine großflächige Erholungslandschaft aus künstlichen Wasserflächen mit Autobahnanschluss gestalten.[2] Es könnten viele weitere Beispiele in so gut wie jeder Region beider deutscher Staaten aufgezählt werden: Tagebaugruben und damit große sowie kleine Baggerseen waren zentrale Orte der Herstellung von Natur – in den langen 1960er Jahren war dies vor allem eine für den Menschen gestaltete Natur.

1980: Renaturierung – Biotope statt Badeseen

Seit Mitte der 1970er Jahre und vor allem in den 1980er Jahren setzte insbesondere in Westdeutschland ein Wandel ein: Der vorherige Glaube an die Machbarkeit von Natur und die Planungseuphorie schwanden. Es traten vermehrt Forderungen auf, die Gestaltungspraxis nicht mehr am Menschen, sondern an der Natur selbst auszurichten. Nun war auch die Rede von einer sogenannten „Renaturierung“.

Dahinter standen zwei Phänomene. Erstens zeigten sich Widerstände in den gemachten Naturen. Viele Baggerseen, die in den 1960er Jahren als Badeseen gestaltet wurden, kippten um. Sie unterlagen der sogenannten Eutrophierung, einem Nährstoffüberschuss, der unter anderem mit verstärktem Algenwachstum einherging. Die Seen konnten ihre Funktion als Orte der Erholung nicht mehr erfüllen. Es bedurfte eines erweiterten Netzwerkes technischer Dinge – von Algenmähbooten bis Tiefenwasserbelüftungsanlagen –, um die Natur in ihrer gewünschten Form intakt zu halten. Das führte zu Zweifeln an der bisherigen Gestaltungspraxis. Etwa berichtete Anfang der 1980er Jahre Der Spiegel über die künstlichen Seen des Rheinischen Braunkohlenreviers und den dortigen Algenbefall. Kann man, so fragten die interviewten Experten, „tatsächlich Natur nachbauen? Kann auf dem Reißbrett der Flora und Fauna vorgeschrieben werden, wie sie sich in den nächsten Dezennien zu entwickeln haben?“[3]

Aktuelle Aufnahme eines in den 1960er Jahren geplanten und in der Folge als Erholungslandschaft gestalteten Baggersees im Osten Hamburgs. Deutlich ist der Algenbefall am Gewässerrand zu erkennen – alle technischen Maßnahmen gegen die Eutrophierung des Sees sind bislang gescheitert. Foto: Philipp Kröger.

Zweitens galt in den 1970er Jahren und damit am Beginn der globalen Umweltbewegung und -politik nicht mehr allein der Mensch als bedroht, sondern der Planet in Gänze. Das globale Ökosystem, die Biosphäre, war, so die landläufige Meinung, aus dem Gleichgewicht geraten. Ausdruck davon war etwa der in „Roten Listen“ sichtbargemachte Artenrückgang. Nun bedurfte nicht mehr allein der Mensch der Erholung, sondern es mussten, wie es in der Rekultivierungsforschung hieß, „Erholungsräume für die Natur“ (Darmer 1979) geschaffen werden. Statt Badeseen entstanden aus Tagebaugruben nun auch Biotope als Lebensraum bedrohter Arten – richtig gestaltet, so die Idee, trugen Baggerseen zur Stabilisierung der Biosphäre bei.

Interessanterweise war es gerade der Begriff der Renaturierung, der nun die Frage aufwarf, was eigentlich Natur sei – und wieviel technischer Intervention sie bedürfe. Manchen Expert:innen galt eine Kiesgrube nur noch dann als Natur wenn sie sich selbst überlassen blieb, man Natur also Natur sein ließ. Andere forderten wiederum aus Gründen des Artenschutzes die stete technische Intervention. Denn vor allem jene Flächen in den geschaffenen Biotopen, die bedrohten Arten Lebensraum boten, waren durch die natürliche Sukzession bedroht. Aus dieser Perspektive schadete ein natürlicher Prozess, wenn er nicht technisch aufgehalten würde, also der Natur.

Sozionaturale Aushandlungsprozesse

Nicht zufällig sind Baggerseen zu einem beliebten Sujet der Popkultur geworden. Bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – insbesondere an der nationalsozialistischen Reichsbautobahn – wurden sie zu zentralen Orten der Herstellung von Natur. Sie sind es bis heute geblieben. Indes setzte die popkulturelle Baggerseeeuphorie zu einem Zeitpunkt ein, als sie aus naturschützerischer Perspektive seit Mitte der 1970er Jahre schon wieder abebbte. Am Baggersee zeigt sich: Was jeweils als Natur galt und wie Natur zu gestalten war, unterlag einem steten und nicht zuletzt schnellen Wandel – einem sozionaturalen Aushandlungsprozess. Auch verweisen Baggerseen darauf, dass Eingriffe in die Natur nicht notwendigerweise destruktiv, sondern ebenso generativ sein können. Ob ein See von Menschenhand geschaffen wurde oder nicht, scheint weder tierische Bewohner noch menschliche Badegäste sonderlich zu interessieren. 


