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Der Gegenwartssprache auf der Spur: Die zentrale Gründungsformel des Instituts für Deutsche Sprache

Stefan Scholl geht der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bei der Gründung des IDS auf den Grund.

Welche wissenschaftlichen und wissenschaftsstrategischen Zielsetzungen prägten die Anfangszeit des 1964 gegründeten Instituts für Deutsche Sprache? Und welche Rolle spielte die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bei der Gründung dieser zentralen Einrichtung der germanistischen Linguistik?

What were the scientific and strategic formula that characterized the foundation of the Institute for the German Language in 1964? And what role did the reflection of the past play within this foundation of one of the main institutions in German linguistics?


Nach einigen Vorüberlegungen und Abstimmungsprozessen hinter den Kulissen wurde im April 1964 die Gründung des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) verkündet. Im Gegensatz zu den historisch ausgerichteten Einrichtungen außeruniversitärer Forschung, die naturgemäß den Stellenwert der Vergangenheit für ein besseres Verständnis gegenwärtiger Entwicklungen betonten, spielte die Beschäftigung mit der Vergangenheit als Untersuchungsgegenstand bei der Gründung des IDS keine große Rolle.1 Mehr noch: Der Gründerkreis grenzte sich bewusst von einer traditionell weiter zurückliegende Sprachperioden untersuchenden Germanistik ab und legte den Fokus explizit auf die Analyse der Gegenwartssprache. Erforschung und Dokumentation der deutschen Gegenwartssprache war mithin die zentrale, in der Satzung festgeschriebene Legitimationsformel des neu gegründeten linguistischen Instituts, wobei nicht klar definiert wurde, welche zeitliche Dimension die Gegenwartssprache umfasste. So bestand in den ersten Jahren beispielsweise eine „Kommission zur Sprache des Nationalsozialismus“, in der u.a. Cornelia Berning tätig war, die 1964 ihre Arbeit zum „Vokabular des Nationalsozialismus“ veröffentlicht hatte. Auch wurden beim Aufbau eines Textkorpus der deutschen Sprache mitunter literarische Texte aus der ersten Jahrhunderthälfte sowie zurückliegende Jahresquerschnitte von Zeitungen berücksichtigt, etwa des „Neuen Deutschland“ und der „Welt“ von 1954.

Der Gründungskontext des IDS

Die Initiative ging maßgeblich von zwei Personen aus: von Hugo Moser, damals Inhaber eines Lehrstuhls am Germanistischen Seminar der Universität Bonn, sowie Leo Weisgerber, dem Begründer der sog. Sprachinhaltsforschung, der ebenfalls an der Universität Bonn lehrte. Zum Gründerkreis des IDS gehörten außerdem die Professoren Rudolf Hotzenköcherle aus Zürich, Karl Kurt Klein aus Innsbruck, Friedrich Maurer aus Freiburg und Jost Trier aus Münster sowie der Leiter der in Mannheim ansässigen Duden-Redaktion, Paul Grebe, und schließlich Walter Hensen, Vorsitzender der seit 1947 bestehenden Gesellschaft für deutsche Sprache.

Genehmigungsurkunde zur Gründung des IDS vom 10. Juni 1964, Quelle: ÖA, IDS Mannheim

Von Beginn an wurde das IDS, lange Zeit auf verschiedene Standorte in Westdeutschland und Österreich verteilt, als wissenschaftliche Einrichtung konzipiert, die sich auf die Dokumentation und Erforschung der deutschen Gegenwartssprache konzentrieren sollte. Um diese Akzentuierung zu verstehen, muss man sich die Ausrichtung germanistisch-linguistischer Forschung im 19. und frühen 20. Jahrhundert vor Augen halten. Denn diese war zu großen Teilen historisch orientiert und interessierte sich primär für die Herkunft und geschichtlichen Entwicklungsstufen der „germanischen“ Sprachen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spiegelte sich dieser Umstand auch in der universitären Lehrpraxis wider. Im Studienplan des Fachs dominierten „neben literaturwissenschaftlichen Veranstaltungen in erster Linie Vorlesungen, Seminare und Übungen zum Alt- und Mittelhochdeutschen. Gotisch und Altisländisch konnten hinzukommen. Die Gegenwartssprache kam allenfalls in der Dialektologie vor“.2 Auch die meisten der „Gründungsväter“ des IDS selbst waren fachlich gesehen Altgermanisten oder Dialektologen.

Erhöhtes Sprachbewusstsein nach 1945

Zugleich wuchs aber speziell nach 1945 das Bewusstsein dafür, dass sich Sprache auch in der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart wandelte und gesellschaftliche Wirkung entfaltete. Insbesondere sprachkritische Arbeiten erschienen in der Nachkriegszeit vermehrt: Victor Klemperers „LTI“ (1947), das „Wörterbuch des Unmenschen“ von Dolf Sternberger u.a. (1957), aber auch Betrachtungen zur „Sprache in der verwalteten Welt“, wie ein Essay des Publizisten Karl Korn 1958 betitelt war. Daneben gab es – teils kulturkritisch geprägte – Beobachtungen zur Ausbreitung von Fremdwörtern, vor allem Anglizismen, aber beispielsweise auch zu umgangssprachlichen Veränderungen des Konjunktivs oder des Gebrauchs der Fälle.

Die Gegenwartssprache im Fokus

Obwohl das IDS selbst nicht sprachkritisch oder -normierend tätig sein wollte, bildeten derartige zeitgenössische Sprachbeobachtungen doch den Hintergrund, vor dem das zentrale Anliegen des Instituts plausibilisiert werden konnte, nicht zuletzt gegenüber potenziellen staatlichen und privaten Geldgebern.3 Es hinge, so verkündete Jost Trier die Gründung des Instituts am 19. April 1964, „mit der Geschichte der Germanistik als Wissenschaft zusammen, daß die Probleme des gegenwärtigen Sprachzustandes lange Zeit hinter den Fragen der Genese zurücktraten und noch immer spürbar zurückliegen.“ Man lebe jedoch in einer Zeit, „in der jedem Zeitgenossen eindringlicher als jemals früher täglich klar gemacht wird, daß unaufhörlich Veränderungen in unserer Sprache vor sich gehen. Diese Veränderungen in status nascendi zu beobachten, sie auf den Grad ihres Eingreifens in das Gefüge der Muttersprache, die Richtungen ins Auge zu fassen, in denen sie verlaufen und voraussichtlich verlaufen werden, kurz ihre allgemeine Trift zu erkennen, wäre Hauptaufgabe eines solchen Instituts.“4

In diesem Sinne betätigten sich die Mitarbeitenden in der Anfangszeit des Instituts vor allem in Projekten des Korpusaufbaus, der maschinellen Sprachverarbeitung, der Dokumentation und Beschreibung aktueller grammatischer Strukturen des Deutschen, des kontrastierenden Sprachvergleichs sowie in der Untersuchung möglicher divergierender Sprachentwicklungen in Ost- und Westdeutschland.

Titelbild des IDS-Jahrbuchs von 1968, Quelle: eigenes Foto

Der explizite Fokus manifestierte sich auch in der Betitelung der ersten Publikationsreihen: „Sprache der Gegenwart“ ab 1967 und „Heutiges Deutsch“ ab 1971. Allerdings wurde im ersten Band von „Sprache der Gegenwart“ zugleich betont, dass eine „diachronische [d.h. historische, S. Sch.] Betrachtungsweise“ im Institut keinesfalls kategorisch ausgeschlossen werde. Als Beweis wurde die Gründung einer „Kommission für älteres Neuhochdeutsch“ angeführt.5 Auch einige Themensetzungen früher Jahrestagungen machen deutlich, dass sprachgeschichtliche Fragestellungen durchaus ihren Platz am IDS fanden: 1968 „Diachronische und synchronische Betrachtung des heutigen Deutsch“, 1976 „Sprachwandel und Sprachgeschichtsschreibung“. Der Schwerpunkt des Instituts blieb allerdings gewahrt. Als im Kuratorium des IDS im September 1966 darüber berichtet wurde, dass verschiedentlich „Wünsche nach Ausweitung der Tätigkeit des Instituts ins Historische“ an den Institutspräsidenten Hugo Moser herangetragen würden, vermerkte das Protokoll entschiedenen Widerspruch. Eine solche Ausweitung sei „abschreckend“ und „keineswegs werbewirksam“, vom Institut werde „anderes erwartet“.6

In die Satzung des Instituts aufgenommen wurde eine explizit „historische“ Dimension erst im Juni 1992. Dazu kam es, als infolge der Auflösung des Zentralinstituts für Sprachwissenschaft der DDR 22 Mitarbeitende mit u.a. sprachhistorischer Expertise ans IDS kamen. Im Jahresbericht heißt es hierzu erläuternd, die Konzentration auf die Gegenwartssprache erfahre „eine sachlich notwendige Abrundung und Vertiefung durch Forschungen, die die Entwicklung der deutschen Sprache in ihrer neueren Geschichte etwa bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen und ihren laufenden Veränderungen in der Gegenwart nachgehen.“7 Seitdem lautet der Zweck des IDS, „die deutsche Sprache in ihrem gegenwärtigen Gebrauch und in ihrer neueren Geschichte wissenschaftlich zu erforschen und zu dokumentieren“,8 was eine Beschäftigung mit der gesellschaftlichen und politischen Wirkkraft von Sprache im 20. Jahrhundert ausdrücklich einschließt.

In den Anfangsjahren hatte das IDS seinen Sitz in der Friedrich-Karl-Straße. 1992 erfolgte der Umzug in die neuen Räume im Quadrat R5, 6-13 in der Mannheimer Innenstadt. Foto: Immanuel Giel, Creative Commons.

1 An dieser Stelle sei lediglich angemerkt, dass auch die persönliche Vergangenheit der Gründungsprotagonisten in der Frühzeit des Instituts keine Rolle spielte. Einige von ihnen waren Mitglieder der NSDAP (Jost Trier, Friedrich Maurer) bzw. verschiedener angegliederter Parteiorganisationen (Hugo Moser, Friedrich Maurer) gewesen, hatten sich zum Teil im Sinne der NS-Volkstumspolitik betätigt (Leo Weisgerber, Friedrich Maurer) oder mit ihren sprachwissenschaftlichen Forschungen und Konzepten an völkisch-nationalistischen Diskursen der 1930er und 1940er Jahre partizipiert. Vgl. hierzu Scholl/Waßmer/Dang-Anh/Müller-Spitzer, Die Frühzeit des Instituts für Deutsche Sprache (im Erscheinen).

2 Stickel, Gerhard: Die Gründerjahre des IDS, in: Kämper, Heidrun/Eichinger, Ludwig M. (Hg.): Sprach-Perspektiven. Germanistische Linguistik und das Institut für Deutsche Sprache, Tübingen 2007, S. 23-41, hier S. 27.

3 Die Dokumente des Vorstandsarchivs aus der Frühzeit des IDS werden im Rahmen eines Projekts, das vom Leibniz-Forschungsverbund „Wert der Vergangenheit“ gefördert wurde, systematisch erfasst, digitalisiert und größtenteils öffentlich zugänglich gemacht.

4 Trier, Jost: Ansprache zur Gründung des Instituts für deutsche Sprache in Mannheim, gehalten am 19. April 1964, Mannheim 1964.

5 Geleitwort, in: IDS (Hg.): Satz und Wort im heutigen Deutsch. Probleme und Ergebnisse neuerer Forschung. Jahrbuch 1965/66, Düsseldorf 1967, S. 7.

6 Zitiert nach: Haß, Ulrike: Das Institut für deutsche Sprache Mannheim 1964 bis 1971. Forschungsplanung und Paradigmendiskussion in den Anfangsjahren, in: Geschichte der Germanistik. Mitteilungen, Heft 31/32 (2007), S. 87-104, hier S. 100.

7 IDS (Hg.), Das Institut für Deutsche Sprache im Jahre 1992. Jahresbericht, Mannheim 1993, S. 5.

8 So auch in der erneuerten Fassung der Satzung vom 26.11.2021, einsehbar unter: https://www.ids-mannheim.de/fileadmin/org/pdf/Satzung_IDS_2021-11-26_.pdf (18.03.2026).


Weiterführende Literatur

Berens, Franz Josef: Zur Frühgeschichte des IDS, in: IDS (Hg.): Ansichten und Einsichten. 50 Jahre Institut für Deutsche Sprache, Mannheim 2014, S. 52-63.