[1] Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung/Wissenschaftliche Sammlungen, Erkner b. Berlin: Nachlass Olaf Gloger Glo/07/2, Rohmanuskript zum „Leitfaden für die Erschließung, Gestaltung und Pflege der Erholungsgebiete“, 1971.

[2] Staatsarchiv Hamburg, 443-2 Ortsamt Vier- und Marschlande, Nr. 153, Landschaftsplanerisches Gutachten zur Entwicklung des Gebietes Untere Dove Elbe als Erholungslandschaft am Wasser, 20.5.1966.

[3] Das größte Loch, in: Der Spiegel v. 13.12.1982, S. 80-88, hier S. 88.


Quellen/Literatur

David Blackbourn, The Conquest of Nature. Water, Landscape and the Making of Modern Germany, London 2006.

Gerhard Darmer, Landschaft und Tagebau II. Planerische Leitbilder und Modeller zur Rekultivierung, Hannover 1979.

Philipp Kröger, Über die Herstellung der Natur. Konturen einer deutsch-deutschen Geschichte der Umweltgestaltung, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 73 (2025), S. 181-219.

John R. McNeill u. Peter Engelke, The Great Acceleration. An Environmental History of the Anthropocene since 1945, Cambridge/MA u.a. 2014.

Friedemann Schmoll, Erinnerung an die Natur. Die Geschichte des Naturschutzes im deutschen Kaiserreich, Frankfurt a. M. 2004.

Hans Solbrig, Die Ausführung eines Binnensees an der Reichsautobahn, in: Die Gartenkunst 55 (1942), S. 24-26.

Thomas Zeller, Straße, Bahn, Panorama. Verkehrswege und Landschaftsveränderung in Deutschland von 1930 bis 1990, Frankfurt a. M. 2002.


Titelbild: “Blauer See” bei Hannover, zeitgenössische Postkarte, ca. 1960er Jahre.

The Antifascist Past and Decolonisation: The Case of Yugoslavia and Algeria

Jelena Đureinović from the University of Vienna writes about the entanglements between Algerian anticolonialism and the experiences of Yugoslavian antifascism.

The Yugoslav commitment to anticolonialism intertwined with its experience of the antifascist liberation struggle and socialist revolution during the Second World War. This entanglement of the past, present and future was most evident during the Algerian War of Independence.

Die jugoslawische Auseinandersetzung mit dem Antikolonialismus war eng mit der Erfahrung des antifaschistischen Befreiungskampfes und der sozialistischen Revolution während des Zweiten Weltkriegs verknüpft. Diese Verflechtung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wurde während des Algerienkrieges am deutlichsten.


During the Algerian War of Independence (1954-1962), socialist Yugoslavia made significant efforts to provide diplomatic, financial, military, humanitarian and propaganda assistance and support to the Front de Libération Nationale(FLN). The solidarity initiatives built upon the Yugoslav experience of the People’s Liberation War: the communist-led resistance against occupation and the parallel revolution during the Second World War that laid the foundations of Yugoslav state socialism. Yugoslav officials, representatives of socio-political organisations and broader society deeply identified with the Algerian people’s struggle and suffering, recognising their own lived experience of war and revolution in Algeria. Solidarity initiatives also built upon the understanding of the Algerian struggle as similar to the Yugoslav. Medical assistance illuminates these commonalities.

The Shared Struggle

The comprehension of the Yugoslav antifascist past and anticolonial liberation wars as similar and embracing of the anticolonial struggle as a shared cause underpinned all Yugoslavia’s initiatives of assistance to liberation movements from Africa. This was particularly evident during the Algerian War, which began only 9 years after the Second World War had ended in Yugoslavia.

Slovenian Partisans in 1943. Copyright: CC BY-SA 4.0

The People’s Liberation War (1941-1945) created “a kind of symbolic resonance and affective affinity” with struggles against colonialism,[1] and played a connecting role between Yugoslavia and Algeria, fostering mutual solidarity, empathy and understanding. There were actual similarities in the respective antifascist and anticolonial liberation movements that facilitated the narratives of the shared struggle. Just like the FLN, the Yugoslav Partisans fought for the liberation of the country, independence and radical transformation of society against a much more powerful enemy with incomparable resources, facing similar challenges and shortages. The stories of heroism, sacrifice and suffering of the FLN and Algerian people that spanned across the Yugoslav public sphere evoked the memory of the Yugoslav collective experience of war and revolution.