Haß, Ulrike: Das Institut für deutsche Sprache Mannheim 1964 bis 1971. Forschungsplanung und Paradigmendiskussion in den Anfangsjahren, in: Geschichte der Germanistik. Mitteilungen, Heft 31/32 (2007), S. 87-104.

Scholl, Stefan/Waßmer, Lea/Dang-Anh, Mark/Müller-Spitzer, Carolin: Die Frühzeit des Instituts für Deutsche Sprache – Einblicke aus der Erschließung des Vorstandsarchivs, in: Sprachreport. Informationen und Meinungen zur deutschen Sprache 32/2 (im Erscheinen).

Stickel, Gerhard: Die Gründerjahre des IDS, in: Kämper, Heidrun/Eichinger, Ludwig M. (Hg.): Sprach-Perspektiven. Germanistische Linguistik und das Institut für Deutsche Sprache, Tübingen 2007, S. 23-41.


Titelbild: Eingang des Gebäudes, in dem das IDS anfangs beheimatet war, Quelle: ÖA, IDS Mannheim

„Wir können beitragen, vergangene Fehler nicht zu wiederholen“

Interview mit Prof. Dr. Magnus Brechtken, stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin und Mitglied im Leibniz-Forschungsverbund “Wert der Vergangenheit”

Sie haben 2020 ein Buch mit dem Titel “Der Wert der Geschichte” veröffentlicht. Darin setzen Sie sich auch mit dem Gemeinplatz auseinander, dass wir „aus der Geschichte lernen” können. Sie schreiben, es lässt sich eigentlich nur aus der Geschichte lernen – denn etwas anderes steht uns gar nicht zur Verfügung. Wie einfach ist das denn mit dem “Lernen aus der Geschichte”, oder ist das eher als Appell und Aufgabe zu verstehen?

Magnus Brechtken: Lernen ist immer die Aufgabe des Lebens. Meine Argumentation kommt vom Menschen her und führt auf ihn zurück. Die Grundthese besagt, dass wir nur aus dem lernen können, was schon da ist. Die Zukunft gibt es noch nicht, die Gegenwart ist flüchtig. Also sind wir darauf angewiesen, uns auf das zu beziehen, was verfügbar ist: Das ist das Vergangene, das, was schon gewesen ist, gedacht, getan, erprobt wurde.  Zunächst geht es beim „Lernen aus der Geschichte“ also darum, sich diesen Schatz des verfügbaren Wissens, überhaupt bewusst zu machen.

Wenn man das verstanden hat, dann erkennt man auch die Chance: Erfahrungen, Erlebnisse, Taten unserer Vorfahren sind vielfältig dokumentiert, die Folgen sichtbar. Auch deren Gedanken, Wünsche, Fantasien und Pläne, überhaupt die Konsequenzen sind millionenfach überliefert. Wir können sehen, was aus menschlichem Denken und Handeln, aus Plänen und Ideologien geworden ist. Und wir können erkennen, was daran gelungen und menschlich hilfreich und was gescheitert ist. Wenn wir heute ein Haus bauen, dann nutzen wir selbstverständlich die Erfahrungen unserer Vorfahren. In der Architektur, im Handwerk, bei den Materialien, in der Statik und allen anderen Bereichen. Es ist ebenso selbstverständlich, dass wir versuchen, eine optimale Lösung zu finden und dabei auf das verfügbare Wissen zurückgreifen.

Für das Haus unseres politischen Systems und unserer gesellschaftlichen Regeln ist das vergleichbar. Wir können wissen, was human, rechtsstaatlich, politisch funktioniert. Wir müssen das nur wollen. Es ist nicht der Vergangenheit anzulasten, wenn wir das ignorieren. Wenn also jemand in eine Höhle ziehen möchte, bitteschön. Aber er möge bitte nicht erwarten, dass ihm alle anderen folgen. Analog sollten wir uns darum bemühen, das Haus unseres Zusammenlebens so zu bauen, dass wir das Wissen und die Erfahrungen unserer Vorfahren zu unserem Nutzen einfließen lassen.

Ein Protestschild auf der Demonstration “Gemeinsam gegen rechts” am 21. Januar 2024 in München mit dem berühmten Ausspruch des Philosophen George Santayana, Quelle: imago / Christine Roth.

Wenn wir dann klug genug sind, das Vergangene zu analysieren, können wir vermeiden, Fehler zu wiederholen. Das ist zunächst einmal eine ganz einfache Beobachtung, aber sie liefert wichtige Erkenntnisse. Für die Wirkung eines Staates, für das Zusammenleben in einer Gesellschaft. Mit dem Blick gerade auf das 20. Jahrhundert können wir das Funktionieren unterschiedlicher politischer Systeme beobachten. Wir können sehen, was sie für Menschen und Gesellschaften bedeuten. Wir können erkennen, welche Entwürfe und Ordnungen den Menschen Freiheit, Lebenserleichterung, individuelle und persönliche Sicherheit, vielleicht auch Wohlstand gebracht haben. Und wir können wissen, welche Ideologien und Systeme zu Gewalt, Krieg, Elend und Unfreiheit führten.

Ein für jeden Menschen prüfbares Beispiel aus der Geschichte: Wer vor hundert Jahren in Deutschland lebte, also 1924, dem boten sich vor allem drei politische Systeme als Versprechen einer besseren Zukunft an: Da war einmal der Bolschewismus, wie er in der Sowjetunion seit 1917 an der Macht war. Er versprach den sicheren Weg zur klassenlosen Weltgesellschaft. Dann gab es den Faschismus, wie er in Italien an die Macht kam und zum Vorbild für andere autoritäre Systeme wurde. In Deutschland entstand daraus der Nationalsozialismus. Das dritte bedeutende Angebot war die liberale Demokratie mit Parteienstreit, Parlamentarismus, den Forderungen an das Individuum, sich selbst um sein Leben zu kümmern.

Wahlplakate zur Reichstagswahl 1932, Quelle: LWL-Medienzentrum für Westfalen.

Viele Deutsche neigten zu den zwei ersten Lösungen. Am Ende der Weimarer Republik hatten die Nationalsozialisten und die Kommunisten zusammen eine negative Mehrheit im Deutschen Reichstag. Wir wissen, was aus dem Nationalsozialismus geworden ist. Wir wissen auch, was aus der Sowjetunion unter Stalin und späteren kommunistischen Führern geworden ist. Wir können erkennen, was diese beiden Heilsversprechen von 1924 für die Menschen in den folgenden hundert Jahren bis heute bedeuteten. Wir möchten wohl annehmen, dass die Mehrheit der Menschen heute den Wunsch hat, dass sich dasselbe nicht wiederholt. Der Blick in die Geschichte, das ist ihr Wert, kann uns dafür sensibilisieren. Und führt hoffentlich dazu, dass jeder einzelne über seine eigene Rolle und Verantwortung nachzudenken lernt.

Sie sprechen vom “Wert der Geschichte”, der Leibniz-Forschungsverbund hat sich den Titel “Wert der Vergangenheit” gegeben. Wo sehen Sie den Unterschied?

MB: Alles vergeht. Etwas als “vergangen” zu erkennen ist zunächst banal. Wenn wir etwas als Geschichte bezeichnen, ist das meist der Ausdruck unseres eigenen Blicks. Aber ob das, was wir da auswählen, Relevanz hat, Bedeutung über uns hinaus, das zeigt sich erst in der Verhandlung mit anderen Blicken.

Deshalb ist es wichtig zu bedenken, wie wir uns in der Gegenwart und gegenüber dem Vergangenen verstehen. Was wählen wir aus? Warum beschäftigen wir uns mit diesem Ausschnitt des Vergangenen? Was wollen wir verstehen? Was können wir wissen? Wo führt Neugier zu Erkennen? Solche Fragen zu stellen ist Teil der Selbstermündigung. Des Sichselbstbewusstwerdens als Mensch in einem historischen Prozess. Dadurch verstehen wir, welch gigantischen Fundus die Vergangenheit als Erfahrungsverfügbarkeit uns bietet.

Wie gehen Sie mit der Tatsache um, dass es unterschiedliche Perspektivierungen auf Geschichte gibt, die eindeutige Lehren gerade nicht möglich macht?

MB: Unterschiedliche Perspektivierungen auf Geschichte bedeuten nicht Relativismus. Wir können dennoch klare politische und auch moralische Erkenntnisse formulieren.

Nehmen wir zwei Beispiele, die jeder kennt:

  • Erstes Beispiel: Der Nationalsozialismus und Hitler selbst behaupteten, das Bewegungsgesetz der Geschichte erkannt zu haben – als eine Abfolge von Rassenkämpfen. Aus dieser Perspektive sahen sich Hitler und die Nationalsozialisten aufgefordert andere Menschen, andere „Rassen“ zu bekämpfen und Millionen Menschen zu vernichten. Das war die nationalsozialistische Perspektivierung der Geschichte.
  • Zweites Beispiel: Der historische Materialismus wiederum, auf den sich Kommunismus und Bolschewismus berufen, betrachtet die Geschichte als eine feststehende Abfolge von Klassenkämpfen. Diese Perspektivierung der Geschichte lässt dem Individuum ebenfalls keine Wahl: entweder ist man aktiver Teil des Klassenkampfes und treibt den als sicher angenommenen Geschichtsprozess voran oder man wird darin zermahlen. Das ist die kommunistische Perspektivierung der Geschichte.

Diese beiden Perspektivierungen stehen in einem direkten und klaren Gegensatz zur freien Selbstbestimmung des Individuums. Wenn nun jemand argumentieren würde, dass sich daraus keine Erkenntnis und Lehren für uns ergeben, würde ich deutlich widersprechen und sagen: Beide Perspektivierungen hatten im 20. Jahrhundert ihre historische Realität in welthistorisch äußerst folgenreichen politischen Systemen. In ihrer Konsequenz sind mehrere hundert Millionen Menschen durch Krieg, Gewalt und Hunger ums Leben gekommen. Für mich sind diese historischen Perspektivierungen diskreditiert, das ist für jeden erkennbar. Wer das nicht sehen will, muss sich nach seinem Menschenbild, seinem Weltbild und seinem Geschichtsbild fragen lassen und sagen, warum er diese erkennbaren Konsequenzen ignoriert.

Als Historiker fühle ich mich aufgerufen, dies auch klar zu formulieren und die Belege für meine Argumente zu präsentieren. Sie sind offensichtlich und nachvollziehbar für jeden, der sich ernsthaft mit der globalen Geschichte des 20. Jahrhunderts beschäftigt. Ich empfinde es zugleich als Aufgabe, zu analysieren, welche Alternativen verfügbar waren und sind, damit wir nicht erneut solche Erfahrungen machen müssen.

Ihr Buch ist ein Plädoyer dafür, dass für Werte wie Freiheit, Selbstbestimmung und Teilhabe gekämpft werden musste und auch weiterhin gekämpft werden sollte, weil sie das Leben der Menschen signifikant verbessert haben. Allerdings werden z.B. demokratische Mitbestimmungsrechte immer wieder bedroht und diese Werte damit in Frage gestellt – sind die historischen Lektionen also nicht gelernt worden?

MB: Zunächst sollten wir immer die Frage nach dem Menschenbild stellen. Jeden Tag werden Menschen geboren, die noch kein Erfahrungswissen besitzen (können). Das klingt zunächst banal, macht aber deutlich, das alles Wissen und Verstehen einer dauerhaften Aktivierung, Erinnerung und Verhandlung bedarf. Wir lernen sprechen, schreiben, rechnen oder Fahrradfahren und Schwimmen, weil uns das für ein Gelingen des Lebens dienlich erscheint. Niemand hat diese Fähigkeiten bei Geburt. Wir müssen üben, uns anstrengen. Aber wir können das auch. Das zeigt sich täglich.

Dasselbe gilt für unsere Gesellschaft, unser politisches System, die Regeln unseres Zusammenlebens: nichts ist automatisch. Als Einzelmenschen sind wir geprägt aus der Mischung von genetischen Vorgaben und kulturellen Einflüssen („nature and nurture“). Als Menschen haben wir zugleich, im Unterschied zu allen anderen Lebewesen, die grandiose Möglichkeit, uns dieses Zustandes bewusst zu sein. Wir können wissen, denken, weiter nach Erkenntnis suchen. Und tun das ja auch. Deshalb gibt es Schulen, deshalb üben wir das Lernen, auch wenn manche Schülerinnen und Schüler den Sinn immer mal wieder bezweifeln mögen.