The dedication to anti-imperialism and anticolonialism was an integral part of Yugoslavia’s non-aligned positionality in the global Cold War. Identification with anticolonial liberation struggles was also intertwined with the political commitment of the Partisans and revolutionaries who dominated the Yugoslav political, cultural and intellectual life and of leftist and antifascist internationalism more broadly.

Medical Internationalism

One of the important dimensions of Yugoslavia’s support for the Algerian struggle for independence was medical assistance, centring particularly on the wounded and disabled soldiers. Yugoslav institutions and socio-political organisations managed the treatment of FLN soldiers in Yugoslavia, provided training for Algerian medical workers and helped establish long-term structures of public health that would serve independent Algeria.

Medical assistance to the FLN also linked to the Yugoslav past and present. It stems from the wartime organisation of military medicine within the People’s Liberation Movement and the postwar development of disability care and rehabilitation. The Yugoslav Partisans faced the challenge of treating enormous numbers of wounded fighters during the war and disabled veterans in the postwar years, which accelerated the creation of medical service corps, rehabilitation frameworks and training of necessary cadres. The FLN faced challenges and shortages in battlefield medicine, the care of the wounded combatants and forming army sanitation similar to those that the Yugoslav Partisans encountered during and after the Second World War.

ALN soldiers during the Algerian War of Independence, 1958. Photo: Zdravko Pecar, Copyright: Museum of African Art Belgrade, CC BY-SA 4.0

Between 1959 and 1963, almost 300 Algerian fighters spent months in hospitals and rehabilitation centres across Yugoslavia, undergoing surgeries and physiotherapy and receiving necessary custom fitted prosthetic aids. At the same time, Yugoslavia equipped and staffed the Centre for Rehabilitation in Nassen, Tunisia, which treated the Algerian soldiers stationed in the Tunisian countryside. After the war ended in 1962, Yugoslav experts in orthopaedics helped establish the field of disability care in independent Algeria, initially focusing on the combatants and later serving the broader population. Another important factor that shaped Yugoslav medical internationalism is the symbolic figure of a wounded fighter that was central to the war effort and the Yugoslav culture of war remembrance. Providing care for veterans who came out of the war with disabilities was considered a societal duty serving those who had given everything for the freedom of Yugoslav people. Even though Yugoslavia was still developing and professionalising the field of disability care when the war in Algeria broke out, the symbolic relevance of a wounded fighter and the understanding of urgent need for medical care in the conditions of a guerilla war justified the efforts and resources invested in medical assistance to the FLN.

Antifascism and anticolonialism: A connected history

Solidarity with the anticolonial struggles of the second half of the 20th century was always present-based and future-oriented, as it aimed at supporting the liberation movements and decolonisation and involved common imaginaries of the postcolonial futures. In the case of Yugoslavia, anticolonial solidarity was also about the past: antifascism, liberation struggle and revolution, revalued in the decolonisation context.

The Yugoslav-Algerian relations during the War of Independence illuminate entangled histories and political causes of antifascism and anticolonialism that emerged already during the interwar period. The discourses surrounding Yugoslav assistance to the FLN were about the common struggle against colonialism and imperialism, arising from the political and revolutionary lives and ideals of involved Yugoslavs, many of whom had been underground communist activists, Spanish Civil War volunteers and Partisans. It is the political and revolutionary dimension that makes the connected history of Yugoslav antifascism and Algerian anticolonialism more than a discourse or a case of what Michael Rothberg calls multidirectional memory.[2] As Kékesi and Zombori argue, “there is no path from memory to solidarity, except through some sort of political-ideological commitment”.[3]


[1] Paul Stubbs, ‘Introduction: Socialist Yugoslavia and the Non-Aligned Movement: Contradictions and Contestations’, in Socialist Yugoslavia and the Non-Aligned Movement: Social, Cultural, Political, and Economic Imaginaries, ed. Paul Stubbs (Montreal, Kingston: McGill-Queen’s University Press, 2023), 5.

[2] Michael Rothberg, Multidirectional Memory: Remembering the Holocaust in the Age of Decolonization (Stanford: Stanford University Press, 2009).

[3] Zoltán Kékesi and Máté Zombory, ‘Beyond Multidirectional Memory: Opening Pathways to Politics and Solidarity’, Memory Studies, 2023, 16, https://doi.org/10.1177/17506980231176040.


Dr. Jelena Đureinović is a historian interested in memory politics and memory cultures in the 20th and 21st century. She is a researcher at the Research Center for the History of Transformations (RECET) at the University of Vienna. In June 2024 she was a Leibniz ‘Value of the Past’ Fellow at the Centre for Contemporary History Potsdam.

X: @DureinovicJ


Cover photo: Martyrs Memorial Algiers. Copyright: CC BY-SA 3.0