Dasselbe gilt für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, politische Teilhabe und gesellschaftliches Engagement für ein humanes Zusammenleben: Wir können wissen, dass es auch uns selbst gut tut, wenn wir uns menschlich zueinander verhalten. Denn wir möchten, davon gehe ich aus, selbst auch menschlich behandelt werden. Einen Automatismus dahin gibt es aber nicht. Immer gibt es auch Menschen, die nach Herrschaft streben, ohne dazu legitimiert zu sein, ohne Einverständnis nach vereinbarten Regeln, allein durch Gewaltstreben und Machtwillen. Auch das ist in der Natur des Menschen angelegt. Darüber wird seit Jahrtausenden nachgedacht und geschrieben.

No taxation without representation! 1987 forderte der Ausländerbeirat Nürnberg das Wahlrecht für in Deutschland lebende und arbeitende Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit. Seit 1992 existiert es auf kommunaler Ebene. Initiativen kämpfen bis heute für eine Ausweitung. Foto: Protest in Nürnberg zur OB-Wahl 1987, Quelle: Stadt Nürnberg/Deutsche Digitale Bibliothek.

Wir können dieses Denken und die Folgen analysieren und erkennen. Wir müssen uns aber bewusst entscheiden und engagieren für ein humanes Leben. Wir müssen immer neu verhandeln und sichern, nach welchen Kriterien wir es organisieren und gestalten sollten: Dies alles zu erkennen, dafür bietet Geschichte, ich wiederhole mich, einen gigantischen Fundus. Wir müssen ihn nur nutzen und nutzen wollen.

Ihr Buch und die „zehn Lektionen”, die Sie entwickeln, richten sich nicht nur an ein Fachpublikum, sondern an eine breite Öffentlichkeit. Verbirgt sich hinter der Erforschung des Werts der Vergangenheit Ihrer Meinung nach eine gesellschaftliche Aufgabe, der sich auch der Verbund stellen muss?

MB: Wer sich im Beruf als Forscher mit Geschichte, den Grundlagen und der Komplexität menschlicher Existenz so ausgiebig beschäftigen darf wie wir, sollte für dieses Geschenk des Dauerlernendürfens etwas zurückgeben. Meine Antworten auf die bisherigen Fragen haben hoffentlich deutlich gemacht, dass ich jeden von uns aufgerufen sehe, sich in dem beschriebenen Sinne für eine funktionierende, regelbasierte, menschliche Gesellschaft zu engagieren.

Für den Forschungsverbund bedeutet das nach meiner Überzeugung: Erkenntnisse so zu formulieren, dass sie verständlich werden und für unser Zusammenleben zumindest als Angebot zur Orientierung bereitstehen können. Ob Menschen dieses Angebot annehmen, ist eine andere Frage. Aber das Angebot zu machen, Erkenntnisse aus der Geschichte zur Auswahl und zum eigenen Nachdenken zu präsentieren, das halte ich schon für eine Bringschuld unserer Wissenschaft. Dafür habe ich mein Buch zum “Wert der Geschichte” geschrieben.

Wir können beitragen, erkannte vergangene Fehler nicht zu wiederholen. Das kann übrigens vom Bücherschreiben über das Gespräch im Verein bis zum Stammtisch reichen. Diskutieren, nach Verstehen streben. Jeder wie er mag, aber bitte etwas tun! 

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Magnus Brechtken führten Achim Saupe und Josephine Eckert.


Titelbild: “FORUM …  zu lange geschlafen! Nie wieder!“, Protestplakat auf der  Montagsdemonstration in Schwerin, 6. November 1989, Quelle: Wikimedia Commons, Link: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Schwerin611891.jpg.

Orientierungswert der Vergangenheit

Interview mit Prof. Dr. Martin Sabrow, Sprecher des Leibniz-Forschungsverbunds „Wert der Vergangenheit“

Herr Sabrow, was genau meint der Verbund, wenn er sich vornimmt, den „Wert der Vergangenheit“ zu untersuchen? Inwiefern hilft der Wertbegriff bei der Analyse von geschichtskulturellen Phänomenen?

Martin Sabrow: Der Forschungsverbund untersucht die wechselhafte Bedeutung, die die Vergangenheit für eine ihr nachfolgende Gegenwart hat. Sein Gegenstand ist das Wechselspiel der drei Zeitmodi Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die der französische Historiker François Hartog als „régimes d‘historicité“ beschrieben hat. Der Verbund begreift dieses Wechselspiel als soziale Beziehung, die beständigem Wandel unterliegt. Um diesen Wandel analytisch zu erfassen, nutzt er den Begriff des Wertes, der schon in seinem althochdeutschen Ursprung nicht eine feststehende Eigenschaft der gemeinten Sache benennt, sondern die wandelbare Zuschreibung, die sie erfährt und die auf ihren Rang, ihre Geltung, ihre Bedeutung zielt. „Wert“ meint nicht objektive Werthaltigkeit, sondern subjektive Wertschätzung – er ist immer Geltungswert.

Gipsmodelle der Statue „Krieg und Frieden“ des Bildhauers Hans Scherpe aus dem späten 19. Jahrhundert im Weinkeller der Wiener Hofburg. Foto: Manfred Werner. Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Dabei umschließt der Wertbegriff drei unterschiedliche Dimensionen, die einander überlappen: Er umschreibt zum ersten als Wertehaushalt die historisch fundierten Grundüberzeugungen, die Gesellschaften, Gruppen und Milieus sowie Individuen aus der Vergangenheit für die Gestaltung der Zukunft ableiten und als Traditionen, Erfahrungen und Lektionen aus der Vergangenheit begreifen. Er bezeichnet zum zweiten den Orientierungswert, den eine Zeit aus der Vergangenheitsvergewisserung für das Verständnis ihrer Gegenwart zu gewinnen glaubt. Der Wertbegriff zielt drittens auf den Stellenwert der Vergangenheit gegenüber Gegenwart und Zukunft ebenso wie die Beziehung und Priorisierung unterschiedlicher Epochen und Ereigniszusammenhänge zueinander.

In dieser Stufung vom Konkreten zum Abstrakten sind zugleich unterschiedliche Ebenen der gesellschaftlichen Selbstverständigung angesprochen: Die Berufung auf historisch gewachsene Überzeugungen und Normen unterliegt der uneingeschränkten  zeitgenössischen Reflexion und Bewertung, während die dahinterstehende Geltungsmacht der Vergangenheit über die Gegenwart zu den vielfach vorbewussten und vorpolitischen Grundannahmen einer Zeit zählt und der zeitgenössischen Infragestellung nur bedingt zugänglich ist.

Vergangenheit hat seit dem Auseinandertreten von Erfahrung und Erwartung in der Frühmoderne ständig steigenden oder fallenden Stellenwert besessen. Die Vergangenheit hatte in der Wertehierarchie des neuzeitlichen Denkens einen sich permanent verändernden Rang innegehabt, je nachdem, ob die Gegenwart sich mehr am Morgen oder stärker am Gestern orientierte. Das lässt sich etwa an kulturellen Strömungen wie dem Historismus und dem Futurismus oder auch in der Gegenwartsverhaftung postkatastrophischer Gesellschaften des 20. Jahrhunderts ablesen, die seit den 1970er-Jahren von einem bis heute anhaltenden Geschichtsboom und einer vehementen Kritik an der Geschichtsvergessenheit der Nachkriegszeit abgelöst wurden.

Mit dieser mehrschichtigen Konzipierung der Kategorie „Wert“ sucht der Forschungsverbund einen Beitrag zur historischen Metareflexion zu leisten, die über die intentionalen Bezugnahmen auf die Vergangenheit hinaus die gleichsam hinter dem Rücken der Akteure wirkenden Faktoren und Prägungen in den Blick nimmt, die die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit vom 19. bis zum 21. Jahrhundert bestimmten und bestimmen.

Wie bewerten Sie ausgehend vom Wertbegriff den „geschichtskulturellen Boom“ unserer Gegenwart, den Sie gerade ansprachen?

MS: Deutlich erkennbar ist, dass heute die Sehnsucht nach der Vergangenheit den Platz besetzt, den früher die Hoffnung auf die Zukunft eingenommen hat – nicht mehr so sehr die Vision einer besseren Welt und der Glaube an den Fortschritt beherrscht unser Denken, sondern die Identität stiftende, Geborgenheit bietende, Abwechslung versprechende Beschäftigung mit der Vergangenheit.

Vielfach wurde das neue Interesse an der Geschichte als bedrohliches Wiedererwachen eines deutschen Nationalbewusstseins gedeutet, das sich von der Scham über die zwölf Jahre des Schreckens nicht den Stolz auf 1000 Jahre vermeintlicher nationaler Größe rauben lassen wolle – und diese Sorge glaubte Nahrung zu finden, etwa in der ohne jeden Jubiläumsbezug in die Welt getretenen Berliner Preußenausstellung 1981, in der mit Beginn der Kanzlerschaft Helmut Kohls proklamierten geistig-moralischen Wende von 1982 oder auch in der Grundsteinlegung für ein Deutsches Historisches Museum im Berliner Spreebogen 1988.

Aufbau der Ausstellung „Preußen – Versuch einer Bilanz“ im Gropius-Bau Berlin, 1981. Quelle: Jürg Steiner, Steiner Architektur-GmbH. Fotos: Margret Nissen.

Doch die befürchtete Entsorgung der Katastrophengeschichte unter Kohl blieb aus. Der Versuch, das dunkle durch ein helles Gedächnis überstrahlen zu wollen, erwies sich ganz im Gegenteil als Ansporn einer nachhaltigen Vergegenwärtigung gerade des von Deutschland ausgegangenen Zivilisationsbruchs im Holocaust. Unsere Lust an der Erinnerung hofft nicht auf eine Rückkehr der Vergangenheit, sondern auf das Lernen aus ihr. Der stärkste Einwand gegen die Sorge, dass unsere Rückwendung zur Vergangenheit politisch rückwärtsgewandt sei, liefert unsere Gedenk- und Erinnerungspraxis selbst. Sie zielt nicht auf Identifikation, sondern kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Der politisch-kulturelle Identitätsanker der heutigen Bundesrepublik ist nicht das Glück der eroberten Menschenrechte, sondern das Unglück ihrer vollständigen Vernichtung. Als Gründungsmythos dient nicht das Grundgesetz, sondern der Holocaust.

Aus der Geschichte lasse sich lernen, um es in Zukunft besser zu machen, so lautet der Leitgedanke der heutigen Geschichtskultur. Sie verlangt die kritische Auseinandersetzung mit einer als unheilvoll verstandenen Vergangenheit statt die distanzlose Erbauung an ihr, und sie wird von der Vorstellung getragen, dass nur die Ablösung vom schlechteren Gestern zum besseren Morgen führt und nicht das Festhalten an ihm. Kontinuitätsbruch statt Kontinuitätsvergewisserung prägen die Leitidee des Umgangs mit der Vergangenheit in der deutschen Gegenwart.

Nietzsche warnte in seinem berühmten Essay „Vom Nutzen und Nachteil der Historie fürs Leben“ vor einem möglichen Zuviel an Vergangenheit, durch das der Blick in die Zukunft verstellt werde. Welchen Wert hat die Vergangenheit für die Vorstellung gesellschaftlicher Zukünfte?

MS: Nietzsches Sorge war, dass die „Übersättigung einer Zeit in Historie dem Leben feindlich und gefährlich“ sei, weil „durch dieses Übermaß […] eine Zeit in die Einbildung (gerät), dass sie die seltenste Tugend, die Gerechtigkeit, in höherem Grade besitzt als jede andere Zeit“. Diese Warnung begleitete auch die Entwicklung des neuerlichen Geschichtsbooms von Anfang an.

Sie hat sich aber nicht bestätigt. Zwar war noch jede Gegenwart von dem Irrglauben durchdrungen, dass sie der Vergangenheit an Wissen und Einsicht überlegen sei, wie Friedrich Schiller 1789 in seiner Jenenser Antrittsvorlesung mit teleologischem Pathos dozierte: „Unser menschliches Jahrhundert herbey zu führen haben sich – ohne es zu wissen oder zu erzielen – alle vorhergehenden Zeitalter angestrengt. Unser sind alle Schätze, welche Fleiß und Genie, Vernunft und Erfahrung im langen Alter der Welt endlich heimgebracht haben.“ Aber vor einer historischen „Übersättigung“ der Gegenwart, die im Sinne Nietzsches dem Glauben huldige, „Spätling und Epigone zu sein“, kann in unserer Zeit keine Rede sein. Unsere Zeit zieht ihr Selbstverständnis gerade aus der kritisch-distanzierten Auseinandersetzung mit dem vergangenen Jahrhundert, mit Weltkrieg und Massenmord, statt ihrer monumentalischen Verklärung oder antiquarischen Bewahrung.

Aber verhält es sich vielleicht gerade umgekehrt so, dass die Gegenwart sich anschickt, die Vergangenheit zu überwältigen und in unserer Zeit nicht die Historie dem Leben feindlich und gefährlich geworden ist, sondern im Gegenteil das Leben der Historie? Wie stark Geschichte auch in unserer Zeit als Identitätsressource beansprucht und überformt wird, lehren in unseren Tagen die propagandistischen Anstrengungen Russlands, seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine mit historischen Argumenten zu legitimieren. Auch aus der Bürgergesellschaft erheben sich immer wieder Stimmen, die Sichtachsen auf die Vergangenheit identitätspolitisch verändern wollen. Die Krise des Allgemeinen, die der Soziologe Andreas Reckwitz unserer „Gesellschaft der Singularitäten“ attestiert und die mit der „Erosion der klassischen kollektiven Identitätskonzepte“ wie Religion, Nation oder auch Zukunft einhergeht, ist auch eine Krise des Historischen. Sie droht das Eigenrecht der Vergangenheit zu ersticken und macht sie zur Projektionsfläche von konkurrierenden Zugehörigkeitsansprüchen, die gleichermaßen Identität über Historizität stellen. Kritische Aufklärung schlägt in dieser Denkrichtung in einen moralischen Rigorismus um, der die Vergangenheit vollständig dem Maßstab der Gegenwart unterwirft und ihr das Recht der Andersartigkeit abspricht.

Geschichtspolitischer Säuberungswille begleitet politische Umwälzungen seit jeher und muss es auch, um eigene Traditionsachsen zu schaffen. Wenn er aber übermächtig wird, verwandelt er die Vergangenheit in einen bloßen Spiegel der Gegenwart und nimmt ihr ihren wichtigsten Wert überhaupt, nämlich ungeachtet aller Kontinuitätslinien und Traditionsbezügen den Wert ihrer historischen Andersartigkeit und auch Fremdartigkeit, aus dem gerade hilfreiche Orientierung für die Zukunft zu gewinnen ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Martin Sabrow führte Josephine Eckert.

Der “Wert der Vergangenheit” als Statement, Frage und Projekt

Wie bestimmt sich der Wert der Vergangenheit, wie kann man ihn fassen und erforschen? Welchen Wert hat die Vergangenheit für die politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart? Ein Beitrag von Achim Saupe

Der Leibniz Forschungsverbund „Wert der Vergangenheit“, im September 2021 aus der Taufe gehoben, startet mit diesem Eintrag seinen Blog „Value of the Past“. Der Leibniz-Forschungsverbund ist ein inter- und transdisziplinär aufgestellter Verbund von 21 Leibniz-Instituten und internationalen Kooperationspartnern aus dem Bereich der Geschichts- und Kulturwissenschaften, den Politik-, Raum- und Sozialwissenschaften sowie den Umweltwissenschaften.

„Wert der Vergangenheit“?

Man kann und soll gleich den Titel mehrfach hinterfragen: Welche Werte sind hier gemeint, welche Vergangenheit, oder vielleicht besser: Vergangenheiten? Um ein erstes Verständnis dafür zu bekommen, was mit dem „Wert der Vergangenheit“ alles gemeint sein kann, reflektieren wir den Wert, den Gesellschaften der Vergangenheit heute zuschreiben, gegenüber der Bedeutung der Vergangenheit für Gesellschaften in der Vergangenheit, um zugleich ihren möglichen Wert in der Zukunft einzuschätzen.

Daraus ergeben sich aber eine ganze Reihe an neuen Fragen: Müsste man heute nicht zum Beispiel vielmehr von „Werten“ im Plural und von Wertekonkurrenzen sprechen, die die Relevanz des Historischen allenfalls verdeutlichen als begründen können? Und auf welche Vergangenheiten beziehen sich Gesellschaften überhaupt in einer Zeit, in der die Idee einer „Geschichte im Singular“ zunehmend kritisch gesehen wird? Und welche Vergangenheiten kommen überhaupt in Frage, wenn Werte begründet werden?

Herausforderungen der Gegenwart

Ob Denkmalstürze oder Aufarbeitungsskandale, Auseinandersetzungen über Erinnerungskultur, Rituale der Erinnerung und Geschichtspolitik, der Umgang mit dem Kolonialismus in „postkolonialen“ Gesellschaften und die Herausforderungen multidirektionaler Erinnerung, vergangenheitspolitische Revisionsforderungen oder Restitutionskonflikte, aber auch die Debatten um den Epochencharakter des Anthropozäns und Auseinandersetzungen über die Bedeutung von historischen Sammlungen für die Biodiversitätsforschung – sie alle verbindet eins: Die Frage nach dem „Wert der Vergangenheit“ nimmt einen immer größeren Raum in der gesellschaftlichen Selbstverständigung ein.

Demonstrant:innen stürzen die Statue von Edward Colston in Bristol während einer Black-Lives-Matter Demo 2020. Quelle: Wikimedia Commons, https://tinyurl.com/mwnf3ypx.

In den letzten Jahren ist die Vergangenheit zu einer ebenso lebhaft nachgefragten wie heftig umstrittenen Ressource in den Deutungskämpfen der Gegenwart geworden. In der durch digitale Medien geprägten und von Glaubwürdigkeitskrisen durchzogenen Gegenwart (Stichwort: „postfaktisches Zeitalter“) haben Bezüge auf die Vergangenheit in den letzten Dekaden an öffentlicher Wertschätzung gewonnen und sich zugleich zu einem Kampfplatz der Identitätsbildung entwickelt.

Dem Verbund liegt die Annahme zugrunde, dass Aushandlungsprozesse über den Wert der Vergangenheit insbesondere in Zeiten politischer Umbrüche und Krisen eine herausragende Rolle spielen. Unser Ziel ist es, die kulturellen und materiellen Dimensionen von vergangenheitsbezogenen Inwertsetzungspraxen in Geschichte und Gegenwart in den Blick zu nehmen. Auf diese Weise versuchen wir, ein differenziertes Verständnis für frühere und gegenwärtige Praktiken des Bewertens, Umwertens, Aufwertens, Entwertens und Verwertens von Vergangenheit und die ihnen zugrunde liegenden Sinnwelten und Geltungshorizonte zu gewinnen.

Arbeit am “Wert der Vergangenheit”

Es ist nicht die Geschichtswissenschaft allein, die das Feld der Vergangenheitsbearbeitung bestellt, sondern es sind die viel weiter zu fassenden historisch arbeitenden Disziplinen ebenso wie die vielfältigen kulturellen Institutionen und Akteure der Zivilgesellschaft, in denen und durch die über den „Wert der Vergangenheit“ diskutiert wird und die an der Wertschöpfung der Vergangenheit beteiligt sind. Dazu gehören neben der Geschichts- und Kulturwissenschaft – und mit ihnen heute die Forschungsrichtungen der Memory Studies, der Critical Heritage Studies und der Public History – auch die historisch arbeitenden Raum-, Sozial-, Politik- und Umweltwissenschaften. Hinzu kommen Museen – in unserem Fall insbesondere die Forschungsmuseen der Leibniz-Gemeinschaft, Sammlungen, Archive und Gedenkstätten sowie andere Orte der öffentlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Die im Verbund aktiven Mitglieder bieten dabei beste Voraussetzungen für die Erforschung und Diskussion der Wertzuschreibungen an die Vergangenheit: Sie widmen sich der empirischen Forschung und verstehen sich zugleich als kritische Reflexionsinstanzen.

Archivierte Postkarten aus Ostpreußen im Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung, einem Mitglied im Verbund.

Hinzu kommen aber auch gesellschaftliche Akteure, deren zivilgesellschaftliches Engagement auf blinde Flecken aufmerksam macht, Fehlstellen im öffentlichen Gedächtnis und neue Herausforderungen im Umgang mit unterschiedlichen, transnational verflochtenen globalen Erinnerungen oftmals frühzeitig erkennt. Gerade der Austausch mit zivilgesellschaftlichen Initiativen sowie Projekte und die Möglichkeiten von Citizen Science interessieren uns, wenn wir nach dem „Wert der Vergangenheit“ fragen.

Themenfelder

Neben den allgemeinen Fragen nach den Wertzuschreibungen an die Vergangenheit bündelt der Verbund seine Forschungen in drei Problemhorizonten und Forschungsperspektiven:

  • Es werden erstens Fragen der historischen Evidenz anhand der Analyse von Sprache und Sinnwelt mitsamt der mit ihnen verbundenen Performanzen untersucht, das Zusammenspiels von Materialität und Medialität als Basis von Evidenzstrategien in geschichtskulturellen Zusammenhängen reflektiert, und vor dem Hintergrund der digitalen Revolution Fragen einer digitalen Heuristik und Historik in Archiven und Sammlungen diskutiert.
  • Raumzeitliche Ordnungsmuster von Wertzuschreibungen an die Vergangenheit hinterfragen wir zweitens im Hinblick auf „dynamische Räume“ in Zeiten zunehmender transnationaler und globaler Verknüpfungen und Transferprozesse, anhand von „geschichtskulturellen Eigenzeiten“, die die Wahrnehmung von Orten der öffentlichen Geschichte von denen der Alltagswelt unterscheidet, und anhand der Öffnung von Räumen und Zeiten in der Diskussion des Konzepts des Anthropozäns, das planetare Perspektiven ebenso wie Fragen der deep time für das Leben in Zeiten von Klimawandel und Biodiversitätsverlust umfasst.
  • In unserem dritten Bereich beschäftigen wir uns mit der Ressource Vergangenheit: Im Zuge gesellschaftlicher Auseinandersetzungen und Fragen nach contested pasts fragen wir nach dem Streitwert, den die Vergangenheit hat. Und das in ganz unterschiedlichen Zugriffen: In Diskursen, im Umgang mit Objekten und ihrer Bewahrung, und in juristischen Auseinandersetzungen. Wir fragen hier aber auch nach den unterschiedlichen medialen, schulischen und gesellschaftlichen Aneignungspraktiken von Vergangenheiten, ebenso wie uns die – auch ökonomischen – Inwertsetzungslogiken interessieren, die unseren Zugriff auf die Vergangenheit bestimmen.

Unser Blog

Die Leibniz Gemeinschaft mit ihren derzeit 97 Forschungseinrichtungen hat das Motto theoria cum praxi. In diesem Sinne versteht sich auch das Blog als ein Labor, das die Reflexion über den Wert der Vergangenheit mit ganz konkreten Studien in unterschiedlichen Bereichen der öffentlichen Geschichte – der Geschichts- und Erinnerungskultur, wenn man so will – verbindet. Zudem versteht sich das Blog als ein Forum, in dem die Arbeit der Reflexion sichtbar wird, Werkstattberichte veröffentlicht und zur Diskussion gestellt werden können, als auch in kurzen Interviews Fragen nach dem Wert und der Wertereflexion verhandelt werden. So hebt sich das Blog von den traditionellen wissenschaftlichen Veröffentlichungen, aber auch von vielen Produkten der Public History aus unserem Bereich ab.

Mit dem Blog wollen wir die Arbeit in unseren Research Labs stärker nach außen hin sichtbar machen. Von den Aktivitäten hier im Blog können so im besten Fall auch Impulse für Themenschwerpunkte in der Zukunft ausgehen. Insofern soll unsere Forschung hier nicht nur abgebildet, sondern auch weitergedacht und im besten Fall weiterentwickelt werden.

Insgesamt wird das Blog vergangenheitsbezogene Wertvorstellungen in deutschen, europäischen und globalen Dimensionen zum Thema haben. Zugleich haben wir einen epochenübergreifenden Rahmen, mit Schwerpunkten auf der Geschichte der Gegenwart, dem 20. und 19. Jahrhundert und Tiefenbohrungen in Früher Neuzeit, Mittelalter, Antike – und nicht zuletzt vor dem Hintergrund der beteiligten Naturkundemuseen – in erdgeschichtlichen Dimensionen.

Über die Arbeit des Forschungsverbundes, Termine und Publikationen können Sie sich auch auf unserer Website informieren. Für aktuelle Hinweise auf Tagungen, Workshops und Publikationen folgen Sie uns gern auf Bluesky (@valuepast.bsky.social) und auf X (@Leibniz-Values).

Viel Spaß beim Lesen, Forschen und Diskutieren!